Isotype – Emoji – Sprache

International System oTypographic Picture Education
(Isotype)

Klingt das kompliziert, oder klingt das kompliziert? Ich muss jedenfalls gestehen, dass ich mir zunächst nichts darunter vorstellen konnte. Es handelt sich bei Isotype also um ein internationales System bildhafter Erziehung. Aber wieso und warum?

Wikipedia gibt, wie meistens in solchen Fällen, Aufschluss. Demzufolge wurde das Isotype bereits in den zwanziger Jahres des letzten Jahrhunderts entwickelt und diente ursprünglich dazu, auch denen einen Zugang zu einer komplexeren Bildung zu ermöglichen, die aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft oder anderer Hemmnisse keinen Zugang zur klassischen Schriftsprache finden konnten.

Dabei gaben sich die Entwickler des Isotype nicht damit zufrieden, einfach einen Katalog von Symbolen und Piktogrammen zu erstellen, sondern sie gaben ihrer neuen „Sprache“ auch eine Grammatik mit auf den Weg, so dass hier wirklich von einer eigenen Form sprachlichen Ausdrucks gesprochen werden kann, die kulturhistorisch irgendwo zwischen ägyptischen Hieroglyphen und modernen Straßenschildern liegt.

Man sollte meinen, dass das Isotype in unseren heutigen Zeiten keine große Rolle mehr spielt, weil inzwischen Bildung zum Glück ein Staatsauftrag ist und durch die Schulpflicht auch das Lesen und Schreiben auf eine gesellschaftlich breite Basis gestellt wird. Und in der Tat findet man heute entsprechende Grammatiken auch eher in Museen als in der tatsächlichen Anwendung.

Ich wäre wohl nie auf das Isotype aufmerksam geworden, wenn da nicht das gleichnamige Lied der Band Orchestral Manoeuvres in the Dark (OMD) wäre, in dem es sich um diese Kunstspreche dreht. „Dreht“ ist auch ein gutes Stichwort hinsichtlich des flankierenden Videos, in dem man auch einige Isotype-Symbole begutachten kann:

Allerdings kann man wohl sagen, dass wir, gerade in den letzten Jahren, wieder eine stärkere Hinwendung zu Aspekten der Bildsprache haben. Verantwortlich ist dafür, was auch sonst, das Internet.

Hand aufs Herz: Wem kommen beim Betrachten der Symbole des Isotype nicht unsere modernen Smileys und Emojis in den Sinn? Dienen sie nicht auch dazu, teils komplexe Worte oder Gefühlszustände in ein kurzes und prägnantes Bild zu transferieren?

Wozu das im Extrem führen kann, kann man jeden Tag in Millionen von Tweets sehen, die auf der Social-Media-Plattform Twitter abgesetzt werden. Oder in WhatsApp. Oder in Facebook. Teile unserer Gesellschaft sind heute scheinbar nicht (mehr) in der Lage, einen längeren Text ohne die Verwendung von Bildern zu schreiben.

Ich gebe zu, dass die Verwendung von Emoticons (um auch diesen Begriff noch gebraucht zu haben) einfach ist und auch eine Menge Spaß macht. Aber als „Ersatz“ für unsere Sprache möchte ich sie dann doch nicht sehen.

Und so ist auch der an Kraftwerk gemahnende Song der Liverpooler eher eine bittersüße Auseinandersetzung, wenn es im Text heißt:

All the words you used to write
Treasured spirits taking flight
Sovereign and now shining bright
All replaced by Isotypes

Also in etwa, dass alle geistreichen und gehaltvollen Worte, die man jemals geschrieben hat, durch Isotypes ersetzt werden könnten.

Ich finde, dass wir es, bei aller Liebe für die kleinen Gesichtchen und Symbölchen, nicht riskieren dürfen, dass unsere Sprache hierunter leidet. Die Gefahr sehe ich im Moment zwar noch nicht akut, aber wenn man hin und wieder auf die Displays von Smartphonebenutzern neben einem linst (ich kann nichts dazu, die sind alle kleiner als ich!), dann kann man schon sehen, dass es Ansätze gibt, akut zu werden.

Bis dahin halten wir aber doch an unserer Sprache fest und nehmen „Isotype“, den Song, einfach als das, was er ist: verdammt gut gemacht.

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Neues aus dem Lektorat (1) Zwischen Hoffen und Bangen

So eine Sommerpause kann sich verdammt lange hinziehen. Bis jetzt war mir gar nicht bewusst, wie viel Zeit so Sommerferien in Anspruch nehmen und wie lange es danach dauert, bis alles wieder ins Rollen kommt.

Ich hatte ja vor geraumer Zeit berichtet, dass meine Lektorin sich mit dem von mir geänderten Anfang von „Der Morgen danach“ noch einmal gesondert auseinandersetzen wollte. Das ist in der Zwischenzeit auch geschehen und ich konnte ihr die Anpassungen zukommen lassen … bevor wir in die Sommerpause hinein liefen.

Machen wir uns nichts vor: Wenn zwei Menschen aufeinander treffen, die sich neben dem kreativen Output auch noch um die Bespaße von Kindern zu kümmern haben, dann steht ziemlich schnell fest, wer oder vielmehr was da den Kürzeren zieht.

Aus diesem Grund passierte über die Sommerferien (NRW) nicht wirklich viel, denn meine Lektorin und ich waren, wie es in solchen Fällen ja immer ist, auch noch abwechselnd in Urlaub bzw. nicht eben gut ansprechbar.

Nun sind die Sommerferien schon eine Weile vorbei gewesen und Jeannette hatte mir mit einer E-Mail angekündigt, dass sie sich jetzt noch einmal verstärkt in das Manuskript reinknien würde und ich dann – in absehbarer Zeit – einen Packen Papier von ihr bekommen würde.

Und ihr wisst ja, wie „gut“ ich manchmal warten kann …

Nein, ich kann eigentlich durchaus warten, aber wenn ich solche Anwandlungen habe, wie ich sie in den letzten Wochen hatte, dann kann das Warten zu einem zusätzlichen Stressor werden, der ein Grübeln auslöst, das manchmal einfach nur lächerlich ist, wenn man das Licht der Objektivität darauf richtet.

Ganz ehrlich, ich war zwischendurch nicht nur davon überzeugt, dass ich einen Packen Papier bekommen würde, der in roter Tinte ersäuft (und das, wo Jeannette eigentlich nur mit dem Bleistift arbeitet), sondern ich war schon drauf und dran mir einzubilden, dass man heimlich still und leise zu dem Entschluss gekommen sein könnte, meinen Roman besser doch nicht zu verlegen, weil … ja, weil keine Ahnung.

Zum Glück wusste ich aber, dass es sich dabei um irrationale Einflüsterungen handelt, ansonsten hätte ich wahrscheinlich am laufenden Band irgendwelche nervösen E-Mails an den Verlag geschickt und den Eindruck erweckt (bzw. verstärkt), ein übernervöses und kopfloses Huhn zu sein.

Dabei kann ich nicht einmal überzeugend gackern!

Nach einigen Wochen des Hoffens und Bangens sind nun die versprochenen Seiten gestern bei mir angekommen und bei einem kurzen Überblättern hatte ich nicht den Eindruck, an irgendeiner Stelle in totale Ungnade bei meiner Lektorin gefallen zu sein. Das ist schon mal eine ganze Menge wert und lässt einen kleinen Kieselstein vom Herzen plumpsen.

Ich werde mich jetzt am kommenden langen Wochenende an den Text setzen und schauen, was genau für Anmerkungen darin sind, was sich davon umsetzen lässt, was ich umsetzen möchte und worüber vielleicht noch einmal zu sprechen ist.

Auf jeden Fall bin ich froh, dass es jetzt wieder weiter geht. Sieht so aus, als ob irgendwo eine Instanz des Schicksals beschlossen hat, dass ich jetzt genug schriftstellerisches Trübsal geblasen habe und es an der Zeit ist, wieder an die Arbeit zu gehen.

Trick 17 ohne Selbstverarschung

Bei mir auf der Arbeit haben sie das Serversystem umgestellt. Das ist jetzt eine Tatsache, die für euch nicht unbedingt wichtig ist, aber für mich ist sie sogar sehr wichtig, weil man mir ja schon vor langer Zeit meinen kleinen, alten, absolut in die Jahre gekommenen Stand-Alone-PC geklaut und durch eine von diesen neumodischen Client-/Server-Lösungen ersetzt. Das bedeutet, dass alles, was ich hier so in meine Tastatur tippe, auf irgendeinem Netzwerklaufwerk gespeichert wird.

Bestenfalls lassen sich diese Dateien dann zielgerichtet auf diesen Laufwerken lokalisieren. Das ist im Normalfall sogar so. Wenn man sich nicht mit Trick 17 selber verarscht.

Dazu muss man wissen, dass ich zwar ein „eigenes Laufwerk“ besitze (also einen geschützten Bereich auf dem Server, auf den nur ich zugreifen kann), dieser aber vor kurzem, wegen der erwähnten Umstellung, einmal auf Links gekrempelt wurde. Praktischer Weise in der Zeit, in der ich mit meiner komischen Spätsommerviruserkrankung zu Hause war.

Als ich gestern in der Mittagspause an „Die Behüter des Wahren“ weiterschreiben wollte, fand ich, oh weh, nur eine uralte Version meiner Arbeitsdatei vor. Ich schreibe auf der Arbeit in Word und kopiere abends daheim alles nach Papyrus rüber. Aber, Trick 17, ich wusste ja, dass ich mir meinen letzten Arbeitsstand auf dem Mailweg zugeschickt hatte.

Dementsprechend fand sich die Datei bei den gesendeten Mails und ich konnte loslegen. Und zwischendurch immer wieder schön abspeichern, das Ganze. Wie es sich gehört.

Am Nachmittag, als ich mir die Datei nach Hause schicken wollte, bin ich dann irgendwie ins falsche Verzeichnis geraten … denn als ich abends wie immer den Fortschritt umkopieren wollte, war da nur der alte Text!

Hektik, Panik, Weltuntergangsstimmung.

Denn ich musste ja davon ausgehen, dass der Text sich jetzt in irgendeinem obskuren temporären Ordner befand, in den ich zwar speichern, den ich aber gar nicht selber aufrufen durfte. Na, da hätte ich aber Freude gehabt.

Gut, ihr seht schon am Konjunktiv, dass ich noch einmal Glück im Unglück hatte. Zwar war die Datei tatsächlich an einem Ort, wo ich sie nie vermutet hätte, aber ich konnte sie aufrufen, ordentlich abspeichern und in der Mittagspause weiterschreiben.

Trick 17 ohne Selbstverarschung.

Und weil ich mich so über die Tatsache, dass die Datei noch da und ich in der Lage war, meinen Faden weiter zu spinnen, mag ich euch ein kleines Zitat aus dem Text da lassen, das mir eigentlich ganz gut gefällt:

Orion zog den Hebelschalter nach unten und machte im gleichen Atemzug einen Satz nach hinten. Seine immer noch auf Hochtouren laufende Fantasie gaukelte ihm eine Schar von kleinen, quirligen Wesen mit großen Zähnen vor, die sich aus dem Treppenaufgang ergoss.

Aber nicht nur, dass durch die sich öffnende Tür keine Angreifer kamen, die Tür öffnete sich auch nicht so, wie man es von ihr hätte erwarten sollen. Statt zur Seite oder nach oben zu gleiten, oder wenigstens wie eine ganz normale, wenn auch altmodische Tür aufzuschwingen, fiel sie einfach nach vorne in den Raum – wo sie in zahlreiche Bruchstücke zerfiel.

Na, was es wohl damit auf sich hat? 😉

…und um das zu kämpfen, was man liebt

Die letzten Tage ging es mir nicht besonders gut. Nein, das ist sogar noch geschönt. In den letzten Tagen gab es einige Momente, in denen es mir gar nicht gut ging. Das hat man, denke ich, auch gemerkt. Irgendwie war alles zu viel, zu wenig, zu laut, zu leise, zu anstrengend, zu fordernd, zu egal, zu uninteressant, zu unnötig, zu bla.

Das erste, was bei mir immer unter diesen Zuständen leidet, ist das Schreiben. Wenn ich mich nicht gut fühle, dann kann ich einfach nicht „einfach“ meine Gedanken in Kreativität umsetzen.

Es soll ja eine Legion von Schriftstellern geben, die besonders dann produktiv waren, wenn sie gerade eine Phase tiefen Weltschmerzes oder ausgewachsene Depressionen hatten. Menschen, die sich in diesen Zuständen suhlten und getrieben von ihren eigenen Dämonen die beste Prosa fabrizierten, zu der sie fähig waren.

Ich bin nicht so.

Wenn es mir auf diese bestimme Weise nicht gut geht, dann hat das Schreiben für mich nicht nur jeden Sinn verloren, dann scheint es auch niemals wieder einen Sinn zu bekommen. Wer interessiert sich schon dafür, ob ich irgendwelche mittelmäßigen Geschichten erzähle? Es interessiert ja mich selbst schon nicht, also, bitte.

Mit solchen Problemen habe ich immer mal wieder zu kämpfen gehabt. Teilweise hielten sie über Jahre hinweg an. Das waren die Jahre, in denen ich mir vielleicht ein, zwei Mal im Jahr eins meiner Manuskripte auf den Bildschirm geladen habe, ein wenig darin herum scrollte und schließlich seufzend feststellte, dass ich früher mal schreiben konnte, aber jetzt nicht mehr.

Im Laufe der Zeit habe ich mir Strategien dagegen erarbeitet. Oder habe es zumindest versucht. Ich habe gelernt, dass auch eine einzige Seite, im Zweifel sogar eine einzige Zeile, ein Faustpfand sein kann um mich und den kleinen Dämon in mir davon zu überzeugen, dass ich doch noch schreiben kann.

Doch auch das klappt nicht, wenn ich mich so gar nicht gut fühle. Und das Schlimmste ist, dass es mir vollauf bewusst ist, was ich eigentlich zu tun hätte – und es eben nicht auf die Reihe bringe. Kenne ich, gehört zum Krankheitsbild.

Ja, es ist ein Dilemma, denn einerseits weiß ich, dass mir das Schreiben unendlich gut tut und andererseits ist es das, zu dem ich mich am wenigsten in der Lage sehe. Es ist einfach schwer, den ersten Schritt zu tun.

Und im Kopf werden aus Tagen wieder Wochen und aus Wochen wieder Monate und aus Monaten werden Jahre. Dabei sind in der Realität wirklich gerade ein paar Tage vergangen.

Heute, auf der Arbeit, als ich gerade in irgendeiner anderen, erschütternd unkreativen Arbeit steckte, bekam ich auf einmal ein Signal von irgendwo her. Vielleicht aus meinem Herzen, vielleicht aus dem, was man die Seele nennt. Ich weiß es nicht. Dieses Signal sagte: Heute – versuch‘ es!

Also habe ich mich mit klopfendem Herzen zum Beginn der Mittagspause an meinen Text „Die Behüter des Wahren“ gesetzt. Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, den Anschluss zu finden. Meine letzten Zeilen an dieser Geschichte lagen über drei Wochen zurück.

Dann fing ich an zu schreiben. Und hörte erst nach über 2.500 Worten wieder damit auf.

Ich habe zu viel erlebt, um daraus zu schließen, dass jetzt alles wieder gut ist oder wird. So naiv bin ich nicht mehr. Aber ich habe (wieder) festgestellt, dass ich es kann! Und auch wenn es da diese Stimme in mir gibt, die mir das Gegenteil einreden will, es ist für mich möglich, zu schreiben.

Denn Schreiben ist das, was mir gut tut. Auch dann, wenn es wirklich niemanden außer mir interessieren sollte, was dabei heraus kommt. Schreiben ist auch gut für die Seele!

Und darum ist es gut, für das zu kämpfen, was man liebt.

Deutschland – Immer noch das Land der (politischen) Denker!?

Ja, ich weiß, jeder, alle und deren kleine Brüder schreiben irgendwelche schlauen Kommentare zur Bundestagswahl. Und ich bin sicher nicht die „Instanz“, von der es einen weiteren langen Sermon hierzu braucht. Deswegen möchte ich mich auch gar nicht dahingehend ausbreiten, sondern nur ein kurzes Statement aus der Sicht eines ganz kleinen und unbedeutenden Autoren abgeben.

Dass es in Deutschland immer noch eine Menge Dichter gibt, ist ein ebenso unumstößliches wie glückliches Faktum. Das beweisen viele Profi-, Nachwuchs- und Amateurschriftsteller jeden Tag aufs Neue. Und selbst den Strategen der verschiedenen Parteien kann man nicht abstreiten, dass sie in der Lage sind, Wahlprogramme, Wahlkampfslogans und Wahlkampfreden mit dichterischer Eleganz aufs Papier zu bringen.

Nein, um die Dichter dieses Landes mache ich mir keine Sorgen.

Aber um die Denker steht es, glaube ich, nicht zum Besten. Und damit meine ich, wohlgemerkt, nicht die Wählerinnen und Wähler. Selbst dann nicht, wenn sie eine Partei gewählt haben, mit der ich politisch (so überhaupt) nicht klar komme. Denn ich achte den Willen des Wählers als Souverän des Volkes.

Nur wenn ich mir die Damen und Herren Politiker anschaue, dann frage ich mich, ob die Sache mit dem Denken nicht noch einmal ein wenig nachgeschärft werden sollte.

Die Demokratie Deutschlands steht aus mehreren Gründen vor ihrer größten Bewährungsprobe:

  • Es zeichnen sich schwache Mehrheiten ab, von denen sich allerdings keine wirklich aufdrängt, zumal
  • führende Parteimitglieder bereits angefangen haben, sich gegeneinander in Stellung zu bringen.
  • Die sogenannten Volksparteien sind, teils deutlich, durch den Wähler abgestraft worden.
  • Mit der AfD ist eine zumindest in Teilen rechts-(hier kann man, je nach Sichtweise, die Fortsetzung -populistische, -nationale, -extreme, -liberale einsetzen) Partei drittstärkste Kraft geworden.

Und wenn man sich die führenden Politiker der Parteien ansieht, könnte man glauben, dass es am Ende doch und immer noch nur darum geht, wer eigentlich gerade die Deutungshoheit über den Sandkasten Deutschland hat. Da wird in der sogenannten Elefantenrunde auf einem Niveau „diskutiert“, dass einem Angst und bange werden kann. Vor allem die Noch-Partner der Großen Koalition geben ein Bild ab, bei dem man sich fragt, ob die auch in den letzten vier Jahren so miteinander und übereinander gesprochen haben.

Bei „Anne Will“ üben sich verschiedene Parteivertreter wahlweise in gegenseitigem Zynismus oder darin, sich gegenseitig an Lautstärke zu überbieten.

Und dann gibt es noch die, die „den Knall“ immer noch nicht gehört haben. Oder wenigstens glaubhaft so tun. Ich nenne aus Höflichkeit keine Namen.

Es gibt die genannten Herausforderungen an die Demokratie und man wird sie nur dadurch bewältigen können, dass man gründlich darüber nachdenkt, was der Wähler eigentlich will, was er nicht mehr will und wie man auf einen tragfähigen Konsens kommen kann, um ihn nicht mehr in die Arme von Konstrukten wie der AfD zu schicken.

Und den Umgang mit dieser Partei wird man nicht darauf beschränken können, ihre Vertreter wahlweise in Talkrunden durch Lautstärke mundtot machen zu wollen (das können die im Zweifel nämlich besser) oder sie einfach zu ignorieren.

Frau Wagenknecht von den Linken wurde gestern gefragt, wie sie in der Opposition mit Vorschlägen von der AfD umgehen wolle. Sie hat geantwortet, dass sich nun erst einmal zeigen müsse, ob die überhaupt in der Lage sei, vernünftige Vorschläge einzubringen. Ich halte das für einen guten Standpunkt und einen guten Umgang. Es bringt nichts, die AfD pauschal zu dämonisieren. Das ist nur Wasser auf die Mühlen ihrer Politiker und Anhänger. Es braucht eine Auseinandersetzung die zeigt, dass die demokratischen Parteien in der Lage sind, den Thesen und Ansichten dieser Gruppe Paroli zu bieten und konstruktive, bessere Wege zu finden.

Aber das wird man nur durch nachdenken erreichen!

Es wäre gut, wenn die Politik gleich heute damit anfangen würde.

Leipzig ja, Frankfurt nein – einfach so ein Gefühl

Gestern ist es über mich gekommen, als ich im internen Forum der BartBroAuthors ein Thema zur Leipziger Buchmesse gelesen habe. Es ist jetzt ziemlich genau ein halbes Jahr her, dass ich dort gewesen bin und es dauert noch ziemlich genau ein halbes Jahr, bis die Messe wieder ihre Tore öffnen wird. Und bis jetzt hatte ich mir, offen gestanden, noch nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht.

Das lag natürlich an Frankfurt. Frankfurt, die wesentlich größere Messe. Frankfurt, die Messe mit der weltweit größeren Strahlkraft. Frankfurt, das so ganz allmählich anfängt, in aller Munde zu sein.

Frankfurt, das in diesem Jahr auf mich verzichten muss.

Ich hatte ja schon einmal einen Artikel geschrieben und darin zum Ausdruck gebracht, dass ich sehr mit mir gehadert habe, ob ich zur Buchmesse in die Stadt am Main fahren soll, oder ob ich es lieber bleiben lasse. Am Ende kann ich keine plausiblen Gründe benennen, die für mich dagegen sprechen. Ich kann nur sagen, dass ich kein besonders gutes Gefühl dabei habe.

Vielleicht liegt es genau an diesem großen, an diesem ehrfurchtgebietendem. Könnte ja sein, oder? Immerhin bin ich ja nur der klitzekleine Autor, der auf einer Buchmesse wie dieser so gar nichts zu suchen hätte.

Ich weiß, dass das ein eigentlich ziemlich doofes Gefühl ist. Denn ich gehe auf eine Buchmesse ja nicht, weil ich mich da unbedingt zeigen und promoten will (jedenfalls noch nicht, ähem), sondern zuvorderst als Besucher, der sich für Bücher interessiert, der sich vielleicht mit Gleichgesinnten austauschen mag und der, wenn es gut läuft, die eine oder andere Veranstaltung mitnehmen kann, die ihn interessiert.

Aber mein Bauch sagte ganz deutlich „nein“ zu Frankfurt. Und ich bin in den meisten Fällen nicht allzu schlecht damit gefahren, wenn ich auf mein Bauchgefühl gehört habe. Vielleicht kommt Frankfurt auch gefühlt einfach zu schnell auf mich zu, um mich mit der Größe zu arrangieren.

Ganz anders Leipzig. Auch Leipzig ist eine beeindruckende Veranstaltung, wie ihr sicherlich anhand meiner Berichterstattung vom Frühjahr gemerkt haben werdet. Aber es ist so, wie viele es mir vorher prophezeit hatten: Leipzig fühlt sich irgendwie intimer an, selbst wenn man sich die Stände der ganz Großen ansieht.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist natürlich auch, dass ich Leipzig nun schon kenne und weiß, was auf mich zukommt. Okay, das wusste ich vor einem halben Jahr noch nicht und es hat mich trotzdem nicht abgehalten. Aber zweimal den Gang ins Unbekannte, das ist vielleicht ein wenig viel für mich und mein Bauchgefühl.

Nachdem ich also gestern auf dieses Thema im Forum gestoßen war, habe ich mich aus der momentanen Laune heraus auf der Seite von Airbnb nach einer geeigneten Unterkunft umgesehen und hatte das Glück, ein sehr zentral gelegenes Zimmer/Apartment für einen wirklich sehr guten Preis zu finden. Die App von Airbnb hat zwar ein wenig herumgesponnen, aber ich konnte dann doch meine Buchung abschließen, so dass mich die zwei Übernachtungen im kommenden März nur in etwa die Hälfte von dem kosten, was ich dieses Jahr bezahlt habe.

Und wenn ich eins gemerkt habe, dann war es, dass man sich in der Unterkunft sowieso nicht lange aufhält. Und die kurze Zeit verbringt man mit Schlafen, weil man völlig platt vom Messetag ist.

Jetzt muss ich nur noch eine Bahnfahrkarte günstig schießen, was aber erst ab Mitte Oktober geht, weil die Bahn dann erst ihren Winterfahrplan scharf stellt. Und natürlich Urlaub einreichen. Ich könnte meiner Chefin ja bei nächster Gelegenheit schon mal einen entsprechenden Antrag reinreichen 😉 .

Wie dem auch sei, ich freue mich schon mal vorsichtig auf die Veranstaltung im kommenden Jahr. Bis dahin kann ich mir in aller Ruhe überlegen, was ich anders machen will als dieses Jahr, was sich optimieren lässt, was gut war. Und, wer weiß? Vielleicht ergeben sich ja durch die Messe ganz neue Möglichkeiten, Kontakte oder sonst irgendwas, was meinen schriftstellerischen Weg wieder in neue Wege leitet.

Man wird doch träumen dürfen – solange das Bauchgefühl mitspielt.

Und, noch einmal wer weiß? Vielleicht sieht man sich ja, in einem halben Jahr, in Leipzig …

Das Schreiben der Anderen: „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi

Man könnte glauben, dass im Moment Depressions-Festspiele auf „Mein Traum vom eigenen Buch“ ausgebrochen sind. Aber ich schwöre, dass ich von ganz, ganz anderen Dingen ausgegangen war, als ich mich an den Roman „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi begeben habe. Mehr dazu könnt ihr in der folgenden Rezension lesen.


Im Normalfall gehöre ich zu den Menschen, die sich nicht gerne von Klappentexten dazu animieren lassen, einen Roman zu kaufen. Viel zu oft habe ich schon erlebt, dass das Blaue vom Himmel herunter versprochen wurde und am Ende dann doch in der Hauptsache ein Ballon mit heißer Luft daraus wurde.

„Ballons“ sind ein gutes Stichwort für diesen Roman, denn ausnahmsweise war es eben doch der Klappentext, der die Kaufentscheidung zu 100% angeregt hat.

Da ist also eine Frau, eine trauernde Witwe, die sich in sich selbst vergräbt. Bis eines Tages ein Clown bei ihr erscheint, eine Hüpfburg aufbläst und auch sonst allen möglichen und unmöglichen Schabernack anstellt. Ich gebe zu, als ich das gelesen hatte, war ich auf einen möglicherweise witzigen Fantasyroman eingestellt. Ich meine: Ein Clown? Hüpfburg im Wohnzimmer? Regenbogen?

Aber nein, ich sah mich getäuscht. Zwar merkt man dem Roman von Sarah Ricchizzi an, dass sie eine große Fantasie besitzt, aber er ist zu jedem Zeitpunkt in der Realität verankert. In einer nicht ganz alltäglichen Realität.

Wir lernen Amelie Red kennen, kurz bevor der Clown in ihr Leben tritt. Ihr Mann Mathiew hat sich vor einiger Zeit das Leben genommen und dies hat sie vollkommen aus der Bahn geworfen. Sie geht nirgendwo mehr hin, sie lässt niemanden mehr zu sich ein, sie spricht mit niemandem. Und dann steht eines Tages auf einmal der Clown in ihrem Badezimmer – als sie gerade nackt ist.

Der Clown ist ein älterer Mann, der sich allerdings alle kindliche Infantilität bewahrt hat, die man sich so vorstellen kann. Er bringt Farbe in Amelies leben, indem er die Wände mit Farbeimern bespritzt. Er bläst besagte Hüpfburg auf und schläft darin. Er nutzt den Swimmingpool hinter dem Haus dafür, um die überall herumliegende dreckige Wäsche zu waschen.

Kurz: Er treibt Amelie an allen möglichen und unmöglichen Fronten an ihre Grenzen und ein gutes Stück darüber hinaus. Und im Laufe der Zeit, als sich Clown und Amelie immer besser kennen lernen, stellt sich heraus, dass eine Absicht dahinter steckt.

„Einmal im Jahr für immer“ ist kein Buch, das es seinem Leser einfach macht. Eigentlich ist es sogar ein stellenweise tieftrauriges Buch und wenn die Geschichte nicht immer wieder humoristisch gebrochen würde, wäre es keine leichte Lektüre.

Das war allerdings auch nicht das, was Sarah Ricchizzi vorgeschwebt hat, als sie es schrieb. Schon die Art, in der hier Sprache verwendet wird, deutet darauf hin. Das macht es an manchen Stellen andererseits auch etwas mühselig, der Geschichte zu folgen.

Zumal die Geschichte insgesamt keine ist, der man allzu leicht folgen kann, weil sie zwar überwiegend linear erzählt wird, allerdings etwas hoch Fragmentarisches hat. Es werden einzelne – wichtige – Streiflichter aus dem veränderten Leben Amelies und des Clowns gezeigt. Den übergeordneten Bogen über all das spielt eine gewisse Zeitspanne, die für den Roman Wichtigkeit hat.

Besonders deutlich wird dieses in sich Zerrissene, wenn ab einem gewissen Punkt in der Handlung umfangreiche Briefe Amelies an ihren verstorbenen Mann Teil der Handlung werden. Hier verschwimmen dann teilweise auch die Zeitformen und es ist nicht ganz klar, ob wir uns in einer soeben erlebten Gegenwart aufhalten, oder ob eine schon etwas länger zurückliegende Vergangenheit thematisiert wird.

Aber umso seltsamer war es für mich zu erleben, dass ich eine stringente Geschichte, die ohne Umschweife von A nach B erzählt wird, überhaupt nicht vermisst habe. Denn in „Einmal im Jahr für immer“ geht es um Gefühle, die einfach hervorragend geschildert werden. Es geht um Trauer, es geht um Liebe, es geht um Verlust. Immer wieder nimmt Ricchizzi die verschiedenen Sichtweisen auf ein Kernproblem ein, beziehungsweise lässt ihre Charaktere dies tun.

Dieses Kernproblem lautet Depression und es ist ein Thema, dem man gerade in einem Roman, der ja seiner Natur nach erst einmal unterhalten soll, sehr schwer gerecht werden kann, ohne sich in Allgemeinplätzen zu verlieren. Ganz gelingt dies der Autorin nicht, aber es sind sehr wenige Stellen an denen man gedanklich ins Stolpern gerät und sich fragt, ob das nun „richtig“ ist, was man gerade liest.

Auch dies ist eine Lehre, die man aus dem Roman ziehen kann: Es gibt kein ultimatives Richtig und es gibt kein ultimatives Falsch. Amelie Red stellt sich diesen Dämonen und macht damit im Laufe des Romans eine Entwicklung durch, die absolut nachvollziehbar und glaubhaft ist.

Und irgendwann geht es einem als Leser wie Amelies Eltern im Buch: Der Clown ist einfach anwesend und wird als solches akzeptiert. Ja, es ist geradezu schockierend, wenn an mehreren Stellen zu Tage tritt, dass der Clown eben keine Fantasygestalt sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut ist.

Alles in allem war ich lange der festen Überzeugung, dass ich diesem Roman die Höchstwertung geben würde, aber die wurde leider ganz zum Schluss noch um einen Punkt gedrückt. Denn leider konnte Sarah Ricchizzi der Versuchung nicht wiederstehen, den Beteiligten so eine Art „wrap-up“ zu geben, in dem bis weit in die Zukunft hinein ihr weiterer Lebensweg gezeichnet wird.

Dies tut sie zwar sehr kurz und knapp, aber für mich hat es einiges von der Magie des Augenblicks zerstört, den das eigentliche Ende auf mich ausgeübt hat. Die Geschichte beginnt mit dem Erscheinen und dem Einzug des Clowns und sie sollte daher auch mit seinem Auszug enden. Was danach passiert fügt der Handlung nichts mehr hinzu, es ist ein abarbeiten von Daten auf einem Kalender.

In einem anderen Roman hätte mich dies vielleicht nicht derart gestört, dass ich gleich einen ganzen Punkt abziehe, aber hier ist der emotionale Impact der Szenen, die ich als das eigentliche Ende ansehe, so groß, dass für mich ein bitterer Beigeschmack bleibt. Andere Leser wird dies vermutlich weniger stören als mich, diese können also unbedenklich auf die volle Punktzahl aufrunden.

So oder so ist „Einmal im Jahr für immer“ ein Roman, dessen Lektüre ich empfehlen möchte. Man sollte nur keine Angst vor großen Gefühlen haben!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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