Das Schreiben der Anderen: „Zarin Saltan“ von Katherina Ushachov

Märchen, bzw. die Adaption von Märchenstoffen, boomen in den letzten Wochen und Monaten. Immer öfter trifft man auf alte Bekannte aus der Kindheit, etwa auf das Rotkäppchen, Schneewittchen war auch schon vertreten und eigentlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis uns der Froschkönig als genetische Mutation vor die lesefreudigen Augen hüpft. Aber Spaß beiseite: Eine ganze Reihe Autoren haben festgestellt, dass die alten Märchenstoffe sich, mit ein wenig Aufwand, in fantastische Geschichten umdeuten lassen, in denen, dem Genre entsprechend, mal mehr und mal weniger deutliche Fantasy-Elemente verwoben sind.

Mit dem Kurzroman „Zarin Saltan“ von Katherina Ushachov liegt nunmehr bereits der achte Teil aus der sogenannten „Märchenspinnerei“-Reihe vor, die sich genau das soeben geschilderte Prinzip zu eigen gemacht hat. Und da Katherina zu den treuesten unter meinen Leserinnen und Kommentatorinnen zählt, war eine Rezension für mich Ehrensache.

Wenn auch eine, die mich doch vor Probleme gestellt hat …


Mit „Zarin Saltan“ aus der Feder von Katherina Ushachov erscheint der achte und (vorerst?) letzte Band aus der Reihe der „Märchenspinnerei“. In dieser Reihe werden mehr oder weniger bekannte Märchen umgedeutet, oder -interpretiert, und dadurch für unsere modernen Lesegewohnheiten erschlossen.

Nachdem in anderen Romanen ähnlicher Natur gerne auf die Volksmärchen der Brüder Grimm zurückgegriffen wurde und wird, mit denen mehr oder weniger jeder deutschsprachige Mensch aufgewachsen sein dürfte, macht es „Zarin Saltan“ dem Leser nicht ganz so leicht, handelt es sich doch um die Umsetzung des klassischen russischen Märchens „Zar Saltan“ – von dem ich, zu meiner Schande, vorher noch nie etwas gehört hatte.

Das stellt mich für diese Rezension vor das Problem, dass ich einige der Kritikpunkte, die ich anbringen möchte, vielleicht an die falsche Adresse richte, weil die Autorin hier einfach den Plot des Ursprungswerks übernommen hat. Dennoch halte ich die Kritik für gerechtfertigt, denn im Zweifel muss dieses Werk, wie bei mir, eben auch für sich ganz alleine stehen können.

Zu Beginn dachte ich, ich wäre in einem falschen Roman gelandet, denn anhand der bisherigen und vor allem der in Vorbereitung befindlichen Vita von Katherina Ushachov hatte ich nicht damit gerechnet, mich plötzlich in einer russischen Dating-Show wieder zu finden.

Dort treffen die beiden Hauptpersonen der Geschichte, Großfabrikant Viktor und Studentin Anna, aufeinander, nachdem sie beide sich schon zuvor bei einer flüchtigen Begegnung in der Lokalität, in der Anna kellnert, sofort und unsterblich ineinander verliebt haben.

Das Schicksal scheint den beiden auch treu und gewogen zu bleiben. Auf das erste Beschnuppern folgt eine tiefe und starke Beziehung, die in einem Heiratsantrag nach wenigen Wochen gipfelt. Das junge Glück scheint perfekt zu sein, wenn es da nicht leise Misstöne von Seiten der Freundinnen Annas gäbe.

Denn diese beiden, die Anna überhaupt erst zur Teilnahme in der Kuppel-Show überredet haben, hatten ebenfalls ein oder zwei Augen auf den stattlichen Viktor geworfen, der noch dazu mit seinem Reichtum eine extrem gute Partie abgibt.

Und so kommt es dazu, dass während einer berufsbedingten Abwesenheit Viktors die Dinge einen Lauf nehmen, der geradewegs in eine Katastrophe zu münden scheinen.

Der folgende Absatz enthält SPOILER und sollte daher im Zweifel übersprungen werden!

Tanja und Sabrina, die beiden Freundinnen, erschleichen sich über ein Hilfsangebot Zugang in den Haushalt Annas und schieben ihr einen Drogencocktail unter, der sie auf massive Weise halluzinieren lässt und schließlich dazu führt, dass sie im Drogenwahn in eine Klinik eingeliefert und dort mit einer Zwangsjacke fixiert wird. In diesem Zustand wird sie jedoch von Irina, einer guten Fee in Gestalt eines Eichhörnchens, aufgesucht, die in Anna die letzte Chance sieht, noch einmal in ihre alte, menschliche Gestalt zurückverwandelt werden zu können. Deswegen versetzt sie Anna in die Gestalt einer Hummel und fliegt mit ihr gen Russland, wo es zu einer Zusammenführung mit Viktor und zur Aufklärung aller Geschehnisse kommt.

SPOILER ENDE

Es ist wahnsinnig schwer, die Geschichte eines Märchens zu erzählen, ohne sofort alles Mögliche über die Handlung zu verraten. Bei einem der oben erwähnten klassischen „deutschen“ Märchen hätte ich hier deutlich weniger Skrupel gehabt. Wir alle wissen, was mit Hänsel und Gretel passiert. Ich muss niemandem verheimlichen, dass Dornröschen nach vielen, vielen Jahren von ihrem Prinzen gerettet wird und auch die Tatsache, dass beim Wolf und den sieben Geißlein am Ende alle, nur nicht der Wolf, aus der Geschichte gut herauskommen, ist allgemein bekannt.

Hier aber stehe ich vor dem Problem der Deutung, was wohl klassisches Märchengut und was neue Dichtung ist.

Auf mich wirkte die Handlung an einigen Stellen etwas zerrissen, was vielleicht genau diesem Problem in der Deutung geschuldet ist. Ich hatte das Gefühl, mich mehr in einzelnen Episoden oder „Akten“ zu befinden, von denen man den ersten vielleicht „Das glückliche Paar“, den zweiten „Dunkle Schatten und wilde Tiere“ und den dritten „Eichhörnchen und Hummel“ überschreiben könnte.

Grundsätzlich gefällt mir der hiermit einher gehende Genremix. Nach dem sehr prosaischen, um nicht zu sagen an der Grenze zum Kitsch vorbei schrammenden, Start kommen durchaus Elemente des Spannungs- und schließlich des Fantasy-Romans in die Geschichte, was ihr sehr gut tut und keine Langeweile aufkommen lässt.

Aber die Übergänge zwischen den Akten holpern ein wenig, sie brauchen jeder für sich eine gewisse Anlaufzeit. Stellenweise fühlen sie sich auch an, als ob sie gar nichts mit dem bisher Gelesenen zu tun hätten. Das betrifft vor allem den dritten Akt.

Dazu passt auch, dass Anna mir über die gesamte Geschichte hinweg als sehr passiv erscheint. Zuerst wird sie von ihren Freundinnen zur Teilnahme an der Dating-Show gezwungen. Dann überlässt sie scheinbar Viktor das alleinige Vorantreiben der Beziehung. Und zum Schluss begibt sie sich voll und ganz in die Hände von Irina. Das macht es leider schwer, mit Anna wirklich mitzufiebern.

Die Perspektive von Viktor ist dagegen schon deutlich griffiger und packender geschildert. Viktor ist für mich eine wirklich dreidimensionale Figur, die zwar auch ihre schwachen Momente hat (Liebe auf den ersten Blick), aber andererseits selbst im Vollrausch noch versucht, die Dinge entweder selbst zu kontrollieren, oder sich zumindest der Hilfe seines Assistenten zu versichern. Im übrigen eine Dynamik, die mir sehr gut gefallen hat.

Dagegen bleibt die Beziehung zwischen Anna und ihren angeblich besten Freundinnen Tanja und Sabrina eher blass. Ja, wir erfahren, dass natürlich auch diese beiden sich sehr gut eine Beziehung mit dem russischen Magnaten hätten vorstellen können, aber die Art und Weise und die Mittel, zu denen sie schließlich greifen, um das Glück von Anna und Viktor zu (zer-)stören hätten aus meiner Sicht eine bessere Unterfütterung benötigt. Immerhin haben wir es hier mit erwachsenen Frauen zu tun, die wissen müssten, dass Liebe sich nicht erzwingen lässt.

Ähnliches gilt für die Märchenleidenschaft von Anna, die Grundvoraussetzung dafür ist, dass sie die Ereignisse im dritten Akt hinnimmt, wie sie es tut, aber über den Text hinweg mehr behauptet denn richtig aufgebaut wird.

Vielleicht wäre es für die Geschichte besser gewesen, wenn die Autorin sich an der einen oder anderen Stelle ein wenig mehr Erzählzeit gegönnt hätte, um die beschriebenen Kritikpunkte auszumerzen. Ich bin mir sicher, dass sich das Endergebnis dadurch runder angefühlt hätte. Zumal man an vielen Stellen ganz genau merkt, dass Katherina Ushachov durch ihre eigenen ukrainischen Wurzeln dem Stoff eine ausgewogene Authentizität verleihen kann.

Mein Fazit fällt daher insgesamt etwas zwiespältig aus, denn auf der einen Seite steht mit Viktor eine Erzählperspektive, die mir gut gefallen hat, dafür auf der anderen Seite mit Anna eine, die mir stellenweise einfach zu blass bleibt. Die Einbettung klassischer Märchen-/Fantasymotive ist ein belebendes Element, kommt im Rahmen der Geschichte aber einfach ein wenig spät und plötzlich.

Wo man Katherina Ushachov keinerlei Vorwürfe machen kann, ist die formale Präsentation des Romans. Die verwendete Sprache passt sehr gut zu den Figuren und ist auch in den drei Akten in sich stimmig. Der Roman lässt sich sehr gut lesen.

Wie bereits Eingangs gesagt, vielleicht tue ich der Autorin in gewisser Hinsicht Unrecht, weil ich die Vorlage nicht kenne und die Schwächen, die ich benenne, auf diese zurückzuführen sind. Dann täte es mir leid. Aber in der vorliegenden und für sich stehenden Form wiegen mir die Brüche und die Passivität einer der wichtigen Erzählperspektiven zu schwer, so dass ich hier leider nur drei (sehr starke) Sterne vergeben kann.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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