Meldung und Meinung: Amazon Publishing kommt in den stationären Buchhandel

Gerade tobt mal wieder der Sturm im Wasserglas und wie immer dann, wenn der Großhändler Amazon beteiligt ist, tobt er besonders heftig. Mindestens mit Windstärke acht, würde ich schätzen.

Was ist passiert? Der ebenso geschichtsträchtige wie am Markt etablierte Barsortimenter KNV hat angekündigt, die Titel des Amazon-eigenen Verlagsprogramms Amazon Publishing in sein Sortiment aufzunehmen. Das bedeutet, kurz gesagt, das ab diesem Zeitpunkt jede Buchhandlung in der Lage sein wird, entweder auf eigene Veranlassung Bücher dieses Verlags ins Schaufenster zu legen, oder sie zumindest auf Kundenwunsch hin zu bestellen.

Nun sind diejenigen unter den Buchhändlern nicht weit, die bereits den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören. Da ist davon die Rede, dass KNV damit den Ast absäge, auf dem die Branche sitzt. Es wird geunkt, dass Amazon auf diese Weise den kompletten Markt des Selfpublishing übernehme und damit der Tolino-Allianz den Hahn zudreht. Einen guten Überblick über Reaktionen hat das Börsenblatt.

Meine Meinung dazu, die ich natürlich nicht exklusiv habe, wie auch einige Reaktionen auf den genannten Artikel zeigen, lautet, dass hier anscheinend mehrere Dinge in einen Topf geworfen werden.

Amazon Publishing ist – und das bleibt so, bis jemand das diabolische Gegenteil beweist – erst einmal ein Verlag wie jeder andere auch. Es gibt ein Lektorat, es gibt mehrere Imprints, es gibt Qualitätsstandards und es gibt Autoren, die angenommen oder eben auch abgelehnt werden. Alleine deswegen ist es schon unsinnig, diesen Verlag mit dem breiten Angebot der Selfpublisher in einen Sack zu stecken, denn auf diesem Gebiet kann nach wie vor jeder das veröffentlichen, wonach ihm gerade der Sinn steht. Das unterscheidet allerdings die Plattform Kindle nicht von der Plattform Tolino.

Man erinnere sich an frühere Zeiten, so ungefähr vor fünfzehn, vielleicht auch mehr Jahren, als das Unternehmen BoD praktisch das Monopol auf Selfpublishing-Titel hatte (die damals noch keiner so nannte). Durch die Anbindung an die Mutter libri konnte BoD damals auch in alle Buchhandlungen geliefert werden, wenn sich denn ein Buchhändler dazu herabließ, den Kram von Amateuren zu bestellen. Ein hinkender Vergleich? Mag sein, aber ein Vergleich bleibt es.

Kehren wir zurück zu Amazon und den Buchhändlern. Ich verstehe nicht, worin für einen Buchhändler der Unterschied besteht, einen Titel z.B. bei Bastei Lübbe, bei einem Kleinverlag wie meinetwegen Scylla oder eben bei Amazon zu bestellen. Alle verlegten Titel haben, Preisbindung sei Dank, für alle die gleichen Konditionen. Egal, ob bei Amazon bestellt, oder bei Thalia aus dem Geschäft getragen. Und man muss schon ein ziemlich großer Verschwörungstheoretiker sein, um zu glauben, dass diese Kooperation mit Amazon Publishing der erste Schritt sei, um das ganze System auszuhebeln, nach dem der Buchhandel in diesem Land funktioniert. Wie soll das auch gehen? Welches Druckmittel sollte Amazon haben? Bestellt wird doch eh über die Sortimente und nicht bei Amazon. Gerade bei denen ja eben nicht.

Und, man kann es nicht oft genug betonen, wir sprechen hier von Amazon, dem Verlag und nicht von Amazon, der Verkaufsplattform!

Ich könnte es, vielleicht, noch verstehen, wenn die Verlage sich jetzt Sorgen zu machen beginnen. Weil man davon ausgehen könnte, dass Amazon ein größeres Potenzial mitbringt, neue Titel in den Markt zu drücken und Leser für eigene Autoren zu gewinnen. Aber das ist der Markt, mit dem Verlage schon seit Jahrhunderten zu tun haben und, mal ehrlich, am Ende reguliert der Markt sich von selbst. Auch Amazon wird nicht jeden daher gelaufenen Autor nehmen, weil dann nämlich die Marke schnell am Ende wäre. Und so wird aus Amazon Publishing ein Player wie jeder andere. Sicher größer als manch anderer, aber ein ganz normaler Mitspieler.

Ich bin gespannt, welche Formen dieser Sturm im Wasserglas noch annehmen wird und ob der stationäre Buchhandel es wirklich durchzieht, Kunden abzuweisen, die auf die Idee kommen, Bücher von Amazon Publishing im Laden erwerben zu wollen. Denn denen wird man den Unterschied zwischen Bastei, Scylla oder Amazon sicherlich noch weniger erklären können als mir. Und übrig bleibt dann ein Kunde, der nicht bekommen hat, was er haben wollte – und als Reaktion dann eben gleich bei dem Unternehmen bestellt, das denselben Namen hat wie der Verlag.

2 Gedanken zu “Meldung und Meinung: Amazon Publishing kommt in den stationären Buchhandel

    • Dankeschön! Da scheint mein Sternzeichen bei mir durchgekommen zu sein (brüll) 😉 .

      Ich bin gespannt, wie die Posse sich weiter entwickelt. Eigentlich kann nur irgendwann jemand sagen: »Äh, da haben wir uns wohl geirrt …«

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