Das Schreiben der Anderen: „Ellas Schmetterlinge“ von Eva-Maria Obermann

Nachdem wir das Thema Frauenromane in Männerhänden ja in den letzten Tagen erst hatten, darf ich euch heute in dieser Rubrik auch gleich vorstellen, was dabei herauskommt, wenn ein Mann (ich) den Roman einer Autorin (Eva-Maria Obermann) liest, der eindeutig in diese Kategorie fällt. Aufmerksam wurde ich auf dieses Werk, weil Eva-Maria wie ich Mitglied im Autorenverein BartBroAuthors ist und ich einfach neugierig auf ihr jüngstes Romanbaby war. Ob wir beide miteinander klar gekommen sind? Das verrät die kommende Rezension.


Manchmal glaubt man, dass das, was einem gerade passiert, doch nur ein schlechter Scherz sein kann. So geht es auch Miriam, die im Schlepptau ihres Freundes Jan in das beschauliche Städtchen Mingheim zieht, weil dieser einen Job in der örtlichen Chemiefabrik bekommen und sie selber, wie passend, ihren eigenen Arbeitsplatz in einer Bank gerade eben verloren hat. Miriam hasst alles, was den Ort ausmacht, von der ersten Sekunde an wie die Pest: Das Kleine, das Betuliche, das Ländliche, die muffige Wohnung und die mumienartige Vermieterin.

Aber Jan lässt sich nicht beirren und ihm zu liebe versucht Miri, sich mit ihrem neuen Leben zu arrangieren. Das fällt ihr nicht gerade leicht, denn schon von Anfang an scheint sich alles gegen sie verschworen zu haben, denn sie macht die Bekanntschaft einer jungen Frau, von der sich schnell herausstellt, dass sie alles verkörpert, was Miri stört.

Ella ist junge Mutter, scheinbar omnipräsent im gesamten Dorfleben und egal, wie sarkastisch Miri ihr gegenüber auch ist, von einer überbordenden Herzlichkeit, die einfach nur zum Schütteln ist.

Von nun an scheint Miri keinen Schritt mehr machen zu können, ohne dass Ella schon vor ihr da ist. Und das Schlimme ist, dass alle anderen diese Frau so richtig nett finden! Selbst Miris alte Freundin Liza, die einzige Verbindung zu ihrem alten Leben, ist richtig begeistert von ihr.

So geht das Leben eine ganze Weile seine geordneten (?) Bahnen, bevor dunkle Schatten am Horizont herauf zu ziehen beginnen. Jan verhält sich auf einmal so komisch, kommt nur noch sehr unregelmäßig von der Arbeit nach Hause. Miri bekommt zwar den Job in der örtlichen Bank, aber auch da läuft es eher durchschnittlich. Und zu allem Überfluss stellt Miri fest, dass Ella inzwischen deutlich mehr für sie ist, als nur die nervige Nachbarin mit übergroßem Muttertrieb.

Doch was dann alles noch passieren soll, davon hat Miri auch nicht den Hauch einer Ahnung …

Was erwartet man als Mann von einem „Frauenroman“? Eine vielleicht unfaire Frage, aber dennoch eine, die es sich zu stellen lohnt. Nun, ich erwarte von einem Frauenroman zuerst einmal eine gefühlsbetonte Grundatmosphäre. Ich erwarte eine Love Story, gerne auch ein wenig auf schlingerndem Kurs unterwegs. Dazu erwarte ich mehr oder weniger perfekte Protagonisten, die sich untereinander lieben, nicht lieben und dennoch nicht voneinander lassen können.

„Ellas Schmetterlinge“ ist das alles, es ist aber auch ganz anders. Zunächst einmal hatte ich nicht damit gerechnet, dass die Hauptperson, Miri, ein wirklich schwarzhumoriges Gemüt aufweist, das sie oft und gerne von der Leine lässt, weil es ihre Methode ist, mit der für sie in beinahe allen Belangen untragbaren Situation klar zu kommen. Besonders ihre ersten Begegnungen mit Ella, die quasi zu ihrem persönlichen Abziehbild dessen wird, was sie nie werden will, sind sehr witzig zu lesen.

Die bestimmende Beziehung in diesem Roman ist dann auch die zwischen den beiden jungen Frauen. Männer kommen zwar vor, auch in grundsätzlich wichtigen Rollen, sind aber doch etwas an den Rand gedrückt. Das gilt insbesondere für Jan, was im Kontext der Geschichte aber auch völlig sinnvoll ist, weil es das Defizit an Aufmerksamkeit, das Miri zu fühlen beginnt, nachfühlbar macht.

Was mich positiv überrascht hat war, dass die Geschichte sich nicht wie eine Abfolge von „sie liebt ihn, kann ihn aber nicht haben“ entfaltet, auch wenn der Titel des Romans zuerst in eine solche Richtung denken ließ. Was es mit den titelgebenden Schmetterlingen auf sich hat, erfährt der Leser erst relativ spät im Roman. Es handelt sich dabei um eine Theorie Ellas, die ich an dieser Stelle nicht verraten möchte – auch wenn es sich sicherlich lohnen würde, darüber zu diskutieren. Zum Glück bietet auch hier der Roman eine ganze Reihe von Interpretationsmöglichkeiten an.

Um beim Positiven zu bleiben: Sowohl die Sprache als auch das Erzähltempo des Romans sind mir sehr positiv aufgefallen. Eva-Maria Obermann hat einen sehr flüssigen, schnörkellosen und dadurch mitreißenden Stil, der an den passenden Stellen durch die eine oder andere lustige Metapher aufgelockert wird. Die Handlung ist, wie schon geschrieben, interessant und die Konflikte, die sich aufschaukeln, sind realitätsnah beschrieben. So entwickelt sich die Geschichte zu einem echten Pageturner.

Die eine oder andere Wendung wird für meinen Geschmack ein wenig zu früh angedeutet, im Fall der Veränderungen in Beziehung zwischen Miri und Jan ja sogar schon durch den Klappentext. Hier hätte ich mir mehr Raum für Entwicklungen gewünscht.

Dafür kommt speziell im letzten Fünftel einiges wirklich unerwartet, plötzlich und, das muss ich leider sagen, auch als Bruch mit dem bis dahin wirklich realistischen Setting daher. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, wie sich die Dinge entwickeln, aber gemessen an dem Davor ist es einfach auch rein mengenmäßig viel, was man als Leser einfach schlucken muss. Hier wirkt es leider so, als ob der Autorin gegen Ende noch einiges eingefallen wäre, was unbedingt noch in den Text musste, sie sich aber dem angepeilten Seitenzahlen-Limit bereits gefährlich angenähert hätte.

Ich kann mir allerdings vorstellen, dass andere Leser hier zu einem anderen Urteil kommen und diese Passagen als deutlichen Tempogewinn zum Showdown hin empfinden werden. Die Geschmäcker sind hier verschieden.

Das Ende löst dann alle offenen Fäden mehr oder weniger plausibel auf und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier deutlicher Raum für eine Fortsetzung gelassen wurde. Eine Fortsetzung, die ich mir, soviel kann ich sagen, wohl auch zulegen würde, weil ich einfach gerne wissen möchte, wie es mit Miri und Ella weitergeht.

Zeit, zu einem Fazit zu kommen. Ja, „Ellas Schmetterlinge“ ist das, was man als einen Frauenroman bezeichnet. Nein, das bedeutet nicht, dass man als Mann keinen Spaß damit haben kann. Denn: Zuerst einmal ist es ein wirklich gut und mitreißend geschriebener Roman. Abzüge in der B-Note gibt es wegen der, für mich, zu übereilten Wendungen zum Schluss hin. Aber bis dahin habe ich sehr viel ungetrübte Freude an diesem Werk gehabt.

Insgesamt komme ich damit auf sehr solide vier Sterne.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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