Der Sonntagsreport vom 19.11.2017: Kein zurück

Gestern Abend war ich mal wieder auf einem Konzert. Und zwar gab sich der Sänger Peter Heppner in Krefeld anlässlich seines dreißigjährigen Bühnenjubiläums die Ehre.

Würdet ihr mir vorneweg bitte bestätigen, dass irgendwer von euch (noch) weiß, wer Peter Heppner ist? Denn als ich meiner Kollegin (26), mit der ich mir das Büro teilte, den Namen nannte, wurde ich nur fragend angeschaut.

Ich helfe mal auf die Sprünge: Ab 1987 spielte Heppner sich zusammen mit seinem Partner Markus Reinhardt unter dem Bandnamen Wolfsheim zunächst in die Herzen der Synthie-Pop-Freunde. Frühe Szenehits wie „The Sparrows And The Nightingales“ fanden auch Zugang zu weiteren Hörerkreisen. Der Durchbruch für Heppner kam allerdings erst mit einer der zahlreichen Kollaborationen, die er mit anderen Künstlern eingegangen ist.

1998 erschien „Die Flut“, das Gemeinschaftswerk von Peter Heppner und Joachim Witt, das sensationell bis (fast) an die Spitze der deutschen Single-Charts geschossen ist. Hiervon profitierte auch Heppners Hauptband erheblich, bis hin zum Lied „Kein zurück“, das 2003 für insgesamt zehn Wochen in den deutschen Top Ten war und schließlich mit Gold ausgezeichnet wurde.

Kurz darauf trennten Wolfsheim sich und Heppner machte, mit leider geringerem kommerziellen Erfolg, solo weiter. Sein prägnantes Organ wird und wurde jedoch auch weiterhin von anderen Künstlern gerne als Ergänzung zu eigenen Songs verwendet. Bis heute hat Heppner unter anderem mit Künstlern wie Nena, Camouflage oder auch Schiller gearbeitet.

So, wer sich jetzt noch nicht erinnert, ist wahrscheinlich wirklich nicht dabei gewesen. Aber gut, eigentlich soll es auch nur am Rande um die Musik gehen, auch wenn der Beitrag bis jetzt einen anderen Eindruck gemacht haben sollte. Tatsächlich geht es nämlich um eine Botschaft, die in einigen von Heppners Songs zum Ausdruck kommt – was mir allerdings erst gestern wieder so richtig bewusst wurde.

Dein Leben dreht sich nur im Kreis
So voll von weggeworfener Zeit
Deine Träume schiebst du endlos vor dir her
Du willst noch leben irgendwann
Doch wenn nicht heute, wann denn dann?
Denn irgendwann ist auch ein Traum zu lange her.

Eigentlich sind diese Worte eine große Hülse aus Gedanken, die man in anderen Konstellationen schon oft gehört hat. Konzepte der Achtsamkeit, der bewussten Wahrnehmung, sie alle bauen auf den dahinter liegenden Gedanken auf. Wenn man so will, gehen sogar alte Bauernregeln wie „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ in die gleiche Richtung.

Was mich an dieser Passage, ebenso wie am ganzen Konzert, jedoch mehr gepackt hat, als ich es voraussah, war das Gefühl, irgendwie an einem ähnlichen Punkt in meinem Leben zu stehen.

Ich habe diesen Traum, den Traum vom eigenen Buch. Das wisst ihr alle, so steht es im Titel. Und ich habe mich gefragt, ob ich nicht in gewisser Weise auch diesen Traum immer mehr vor mir her schiebe. Klar, auch diese Frage an mich selbst ist jetzt alles andere als neu oder originell. Ändert aber nichts daran, dass sie legitim ist und gerade dann, wenn sie sich immer wieder aufdrängt, nach Beachtung giert.

Ohne dem Ganzen eine Lächerlichkeit geben zu wollen, die ihm nicht angemessen ist, habe ich mich schon mal gefragt, ob es sich vielleicht um eine Art der Midlifecrisis handelt, die ich mir eingefangen habe. Ich bin Anfang Vierzig, mit einiger Wahrscheinlichkeit bin ich halt irgendwo um die Halbzeit meines Lebens. Andere Männer (und manche Frauen) kaufen sich in dem Alter einen dicken SUV, weil es zum Sportwagen rein geldtechnisch nicht reich. Manche suchen sich irgendeine Liebschaft, um sich wieder jung zu fühlen.

Das liegt mir beides fern, denn das, was ich eigentlich machen will, tue ich ja schon ganz, ganz lange Zeit: ich schreibe. Denn auch das wurde mir bewusst, als ich gestern Abend lange Zeit auf diesen Bühnen-Backdrop schaute. 1987 war auch das Jahr, in dem ich mich zum ersten Mal an meinen Computer gesetzt habe und die Absicht hatte, dass am anderen Ende eines Prozesses ein Roman dabei herauskommt. Peter Heppner steht dieses Jahr 30 Jahre auf der Bühne und ich sitze 30 Jahre an der Schreibmaschine.

Es geht mir nicht um den Vergleich, was ein anderer Mensch bereits erreicht hat und was ich nicht erreichte. Denn dann dürfte ich mich in Anbetracht so vieler engagierter und ambitionierter Autoren, die ihre Erstlinge teils schon vor ihrem zwanzigsten Geburtstag veröffentlichten, gar nicht mehr ins Internet wagen. Es geht höchstens um ein Thema wie stringente Vorgehensweise.

Aber auch an dem habe ich mich an dieser Stelle bereits oft genug abgearbeitet, denke ich. Es wird schwer, dem noch neue Aspekte abzugewinnen. Und langweilen möchte ich euch, liebe Freunde, ja auch nicht.

Jedenfalls stand ich gestern in dieser Konzerthalle, vom strömenden Regen draußen (trotz Schirm) stellenweise bis auf die Haut nass, und erlebte einen seltsamen Gefühlsmix aus Nostalgie, Ergriffenheit, Melancholie und Hoffnung. Denn es ist ja nicht so, dass es keine Möglichkeiten zur Veränderung gäbe. Die gibt es immer. Ich muss „nur“ meinen Hintern hoch bekommen und dann sind alle Dinge möglich, die ich brauche, um meinen Traum zu verwirklichen. Ganz einfach. Es liegt alleine an mir.

Für dieses Gefühl hatte Heppner übrigens auch ein passendes Lied im Gepäck:

Alleinesein, Alleinesein
Heute bin ich einfach mein
in vertrauter Einsamkeit
Alleinesein, Alleinesein
Heute bin ich mir genug
und das tut auch mal ganz gut

Also, was bleibt übrig, abgesehen von einem tollen Konzertabend, der einer Zeitreise glich, einem neuen T-Shirt im Schrank und, wenn ich Pech habe, dem nächsten Schnupfen wegen Kühle und Nässe beim Warten vor der Halle?

Ich denke, dass das Konzert ein weiterer Baustein sein kann auf meinem Weg, mich aus der Tiefe meines „ich kriege nichts gebacken, ich kann nicht schreiben, ich kann mich nicht bewerben, ich kann mimimimimi“ raus zu arbeiten. Inzwischen bin ich nicht mehr so vermessen zu glauben, dass irgendwas in irgendeiner Form eine alleinige Initialzündung sein kann. Wenn es nicht einmal das Gefühl von „du hast nur noch soundso viele gute Jahre vor dir“ kann, was denn dann 😉 ?

Nein, inzwischen glaube ich, dass man den Dingen seinen Lauf lassen muss. Dass man sich die Steine suchen muss. Als ob man aus einem riesigen Haufen von Puzzleteilen die sucht, aus denen sich ein Bild ergibt. Es bringt nichts, den Haufen immer wieder wild in die Luft zu werfen und zu hoffen, dass man deswegen auch nur einen einzigen Schritt schneller zu seinem Ziel kommt. Es braucht Ausdauer, es braucht Geduld, es braucht Ruhe und den Mut zur Langsamkeit.

Ich brauche den Mut zur Langsamkeit!

Oder, um es mit Heppner zu sagen:

Immer vorwärts, Schritt um Schritt
es gibt kein Weg zurück

Also, gehen wir vorwärts. Und ich würde mich freuen, wenn ihr mich weiter auf meinem Weg begleitet!

Alles Liebe

Michael

3 Gedanken zu “Der Sonntagsreport vom 19.11.2017: Kein zurück

  1. Lieber Michael,

    Der Name des Sängers oder der Band sagten mir zwar nichts, aber das Lied „kein Zurück“ kannte ich. Wirklich schöne Stimme und nachdenklich stimmende Texte.

    „Mut zur Langsamkeit“ hast du schön in Worte gefasst. Wenn ich in Lernprozessen drinnen stecke, möchte ich mich manchmal überschlagen und schon morgen alles wissen, aber das geht natürlich nicht. Da muss man dann auch einen langen Atem haben und in Ruhe Schritt für Schritt weitergehen.

    Liebe Grüße,
    Kiira

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Kiira,

      das sind dann so die Momente, in denen ich mich irgendwie „alt“ fühle. Wobei ich mir dann immer die Frage stelle, wie alt sich wohl die Menschen fühlen müssen, die bei der ersten Deutschlandtour der Rolling Stones dabei waren – dann geht es wieder 😀 .

      Schritt für Schritt ist ein Konzept, das zwar in den allermeisten Fällen zum Erfolg führt, aber eben auch, so wie du es erlebst, unglaublich schwer ist. Vor allem dann, wenn man die Richtung, in die man läuft, mehr so halbwegs gut erkennen kann.

      Liebe Grüße
      Michael

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