Das Schreiben der Anderen: „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi

Man könnte glauben, dass im Moment Depressions-Festspiele auf „Mein Traum vom eigenen Buch“ ausgebrochen sind. Aber ich schwöre, dass ich von ganz, ganz anderen Dingen ausgegangen war, als ich mich an den Roman „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi begeben habe. Mehr dazu könnt ihr in der folgenden Rezension lesen.


Im Normalfall gehöre ich zu den Menschen, die sich nicht gerne von Klappentexten dazu animieren lassen, einen Roman zu kaufen. Viel zu oft habe ich schon erlebt, dass das Blaue vom Himmel herunter versprochen wurde und am Ende dann doch in der Hauptsache ein Ballon mit heißer Luft daraus wurde.

„Ballons“ sind ein gutes Stichwort für diesen Roman, denn ausnahmsweise war es eben doch der Klappentext, der die Kaufentscheidung zu 100% angeregt hat.

Da ist also eine Frau, eine trauernde Witwe, die sich in sich selbst vergräbt. Bis eines Tages ein Clown bei ihr erscheint, eine Hüpfburg aufbläst und auch sonst allen möglichen und unmöglichen Schabernack anstellt. Ich gebe zu, als ich das gelesen hatte, war ich auf einen möglicherweise witzigen Fantasyroman eingestellt. Ich meine: Ein Clown? Hüpfburg im Wohnzimmer? Regenbogen?

Aber nein, ich sah mich getäuscht. Zwar merkt man dem Roman von Sarah Ricchizzi an, dass sie eine große Fantasie besitzt, aber er ist zu jedem Zeitpunkt in der Realität verankert. In einer nicht ganz alltäglichen Realität.

Wir lernen Amelie Red kennen, kurz bevor der Clown in ihr Leben tritt. Ihr Mann Mathiew hat sich vor einiger Zeit das Leben genommen und dies hat sie vollkommen aus der Bahn geworfen. Sie geht nirgendwo mehr hin, sie lässt niemanden mehr zu sich ein, sie spricht mit niemandem. Und dann steht eines Tages auf einmal der Clown in ihrem Badezimmer – als sie gerade nackt ist.

Der Clown ist ein älterer Mann, der sich allerdings alle kindliche Infantilität bewahrt hat, die man sich so vorstellen kann. Er bringt Farbe in Amelies leben, indem er die Wände mit Farbeimern bespritzt. Er bläst besagte Hüpfburg auf und schläft darin. Er nutzt den Swimmingpool hinter dem Haus dafür, um die überall herumliegende dreckige Wäsche zu waschen.

Kurz: Er treibt Amelie an allen möglichen und unmöglichen Fronten an ihre Grenzen und ein gutes Stück darüber hinaus. Und im Laufe der Zeit, als sich Clown und Amelie immer besser kennen lernen, stellt sich heraus, dass eine Absicht dahinter steckt.

„Einmal im Jahr für immer“ ist kein Buch, das es seinem Leser einfach macht. Eigentlich ist es sogar ein stellenweise tieftrauriges Buch und wenn die Geschichte nicht immer wieder humoristisch gebrochen würde, wäre es keine leichte Lektüre.

Das war allerdings auch nicht das, was Sarah Ricchizzi vorgeschwebt hat, als sie es schrieb. Schon die Art, in der hier Sprache verwendet wird, deutet darauf hin. Das macht es an manchen Stellen andererseits auch etwas mühselig, der Geschichte zu folgen.

Zumal die Geschichte insgesamt keine ist, der man allzu leicht folgen kann, weil sie zwar überwiegend linear erzählt wird, allerdings etwas hoch Fragmentarisches hat. Es werden einzelne – wichtige – Streiflichter aus dem veränderten Leben Amelies und des Clowns gezeigt. Den übergeordneten Bogen über all das spielt eine gewisse Zeitspanne, die für den Roman Wichtigkeit hat.

Besonders deutlich wird dieses in sich Zerrissene, wenn ab einem gewissen Punkt in der Handlung umfangreiche Briefe Amelies an ihren verstorbenen Mann Teil der Handlung werden. Hier verschwimmen dann teilweise auch die Zeitformen und es ist nicht ganz klar, ob wir uns in einer soeben erlebten Gegenwart aufhalten, oder ob eine schon etwas länger zurückliegende Vergangenheit thematisiert wird.

Aber umso seltsamer war es für mich zu erleben, dass ich eine stringente Geschichte, die ohne Umschweife von A nach B erzählt wird, überhaupt nicht vermisst habe. Denn in „Einmal im Jahr für immer“ geht es um Gefühle, die einfach hervorragend geschildert werden. Es geht um Trauer, es geht um Liebe, es geht um Verlust. Immer wieder nimmt Ricchizzi die verschiedenen Sichtweisen auf ein Kernproblem ein, beziehungsweise lässt ihre Charaktere dies tun.

Dieses Kernproblem lautet Depression und es ist ein Thema, dem man gerade in einem Roman, der ja seiner Natur nach erst einmal unterhalten soll, sehr schwer gerecht werden kann, ohne sich in Allgemeinplätzen zu verlieren. Ganz gelingt dies der Autorin nicht, aber es sind sehr wenige Stellen an denen man gedanklich ins Stolpern gerät und sich fragt, ob das nun „richtig“ ist, was man gerade liest.

Auch dies ist eine Lehre, die man aus dem Roman ziehen kann: Es gibt kein ultimatives Richtig und es gibt kein ultimatives Falsch. Amelie Red stellt sich diesen Dämonen und macht damit im Laufe des Romans eine Entwicklung durch, die absolut nachvollziehbar und glaubhaft ist.

Und irgendwann geht es einem als Leser wie Amelies Eltern im Buch: Der Clown ist einfach anwesend und wird als solches akzeptiert. Ja, es ist geradezu schockierend, wenn an mehreren Stellen zu Tage tritt, dass der Clown eben keine Fantasygestalt sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut ist.

Alles in allem war ich lange der festen Überzeugung, dass ich diesem Roman die Höchstwertung geben würde, aber die wurde leider ganz zum Schluss noch um einen Punkt gedrückt. Denn leider konnte Sarah Ricchizzi der Versuchung nicht wiederstehen, den Beteiligten so eine Art „wrap-up“ zu geben, in dem bis weit in die Zukunft hinein ihr weiterer Lebensweg gezeichnet wird.

Dies tut sie zwar sehr kurz und knapp, aber für mich hat es einiges von der Magie des Augenblicks zerstört, den das eigentliche Ende auf mich ausgeübt hat. Die Geschichte beginnt mit dem Erscheinen und dem Einzug des Clowns und sie sollte daher auch mit seinem Auszug enden. Was danach passiert fügt der Handlung nichts mehr hinzu, es ist ein abarbeiten von Daten auf einem Kalender.

In einem anderen Roman hätte mich dies vielleicht nicht derart gestört, dass ich gleich einen ganzen Punkt abziehe, aber hier ist der emotionale Impact der Szenen, die ich als das eigentliche Ende ansehe, so groß, dass für mich ein bitterer Beigeschmack bleibt. Andere Leser wird dies vermutlich weniger stören als mich, diese können also unbedenklich auf die volle Punktzahl aufrunden.

So oder so ist „Einmal im Jahr für immer“ ein Roman, dessen Lektüre ich empfehlen möchte. Man sollte nur keine Angst vor großen Gefühlen haben!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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6 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi

  1. Hallo Michael,
    Wow! Was für eine ausführliche Rezension 😊 vielen lieben Dank für deine unglaublichen Worte 💙! Es freut mich, dass dir mein Roman, bis auf das letzte Kapitel ;), gefallen hat :). Deine Rezension hat mich sehr gerührt. Ich würde sie gerne bei Facebook verlinken, wenn du nichts dagegen hast? 🙂
    Alles Liebe,
    Sarah Ricchizzi

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Sarah,

      schön, dass du mit meiner Rezension einverstanden bist. Wegen des Epilogs habe ich eine Weile mit mir gerungen, ob ich ihm wirklich so viel Bedeutung beimessen soll, aber schließlich meinem Gefühl nachgegeben.

      Sehr gerne darfst du die Rezi verlinken, wenn du magst. Ich würde mich freuen!

      Liebe Grüße
      Michael

      PS: Was das Thema „gerührt sein“ angeht, sind wir damit dann quitt 😉 🙂

      Gefällt 1 Person

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