Alle Männer gehen in den Puff und der Gärtner ist immer der Mörder

In Ergänzung zu meinem kürzlich geschriebenen Artikel über das Spiel mit den Erwartungen des Lesers habe ich heute eine Beobachtung bei mir gemacht, die ich noch einmal nachschieben möchte, weil sie viel von dem verrät, wie das mit den Erwartungen von Menschen funktioniert.

Ich musste heute mit unserem Wagen in die Werkstatt, weil das Tagfahrlicht seit zwei Monaten nicht funktioniert. Ja, so lange hat es gedauert, bis das Ersatzteil da war. Na ja, geschenkt. Die kürzeste Route zu meinem Autohändler des geringsten Misstrauens geht durch Duisburgs größtes Rotlichtviertel rund um die (auch überregional bekannte) Vulkanstraße. Ja, das ist die Gegend, über die ein ehemaliger Stadtplanungsdezernent mal gesagt hat, dass man schon am zweitklassigen Rotlichtviertel erkennen könne, dass Duisburg ein Problem habe. Keine Ahnung, ob der Mann über, ähm, Insiderwissen verfügte.

Nun gut, jedenfalls gibt es da eine Reihe von großen Laufhäusern und entsprechend einen ständigen Strom von Männern, die auf der Straße unterwegs sind, um in dieses oder jenes Haus hinein zu gehen.

Habt ihr gemerkt, was gerade passiert ist? Ich habe etwas unterstellt und ich würde beinahe darauf wetten, dass die meisten unter euch meiner Unterstellung übergangslos gefolgt sind. Wer im Rotlichtviertel unterwegs ist, der ist da unterwegs, weil er gewisse Bedürfnisse befriedigen will. Lassen wir die ganzen moralischen Erwägungen mal beiseite (wie es auch die Kommunen inzwischen tun, die vollkommen selbstverständlich eine „Sexsteuer“ erheben und damit ein Interesse an florierenden Geschäften haben), so haben wir doch die Erwartung, dass jeder, der dort herumläuft auf das Eine aus ist.

Verdammt, mir selbst passiert es ja, dass ich mir im Vorbeifahren die Männer anschaue und mir überlege, auf welchen Typ Frau die es wohl heute abgesehen haben. Und das, obwohl ich weiß, Obacht (!), dass in unmittelbarer Nähe zum „Vulkan“ mehrere Firmen angesiedelt sind, angefangen mit den Duisburger Stadtwerken auf der einen Seite und aufgehört mit der Firma Siemens auf der anderen Seite.

Ist es also vollkommen ausgeschlossen, dass die Männer, die da unterwegs sind, einfach auf dem Weg zu oder von ihrem Arbeitsplatz sind? Nein, ist es nicht. Aber ist es unwahrscheinlich? Möglich. Doch wenn das so ist, dann hat es vielleicht damit zu tun, dass auch die Männer, die dort unterwegs sind, sich vollkommen klar sind, was man von ihnen denken könnte.

Ich spreche da aus eigener Erfahrung, denn wie der Zufall es so will, liegt mein eigener Arbeitsplatz in Sichtweite eben dieser bewussten Gegend. Und wenn ich, was schon mal vorkommt, in der Mittagspause einen kleinen Spaziergang mache, dann nehme ich immer einen großen Sicherheitsabstand wahr, denn ich will ja nicht, dass jemand auf die Idee kommt, ich könnte zur Mittagsstunde …

Ihr seht also, wie schnell man in Erwartungshaltungen abrutscht, weil das Gehirn auf der Grundlage von Erfahrungen (gerne auch aus Funk und Fernsehen gesammelt) Überlegungen anstellt und Schlussfolgerungen zieht. Alle Männer, die auf der und um die Vulkanstraße herum laufen, gehen in den Puff. ISSO.

Genauso, wie in (älteren) Krimis immer der Gärtner der Mörder ist. Ja, ja, heute lachen wir über dieses Klischee und lassen vollkommen außer acht, dass es nur zu einem Klischee werden konnte, weil über einen gewissen Zeitraum hinweg die Damen und Herren Kriminalautoren es wirklich für den Gipfel der Originalität hielten, wenn das Gesinde hinter den mörderischen Vorgängen im Herrenhaus steckte.

Wenn, zum Beispiel, in einem Roman ein auch nur leicht missgebildeter Mensch auftauchte, dann war er wenigstens willfähriges Ausübungsorgan für den dahinter stehenden Schurken, der sich selbst nicht die Finger schmutzig machen wollte. Man vergleiche unter anderem bei Edgar Wallace. Dasselbe galt auch lange für Angehörige anderer Ethnien, wie zum Beispiel Afrikaner oder Asiaten.

Ich sehe uns Autoren in der Verantwortung, diese Klischees und Automatismen beim Schopf zu packen und aus unseren Werken herauszuziehen, wie es ja zum Glück in den letzten Jahren auch schon geschehen ist. Dadurch, dass Gärtner heute auch mal Opfer sein dürfen. Oder dadurch, dass Menschen anderer Herkunft auch mal den Kommissar geben dürfen. Und dadurch, dass auch Männer, die in einschlägiger Umgebung unterwegs sind, ganz normale Passanten sind – und nicht zuvorderst Puffgänger.

Wie immer gilt jedoch auch hier, dass jede Veränderung nur um der Veränderung Willen nicht per Definition gut ist. Denn viele Dinge werden so gemacht, weil sie eben einfach gut funktionieren. Es ist eine Frage der Abwägung, vor allem in Hinblick auf die Radikalität, die man an den Tag legt.

Und da freue ich mich, wenn ich zukünftig immer mal wieder von meinen Kolleginnen und Kollegen überrascht werde – nur, um dann vielleicht am Ende am meisten davon überrascht zu sein, dass der Gärtner doch der Mörder war und er deswegen auffiel, weil er immer – und zwar ausschließlich – nach seinen Morden im Rotlichtviertel abgehangen hat.

Alles ist möglich – und das ist auch verdammt gut so!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s