Rezensionen und ich

Vor beinahe genau eineinhalb Jahren habe ich einen Beitrag geschrieben, in dem ich erklärte, wieso ich eigentlich kaum noch Rezensionen verfasse. Ihr findet ihn hier.

In Kurzform gesagt ging es mir damals darum, dass ich mich in einer Art moralischen Dilemma sah, wenn ich die Werke von anderen Autoren, mit denen ich zu tun habe, schlecht bewerte oder im Zweifel davor zurückschreckte, sie überhaupt zu bewerten, wenn es keine gute Rezension werden würde.

In gewisser Weise treiben mich solche Gefühle heute noch um und am liebsten würde ich jeder Rezension, die ich über „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche, fünf Sterne mit auf den Weg geben. Weil ich genau weiß, wie viel Herzblut jeder von ihnen in das veröffentlichte Werk gesteckt hat und wie seltsam es aussehen mag, dass ich, ebenfalls Autor, ebenfalls Bestandteil der gleichen Blase, mir ein Urteil darüber anmaße.

Aber ich habe früh erkannt, dass ich damit niemandem einen Gefallen tue. Mir nicht, den besprochenen Autoren nicht und vor allem auch meinen Lesern nicht – denen gegenüber ich ja am Ende die meiste Verantwortung trage.

Also gibt es unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ nur solche Rezensionen, die wirklich ehrlich sind und die Dinge ansprechen, die ich für ansprechenswert halte.

Dabei richte ich den größtmöglichen Fokus auf die inhaltlichen Aspekte. Das bedeutet nicht, dass ich eine Myriade von Druckfehlern oder Grammatikschnitzern einfach durchwinken würde, aber im Vordergrund steht die Geschichte, die tatsächliche kreative Leistung.

Manchmal überlege ich, ob ich auch andere Dinge mit einbringen soll, wie zum Beispiel das Coverartwork oder dergleichen. Teilweise gibt es zu den hier besprochenen Romanen wirklich tolle Cover – gerade das zum zuletzt besprochenen „Zarin Saltan“ könnte ich da nennen. Aber für mich gehört es eben nur zu den sekundär wichtigen Begleiterscheinungen der Veröffentlichung und ein Lob wäre für mich eher ein Verdienst des Designers als des Autors bzw. der Autorin.

Nun gibt es ja genug Leser, die immer noch darauf warten, dass ich mal den ersten richtigen Verriss schreibe. Und es ist ja auch nicht so, dass ich immer nur gute Romane lesen würde. Das „Problem“ ist nur, dass diese im Allgemeinen nicht in die Rubrik „Das Schreiben der Anderen“ hinein passen. Denn das Konzept – Besprechungen zu Werken von Autoren, über die ich irgendwie direkt über Social Media, meinen Autorenverein oder sonstiges verbunden bin – ist da nun einmal relativ streng.

Und es kommt noch dazu, dass ich längst nicht alle diese Romane lese. Zum Beispiel bin ich kein besonders großer Freund von reinrassigen Fantasyromanen, wie ihr vielleicht schon gemerkt habt. Dem gegenüber stehen aber sehr viele Autoren, die genau diese schreiben. Es wäre nun aber höchst unfair, wenn ich einen Roman lesen und rezensieren würde, von dem ich schon vorher weiß, dass er es schwer haben wird, mich abzuholen und mitzureißen. Das wäre sozusagen ein Verriss mit Ansage.

Dabei hätte ich durchaus Lust darauf, mal wieder einen knackigen Verriss zu schreiben. Wenn man einmal Gefallen an der Kunstform (ja, das meine ich ernst) Rezension gefunden hat, wird man schnell feststellen, dass es manchmal Spaß macht, so richtig vom Leder zu ziehen. Zündet eine Kerze an, fasst euch an den Händen und fragt nach bei Herrn Reich-Ranicki, der wird euch das gerne bestätigen.

Damit kämpfen zwei Seelen in meiner Brust, denn ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich jetzt wahllos irgendwelche Romane hier besprechen würde, zu denen ich eben die oben geschilderte Verbindung nicht habe. Es würde das ganze Konzept über den Haufen werfen, das ich hier verfolge.

Deswegen habe ich angefangen, gedanklich ein wenig herumzuspinnen.

Wie ich in dem oben verlinkten Beitrag erzählt habe, besaß ich einmal eine eigene Rezensionsseite im Internet. Zunächst ganz althergebracht und später dann auf einem eigenen WordPressblog geführt. Zum Schluss schrieb ich dort zwar weitgehend abseits der öffentlichen Wahrnehmung, aber das war mir egal, weil es eben Spaß gemacht hat, meine Meinung zu Dingen zu schreiben, die ich las, die ich sah und die ich hörte.

Nun weiß ich aber auch, dass ich eigentlich jetzt schon zu wenig Zeit habe, um mich um die Dinge zu kümmern, um die sich gekümmert werden muss. Das sagt der Kopf.

Das Herz hat dafür gesorgt, dass ich mir in der letzten Woche die Domain http://www.hoerviews.de wieder gesichert habe, nachdem ich sie vor rund zehn Jahren freigegeben hatte. Ich war sehr überrascht, dass sie tatsächlich noch verfügbar war.

Ob und was ich nun damit mache, das weiß ich noch nicht. Vielleicht verläuft das ja alles im Sande. Aber vielleicht nutze ich diese andere Plattform, wenn ich sie mir erst einmal leidlich schick gemacht habe (alle meine Dateien/Grafiken sind ja noch da), um doch wieder meine hin und wieder schmerzlich vermissten Verrisse schreiben zu können – oder zu loben, wo es angebracht ist, auch wenn ich mit dem betreffenden Autor nicht näher verbunden bin.

Schauen wir mal, ob ich die Zeit dazu finden und sie mir auch nehmen werde. Ich weiß es, ganz ehrlich, noch nicht.

9 Gedanken zu “Rezensionen und ich

  1. Ich bin ja einer Deiner Fans der Rubrik und finde, Du machst das großartig: sehr individuell und trotzdem „objektiv“, wohlwollend und doch den Finger drauf legend – und vor allem ehrlich und authentisch. Dass ein Verriss von Indie-Autoren Dir schwerfallen würde, kann ich gut nachvollziehen – ich würde im Zweifelsfall wohl auch tatsächlich einfach auf die Rezi verzichten. Dennoch würde ich mal gern eine Ohrfeige von Dir lesen, darf dann auch sehr gerne ein berühmter oder schon toter Autor sein 🙂 Und das muss ja dann nicht unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ sein, sondern als eigenständiger Beitrag zwischendurch. Wie auch immer, ich sage meinen Dank für die bisherigen und die noch kommenden Rezis!

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    • Vielen Dank für deine lobenden Worte! Du und NNIN, ihr bildet irgendwie immer ein wenig die Gegenpole.

      Das mit der Ohrfeige lasse ich mal entspannt auf mich zukommen, auch wenn es, wie gesagt, schon in den Fingern juckt. Aber deswegen jetzt auf Teufel komm raus ein Buch lesen, von dem ich vorher schon weiß, dass es schlecht sein wird?

      Hey: Ich könnte ja mal eine Umfrage machen. Was ist das schlechteste Buch, das ihr je gelesen habt. Und das nehme ich dann auseinander 😉 .

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      • Au ja, mach doch mal! Denn schon das Ergebnis dieser Umfrage würde mich arg interessieren. Denn müsste ich mein „schlechtestes“ Buch bennenen, käme ich in große Not: Auch das ist schwieriger als vielleicht angenommen. Schließlich gilt es da genauso viel zu bedenken: Will ein Buch einfach nur Schund sein, will es große Literatur sein, will es nur unterhalten oder etwas ganz anderes? Erst an solchen Fragen misst sich die Antwort … Was war denn Dein „schlechteste“ Buch?

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      • Wenn ich nicht Sorge hätte, dass dabei herauskommen könnte, wie gering meine Reichweite eigentlich wirklich ist, würde ich die Umfrage schon morgen starten 😉 . Aber wenn überhaupt, dann macht es wohl Sinn, sie nach der Buchmesse loszutreten. Vorher sind so viele Blogger irgendwie so wuschig …

        Die Antwort auf mein „schlechtestes“ Buch habe ich hier im Blog schon einige Male gegeben, glaube ich. Und sie fällt so vollkommen aus dem Rahmen, fürchte ich.

        Das schlechteste, oder vielleicht besser: enttäuschendste, Buch, das ich je gelesen habe, ist nach wie vor „Moby Dick“. Ich hatte ein Stück große Literatur erwartet und bekam etwas ziemlich Verwirrendes. Ich hoffte auf ein Abenteuer und bekam ellenlange Grundsatzdebatten über den Walfang.

        Ich weiß, dass dieses Buch quasi erst in Vergessenheit geraten und dann wiederentdeckt werden musste, um seinen heutigen Status zu erlangen. Nun, wenn ich gemein wäre, würde ich sagen, dass es von mir aus auch auf dem Grund des Ozeans hätte liegen bleiben können.

        Jedenfalls habe ich die Lektüre abgebrochen. Etwas mehr als Seltenes bei mir.

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      • Nein, das hatte ich noch nicht mitbekommen. Echt jetzt? Wann hast Du denn abgebrochen? Zugegebenermaßen war der sich lang hinziehende Anfang anstrengend, aber dann … Ich habe den Schinken geliebt, allein die Beschreibungen des Meeres fand ich großartig.

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      • Das kann ich gar nicht mehr so genau sagen, wo ich ausgestiegen bin. Aber es war, zugegeben, irgendwo recht am Anfang. Kurz nach dem Auslaufen, oder so.

        Ich war einfach enttäuscht, weil ich die Geschichte ja in „verdichteter“ Form schon kannte. Genau aus diesem Grund mache ich auch um „Die Meuterei auf der Bounty“ einen großen Bogen …

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  2. NNIN schreibt:

    Ich lese die Rezensionen hier auch gerne, wirklich, und finde sie bemerkenswert.
    Denn das sind ja gar keine Rezensionen im herkömmlichen Sinne, sondern Streicheleinheiten. 5 Sterne = 5mal übers Fell gestreichelt, 3 Sterne = 3mal usw. Es tut den Autoren sicherlich gut, mal keine gehässige Schmähkritik zu lesen, aber auch keine unglaubwürdige Hochjubelarie zu hören. Und dem Leser wird zur Augen geführt, dass jenseits der Verwertbarkeit auch andere Dinge (Idealismus, Bemühtheit) bei einem Buch zählen können.
    Allerdings würde ich mit dem 5maligen Streicheln eher geizig umgehen, denn es ist doch wie beim Abitur in SPD-Bundesländern: wenn von einem Jahrgang 50% einen Einserdurchschnitt kriegen und der Rest eine 2,xx, was ist das wert? Ergo: Wenn richtig Gutes ins Haus kommt, was bleibt? 6 Sterne? 7 Sterne? Nein, nein, der Durchschnitt sollte bei 3 Streicheleinheiten liegen – und wir alle drücken die Daumen, dass hier mal ein wirklicher Rohrkrepierer kommt, der sich das Gestreicheltwerden abschminken kann.

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    • Hallo NNIN,

      lange nichts voneinander gelesen!

      Ich muss gestehen, dass ich jetzt eine Weile nachgedacht habe, wie ich mit dem Kommentar umgehen soll. Das bezieht sich nicht darauf, dass ich geplant hätte, ihn eventuell zu löschen, oder sowas, denn ich kenne ja deine Meinung und lasse sie auch gelten.

      Allerdings gibt es einen Punkt, der mir ein wenig Bauchweh macht. Und das ist der, dass du mir, ja nicht zum ersten Mal, durch die Blume den Vorwurf machst, ich wäre den Romanen und/oder ihren Autoren gegenüber nicht bissig genug.

      Und da muss ich jetzt einfach mal die Gegenfrage stellen: Hast du irgendeines der hier besprochenen Bücher aus meiner kleinen Rezi-Reihe gelesen? Denn es würde mich brennend interessieren, an welcher Stelle unsere Meinungen auseinander gehen und wo ich mich, vielleicht sogar berechtigt, dem Vorwurf stellen müsste, zu lasch zu rezensieren.

      Im Allgemeinen hast du aber natürlich nicht ganz Unrecht. Jedes Bewertungssystem, egal ob Sterne, Prozente oder Schulnoten, krankt daran, dass es eine Wertung in der Momentaufnahme darstellt. Kann ich einem Roman (oder Schüler) eine gute Note verwehren, nur weil vor Jahren mal was Besseres da war? Oder in einem Jahr sein könnte?

      Eine interessante Fragestellung, wie ich finde. Und eine, auf die ich keine Antwort habe.

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