Die Klassiker liest doch sowieso niemand mehr

Die Klassiker liest doch sowieso niemand mehr. So denken zumindest manche Verlage, wenn meine, zugegeben, etwas steile These richtig ist. Jedenfalls habe ich diesen Eindruck gewonnen und möchte ihn mit einem Beispiel untermauern.

Ich habe gerade, Asche auf mein Haupt, zum ersten Mal in meinem Leben die wundervolle Novelle „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm gelesen. Dass ich sie zum ersten Mal gelesen habe sagt eine Menge über den Schulstoff vor fünfundzwanzig Jahren aus – immerhin war ich Schüler im Deutsch-Leistungskurs!

Auch jetzt hätte mich wahrscheinlich nichts an diese Novelle getrieben, wenn ich nicht über ein anderes Medium herangeführt worden wäre. In der Hörspielreihe „Das Gruselkabinett“ von Titania Medien (die ich generell nur empfehlen kann) ist als Folge 98 eine sehr hörenswerte Vertonung der Geschichte um den jungen Deichgrafen Hauke Haien erschienen, die sich wirklich bis in einige Dialoge sehr eng an das Original hält. Und als ich dann die Gelegenheit hatte, eine Ausgabe der Novelle für kleines Geld gebraucht zu erwerben, habe ich zugeschlagen.

Als ich das kleine Büchlein dann aufschlug, fiel mir schlagartig wieder ein, wieso ich vor vielen Klassikern (nicht nur) der deutschen Literatur beinahe schon instinktiv zurückschrecke. Ich finde nämlich das Schriftbild, in dem diese gesetzt sind, oft einfach nur augenunfreundlich klein und anstrengend.

Hier eine Beispielseite aus dem gezeigten Band:Auf diese Weise geht es runde einhundert Seiten weiter. Und „Der Schimmelreiter“ ist beileibe keine Ausnahme, wie mir dann auch wieder einfiel. Ich hatte mal eine Ausgabe des „Moby Dick“, bei dem gefühlt eine Lupe notwendig gewesen wäre, um den Text auf einigen Seiten zu entziffern – so eng war er aneinander gepresst. Als ob die Typen der Druckmaschine in eine Müllpresse geraten wären. Ich will jetzt nicht sagen, dass dieser Umstand Schuld daran hat, dass ich „Moby Dick“ abgebrochen habe, aber es hat sicherlich nicht zu meiner Motivation beigetragen.

Wenn man sich mal ein wenig umschaut, dann sieht man bei den klassischen Stoffen so etwas häufiger. Ein wenig aus der Generalkritik ausnehmen möchte ich dabei den Reclam-Verlag, mit dessen Reihen ja ein ganz eigenes Konzept gefahren wird, das auf Preis/Leistung hin angelegt ist.

Wieso aber bei einem „richtigen“ (nicht falsch verstehen, liebe Leute bei Reclam) Buch nicht auch ein richtiges und augenfreundliches Schriftbild gewählt wird, ist mir nicht verständlich.

Und so komme ich halt zu meiner These: Man scheint zu glauben, dass die Klassiker sowieso von niemandem mehr gelesen werden. Oder zumindest nur von einer verschwindend kleinen Gruppe von Menschen. Unter Zugrundlegung dieser Theorie wird es dann wirtschaftlich. Wenn ich als Verlag davon ausgehen muss, dass ich eine Publikation nur in kleinen und kleinsten Stückzahlen verkaufen werde, dann muss ich sparen, woran ich sparen kann. Und die Veröffentlichung eines Buches mit wenigen Seiten ist nun einmal immer günstiger als eines mit derer vielen.

Jedenfalls gefällt mir dieser Gedanke fast noch mehr als der, dass man die Leserschaft als so klein einschätzt, weil die dargebotenen Inhalte so „elitär“ sind. Das ist der Eindruck, den man oft bei Fachliteratur bekommt. Denn da stecken finanziell hochkarätige Verlage hinter, die ihre Waren finanziell hochkarätig verkaufen – und dennoch so ein Winzlayout verwenden.

Ich kann mir natürlich nicht anmaßen, eine tatsächliche Aussage bezüglich des Entstehens dieses Trends abzugeben. Vielleicht ist es auch eine Frage ähnlich wie die nach Henne und Ei. Also: Was war zuerst da – der kleine Leserkreis oder die kleine Schrift? Die Absicht oder die Anerkennung der Tatsachen?

Jedenfalls hat es schon seine Gründe, dass das Lesen von Klassikern bei vielen Menschen gleichgesetzt wird mit Schule, mit Lernen, mit Klausuren und so gar nicht mit Spaß. Und das ist schade, denke ich. Gerade dann, wenn man von anderen Medien darauf aufmerksam gemacht wird, was für tolle Geschichten einem vielleicht bislang entgangen sind, wäre es schön, wenn man diese lesen könnte, ohne sich seine Augen zu verderben.

Eine Lösung hierfür gibt es, auch wenn es zunächst etwas „uncool“ wirkt: Einige, nicht alle, Klassiker gibt es auch als spezielle Großdruckausgaben. Unter anderem auch den „Schimmelreiter“. Aber auch hiermit ist wieder eine neue Nische geschaffen worden, der es, nach allem was man hört, eher schlecht denn recht geht.

Wahrscheinlich gibt es am Ende keine Lösung, die allen Beteiligten gerecht wird, weil es immer an einem oder mehreren fehlt: Geld, Leser, Auflage. Doch mit meinem kleinen Artikelchen wollte ich dann wenigstens zu Protokoll gegeben haben, dass es hier noch jemanden gibt, der die Klassiker liest. Und sich vorgenommen hat, dies in naher Zukunft vielleicht öfter mal zu tun. So lange die Augen irgendwie mitspielen, jedenfalls 😉 .

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