Links, rechts, egal!? Die Buchmesse und die Radikalen

Eigentlich …

Die Straße der guten Vorsätze ist mit Backsteinen aus „eigentlich“ gepflastert. Denn eigentlich wollte ich mich aus der Betrachtung der Geschehnisse auf der Frankfurter Buchmesse heraus halten. Ich bin nicht dabei gewesen und aus der Ferne ist es immer schwer, einen wirklich differenzierten Kommentar abzugeben. Die eigene Meinung wird zwangsläufig durch das was man liest und wo man es liest beeinflusst.

Also, obwohl ich eigentlich meinen Mund dazu halten wollte, nehme ich ein heute erschienenes Interview des „Neuen Deutschland“ mit Kathrin Grün von der Kommunikationsabteilung der Frankfurter Buchmesse zum Anlass, doch ein paar Worte dazu zu schreiben. Ganz einfach, weil ich das Interview für größtenteils sehr offen und fair geführt halte (mal abgesehen von der sehr reißerischen Überschrift), auch wenn natürlich zu jeder Zeit deutlich ist, dass der Fragesteller eher links verortet ist.

Aber zunächst noch einmal in Kurzform zu dem, was passiert ist: Auf der Frankfurter Buchmesse kam es am Samstag zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der rechten Szene und Gegendemonstranten bei verschiedenen Veranstaltungen der Neuen Rechten. Diese wurden teils durch massiven Polizeieinsatz begleitet, bis schließlich eine dieser Veranstaltungen abgebrochen werden musste. Des Weiteren kam es zu einem tätlichen Übergriff auf einen Verleger. An den Vortagen waren Messestände rechtsgerichteter Verlage beschmiert oder schlicht „leer geräumt“ worden.

Und am Ende haben wir eine Situation, in der alle auf alle zeigen und jeder jeden für verantwortlich befindet. Dabei hat es der Buchmesse sicherlich nicht geholfen, dass man sich in den ersten Statements zumindest unglücklich ausgedrückt hat.

Ich habe ja bereits vor der Buchmesse darauf hingewiesen, dass ich grundsätzlich die Meinungsfreiheit als ein hohes Gut ansehe und diese – bei allen Magenschmerzen, die ich persönlich deswegen habe – zunächst auch für rechts gerichtete Verlage oder Autoren gilt. Wer möchte, kann die Diskussion dazu gerne hier nachlesen.

Mit dieser Ansicht liege ich, wenig überraschend, auf der offiziellen Linie der Buchmesse selbst. Was man sich vielleicht im Hinterstübchen für Gedanken macht, kann von meiner Seite aus nicht beurteilt werden.

Was mir aber zu denken gegeben hat, ist in der Tat der Fakt, dass für einen neutralen Beobachter (so es diese denn überhaupt gibt, aber ich denke da zum Beispiel auch an ausländische Medienvertreter) manchmal nicht recht zu erkennen war, wer bei diesem Konflikt nun eigentlich die „Guten“ oder die „Bösen“ gewesen sind.

Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen. Körperliche Gewaltanwendung ist der Punkt, ab dem es keine Diskussion mehr darüber geben kann, ob hier nun jemand auch oder genauso provokant aufgetreten ist, wie die Gegenseite. Wenn ein Mensch verletzt wird, nur weil er von eben dieser freien Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat, um die es in dieser Debatte hauptsächlich geht, dann ist die Grenze überschritten und ich hoffe, dass der dafür Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Aber ich kann auch die Aussagen der Buchmesse verstehen, die sehr deutlich darauf hinweist, dass die Provokationen gegenseitig waren. Und hier haben sich, leider, vor allem die Gegner der rechten Verlage nicht mit Ruhm bekleckert.

Denn jetzt mal ehrlich. Welchem Kindergarten ist denn die Idee entsprungen, die Stände eines Verlages und einer Zeitschrift leer zu räumen? Und welchem Rowdy fiel ein, die Stände mit Parolen zu beschmieren?

Ich kann es ja verstehen und in gewissem Sinne auch nachfühlen. Aber ich sehe eben auch, dass man sich mit solchen Aktionen nicht wirklich auf die moralisch sichere Seite eines Konfliktes stellt, bei dem es, meiner Meinung nach, sehr wohl auch um ein moralisches Bild geht, das man abgeben sollte. Denn die Sprecherin der Buchmesse hat Recht, wenn sie sagt, dass man den Auftritt eines Björn Höcke nicht unterbinden kann, weil er eben der Landesvorsitzender einer dort auf demokratischen Weg gewählten Partei ist. Man kann höchstens hinterfragen, ob es moralisch zu verantworten ist, wenn man Leuten wie Höcke, aber auch Autoren wie Akif Pirinçci, die sich beide bereits mehr als einmal deutlich gegen eine weltoffene Kultur positioniert haben, ein Forum gibt.

Das Problem bleibt bestehen, wie bereits früher angesprochen. Mit jeder nicht durch die Verfassung gedeckten Aktion, die man gegen die Rechte fährt, drängt man sie mehr in eine Märtyrer-Position. Und wenn es etwas gibt, worauf die Anhänger dieses Gedankenguts besonders abfahren, dann sind es Märtyrer. Das war schon immer so und das wird wohl auch immer so sein. Leider.

Heißt das jetzt, dass man nichts gegen die Rechten auf der Buchmesse unternehmen kann? Jein. Man kann ihnen, dazu stehe ich, nicht mit Ausschluss und Verboten begegnen. Denn dann müsste man sich als Messe in jedweder Beziehung politisch neutralisieren. Was meinem Verständnis von Literatur vollkommen zuwider läuft.

Was wir, und damit meine ich alle im weitesten Sinne Kulturschaffenden, vielmehr brauchen, ist eine gesteigerte Rechtssicherheit. Also eine Aussage dazu, was geht und was eben nicht mehr geht. Wie die Messe selber sagt: Solange ein Werk nicht verboten ist, darf eine Zensur nicht stattfinden. Wenn ein Werk nun aber zu verbieten wäre, dann müssen die entsprechenden Instanzen, die es ja gibt, auch entsprechend schnell tätig werden.

Jeder von uns kann und sollte seinen eigenen kleinen Beitrag leisten. Dazu zähle ich aktive Gegenwehr gegen rechtspopulistische Strömungen in unserer Gesellschaft. Auch zähle ich dazu die Solidarisierung mit allen, die durch die Anhänger dieser Strömungen diffamiert, diskriminiert oder ausgegrenzt werden.

Wir müssen nur scharf aufpassen, dass wir die Trennlinie nicht überschreiten zwischen dem, was moralisch richtig ist und dem, was uns selber in unserer Haltung angreifbar macht. In Frankfurt wurde diese Linie, nach allem, was ich weiß, leider stellenweise überschritten. Und am Ende sitzen die Populisten auf der Bühne und freuen sich einen Keks, dass sie die weltweite Aufmerksamkeit auf ihrer Seite haben und irgendwo, an irgendeinem Stammtisch, ein weiterer Mensch beschließt, ab sofort die AfD zu wählen.

Darin sehe ich die wahre Gefahr.

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14 Gedanken zu “Links, rechts, egal!? Die Buchmesse und die Radikalen

  1. Danke für den Beitrag. Sachbeschädigung etc. trifft am Ende eh immer Menschen, die nichts mit dem Thema zu tun haben, zum Beispiel Putzkräfte. Vielleicht fehlt es in der öffentlichen Diskussionen an Alternativen, also Anleitungen zum gewaltfreien Widerstand oder kreativen Protest, der die Aufmerksamkeit auf positive Art in die richtige Richtung lenkt. Fände ich als eine Art gemeinsame Sammlung von Bloggern übrigens eine gute Ideen.

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  2. Es ist immer schwierig, Dinge zu bewerten, die man nicht selber erlebt hat. Im Grundsatz gebe ich dir auch hier recht. Ich habe bei anderen Bloggern, die anwesend waren, gelesen, dass Demonstranten massiv von der rechten Szene angegriffen worden seien und die Polizei nicht die Angreifer, sondern Demonstranten festgenommen hätte. So kenne ich es auch und kann trotzdem nicht sagen, ob diese Beschreibung für dort zutrifft. Wem also glauben? ich weiß es nicht.
    Was die Schmierereien und Beschädigungen betrifft, so hat niemand gesehen, wer das getan hat. Hier das Offensichtliche anzunehmen, greift zu kurz und ist kein Beweis. Da die rechte Szene sich hauptsächlich aus Opferrollen nährt, wäre auch anderes denkbar. Vieles ist möglich, nichts ist klar. Es wird zunehmend inszeniert und manipuliert von allen Seiten.
    Und manchmal denke ich, ist es wirklich klug, denen die volle, laute und gehässige Form der Meinungsäußerung zuzugestehen, die diese lieber heute als morgen abschaffen würden und das sicher nicht ohne Gewalt? Auch hier muss ich sagen: ich weiß es nicht. das ist sehr unbefriedigend.

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    • Ich halte mich bei meiner Bewertung der Situation bewusst an „offizielle“ Quellen, also Aussagen der Buchmesse oder der Polizei. Bei denen gehe ich davon aus, dass keine Färbung in irgendeiner Richtung stattfindet. Genau deswegen finde ich dieses Interview auch sehr bemerkenswert, weil es zwar von einem Medium, das ja kaum weiter links stehen könnte, geführt wurde, aber die recht sachlichen und neutralen Aussagen der Messemitarbeiterin zugelassen wurden.

      Was deine Idee der Inszenierung und Manipulation angeht, so halte ich das zwar für möglich, aber nicht für wahrscheinlich. Wenn ich das annähme, dann müsste ich auch glauben, dass die Verursacher dieser Sachbeschädigungen auch die Proteste hinterher selber (mit-)initialisiert hätten. Und das geht mir, ganz persönlich, dann doch ein wenig zu sehr in Richtung Verschwörungstheorie.

      Aber ja, es ist alles sehr unbefriedigend. Da hast du recht.

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      • Leider gibt es sowohl aus Polizeikreisen als auch aus beiden Lagern und von einigen Witzbolden bewusst falsche Meldungen und Fotos – nicht nur zur Buchmesse.
        Ich finde es sehr bedauerlich, dass man eigentlich nur noch sicher sein kann, wenn man etwas selbst gesehen hat.
        Falsche Tweets von Polizisten sind gerade Themen in mehreren Medien. Heute Abend wohl auch im TV, wenn ich das richtig gehört habe.

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      • Na ja, aber irgendwem muss man vertrauen. Denn auch wenn man selber dabei gewesen wäre, wäre es wohl unmöglich gewesen, die Situation komplett zu überblicken. Da passiert so unheimlich viel so unheimlich schnell und dazu noch alles gleichzeitig.

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  3. Deinen Artikel habe ich gerade erst entdeckt und wie du weißt, weiß ich ja auch nicht … Ich war zwar auf der Messe, wusste sogar, dass „die Rechten“ auch da sind und habe trotzdem nichts mitbekommen, bis ich die Nachrichten auf Twitter las.
    Und nach dem, was ich inzwischen gelesen habe, lag der Fehler nicht darin, dass diese Stände da waren, sondern wie mit ihrer Anwesenheit umgegangen wurde. Ich sehe das wie du: Wer Penisse auf die Wände malt, begibt sich auf Kindergartenniveau und wer versucht, Redner nieder zu brüllen, hält sich nicht an die Spielregeln, deren Einhaltung er selber von anderen einfordert. Natürlich kann man sagen, die Rechten hätten doch angefangen und auf die Wahlkampfveranstaltungen von Merkel u. a. verweisen. Aber da sind wir wieder bei Kindergarten.
    Außerdem sollten die letzten Jahre doch gezeigt haben, wie wohl sich die Rechte in ihrer selbst gewählten Opferrolle fühlt. Da sollte man doch meinen, dass es im allseitigen Interesse wäre, ihnen die nicht zu lassen, sondern zu kreativeren Formen des Protests zu finden. Wie es aussieht, hat dieser Lernprozess aber längst noch nicht überall eingesetzt.

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    • Nun, man kann ja auch auf der Messe nicht überall sein. Und bei diesem bewussten Verlag wäre ich auch nicht gewesen. Hätte ja schon fast was von Katastrophentourismus gehabt …

      Den Rest deines Kommentars kann ich nur in voller Breite unterschreiben! Wir als Gesellschaft insgesamt brauchen einen kreativen, einen konstruktiven und einen intensiven Umgang mit den Rechten. Da sehe ich eine große Verantwortung und Bürde auf uns zukommen.

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  4. Danke für den Artikel! Ich war am Samstag auf der Buchmesse und habe nichts von den Auseinandersetzungen mitbekommen. Aber ich habe einige Veranstaltungen besucht, die mit dem Thema zu tun hatten und dabei habe ich einige Dinge für mich begriffen. Wir dürfen niemals die Demokratie an sich in Frage stellen und wir sollten politischen Extremisten nie die Möglichkeit geben sich als Opfer darzustellen. Und genau deswegen brauchen wir neue Ideen und Kreativität im Umgang mit dem Thema und einen neuen Diskurs mit allen gesellschaftliche relevanten Gruppen. Erst dann wird man sehen, das viele Menschen mit extremen politischen Meinungen Schwierigkeiten haben sich zu artikulieren und sich der gesellschaftlichen Auseinandersetzung entziehen werden, weil sie keine Lösungen für aktuelle gesellschaftliche Problem zu bieten haben, sondern weil sie nur destruktiv agieren können.

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    • Hallo Matthias,

      danke für deinen Kommentar. Ich sehe das wie du und hoffe, dass sich dieses Denken, dass die Demokratie in ihrer gesamten Bandbreite, die nun mal auch das Zulassen anderer Meinungen (wenn sie nicht offen verfassungsfeindlich sind) einschließt, wichtig ist, sich durchsetzen wird.

      WIR sind die Demokraten und sollten das jederzeit nachvollziehbar halten. Und die, die mit einer Demokratie nichts anfangen können, werden, so denke ich, früh genug anfangen, sich selbst zu demaskieren.

      Es ist schade, dass wir in einer Zeit leben, in der so viele Menschen so viel persönlichen Frust haben, dass sie demokratiefeindliche Elemente durch Wahlen u.ä. unterstützen. Es geht darum, diesen Menschen wieder Perspektiven aufzuzeigen und auch deutlich zu machen, dass diese nicht von Rechts kommen werden.

      Ich gebe die Hoffnung hierzu nicht auf.

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      • In dem Zusammenhang scheinen viele Menschen vergessen zu haben, dass sie in einem Land leben in denen es Ihnen grundsätzlich an nichts mangelt und sie alle Möglichkeiten zur Entfaltung haben. Es ist erschrecken wie viele bereit sind, dies aufzugeben. Auch deswegen müssen wir dafür kämpfen, dass uns diese Freiheiten erhalten bleiben.

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      • Vollkommen richtig. Auch wenn der Grat manchmal schmal ist zwischen der freien Entfaltung und dem Missbrauch der solchen. Ich kann die Zweifler da schon irgendwo verstehen. Es ändert aber nichts an meiner grundsätzlichen Einstellung.

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