Stephen King/Richard Chizmar „Gwendys Wunschkasten“ – Eine Meinung

Nachdem ich mein Lese-Dilemma dadurch beendete, dass ich tatsächlich erst brav „Relic“ ausgelesen (und dazu demnächst noch was zu sagen) habe, war dann endlich „Gwendys Wunschkasten“ von Stephen King und Richard Chizmar an der Reihe. Und in netto zwei Stunden ausgelesen.

Gut, dass es sich hierbei „nur“ um eine Kurzgeschichte handelte, das war mir ja vorher bewusst. Und das will ich dem schmalen Bändchen auch nicht zum Vorwurf machen, zumal es wirklich gut in der Hand liegt und auch recht schmuck aussieht:

Klingt das so, als ob ich andere Vorwürfe hätte? Nun ja, dieses Wort ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich muss schon sagen, dass ich ein wenig enttäuscht zurückgeblieben bin.

Aber zunächst ein paar Worte dazu, worum es eigentlich geht. Die zwölfjährige Gwendy steht auf der Schwelle zur Mittelschule und versucht verzweifelt mithilfe von Anstrengungsläufen, bis dahin ihren Bauchumfang ein wenig zu reduzieren. Nun, eher ein wenig viel. Denn sie leidet massiv unter den Hänseleien, die einige ihrer Mitschüler auf sie loslassen. Nach einem dieser Läufe wird sie von einem ihr unbekannten Mann angesprochen, der ihr einen geheimnisvollen Kasten schenkt. Dieser Kasten hat Hebel, von denen einer eine geradezu himmlische Schokolade auswirft, von der ein Stück reicht, um nicht nur satt, sondern auch irgendwie besser zu werden, der andere aber lupenreine Silberdollars ausspuckt.

Aber da sind auch noch die Knöpfe und die haben es wirklich in sich, wie der Mann verrät. Jeder Knopf steht für einen Kontinent. Und dann gibt es noch einen roten Knopf, der einem einen Wunsch erfüllen kann. Nur den schwarzen, den sollte man besser ganz schnell wieder vergessen …

Die Geschichte wird auf dem Buchrücken groß angekündigt als „Wiedersehen mit Castle Rock“. Ein Name, der King-Fans elektrisiert wie nur wenige andere Städtenamen aus seinem umfangreichen Werk. Nachdem ich mit dem Buch durch bin muss ich allerdings sagen, dass es vollkommen egal ist, wo die Geschichte spielt. Sie könnte genauso gut auch in Shitty Place, North Dakota spielen und es würde keinen Unterschied machen. Lokalkolorit wird hier mehr behauptet als erzeugt.

Dieses Manko teilt die Geschichte leider auch mit einigen Punkten in der Erzählweise. Dieses Wort drückt nämlich schon ganz schön aus, was ich meine: Viele Dinge werden im Text mehr erzählt, als dass sie gezeigt werden. Das macht es stellenweise alles andere als leicht, sich in Gwendy oder das, was sie erlebt, hinein zu versetzen. Vor allem aber der zweiten Buchhälfte rauschen so viele Geschehnisse wie in einem Zeitstrahl an einem vorbei, ohne dass sie wirklichen Eindruck hinterlassen. Der Bruch mit der besten Freundin? Ist halt so. Das Kennenlernen ihres ersten echten Freundes? Ja, kann halt passieren. Und der große dramatische Moment am Ende ist praktisch vorbei, bevor er wirklich begonnen hat.

Abgesehen von ihrem Kasten, der je nachdem mal Segen und mal Fluch zu sein scheint, ist Gwendys Leben eigentlich ein ziemlich normales. Und da spielt King natürlich seine volle Erfahrung als jemand aus, der es gewohnt ist, uns das Leben von normalen Menschen so zu erzählen, dass wir mit Interesse bei der Sache bleiben.

Dass der große Knalleffekt für mich am Ende ausgeblieben ist, mag für andere Leser anders sein. Es ist immer auch eine Frage der Erwartungshaltung. Und da hatte ich mir von „Gwendys Wunschkasten“ anhand der im Text gemachten Andeutungen (man denke an den ominösen schwarzen Knopf) einfach mehr versprochen.

Es gibt ja Stimmen, die King schon seit langem ein, wie soll ich sagen, sehr aufgeschlossenes Verhältnis gegenüber dem Generieren neuer Einnahmequellen unterstellen. Und die werden sich jetzt wahrscheinlich wieder alle melden und die Frage stellen, wieso es unbedingt eine Soloveröffentlichung dieser Geschichte gebraucht hat, wieso sie nicht auch in den sicher irgendwann kommenden neuen Kurzgeschichtenband integriert werden konnte.

Ich kann diese Stimmen leider nicht verstummen lassen, denn die Frage ist legitim. „Gwendys Wunschkasten“ hat bis auf die, für mich als Leser der Übersetzung sowieso kaum erkennbar nachvollziehbare, Beteiligung von Richard Chizmar, kein Alleinstellungsmerkmal, das sie von den zuletzt veröffentlichten Kurzgeschichten unterscheidet. Aber nun gut, es wird ja niemand zum Kauf gezwungen, wie es so schön heißt.

Bedauert habe ich den Erwerb des kleinen Bandes nicht. Aber ich werde ihn sicherlich auch nicht so bald wieder in die Hand nehmen, um ihn erneut zu lesen, weil es einfach nicht viel in ihm zu entdecken gibt. Das kann man schade finden, muss es aber nicht.

Ich stelle „Gwendys Wunschkasten“ jetzt ins Regal und freue mich auf den November. Da erscheint mit „Sleeping Beauties“ schon der nächste große Roman von Stephen King, dieses Mal zusammen mit seinem Sohn Owen verfasst.

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