In die richtige Zeit versetzt

Seit gestern kümmere ich mich mal wieder um eine Kurzgeschichte, die ich nur am Wochenende (sprich: zu Hause) schreiben kann. In den letzten Wochen hatte ich sie ein wenig aus den Augen verloren, weil ich mir sehr bewusst bin, dass ich nur an ihr arbeiten sollte, wenn ich mich in der richtigen Stimmung, der richtigen Verfassung und dem richtigen Geisteszustand befinde. Denn, wie ich ja schon mal berichtete, „Das Kind“ (Arbeitstitel) ist kein leichter Stoff.

Die Geschichte macht es mir zusätzlich nicht ganz leicht, weil sie, im Gegensatz zu beinahe allen meinen anderen Arbeiten, im Präsens geschrieben ist. Diese Entscheidung habe ich bewusst gewählt, weil so die Distanz zwischen dem Leser und den Akteuren merklich geringer ist. Man erlebt direkter mit, was ihnen widerfährt und wie es ihnen dabei ergeht.

Ich merke allerdings, dass ich mich hochgradig konzentrieren muss, um diese Zeitform durchzuhalten. Es passiert mir sehr leicht, manchmal wirklich mitten im Satz, dass ich in die Vergangenheitsform abrutsche. Das liegt zum einen an der enormen Gewöhnung, die man einfach inzwischen daran hat. Und zum anderen, weil ich gerade in einer Passage bin, in der es sehr wenig Dialog gibt und lange Beschreibungen vorherrschen: Ein Mann huscht durch einen verschneiten polnischen Wald, weil er glaubt, ein leises Wimmern gehört zu haben.

Das ist keine Situation, in der es um Paukenschläge geht. Da geht es um die leisen Töne, um Angst, um Zweifel und, vielleicht, auch um Mut. Zumal der Mann ahnt, dass sich knapp außerhalb „seiner Welt“ ein gewaltiges Verbrechen abspielt und es unter allen Umständen vermieden werden muss, in diese andere Welt Einsicht zu nehmen.

Die Arbeit geht trotzdem gut voran und ich bin auch vom Ton, den die produzierten Seiten haben, sehr angetan. Es ist schwierig, die richtige Tonart zu treffen: nicht zu schwer, nicht zu leicht, nicht zu bedeutungsschwanger, nicht zu lakonisch.

Eigentlich kann ich nur an meinen eigenen Ansprüchen scheitern. Aber ich denke mir, ich versuche es mal.

Um mich noch besser in die richtige Zeit und die richtige Stimmung versetzen zu können, habe ich es heute außerdem noch einmal mit der passenden musikalischen Untermalung probiert. Und zwar habe ich zum Soundtrack des Spielfilms „Der Pianist“ gegriffen, der in der Hauptsache aus Klaviereinspielungen von Chopin-Stücken besteht.

Falls ihr den Film nicht kennt (dringend nachholen!): In ihm geht es um das Leben des polnischen Juden Wladyslaw Szpilman, der es unter abenteuerlichen Bedingungen und durch die Musik geschafft hat, den Holocaust zu überleben. Eine sehr bedrückende, gleichzeitig aber auch imposante Geschichte. Adrien Brody hat für die Darstellung Spilmans zurecht den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen.

Um euch einen Einblick in die Stimmung und die Musik zu geben, habe ich aber hier ein Stück für euch ausgewählt, das der echte Wladyslaw Szpilman im hohen Alter eingespielt hat.

Eigentlich habe ich es ja nicht so mit klassischer Musik, aber ist das nicht einfach wunderschön?

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4 Gedanken zu “In die richtige Zeit versetzt

  1. „Der Pianist“ ist wirklich ein klasse Film! Die Szene, wo er in einem Raum mit einem Klavier ist und nicht spielen darf….Gänsehaut!

    Die Angst, seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, kenne ich. Da muss man aufpassen, dass ein schönes Projekt/eine gute Idee schnell umgesetzt wird, bevor man es/sie für zu unwichtig hält..

    Gutes Gelingen! Präsens schreibt sich wirklich anstrengend…wirkt aber in vielen Texten einfach am Besten.

    Grüße aus dem Gedankenarchiv

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank!

      Du hast recht mit der schnellen Umsetzung. Gleichzeitig darf es, gerade bei einem Thema wie meinem, aber auch nicht zu schnell sein, sonst wird es nur irgendwie so hingeschludert.

      Wirklich ein Balanceakt.

      Gefällt mir

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