Meldung und Meinung: Neonazis kommen zur Buchmesse

Die Meldung geht gerade in den einschlägigen Newsportalen und der Presse rund: Die Stiftung „Europa Terra Nostra“ plant, auf der kommenden Buchmesse in Frankfurt zwei Bücher zu präsentieren, die sowohl der Urheberschaft als auch des Inhalts nach in die neonazistische Ecke einzuordnen sind. An einem von ihnen hat unter anderem der NPD-Politiker Udo Voigt mitgewirkt.

Die Meinungen auf den Webseiten, auf denen ich mich im Allgemeinen herumtreibe, sind relativ einhellig:

  • Können die das einfach so machen?
  • Muss die Messeleitung da nicht einschreiten?
  • Wie wäre es mit einem Boykott der anderen Verlage?
  • Kann man diese Gesinnung nicht einfach ausschließen?

Lasst mich beim letzten Punkt einhaken, denn „einfach“ finde ich das ganz und gar nicht. So leid es mir persönlich auch tut.

Ich habe eine recht eindeutige Meinung zu rechtem Gedankengut, wie ich an dieser Stelle schon mehr als einmal dokumentiert habe. Als mir kürzlich ein „Infozettel“ der NPD ins Haus geflattert kam, war der schneller ein Puzzle, als ich mir die einzelnen Begriffe darauf merken konnte. Aber eine Meinung ist eine Meinung – und eine Meinung darf, so lange wir uns im Rahmen der reinen Meinungsäußerung befinden, nun einmal jeder haben.

Denn neben der eindeutigen Meinung zu rechtem Gedankengut habe ich auch eine eindeutige Meinung zur Meinungsfreiheit. Über diese ist abgesichert, dass Dinge, die nicht offen rassistisch, verfassungswidrig oder kriminell sind, geäußert werden dürfen. Wenn gegen diese Regeln verstoßen wird, dann ist es Aufgabe des Staates und seiner Instanzen, entsprechende Verstöße zu ahnden.

Wohlgemerkt: Das ändert gar nichts daran, dass mir persönlich die Aussagen der Damen und Herren Neonazis gewaltig gegen die Hutschnur gehen. Und bei Licht betrachtet die der Funktionäre noch viel mehr als die des Brüllvolks, das tumb irgendwelche Aufmärsche abhält.

Aber eine Buchmesse steht wie kaum etwas anderes eben auch für die Meinungsfreiheit. Wir leben in Zeiten, in denen in der Türkei Autoren, Journalisten und andere Intellektuelle verfolgt und inhaftiert werden, nur weil sie eine Meinung vertreten, die der dortigen Regierung (eigentlich wollte ich ein anderes Wort schreiben, aber dann darf meine Familie bis in die vierte Generation nicht in die Türkei reisen) nicht in den Kram passt. Aus Sicht der Regierungspartei sind diese Leute die Extremisten!

Und wir leben in Zeiten, in denen es in Asien durch den Staat gelenkte Buchmärkte gibt, auf denen publiziert wird, was genehm ist. Mal restriktiver, mal offener. Aber trotzdem vom Staat gelenkt.

Wahrscheinlich habt ihr alle schon einmal das wundervolle Zitat gehört, dass regelmäßig Voltaire in den Mund gelegt wird, aber eigentlich von seiner Biographin Evelyn Beatrice Hall stammt:

Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.

(Die verschiedenen Übersetzungen variieren ein wenig.)

Dieser Satz bringt gut auf den Punkt, wie ich in Bezug auf die Teilnahme von Neonazis auf der Frankfurter Buchmesse eingestellt bin. Wenn die Bücher, die dort zur Ausstellung kommen sollen, nicht offen und nachweislich verfassungsfeindlich sind – und davon muss ich ausgehen -, dann haben sie ein Recht, dort zu sein. Jedenfalls dasselbe Recht, das auch jeder links-, oben- oder untenradikale auch hat.

Was gebraucht wird, ist eine Auseinandersetzung mit diesen Büchern. Und die darf durchaus so aussehen, dass niemand Notiz von ihnen nimmt. Lasst sie auf der Buchmesse links liegen, schenkt ihnen keine Aufmerksamkeit! Denn mit dem ganzen Tamtam, das jetzt schon gemacht wird, stärkt ihr nur die Position der Urheber. Sie sind im Gespräch. Und wo das Gespräch ist, wird Aufmerksamkeit erzeugt. Wo Aufmerksamkeit ist, kommen Neugierige. Und wo Neugierige sind, werden neue Sympathisanten abgefischt.

Ich bin der Meinung, dass eine Messe, die sich selbst als überparteilich, als freiheitlich, als weltoffen sieht, mit dieser Bedrohung von Außen umgehen können muss. Lasst uns als Besucher ihr dabei helfen.

Und bevor die Frage kommt: Wenn es sich um eine Buchhandlung handeln würde, sähe ich die Sache anders, denn eine Buchhandlung bewegt sich auf dem Markt und kann im Markt agieren, wie sie, beziehungsweise der/die Buchhändler/in, es für richtig hält. Buchhandlungen vertreten und formen Meinungen. Eine Messe gibt Meinungen Raum.

Wir als Individuen können genau so handeln: individuell. Und das gibt mir das Recht, die Meinung von Herrn Voigt und Konsorten aufs Schärfste zu kritisieren und zu verachten. Und es gibt mir das Recht, Wahlflyer, die in meinem Briefkasten landen, auf Schnipselgröße zu stutzen.

Aber im großen und ganzen gilt das angebliche Zitat von Voltaire. Sollen sie ihre Meinung sagen dürfen. Aber zuhören, das muss und sollte nun wirklich keiner.


Einen Bericht über die Thematik hat unter anderem die Frankfurter Rundschau.

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