Die Sümpfe der Traurigkeit

Denjenigen, denen beim Lesen der Überschrift sofort ein Kerzenlicht aufgegangen ist, muss ich nicht lange erzählen, worum es heute geht. Allen anderen muss ich wohl zumindest ein ganz klein wenig auf die Sprünge helfen – wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass sich viele Leser auf meinen Blog verirren, die noch nie von Michael Endes vielleicht schönstem Buch (was man allerdings über fast jedes seiner Bücher sagen kann) „Die unendliche Geschichte“ gehört haben.

„Die unendliche Geschichte“ berichtet von zwei Jungen von etwa zehn Jahren, die viele Gefahren auf sich nehmen, sich selbst und einander gegenübertreten müssen, um am Ende über sich selbst hinauszuwachsen. Einer von ihnen ist eine Figur aus einer Geschichte, der andere ein ganz normaler Junge aus der Menschenwelt.

Eben dieser Junge, der dicke, unsportliche und unbeliebte Bastian Balthasar Bux, raubt einem Antiquar das Buch „Die unendliche Geschichte“, weil er genau auf so eine Geschichte immer schon gewartet hat – eine Geschichte, die niemals zu Ende geht. In ihr liest er von dem gewaltigen Reich Phantásien, das von einem unheimlichen Nichts bedroht wird und sich in Auflösung befindet. Die Herrscherin dieses Reiches, die Kindliche Kaiserin, ist krank und es scheint, dass diese Krankheit der Grund für das Verderben ist, das sich über Phantásien ausbreitet.

Als alle ärztliche Heilkunde versagt hat, wird der weiseste aller Ärzte, der alte Cairon, ausgeschickt, um Atréju aufzusuchen und ihn auf die Große Suche nach einem Heilmittel zu schicken. Atréju ist der andere der beiden Jungen.

Im Laufe der Geschichte erlebt Atréju viele Abenteuer, an denen Bastian immer mehr Anteil nimmt, bis schließlich die Grenzen zwischen der Realität und dem Buch aufbrechen und Bastian selbst nach Phantásien reist, wo er gleichfalls viel erlebt um am Ende doch festzustellen, dass er die ganze Zeit über auf einer Reise zu sich selbst gewesen ist.

Ich kann nicht sagen, wie oft ich diesen Roman gelesen habe. Mit Sicherheit öfter als zehn Mal. Und noch viel häufiger habe ich das gleichnamige Hörspiel gehört, das in den 80ern vom Label Karussell auf drei Kassetten vertrieben wurde. Auch den Film habe ich gesehen, wenn der auch mit dem Buch nicht ganz so viel zu tun hat.

„Die unendliche Geschichte“ hat also immer schon einen gewissen Eindruck auf mich gemacht, kann man sagen. Es ist eines von wenigen Büchern, die sowohl für Kinder als auch für Erwachsene funktionieren – auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

Das habe ich gestern Abend wieder einmal festgestellt.

Im Augenblick lese ich nämlich „Die unendliche Geschichte“ meiner jüngeren Tochter vor. Das kam eher zufällig, weil sie eigentlich bislang kein großes Interesse daran hatte, dass man ihr vorliest. Und so lange Bücher schon gar nicht. Aber gut, jetzt sind wir seit vier Tagen dabei und sie freut sich jeden Abend auf die halbe Stunde, die wir uns so vor dem Schlafengehen abknapsen können.

Gestern nun erreichten wir in der Geschichte zusammen mit Atréju die Sümpfe der Traurigkeit, die diesem Beitrag ihren Namen gaben. Atréju sucht diese Sümpfe auf, weil in ihnen das älteste Geschöpf Phantásiens leben soll, die Uralte Morla. Zusammen mit seinem treuen Pferdchen Artax betritt er die Sümpfe, doch Artax wird bald immer langsamer und bewegt sich irgendwann gar nicht mehr.

Das Pferd bleibt einfach stehen und lässt geschehen, dass es immer weiter in den Morast einsinkt. Atréju, der durch ein Kleinod der Kindlichen Kaiserin geschützt wird, versucht, Artax zu helfen, aber das Pferd sagt ihm, dass es die Traurigkeit einfach nicht mehr aushalten kann und dass es die Traurigkeit ist, die es so schwer gemacht hat, dass es untergeht. Es ist so traurig, dass es nur noch sterben möchte.

Während ich die Szene las, bildete sich in meinem Hals ein Kloß. Denn ich stieß hier, vollkommen unerwartet, auf die vielleicht beste literarische Darstellung des Zustands einer schweren Depression, die ich je gelesen habe. Auf jeden Fall ist es die beste kindgerechte Darstellung dieses Zustands.

Jetzt kann man fragen, wieso es wichtig sein könnte, dass Kinder sich mit solchen Dingen auseinander setzen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zum einen gibt es Kinder, die mittelbar betroffen sind, weil ihnen nahe stehende Bezugspersonen an Depressionen erkranken. Für diese ist es manchmal sehr schwer zu begreifen, was da gerade passiert und wieso Mama, Papa oder sonst jemand auf einmal ganz anders ist als noch zuvor.

Aber es gibt auch genügend Kinder, die, leider, unmittelbar betroffen sind. Denn Depression ist keine Erkrankung, die nur Erwachsene betrifft. Bei manchen Kindern fängt sie leider schon im Grundschulalter an. Sie wird oft nur nicht erkannt, weil sie sich hinter Begleiterkrankungen wie ADHS oder ähnlichem versteckt.

Ich habe mir ein wenig Zeit genommen, um zu recherchieren und bin dabei darauf gestoßen, dass ich vermutlich der Letzte bin, dem diese Zusammenhänge noch nicht klar geworden waren. Aber auch das kann ich erklären. Als ich „Die unendliche Geschichte“ das letzte Mal las, muss das so 2009 gewesen sein. Ich las das Buch damals nämlich meiner älteren Tochter vor.

Und 2009 war das Thema Depression für mich noch keins. Damals lagen diese ganzen Schübe von Traurigkeit, von Selbstzweifeln und allem anderen (ersparen wir uns die Details) wahlweise in einer lange weg geschobenen und vergessenen Vergangenheit, oder in einer viel zu nahen Zukunft.

Mir ist es schlicht und ergreifend nicht aufgefallen. Die Szene in den Sümpfen war für mich eine traurige Szene in einem Kinderbuch, wie es auch anderswo traurige Szenen gab. Sie gehörte eben dazu. Einen tieferen Sinn dahinter habe ich nicht gesucht und entsprechend auch nicht gefunden.

Gestern dann also der Kloß und die plötzliche Erkenntnis. Mir muss niemand sagen, dass gerade die Romane von Michael Ende immer nur so von mehreren Ebenen der Handlungsdeutung wimmeln. Auch nicht, dass es immer einen Subtext gibt. Dass er diese mit einer mitreißenden Handlung verknüpfen konnte, die eben auch „nur“ als Abenteuergeschichte funktioniert, das ist die große Kunst seiner Erzählweise.

Wisst ihr, was meiner Meinung nach dennoch die große Kunst von uns als denen sein muss, die solche Bücher lesen? Wir müssen uns davon frei machen, jetzt nur noch nach Bedeutung zu forschen. Es darf nicht sein, dass wir kollektiv in das Verhalten von Deutsch-LK-Schülern verfallen, die hinter einer großartigen Erzählung immer auf der Suche nach dem sind, was der Autor uns eigentlich sagen wollte.

Michael Ende war jemand, der stets Abstand davon genommen hat, einen moralischen Zeigefinger zu erheben. Das hat er gesagt und das kaufe ich ihm ab. Dass wir dennoch in seinen Romanen eine Moral, eine Bedeutung, einen Subtext, eine zweite und dritte Handlungsebene finden können, das zeigt die Größe seiner Erzählkunst und es zeigt, dass es sich manchmal lohnt, die Sichtweise für einen Moment von den gedruckten Worten aufzuziehen – um dann schnell wieder den Fokus umzuswitchen und einfach ein gutes Buch zu lesen.

So wie meine Tochter gestern im einen Moment traurig war über Artax‘ Tod, um im nächsten Moment über die Redeweise der Uralten Morla zu lachen und dann ein ganz klein wenig Angst zu haben, weil Gmork, der Werwolf, sich auf Atréjus Spur gesetzt hat.

Aber wer weiß, was sie eines Tages in diesem Roman finden wird, wenn sie ihn vielleicht ihren eigenen Kindern vorliest?

Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden 🙂 .


PS: Wer ganz viel Langeweile Zeit hat und sich richtig in die Deutungsvielfalt der „Unendlichen Geschichte“ eingraben will, dem empfehle ich als Startpunkt diesen Wikipedia-Eintrag.

18 Gedanken zu “Die Sümpfe der Traurigkeit

  1. Danke für den Hinweis mit der Depression. Ich habe dieses Buch geliebt und werde es jetzt, nachdem du so liebevoll darüber berichtest Carsten vorlesen. Denn wir sind grad fertig mit unserem Vorlesebuch – Andreas Steinhöfel: Dirk und ich – ein richtiges freches Jungsbuch!

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    • Oh, ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch Carsten gefallen wird. So, wie du ihn beschreibst, kann ich mir aber auch vorstellen, dass es eine anstrengende Lektüre sein wird. Carsten hinterfragt ja gerne alles und in diesem Buch gibt es so herrlich viele Anlässe dazu 🙂 .

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  2. Sehr schön!
    Ich habe die Unendliche Geschichte auch immer geliebt und mein Großer heißt Tatsächlich Bastian. 😉
    Ich hab auch Rotz und Wasser geheult an der Stelle und die Idee des Nichts hat mich schon als Kind schaudern lassen.
    Unglücklicherweise kann mein Großer gar nichts mit dem Buch anfangen. Der will immer nur Sachbücher lesen und wenn er mal keins liest, dann darf das nicht mal ansatzweise etwas mit Fantasy zu tun haben.
    Wenn er meinem Mann nicht so ähnlich sehen würde wäre ich sicher, er wäre im Krankenhaus vertauscht worden. 😉😂

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    • Oh, so gar keine Fantasy? Nicht mal Harry Potter? 😉

      Für das Nichts haben die Damen und Herren, die diese ellenlangen Wikipedia-Einträge verfassen, auch eine schöne Deutung: Nämlich, dass es den Verlust der kindlichen Fantasie symbolisiert. Ende meinte Damals möglicherweise Dinge damit wie z.B. Depression oder auch Vernachlässigung. Heute würde er wahrscheinlich Smartphones damit meinen.

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      • „Schön“ ist ja auch, dass die Phantasier, wenn sie einmal ins Nichts gestürzt sind, als Lügen in der Menschenwelt auftauchen.
        Ich finde das einen beeindruckenden, aber auch unglaublich traurigen und dabei sehr wahren Vergleich: Sprich als erwachsener Mensch eine lebhafte Fantasie aus und du wirst direkt komisch angeguckt – oder schlimmstenfalls eben für einen Lügner gehalten.

        Ich liebe dieses Buch so sehr, habe es schon so oft gelesen und entdecke jedes Mal etwas Neues darin. Das ist das tolle an der Geschichte, dass sie sich an jedes Alter, an jeden Erfahrungsschatz richten kann.
        Das mit den Sümpfen war mir so auch noch nicht aufgefallen, ich als Pferdemädchen bin natürlich einfach total abgerastet über Artax‘ Tod und habe ein nachhaltiges Trauma erlitten – mein Elternhaus liegt nämlich in einem Moor und ich drehe völlig am Rad, wenn sich ein Pferd einer sumpfigen Stelle nähert ^^

        Meine (derzeit) liebste Stelle ist die Begegnung von Atréju und Gmork. Deep 😉

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      • Ich kann dir nur rundum zustimmen. Es steckt so viel an Deutungen, an Emotionen, an Wissen und auch an liebevoller Ermutigung in dem Buch, dass jedes neue Lesen eine neue Entdeckungsreise ist.

        Wenn ich eine liebste Stelle benennen müsste, dann wäre es wahrscheinlich die Passage um die Alte-Kaiser-Stadt.

        Und du bist in einem Moor groß geworden? Interessant! Aber ohne gruseligen Hund oder so, ja? 😉 🙂

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      • Hehe, ja, die Alte-Kaiser-Stadt, die hab ich sogar mal in meinem Blog verwurstet 😉

        Ja, das Moor, einer der Gründe, warum ich so gern nach Hause fahr. Sehr faszinierende Tier- und Pflanzenwelt und garantiert Nebel 😉 Nichts allüberall. Aber keine gruseligen Hunde, eher niedliche Katzen …

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  3. Ein schöner Beitrag, aber auch das, was du über das Hineininterpretieren von Inhalten gesagt hast, ist sehr richtig: manchmal muss man einfach Kind sein und lesen, was in den Zeilen steckt, nicht dazwischen. Aber eine Frage noch: wie alt ist deine kleine Tochter? Mein Enkel ist viereinhalb, ist das noch zu früh?
    Liebe Grüße
    Dagmar

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    • Hallo Dagmar,

      dankeschön!

      Meine Kleine ist acht Jahre alt und die Große war damals irgendwo zwischen sechs und sieben Jahren. Viereinhalb könnte in Anbetracht mancher Szenen des Buches noch ein wenig sehr früh sein. Phantásien wird ja nicht nur von freundlichen Wesen bevölkert.

      Da würde ich vielleicht eher ein Buch wie „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ empfehlen. Auch „Pippi Langstrumpf“ haben wir ungefähr in dem Alter gelesen.

      Liebe Grüße
      Michael

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  4. Ich habe die „Unendliche Geschichte“ tatsächlich erst vor ein paar Wochen zum ersten Mal gelesen und dabei ist etwas nachgerade Merkwürdiges passiert, ich bin nämlich Stück für Stück immer jünger geworden beim Lesen und habe immer weniger und weniger nachgedacht und immer mehr und mehr einfach nur miterlebt und mitgefühlt. Da war ich plötzlich wieder viel mehr Kind als Erwachsene – Michael Ende ist wirklich ein Zauberkünstler, dass er das mit seinen Worten hinbekommt. Wobei ich mich dennoch auf den zweiten, analytischeren Lesedurchgang freue, der ganz sicher bald folgen wird 🙂

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    • Oh ja, das kann ich mir gut vorstellen, wie es dir da ergangen ist. Ich spüre diesen Effekt auch gerade wieder beim Lesen. Zwar werde ich nicht unbedingt jünger dabei – was vielleicht damit zu tun hat, dass ich es ja meiner Tochter vorlese – aber ich kann auch sehr stark miterleben und -fühlen. Da zittert dann schon mal die Stimme, was gerade beim Lesen in verschiedenen Stimmlagen anstrengend ist 😉 .

      In diesem Sinne wünsche ich dir fast, dass der zweite Lesedurchgang nicht viel analytischer wird als der erste.

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