Das Schreiben der Anderen: „Biss zum letzten Akt (Codex Aureus 5)“ von Nike Leonhard

Wenn ich versuchen würde, witzig zu sein, würde ich behaupten, dass Nike Leonhard schneller neue Episoden ihres Codex Aureus nachschiebt, als ich dazu komme, sie zu reviewen. Aber, wir erinnern uns, die vierte Folge, die eigentlich zu Weihnachten spielte, schaffte es erst zum Sommer hin vor meine Augen. So kam es, dass ich jetzt schon nach relativ kurzer Zeit eine weitere Besprechung zu einem von Nikes Werken bringen kann.

Wobei mir beinahe die Technik einen Streich gespielt hätte, denn zuerst wollte mein Kindle Fire (3. Generation, was immer das bedeutet), die entsprechende Datei beim besten Willen nicht verarbeiten. Ich musste erst manuell ein wenig nachhelfen, um dann doch noch in den Lesegenuss zu kommen.

Ob es ein Genuss war? Nun, das werden wir gleich herausfinden.

 


Nachdem wir es in vorherigen Folgen von Nike Leonhards Geschichtenzyklus „Codex Aureus“ unter anderem mit Geistern und Dryaden zu tun bekamen, präsentiert sie uns hier eine erstaunlich moderne Form eines ganz anderen Mythos.

Silke ist eine junge, hübsche und selbstbewusste Frau. Sie hat es geschafft, eine Drogensucht hinter sich zu lassen, ist geschäftlich erfolgreich und die Männer liegen ihr zu Füßen. Soweit alles sehr erfreulich. Da stört es sie auch nicht weiter, dass sie einen kleinen Makel hat: Silke ist tot! Oder genauer gesagt, sie ist untot, nämlich eine Vampirin.

Und als solche hat sie schnell feststellen müssen, dass sie sich das Leben als Untote immer falsch und irgendwie leichter vorgestellt hat. Aber da es leider keinen Geheimbund der Vampire gibt, keinen Mentor, der ihr an die Seite gestellt wird, muss sie ganz alleine versuchen, damit klar zu kommen, dass sie ab sofort nicht mehr auf Heroin steht, sondern auf warmes Menschenblut.

Außerdem erkennt sie, dass es durchaus Fragen aufwerfen kann, wenn man äußerlich nicht altert und deswegen in der Nachbarschaft Aufsehen erregt.

Wenn da nicht die Männer wären, die ihr gleich scharenweise zu Füßen liegen, könnte sie durchaus vor Probleme gestellt werden. Aber da sie zum Glück schnell lernt, wie man mit den Männern wirklich umgehen muss, um von ihnen zu bekommen, was man will – und das ist nicht nur ihr roter Lebenssaft – schafft Silke es immer irgendwie, sich über Wasser zu halten.

Bis sie bei Detlef auf unerwartete Probleme stößt …

Vampire also. Wohl über keines der „klassischen“ Monster ist so viel geschrieben worden, sind so viele Legenden gewoben und so viele, sich teilweise heftig widersprechende, Deutungsweisen entstanden. Man hat sie inzwischen fast alle gesehen: die in Blut badende Femme Fatale, den auf Verjüngung aus seienden Kriegsherren, den rotäugigen Schönling mit den spitzen Hauern, das Monstrum, das kaum in der Lage ist, seine Blutgier zu beherrschen und den romantisch-verklärten Vampir-next-door, der besonders seit Stephenie Meyer das Vampirgenre aufgemischt hat.

Doch zum Glück hat Nike Leonhard sich, obwohl der Titel natürlich an die „Bis(s)“-Reihe gemahnt, dazu entschlossen, Silke nicht als verhuschtes Weibchen zu porträtieren, die Emo-mäßig auf der Suche nach ihrer besseren Hälfte ist und sich nur schwer eingestehen kann, dabei auf ein Menschenjüngelchen abzufahren.

Silke ist im tiefsten Inneren ihrer Person eine Überlebenskünstlerin. Mag der Begriff für eine Untote zunächst unpassend wirken, charakterisiert er sie doch beinahe perfekt. Schließlich musste sie schon, als sie noch am Leben war, lernen, sich durchzubeißen. Dass es da manchmal dazu gehört, auch da hin zu gehen, wo es weh tut (und wo man sich auch ein Stück weit selbst erniedrigt), ist eine Erfahrung, die ihr bei der Verwirklichung ihrer Pläne als Vampirin begünstigt. Denn Spaß macht es ihr nicht, mit dem tumben Detlef zusammen in die Oper zu gehen. Es ist halt ein Mittel zum Zweck.

Und gibt gleichzeitig die Struktur dieser Geschichte vor. Silkes Besuch in der Oper bildet den Rahmen, in den allerdings weitreichende Rückgriffe in die Vergangenheit eingebaut sind. Hier zeigt sich, nach meinem Empfinden, leider auch eine strukturelle Schwäche dieses Werks. Die eigentliche Geschichte kommt zu kurz, bzw. ich hatte den Eindruck, dass die Autorin sich nicht so ganz sicher war, welche Geschichte sie eigentlich lieber erzählen wollte: Die von Silke, wie sie wurde, was sie ist, oder die von Silke, wie sie ihren neuesten Coup landet.

Das ist schade, weil in beiden Teilen der Geschichte ein großes Potenzial steckt. Ich selbst gehe zwar nicht mit jeder Entscheidung konform, die Nike Leonhard getroffen hat, um die Vampire in ihrem Universum zu charakterisieren, aber dennoch hätte ich gerne mehr davon erfahren, wie Silke die ersten paar Monate ihres neuen Lebens verbringt. Dagegen wirkt die Umsetzung ihres Plans in der Gegenwart beinahe ein wenig beliebig und wäre, mit einer kleinen Ausnahme, bei passender Gelegenheit auch für eine einfache Kriminelle machbar gewesen.

Gut, es gehört ein Stück weit natürlich zum Konzept, Vampire so weit zu entmystifizieren, dass sie als ganz normale Geschäftsleute, Computerfreaks usw. unter uns leben. Vieles wurde mir allerdings zu schnell abgehandelt, so dass insbesondere das Ende ein wenig ratlos zurück lässt.

Insgesamt wirkt „Biss zum letzten Akt“ auf mich wie ein Teil einer größeren Geschichte, vielleicht wie ein Prolog auf etwas, das erst noch geschrieben werden will. Denn die Anlagen dazu sind da und sehr beachtlich. Nike Leonhard weiß von Buch zu Buch besser, wie sie die irrealen Aspekte ihrer Ideen in die reale Umwelt ihrer Erzählung einweben muss. Da entsteht auch nicht der Hauch eines Bruchs. Silke ist eine Vampirin und Vampire gibt es einfach. Das ist so und muss auch nicht hinterfragt werden – weil es gut etabliert ist.

Auch in Sachen Sprache und Stil gibt es nichts Negatives zu berichten. Auch dieser Teil des Codex Aureus lässt sich angenehm und relativ flott weglesen.

Wenn da nur nicht die Sache mit der irgendwie sehr fragmentartigen Geschichte wäre …

Ich tue mich schwer mit einer Bewertung, weil ich auf der einen Seite handwerklich nichts, aber auch gar nichts an dieser Veröffentlichung auszusetzen habe. Auf der anderen Seite, so gut ich den Ansatz auch finde, kommt mir einfach zu wenig Erzählfluss auf, ist „Biss zum letzten Akt“ zu sehr eine gefühlte Vorstellung eines starken Charakters und zu wenig Handlung.

Deswegen kann ich leider für diesen Teil des Codex Aureus nur drei Sterne (mit Tendenz nach oben) vergeben – und die ebenso höfliche wie dringliche Bitte an die Autorin richten, sich vielleicht noch einmal mit Silke zu beschäftigen und ihr eine längere und handlungsorientiertere Geschichte zu gönnen. Verdient hätte die raffinierte Großstadtvampirin es allemal!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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