Von Personenlisten in Romanen am Beispiel Stephen King

Ich habe euch ja noch gar nicht erzählt, dass ich mich im Moment durch den neuen Roman von Stephen King kämpfe, den er zusammen mit seinem Sohn Owen geschrieben hat. Dieser heißt „Sleeping Beauties“ und es geht um eine rätselhafte Schlafkrankheit, die sich zeitgleich auf der ganzen Welt ausbreitet, dabei allerdings nur Frauen befällt und dafür sorgt, dass diese sich selbst in eine Art Gespinst einweben. Wer dieses Gespinst durchbricht, hat schlechte Karten, denn dann verhalten die so Aufgeweckten sich ungefähr so kooperativ wie einer der „Beißer“ aus der Fernsehserie „The Walking Dead“ und es kann schon mal dazu kommen, dass der Mann, der so unvorsichtig war, eines Teils seiner Nase verlustig geht.

Ja, ihr habt richtig gelesen, ich kämpfe mich ein wenig hindurch, denn ich muss gestehen, dass der Roman mich bislang noch nicht so packen konnte, wie ich es mir eigentlich von jedem neuen „King“ erhoffe. Dabei sind die Zutaten eigentlich recht gut, wenn auch stellenweise eine Variation bereits bekannter Muster, einmal gut durchgemischt und mit einem Spritzer Zitrone versehen.

Vielleicht liegt es auch an dem Anteil von Owen King, dass ich diesmal nicht so mitgerissen bin wie bei vielen anderen Büchern des Autors. Die Übersetzung macht es unmöglich, genau den Finger darauf zu legen, wo Stephen aufhört und wo Owen anfängt. Falls man es im Original überhaupt kann. Die Kunst des Miteinanderschreibens besteht ja gerade darin, dass man keinen Bruch zwischen den beiden Erzählerstimmen bemerkt.

Von „Sleeping Beauties“ möchte ich euch aber in diesem ersten Schritt nur so am Rande erzählen, denn ich habe den Roman ja erst zu ungefähr einem Drittel gelesen.

Vielmehr geht es mir darum, von einer Besonderheit zu berichten, die man in nicht allzu vielen Romanen vorfindet. Und zwar geht es dabei um eine dem eigentlichen Geschehen vorangestellte Liste mit allen im Roman auftauchenden Personen:

Ich muss gestehen, dass ich nicht richtig wusste, was ich mit dieser Liste anfangen sollte, als ich ihrer angesichtig wurde. Und das liegt daran, dass ich keine Ahnung habe, was die Autoren glauben, was ich damit anfangen soll.

Es gibt ein Genre, in dem gerne mit Personenlisten gearbeitet wurde (ob das noch so ist kann ich aufgrund mangelnder aktueller Einsicht nicht sagen). Das ist der Heftroman. Gerade in fortlaufenden Serien, die teils Handlungsstränge über viele Romane hinweg entwickeln, fand sich früher ein Kasten zu Beginn des Romans, in dem auf die Hauptpersonen der folgenden rund 64 Seiten hingewiesen wurde. Aber diese wurden, zumindest in meiner Erinnerung, nicht einfach nur in Listenform heruntergeschrieben, sondern es stand auch noch kurz etwas zu ihrer Rolle im folgenden Geschehen, so dass man sie bereits vor dem Lesen ein wenig einordnen konnte. Das prominenteste Beispiel, das mir einfällt, ist die Serie „Perry Rhodan“.

Diese Art der Personenlistung habe ich durchaus als hilfreich empfunden, denn so wusste ich, auf wen ich beim Lesen mein Augenmerk legen konnte. Ja, es ist eine einfache Form des Selbstbetrugs wenn man so will, dass man von vornherein die Hauptfiguren stärker für sich ins Gewicht nehmen kann als die Nebenfiguren.

Andererseits machen wir das in fast allen Bereichen, bei denen wir es mit Ensembles zu tun haben, doch auch so. Der Film und das Theater verraten uns schon auf den Plakaten, auf wen wir besonders achten sollen. Bei Konzerten mit klassischer Musik heißt es nicht nur, wer da jetzt gerade spielt, sondern vor allem, was, also welcher Künstler mit welchen Stücken, gespielt wird.

Nein, eine Liste mit Informationen zu den Hauptpersonen finde ich, rein vom Prinzip, gar nicht schlecht, auch wenn ich bisher noch nie so gearbeitet habe – es aber zumindest für meine eigene Science-Fiction-Serie durchaus in Erwägung zog.

Aber was soll ich mit der über mehrere Seiten gehenden Liste im King-Buch anfangen? Sie bietet keine Informationen darüber, wer im kommenden Handlungsverlauf wichtig ist. So wird etwa der als erstes genannte Meth-Koch gleich zu Beginn des Romans ermordet. Bis dahin hatte man kaum Gelegenheit, sich an seinen Namen zu gewöhnen.

Ich verstehe es einfach nicht. Soll ich vielleicht einen Stift nehmen und jeden Namen abhaken, der mir im Roman begegnet ist? Ich gebe nämlich zu, dass mir ein solcher Gedanke durchaus schon gekommen ist, auch wenn er, das weiß ich selbst, albern ist.

Aber vielleicht kann mir jemand von euch einen Tipp geben, wofür die Liste gut sein könnte. Würdet ihr euch vielleicht sogar wünschen, dass so etwas häufiger in Romanen zu finden ist? Das würde mich wirklich interessieren, denn dann könnte ich ja überlegen, etwas ähnliches bei meinen eigenen Geschichten zu unternehmen.

Dann aber bitte mit kurzer Erläuterung zur Person und nicht „nur“ als reine Liste. Denn die finde ich eher uninformativ. Aber, hey: überzeugt mich! 🙂

20 Gedanken zu “Von Personenlisten in Romanen am Beispiel Stephen King

  1. Sonja schreibt:

    Ich habe normalerweise kein Problem, mir die verschiedenen Figuren samt Namen zu merken, selbst wenn es viele sind. Insofern bringt mir eine solche Liste nichts. Steht da nur der Name plus kurze Charakterisierung, oder wie darf man sich das vorstellen?

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  2. Ich finde die Personenlisten auch befremdlich. Bei angloamerikanischer Literatur habe ich das schon öfter gesehen (meistens bei Trivialliteratur). Ich finde es als Leser gerade interessant, das Buchpersonal und ihre Beziehungen untereinander allmählich zu entdecken. Ich weiß schon, warum ich mit King nichts anfangen kann.

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  3. Weißt du, wer mir als erstes einfällt bei einem Personenverzeichnis? Dostojewski.
    Ich war ganz froh, dass es darin eines gibt, weil die russischen Namen sonst kaum zu merken sind. Noch dazu, wenn aus einem Alexander auf einmal ein Aljoscha wird usw.
    Nein, bei Stephen King finde ich das Verzeichnis befremdlich. Auch noch am Anfang des Buches? Vielleicht solltest du wirklich alle streichen, die sterben …
    Oder King verfällt so langsam dem Größenwahn. Hält sich für Dostojewski …

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    • Vielleicht ist es auch der Einfluss von Kings Filius, der ohne die Liste nicht durchgeblickt hätte. Von Owens Schreibkünsten bin ich anhand seiner mir bisher bekannten Solotaten nur so halb überzeugt.

      Aber Dostojewski … nee, dann doch lieber den größenwahnsinnigen King. Mag trivial sein, aber ich steh dazu.

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  4. Mir geht es anders als dir: Mich hat der Roman sofort gepackt.
    Mit der Liste komme ich aber auch nicht zurecht. Meine einzige Idee: Es ist doch ein recht dickes Buch mit sehr vielen Figuren – möglicherweise verschafft sich der ein oder andere ja damit einen Überblick, wenn es einen „Wer war das nochmal?“-Moment gibt? So richtig passt diese Liste mir aber auch dafür nicht. Beim Aufschlagen des Buches überfordert sie erstmal.

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    • Hallo Cary und danke für deinen Kommentar!

      Ich fand in der Tat, dass der Roman im Laufe seiner Handlung gewonnen hat. Inzwischen habe ich von vielen gelesen, denen es genau umgekehrt ging. Also haben Papa und Sohn King scheinbar doch wieder was richtig gemacht. Auch wenn der Roman insgesamt sicherlich nicht zu Kings Besten gehört. Oder was meinst du?

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      • Ach, ich habe schon viele deutlich schlechtere von King gelesen – und das sage ich, obwohl ich großer King-Fan bin. Ob er zu den Besten gehört? Schwer zu sagen, ich bin ohnehin noch nicht ganz durch. Generell finde ich einen Vergleich hier nicht ganz einfach, allein wegen der Masse an Werken.

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      • Ich würde, wenn, dann auch nur mit seinen „Alterswerken“ vergleichen wollen. Denn stilistisch haben sich der King der 80er und der King der 2010er ja schon ein wenig voneinander entfernt.

        Aber es stimmt schon: Gemessen an Romanen wie „Das Monstrum“ oder „Dr. Sleep“ ist „Sleeping Beauties“ pures Erzählergold.

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      • Ich muss mich jetzt als jemand outen, dem schon „Shining“ nicht sonderlich gefallen hat. Ich ziehe viele von Kings anderen frühen Romanen vor. Insbesondere „Brennen muss Salem“ und „Christine“. Aber auch einige der Bachmann-Romane. „Todesmarsch“ halte ich nach wie vor für allergrößtes Kino!

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      • Brennen muss Salem habe ich noch gar nicht gelesen – aber kürzlich gebraucht erstanden, das folgt also bald. Wir werden also sehen, ob wir da übereinstimmen 😉
        Shining mag ich aber sehr – daber so viel wie King veröffentlicht (hat), ist es ja auch kein Wunder, dass jeder so seine Favoriten hat…

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