Neues aus dem Lektorat (2) Abschied vom Dienst nach Vorschrift

Wie versprochen möchte ich versuchen, den Prozess des Lektorats für meinen Roman „Der Morgen danach“ möglichst dicht zu begleiten. Dabei kann es, das ist die Natur der Sache, dazu kommen, dass Dinge, die ich heute in Bezug auf die Angelegenheit fühle, morgen schon wieder ganz anders sind. Vieles ist Tagesform, da unterscheidet sich die Arbeit an einem Roman nicht von der Arbeit an ganz anderen Dingen.

Heute habe ich also damit begonnen, mir die Anmerkungen meiner Lektorin anzusehen und sie umzusetzen. Dabei bin ich auf eine Tatsache gestoßen, die mir zwar im Vorfeld bewusst war, von der ich aber nun feststellen muss, dass sie mich auf eine ganz andere Weise tangiert, als ich es dachte.

Ihr wisst ja, dass ich der „Man to go“ bin, wenn es bei mir auf der Arbeit darum geht, bestimmte Texte zu verfassen, zu überarbeiten oder zu korrigieren. Man kann halt nur eine gewisse Zeit lang Textarbeit verrichten und erzählen, dass man jetzt den nebenberuflichen Autor gibt, bis sich solche Abläufe von praktisch alleine etablieren.

Nun habe ich eine Vorgesetzte, die sehr akribisch (um das Mindeste zu sagen) an die verfassten Texte herangeht. Da kann es schon mal passieren, dass man auch noch eine zweite und dritte Fassung erstellen muss.

Die hierfür notwendigen Änderungen erreichen mich entweder in einem direkten Gespräch oder auch schon mal in Gestalt von Anmerkungen, die an den Rand des Schriftstücks geschrieben sind. Und dann ist es meine Aufgabe, diese Anmerkungen einzuarbeiten. In den allermeisten Fällen mache ich das auch stoisch, weil Chefs eben Chefs sind und damit das verbriefte Recht zur Endabnahme haben.

Und nun sehe ich mich Seiten aus dem Lektorat gegenüber, die dem, was ich auf der Arbeit habe, gar nicht mal so unähnlich sind. Es gibt Streichungen, es gibt Anmerkungen, es gibt Umstellungen und Ergänzungen.

Der erste Reflex, durch die Arbeit herausgebildet, lautet nun wie folgt: Einfach alles abarbeiten und 1:1 so übernehmen, wie die Lektorin es möchte. Sie ist der Boss, sie weiß am besten, was man für den Text machen muss, damit es ihm gut tut.

In der Tat habe ich auch so zu arbeiten angefangen, aber dann kamen im Laufe der ersten paar Seiten ganz seltsame Gefühle auf, die ich mir zuerst nicht erklären konnte. Es war eine Form von Unwohlsein, nicht direkt ein Unwille, aber auf jeden Fall unangenehm.

Die Antwort lag dabei auf der Hand. Ich arbeite hier nicht irgendein dienstliches Schreiben ab, an das ich null Herzblut investiere, sondern nicht mehr oder weniger den Text meines Romanerstlings. Das, was hinterher in diesem Manuskript steht, wird das sein, was in die Öffentlichkeit geht und was die Leser zu sehen bekommen werden, wenn sie ihn sich kaufen.

Plötzlich war jede Umstellung und Anmerkung mit einem Fragezeichen versehen. Jede Streichung fühlte sich wie eine Amputation an und jede Ergänzung wie das Wirken eines Chirurgen, der meinem Text ein zusätzliches Körperteil annähen will.

Was tat ich also?

Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und versuchte, ganz in Ruhe durchzuatmen und mich selber wieder einzunorden. Denn die Sicht, die ich dabei war, zu entwickeln, war nicht weniger als selbstzerstörerisch. Denn bei Licht betrachtet macht eine gute Lektorin nichts anderes, als noch einmal den Meißel anzusetzen und aus dem Rohdiamanten eines Manuskripts das Beste heraus zu holen.

Dabei werden keine Änderungen gemacht, nur um auf dieser Manuskriptseite möglichst viel angestrichen zu haben. Alles hat einen Sinn, alles hat einen Grund.

Und vor allem: Jeder dieser Punkte ist mehr oder weniger verhandelbar, steht zur Diskussion offen. Wenn meine Vorgesetzte auf der Arbeit will, dass ich einen dicken Smiley über einen Text male, dann soll sie ihren Smiley haben. Denn sie ist der Boss.

Wenn meine Lektorin eine Änderung möchte, dann prüfe ich sie und entscheide, ob ich sie auch gut finde, oder nicht.

Ich bin also im Ergebnis noch einmal die Seiten zurückgegangen, die ich schon abgearbeitet hatte und habe mir die einzelnen Änderungen noch einmal angesehen. Und mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen hat jede diese Änderungen den Text entweder nach vorne gebracht oder sie war zumindest so, dass ich aus der Überzeugung heraus sagen konnte, dass sie ihn weder verfälschte, noch verwässerte. Auch als Autor muss und sollte man nicht an jedem einzelnen Wort kleben.

Und so komme ich nun, hoffe ich, vom Dienst nach Vorschrift zum gemeinsamen Dienst an der Sache. Dienst ist Dienst und das hier ist etwas ganz anderes.

Muss ich auch erst lernen und verarbeiten.

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