AWDML (11) Wie ich selbst einmal ein Hörspiel schrieb

Disclaimer: In der Beitragsreihe A Walk Down Memory Lane beschäftige ich mich in Form von Rückbetrachtungen und Anekdoten mit Begebenheiten aus meiner schreibenden Vergangenheit. Auch wenn der Blick manchmal leicht verklärt sein mag, so ist der Inhalt doch die reine Wahrheit. Jedenfalls so rein, wie ein Autor ihn zu schreiben in der Lage ist.


Kommen wir noch einmal auf das Thema Hörspiele zurück, mit dem wir uns ja gerade erst beschäftigt hatten. Wie ich euch ja schon berichtete, füllte das Thema so rund um die Jahrtausendwende ein Großteil meiner Zeit aus.

Aber schon früher, weit, weit früher, beschäftigte ich mich damit. Und das sogar in der Art und Weise, dass ich selber Hörspiele schrieb.

Wie sollte es auch anders sein, schließlich waren die Geschichten vom Band oder von der runden Scheibe für mich ein beinahe ebenso großer Einfluss, wie es gedruckte Bücher waren. In Hinblick auf meine Liebe für manche Genres wahrscheinlich sogar ein größerer. So hörte ich, lange bevor ich sie las oder einen der Filme sah, die Geschichte des Grafen Dracula. Buchreihen wie die der „Fünf Freunde“, die als Jugendbuch sehr erfolgreich waren, gab es für mich nur in Form ihrer Hörspielumsetzung. Und auch meine Affinität zum gepflegten Trash wurde sicherlich durch Hörspiele wie die zu den Groschenromanserien „John Sinclair“, „Larry Brent“ oder „Macabros“ mitgeprägt.

Da lag es nahe, dass irgendwann der Wunsch aufkam, so etwas auch selbst zu machen. Und weil sich damals in einem durchschnittlichen Kinderzimmer immer ein Kassettenrecorder mit Aufnahmefunktion fand (sucht den mal in den Zimmern von heute) und auch die eine oder andere Leer-MC aufgetrieben werden konnte, war es gar kein Problem, sich seine eigenen Geschichten auf Band aufzuzeichnen.

Einen sehr großen Einfluss hatte damals die Toyline „Masters of the Universe“ auf meinen besten Freund aus Jugendtagen und mich. Eigentlich nicht mehr als testosterongeschwängerte Fantasy-Ausgaben der Barbie-Puppe, waren sie doch hinreichend beeindruckend in ihrer Formen- und Farbenvielfalt, dass uns die ganzen Diskussionen, die in der Welt der Erwachsenen über „Monster im Kinderzimmer“ geführt wurden, absolut egal waren.

Meine Eltern waren, was dieses Thema anging, zum Glück ausnehmend entspannt. Und so konnte ich bald auf einen großen Fundus an Masters-Figuren zurückgreifen, die alle ihren eigenen Charakter, ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Abenteuer versprachen.

Diese Versprechungen wurden genährt durch die Abenteuer, die es in Kassettenform vom damals wie heute omnipräsenten Hörspiellabel Europa gab. Insgesamt 37 Folgen erschienen damals und regten die Phantasie selbst dann an, wenn erkennbar war, dass der jeweilige Inhalt der Geschichte mehr als alles andere dazu dienen sollte, das zugehörige Spielzeug zu verkaufen.

Aber nichtsdestotrotz waren die Hörspiele absolut professionell gemacht und warteten mit Sprechern auf, die man schon damals zur Topriege ihrer Zunft rechnen durfte. Die Hauptrollen wurden etwa von Norbert Langer und Peter Pasetti gesprochen, die man damals vor allem als Synchronsprecher und als Schauspieler kannte.

Nun gut, lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwann kamen wir auf die Idee, selber Masters-Hörspiele zu machen. Die meisten dieser Kurzfolgen entstanden vollkommen spontan und ohne „Drehbuch“. Aber ich kann mich erinnern, mindestens in einem Fall auch ein Script geschrieben zu haben, das allerdings nicht wirklich mehr war als ein Sammelsurium zusammengeklauter Szenen aus der Hörspielserie.

Erst einige Jahre später, als ich ernsthaft zu schreiben begann, sollte das Thema Hörspiel für mich wieder wichtig werden.

Ich habe 1987 damit begonnen, meinen Romanerstling „Silverstar: Angst im Perseus-Spiralnebel“ zu schreiben. Abgeschlossen habe ich ihn 1993. In der Zwischenzeit habe ich nicht etwa immer wieder ewig lange Pausen eingeschoben (okay, die gab es auch), sondern ich habe immer wieder neu angesetzt, die mir so wichtige Geschichte zu einem Ende zu führen. De facto dürfte dieser Roman derjenige sein, den ich bis heute am meisten überarbeitet habe – und der dennoch, Erstling eben, zurecht ein Dasein in der Schublade fristet.

Ich habe wirklich alles probiert. Zuerst machte ich aus einem Roman drei Romane, weil ich dachte, dass ich vielleicht zu viel in ein Buch reinquetschen wollte – was sich im Nachgang auch als richtig erwies. Dann setzte ich gefühlte hundert Mal wieder von vorne an, änderte einiges im Ablauf und versuchte, mich über den Punkt hinweg zu schreiben, an dem es mir nicht mehr gelang, der Geschichte zu folgen.

Und irgendwann kam mir dann die Idee, das Ganze als Hörspiel zu schreiben.

Ich hatte nie die Ambition oder die Absicht, aus „Angst“ wirklich ein Hörspiel zu machen. Es ging mir einfach um den neuen Ansatz und darum, dass ein Hörspiel unbestreitbare Vorteile bietet, wenn es nur darum geht, eine Handlung möglichst schnell voran zu treiben.

In einem Hörspiel gibt es per Definition (Ausnahmen bestätigen die Regel) keine Erzählerpassagen, die sich über mehrere Seiten hinweg ziehen. Bei einem Hörspiel sollen und müssen die Charaktere sich auf den Punkt und rasch äußern. Es muss praktisch immer irgendwas interessantes passieren, weil ansonsten die Aufmerksamkeit des Hörers – für mich waren das noch Kinder und Jugendliche wie ich selbst – nachlassen würde.

Und so wurde dann aus dem kompletten ersten Band meiner „Silverstar“-Serie, der später einmal runde 79.000 Wörter umfassen sollte, ein Hörspielmanuskript auf etwa 70 Seiten. Nachsehen kann ich leider nicht, weil auch dieser Entwurf, wie so vieles andere, wegen eines nicht mehr unterstützten Dateiformats für mich verloren ist.

Irgendwann merkte ich dann aber, dass ich nicht zum Hörspielautor geschaffen war. Genau das, was ich vorher als Vorteil ausgemacht hatte, fehlte mir schließlich. Ich wollte genauere Beschreibungen haben. Ich wollte auch in die Gedankenwelt meiner Charaktere eintauchen. Ich wollte die zusätzliche Ebene, die eben nur ein Buch liefern kann.

Also setzte ich alles wieder auf Anfang und begann, den verdammten Roman wieder von vorne zu schreiben. Aber diesmal kam ich über die Stellen hinweg, bei denen es mir vorher immer schwer gefallen war. Weil ich schon wusste, in welche Richtung ich schreiben wollte und was dort passieren sollte. Die Hörspielfassung hat mir also auf jeden Fall gute Dienste geleistet und ich bereue die Zeit keinen Moment, die ich auf sie verwendet habe.

Ob es mich heute noch einmal reizen würde, ein Hörspiel zu schreiben? Nein, eigentlich nicht. Das sollen die machen, die sich besser darauf verstehen. Und in der Zwischenzeit sind einige Menschen, die ich damals als Teil der Fanszene kennengelernt habe, auf die andere Seite gewechselt und machen heute ihr eigenes Ding. Mit überwiegend sehr guten Ergebnissen, wie ich feststellen kann.

Aber ich werde bei meinen Romanen bleiben. Auch wenn ich dem ganzen Hörspielding mit „Der Rezensent“ ja einen eigenen Thriller gewidmet habe. Irgendwann wird auch dieser Roman in irgendeiner Form das Licht der Welt erblicken. Da bin ich fast sicher.

Bis dahin höre ich weiter Hörspiele, auch die von damals, und erinnere mich daran, wie es war, als ich noch einfach so Geschichten und Geschichtchen in purer Dialogform erzählte.

Let’s take a walk down memory lane!

4 Gedanken zu “AWDML (11) Wie ich selbst einmal ein Hörspiel schrieb

  1. Gefällt mir wieder sehr, dieser AWDML-Rückblick. Ja, diese Miscung, die wir Hörspiel-Kinder hörten, war schon so prägend wie spannend. Tatsächlich bekamen wir eben auch große Literatur häppchengerecht serviert – ich lernte so etwa den Grafen von Monte Christo, Käptn Ahab oder Lederstrumpf kennen. Auch Geschichte wurde transportiert, ich erinnere mich etwa an Hörspiele zur Titanic oder dem Wettlauf zum Pol. Ob’s so etwas heutzutage überhaupt noch gibt? Später habe ich dann die „anspruchsvolleren“ Hörspiele geliebt (nein, ich meine jetzt grad nicht Prof. Dr.Dr. van Dusen), etwa Günter Eichs oder Heinrich Bölls Klangwelten. Kennst Du die?
    Mit lieben Vorweihnachtsgrüßen!

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    • Günter Eichs und die Klangwelten sagen mir jetzt gerade nichts. Dafür habe ich alle „van Dusen“ gehört 😉 .

      Das mit der großen Literatur ist in der Tat etwas sehr Prägendes gewesen. Auch wenn die Simplifizierung der Handlung teilweise ja schon arg erschreckend war. So dauerte die Fassung der „Drei Musketiere“ von Europa gerade mal etwas über eine halbe Stunde, glaube ich. Andere Geschichten höre ich heute noch sehr gerne. Kennst du die „Meuterei auf der Bounty“ von Kurt Vethake, den Zweiteiler? Das war damals große Literatur.

      Hörspiele, die Geschichte transportieren, fallen mir jetzt aktuell keine ein. Aber wenn du dich vielleicht auch etwas spezifischer für Klassiker erwärmen kannst, dann wäre vielleicht das „Grusel-Kabinett“ von Titania Medien etwas für dich. Grusel wird dort sehr breit gefächert und es werden sehr viele Klassiker eingebunden, etwa eine tolle 2CD-Fassung vom „Schimmelreiter“.

      Und sonst läuft gerade eine Welle von H.G. Wells Hörspielen bei einigen Labels. Ist gerade in Mode.

      Mit ein wenig Vorsicht empfehle ich die sogenannten „Holy Klassiker“, die ein wenig in Richtung der alten Europa-Klassiker gehen, was die Themen angeht. Da gibt es einige Folgen als Promo auf YouTube zum Probehören, etwa hier: https://www.youtube.com/watch?v=dNSM-fn5pVo

      Und jetzt habe ich bestimmt noch einiges vergessen.

      Liebe Grüße zurück! 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Yep, den Bounty-Zweiteiler kenne ich 🙂 Und Deine anderen Tipps, was Klassiker angeht, werde ich gerne sichten bzw. hören. Günter Eich hat in den 50er Jahren die Gattung Hörspiel auf ein völlig anderes Level gehoben. Ich war, als ich die Dinger als Wiederholung im Radio, so Anfang der 80ern hörte, richtiggehend elektrisiert. Höre etwa hier in „Das Jahr Lazertis“ (1954) hinein, mit Gert Westphal oder Therese Giese: https://www.youtube.com/watch?v=rypqFMd02z8.
    Liebe Grüße zurück zurück!

    Gefällt 1 Person

    • Danke dir für den Tipp! Ich muss allerdings vorab gestehen, dass ich mit Hörspielen, die vor den 60ern entstanden sind, so meine Probleme habe. Ich kann nicht einmal genau den Finger drauflegen, woran es liegt. Hat wahrscheinlich viel mit der eigenen Sozialisierung zu tun. So ging es mir bei Filmen aber auch ganz lange: Alles, was so vor den 60ern lag, war ein Stück weit Diaspora. Das hat sich erst im Laufe der Jahre gewandelt.

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