#Autorenwahnsinn, die Sommeredition: Welches Buch ist im Moment dein absolutes Must-Read?

Nun, wo der Sommer langsam von uns geht, ist es noch einmal Zeit, zur Sommeredition des #Autorenwahnsinns zurückzukehren. Ich hatte ja gesagt, dass ich es damit ein wenig ruhiger angehen lassen würde und nur hier und da mal eine Frage einfließen lasse, die für mich funktioniert und zu der ich auch etwas zu sagen habe.

Gerade bei der Frage nach dem absoluten Must-Read dieses Sommers habe ich mich sehr, sehr schwer getan. Natürlich habe ich über den Sommer hinweg einige Bücher gelesen, auch wenn die Zeit manchmal knapp bemessen war. Dabei ging die Bandbreite einmal quer durch das Gemüsebeet, wie ich ja teilweise auch hier im Blog dokumentiert habe.

Aber letztendlich bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich als „Must-Read“ nur ein Buch empfehlen kann, mit dem die meisten unter euch wohl nichts anfangen können, weil es zum einen ein Sachbuch ist und zum anderen alles andere als leichte Kost. Dennoch ist es das Buch, das mich diesen Sommer am nachhaltigsten beeindruckt hat.

Ich spreche von dem Buch „KL: Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ von Nikolaus Wachsmann.

Was soll man über ein Thema schreiben, über das eigentlich schon alles gesagt zu sein scheint? Das könnte die Grundprämisse für Wachsmanns Arbeit gewesen sein, denn ich kann nur sagen, dass ich eine derartige Akribie, mit der er sich in sein Thema verbeißt, noch nicht erlebt habe. Und ich habe einige Bücher über das Lagersystem des Dritten Reiches gelesen.

Wachsmann liefert einen chronologischen und sinnvoll in verschiedene Abschnitte gegliederten Überblick, beginnend mit den wilden Lagern, die unmittelbar nach der Machtergreifung überall von der SA eingerichtet wurden, um Rache an den politischen Gegnern zu üben, fortgeführt über die Übernahme des Lagersystems durch die SS mit der einhergehenden Strukturierung, bis hin zum späten Paradoxon der Lager, gleichzeitig die ausgemachten „Volksschädlinge“ durch Arbeitseinsatz zu vernichten und sich diese Arbeit möglichst lange und möglichst produktiv für die Kriegswirtschaft zu Nutze zu machen.

Was dem Buch sehr gut gelingt ist die Verdeutlichung der Widersprüche, die den Lagern von Beginn an inne gewohnt haben und wie sie bis heute, teilweise fälschlich, die öffentliche Wahrnehmung prägen. So geht er zum Beispiel umfassend auf die nach dem Krieg oft gehörten Schutzbehauptungen ein, dass niemand etwas von den Lagern gewusst habe – und stellt ihnen Zeitungsausschnitte aus dem Völkischen Beobachter gegenüber, in denen von Lagern wie Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen beinahe schon euphorisch berichtet wird.

Mit größter Sensibilität nähert sich Wachsmann dem größten aller Lagerverbrechen, dem Holocaust. Dabei scheut er sich aber auch hier nicht, im Sinne der historischen Wahrheit zu bemerken, dass der Holocaust keine originäre Erfindung für die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau gewesen ist, sondern schon vorher lange im Zuge der hinter der Front operierenden Einsatzgruppen im vollen Gange war.

Ein in Rezensionen immer wieder lobend herausgestellter Aspekt, den auch ich nur wirklich unterschreiben kann ist, dass es dem Autor gelungen ist, bei allem Schrecken, über den er schreibt und bei aller Komplexität, die das Thema aufweist, eine umfassende, in sich geschlossene und alle Aspekte abdeckende Fleißarbeit geschrieben zu haben, die sich stellenweise liest wie ein historischer Roman, ohne ins episoden- oder gar anekdotenhafte überzugehen. Hier hat Wachsmann natürlich den Vorteil eines spätgeborenen Chronisten, beweist aber auch Fähigkeiten als hervorragender Erzähler.

Ist „KL“ nun ein Buch für jeden? Sicherlich nicht. Man muss schon ein gewisses Interesse für das Thema mitbringen, um sich durch die rund 1.000 Seiten (inklusive umfangreichen Quellenverzeichnisses) zu ackern. Auch schadet es nicht, wenn man sich mit dem Nationalsozialismus als Phänomen schon ein wenig auseinandergesetzt hat, weil Wachsmann wirklich hart an seinem Thema bleibt und die Entwicklungen drumherum teilweise ein wenig knapp abhandelt. Aber auch dies tut er so, dass der Kontext, in dem die Lager gerade operierten, sich erschließt.

Meiner Meinung nach ist „KL“ aber ein wichtiges Buch. Es zeigt, wie sehr Phänomene wie Hass, wie Rassenwahn, wie Ausbeutung, wie Vernichtungswillen und wie menschlicher Gleichgültigkeit durch ein System kanalisiert werden können, wenn es nur ausgeprägt und reglementiert genug ist.

In Deutschland wird immer wieder über unsere sogenannte Erinnerungskultur geredet. Ich finde, wenn es eine solche geben soll – und ich persönlich befürworte dies in aller Entschiedenheit -, dann müssen gerade auch die dunkelsten Seiten unserer Geschichte beleuchtet werden. „KL“ ist, meiner Meinung nach, sehr gut hierfür geeignet: Umfassend genug, um auch den fortgeschrittenen Leser dieser Thematik nicht mit Allgemeinplätzen zu ärgern und zugänglich genug, um auch interessierten Einsteigern in das Thema Einblick zu gewähren.

Und ich würde beinahe garantieren, dass am Ende sowohl der eine als auch der andere von diesem Buch noch etwas lernen kann.


Normalerweise mache ich an dieser Stelle keine Angaben über Bezugsquellen für Bücher, die ich vorstelle. Aber in diesem Fall muss ich doch darauf hinweisen, dass neben einer gebundenen und broschierten Fassung des Siedlerverlags auch eine Variante der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen ist, die deutlich preisgünstiger ist. Natürlich unterscheiden sich beide Bücher inhaltlich nicht voneinander, aber die gebundene Fassung ist haptisch deutlich ansprechender, wenn auch mit runden vierzig Euro nicht ganz günstig. Um sich vielleicht einmal an das Thema heranzutrauen reicht meines Empfindens die Fassung der bpb vollkommen aus und ist mit knapp 12 Euro (inklusive Porto) wesentlich günstiger.

             

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