Fakt und Fiktion (20) Wo soll denn hier Begeisterung herkommen?

Zuerst bin ich mir nicht ganz sicher, ob es nur an mir liegt. Schließlich fühle ich mich nicht besonders. Mich hat irgendein Virus erwischt und abwechselnd die Woche über ans Bett gebunden oder früher von der Arbeit (meinem Arbeitsversuch) wieder nach Hause gehen lassen. Der Doc hat mich krank geschrieben.

Und trotzdem sitze ich jetzt hier, in der Aula der Schule von Kind 1, weil das bei uns organisatorisch heute nur so geklappt hat. Für später ist noch ein Elternabend angesetzt, aber ausnahmsweise ist der mal nicht das Problem – auch wenn Elternabende immer ein steter Quell der Freude sind, wie mir alle Eltern gerne bestätigen werden.

Nein, vor den Elternabend haben die Götter der Schulplanung noch eine Informationsveranstaltung gesetzt, in der es um die Chancen der Schüler nach der Beendigung ihrer Schullaufbahn ohne Abitur gehen soll. Gut, im Normalfall gehe ich nicht davon aus, dass uns das betreffen könnte, aber man will ja nicht hinterher dumm da stehen.

Und so sitze ich zusammen mit vielleicht einhundertfünfzig anderen Eltern in diesem großen Raum und lausche den Ausführungen eines großen, breitschultrigen Mannes, der redet. Und redet. Und redet. Und wenn er nicht irgendwann von der begleitenden Lehrerin eine nette Ermahnung bekommen hätte, dass es langsam gut ist, wohl immer noch reden würde.

Der nette Mann – ich gehe jedenfalls davon aus, dass er nett ist – kommt von der Handwerkskammer und wirbt dafür, dass man für seine Kinder auch die Möglichkeit in Betracht zieht, in einen der Berufe einzutreten, die durch diese Kammer vertreten werden.

Wenn ich richtig aufgepasst habe, macht er das seit inzwischen elf Jahren. Also sollte man meinen, dass er das inzwischen drauf hat, vor Eltern zu sprechen, sie für seine Sache zu begeistern, das Interesse an seiner Botschaft zu wecken.

Leider – nein.

Wie gesagt, zuerst glaube ich noch, dass es an mir liegt, weil ich einfach nicht gut drauf bin. Aber dann fängt neben mir das Getuschel an. Und hinter mir wird getuschelt. Und gegenüber kann ich sehen, wie die Köpfe zusammengesteckt werden.

Ich suche den Blick der Lehrerin und sehe, wie sie alle paar Sekunden auf die Uhr sieht. Der gute Mann spricht seit ungefähr einer Viertelstunde. In einem Tempo, das einem Auto mit vier Platten gleicht. Auf dem Standstreifen stehend.

Er spricht davon, dass wir unsere Kinder begeistern sollen. Wir sollen sie dafür begeistern, sich zu informieren und vielleicht sogar Praktika in einem Handwerksbetrieb zu machen. Es reagiert niemand darauf. Selbst als er von den Verdienstmöglichkeiten spricht (wusstet ihr, dass ein Goldschmiedlehrling im ersten Lehrjahr weniger (!) als 200 Euro verdient?) sind die Reaktionen spärlich.

Ich kann dem Mann immer schwerer folgen und wenn ich in sein Gesicht sehe, dann weiß ich: Er weiß, dass er keinen von uns erreicht. Er weiß, dass er nicht in der Lage ist, uns zu begeistern. Und wenn er uns nicht begeistert, wie sollen wir dann Begeisterung bei unseren Kindern wecken? Ich glaube nicht, dass auch nur einer von uns Eltern mit dem Gefühl nach Hause gegangen ist, dass Handwerk wirklich goldenen Boden hat.

Das jedenfalls versucht der Mann uns zu erzählen – und die Lehrerin verkneift sich ein Gähnen.

Ich möchte dem Mann sagen, dass er es ähnlich machen soll wie Autoren, wenn sie sich auf einen Auftritt, eine Lesung, vorbereiten: Stell dich vor den Spiegel, gehe deinen Text mit lauter Stimme durch, übe den Sprachfluss, die Pausen, setze Pointen. Mache alles, was dir einfällt, aber langweile dein Publikum nicht, denn du willst dich, deine Sache und dein Buch (bei dem Mann seine mitgebrachten Flyer) verkaufen.

Am Ende bleibt nicht einmal die Zeit, Fragen zu stellen, weil der Monolog so lange gedauert hat, dass nun alle Eltern zu den jeweiligen Elternabenden streben. Ich glaube aber nicht, dass jemand eine Frage gehabt hätte.

Wo soll denn hier Begeisterung herkommen? Das ist in diesem Moment meine einzige Frage.

Als ich später nach Hause komme, übergehe ich die Infoveranstaltung mit ein paar simplen Worten. Sie war für uns sowieso nicht relevant. So denke ich. Aber dennoch hätte ich mir für den sicherlich sehr sympathischen Mann gewünscht, dass er in der Lage gewesen wäre, sich und sein Anliegen besser zu verkaufen.

Kaum jemand mag abschreckende Beispiele. Und so habe ich, trotz allem, etwas aus der Veranstaltung mitgenommen: Wenn ich mal in die Verlegenheit komme, eine Lesung zu halten, dann werde ich mich besser vorbereiten.

Weil ich mein Publikum begeistern will!

Kann aber auch sein, dass das nur ein Fiebergedanke war.

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