Das Schreiben der Anderen: „Entfesselter Tod“ von Marcus Johanus

Nachdem Marcus Johanus mit „Tödliche Gedanken“ und „Tödliche Wahrheit“ zwei Jugendromane mit fantastischem Einschlag geschrieben hat, die allerdings auch schon an der Grenze zum Thriller balancierten, legt er nunmehr mit „Entfesselter Tod“ seinen ersten eindeutig auf ein erwachsenes Publikum zugeschnittenen Thriller vor. Gleichzeitig ist dies auch sein Romandebüt im Selfpublishing.

Ich war gespannt, wie er diese beiden Schritte hinbekommen würde.


Die Ausgangslage dieses Buches ist so einfach wie erschreckend: Eine junge Prostituierte wird in der Nachstellung eines alten Tricks eines ehedem bekannten Entfesselungskünstlers vor laufender Kamera ermordet.

Wenige Stunden zuvor werden wir als Leser Zeuge, wie eben dieser Entfesselungskünstler, Christopher Vanick, eine Auseinandersetzung mit seiner langjährigen Assistentin Mara Winter hat. Sie möchte endlich wieder zurück auf die Bühne, die er nach einem Unfall während einer Aufführung vor einigen Jahren, scheinbar endgültig verlassen hat, um sich ganz dem Alkohol und seinen Depressionen hinzugeben.

Ohne es Christopher zu sagen hat Mara für den heutigen Abend ein Engagement angenommen und verlässt, nach einem letzten Versuch, ihn zu einem Entgegenkommen zu bewegen, die gemeinsame Villa.

Wenig später steht die sehr junge, sehr blonde und sehr offenherzige Vicky vor Christophers Tür, die sich als Reporterin ausgibt, die über den bekannten Magier und Entfesselungskünstler schreiben will – oder zumindest eine heiße Nacht mit ihm verbringen. Die beiden nehmen gemeinsam einen Drink und bei Christopher reißt der Film. Als er wieder erwacht, kann er sich an nichts erinnern.

Nun muss er erfahren, dass er praktisch über Nacht zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall geworden ist, denn die junge Prostituierte ist niemand anderes als Vicky und alles deutet auf ihn als Täter hin. Die Art, in der sie starb, ist eine exakte Nachbildung seines beinahe tödlichen Unfalls.

Das Polizistenduo Eike Becker und Ria Stern nimmt die Ermittlungen auf. Dabei ist vor allem Becker felsenfest von der Schuld Christophers überzeugt, während Ria, die ganz nebenbei auch noch in einem persönlichen Dilemma steckt, glaubt, dass ihr Kollege sich zu sehr auf den Illusionisten einschießt und außerdem die Regeln des sauberen Ermittelns hinter sich lässt.

Christopher, der sich keine Illusionen darüber macht, dass er als Sündenbock für jemand anderen herhalten soll, nutzt eine günstige Gelegenheit, um aus der Untersuchungshaft zu fliehen. Denn das Video, das man ihm gezeigt hat, betitelte den Mord als den „Ersten Akt“. Und er weiß nur zu gut, dass jede gelungene Zaubernummer aus drei Akten besteht …

Marcus Johanus legt mit „Entfesselter Tod“ einen Roman vor, der stark im Umfeld von Zauberern, Illusionisten, Entfesselungskünstlern angesiedelt ist, auch wenn er uns weniger den Blick auf die Bühne, sondern mehr den Blick hinter die Kulissen werfen lässt. In seinem Nachwort zum Roman beschreibt er, dass er bereits seit frühester Kindheit zu diesem Milien hingezogen war und das wird beim Lesen des Romans vollkommen deutlich.

Dabei verschließt Johanus nicht die Augen davor, dass es auch Schattenseiten des Gewerbes gibt. Es gehört dazu, dass man anderen etwas vormacht. Das ist das Geheimnis einer guten Illusion. Aber es gibt, wie immer auch hier, Menschen die dies auf verantwortungsvolle Weise tun und Menschen, die die Leichtgläubgikeit anderer ausnutzen, um sich dadurch zu bereichern.

Dieses Thema wird sehr offen angeschnitten, als es für Christopher Vanick darum geht, herauszufinden, wer derjenige ist, der alles daran setzt, seine Existenz zu vernichten.

Aber auch abseits dieses Themas kann man einiges über die kleinen und großen Tricks des Entfesselns lernen. Die Recherche hierzu hat sich auf jeden Fall gelohnt, denn Johanus bringt die Fakten darüber, wie und wo die Entfessler ihre Hintertürchen eingebaut haben, sehr flüssig und alles andere als ausbremsend in der Handlung unter.

Was mir sehr gut gefallen hat, war die Charakterisierung der Hauptfigur. Christopher Vanick ist ein Mensch, der einmal ganz weit oben war, es sich dort beinahe schon zu gut gehen ließ und dann umso heftiger nach seinem Unfall gefallen ist. Als der Leser ihn kennenlernt ist er ein körperliches, psychisches und seelisches Wrack, ein Alkoholiker, der seine Tage an sich vorbei ziehen lässt.

Erst im Handlungsverlauf, als er immer mehr und immer tiefer in die Machenschaften des Killers gerät, muss er aus seinem Phlegma erwachen. Und spätestens als er erkennt, dass Mara, die Frau, die er uneingestanden liebt, in großer Gefahr ist, platzt bei ihm der Knoten. Was nicht bedeutet, dass Christopher ab diesem Zeitpunkt eine Art Superman wäre. Ganz im Gegenteil fallen ihm die Versäumnisse der letzten Jahre erst jetzt so richtig behindernd vor die Füße.

Ein wenig problematisch fand ich die Rollenverteilung zwischen Eike Becker und Ria Stern, die gerade in ihren ersten Auftritten schon beinahe wie das Klischee aus „Good Cop“ und „Bad Cop“ wirkten. Das alles hat seine Begründung in der Handlung, wirkt aber schon recht plakativ.

Schade war, dass Mara Winter über recht große Strecken des Romans weitgehend unpräsent gewesen ist. Dies liegt aber eindeutig an ihrer Bedeutung für die Geschichte und ihren Verlauf.

Dieser zeigt sich im Weiteren übrigens von seiner besten Seite. Gerade auf den ersten rund 150 bis 200 Seiten ist „Entfesselter Tod“ ein echter Pageturner. Es macht einfach Spaß zu verfolgen, wie der perfide Plan des richtigen Mörders sich entfaltet und wie die Personen immer mehr und mehr in dieses Netz geraten.

Insofern macht Marcus Johanus mit seinem Thriller alles richtig. Wenn ich einen Kritikpunkt anbringen soll, dann wäre es der, dass ich persönlich die Frage nach dem Täter relativ schnell hätte beantworten können. Allerdings wäre ich nie auf die Motivation zu den Taten gekommen – ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes ist, weiß ich selbst noch nicht so ganz. Andererseits ist es in anderen Thrillern ja durchaus üblich, dem Leser einen Wissensvorsprung vor den Protagonisten zu geben, so dass ich diesen Punkt nicht negativ auslegen möchte.

Obwohl es sich um einen Thriller handelt, watet der Roman nicht durch Gewalttaten und Blutströme. Es gibt zwar durchaus Szenen, in denen es ordentlich zur Sache geht und für zarter Besaitete ist auch eine Stelle enthalten, die ihnen sicherlich einen leichten körperlichen Schmerz verursachen wird, aber es hält sich alles im genreüblichen Rahmen.

In Sachen Sprache und Stil merkt man Marcus Johanus an, dass er weiß und liebt, worüber er schreibt und dass er inzwischen über die Erfahrung verfügt, auch kompliziertere Sachverhalte auf den Punkt bringend zu beschreiben. Es macht Spaß, diesen Roman zu lesen.

Um zu einem Fazit zu kommen: „Entfesselter Tod“ ist ein wirklich guter Thriller mit einem Einblick in eine Welt der Magie und der Illusion. Die Handlung und die Figuren sind glaubwürdig, das Tempo durchweg hoch und die Schauwerte enorm. Ich vergebe gerne die Höchstwertung und freue mich darauf, bald wieder von Marcus Johanus zu lesen.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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