Ich bin, ich kann, ich habe. Oder: Bewerbung bei einer Literaturagentur

Die Unterlagen sind zusammengestellt. Das Exposé wurde mit Geduld, Spucke und einer großen Schere auf die geforderten zwei Seiten (Maximum) zurecht geschnippelt. Die Leseprobe hat die benötigten 30 Seiten. Auch wenn mich stört, dass sie mitten in einem Absatz endet: So sind die Regeln. 30 Seiten heißt 30 Seiten. Nicht 29 und nicht 31. Man will ja zeigen, dass man in der Lage ist, die Ausschreibungsbedingungen zu lesen.

Die Kurzvita ist schon ein wenig schwerer. Was soll man reinschreiben, was lässt man draußen? Ich entschließe mich dazu, einiges von dem, was noch vor einem Jahr, als ich mich mit „Der Morgen danach“ bei meinem Verlag beworben habe, drin gewesen ist, rauszuwerfen. Ich fühle mich nicht mehr besonders wohl mit diesen Passagen und deswegen ist es wohl das beste, sie einfach zu eliminieren.

Was dann noch fehlt, ist nur noch eine Formsache. Das Anschreiben. Die Bewerbung.

Und dann sitze ich wie ein kleiner Doofie vor meiner Tastatur und starre auf die leere Seite meines Schreibprogramms. Tippe die ersten Worte: „Sehr geehrte Damen und Herren“. Lösche sie wieder. Leider ist auf der Homepage der Agentur kein konkreter Ansprechpartner erkennbar. Deswegen komme ich um eine unpersönliche Anrede nur schwer herum.

Ich atme tief durch, überlege kurz und ergänze dann: „Sehr geehrtes Team der Agentur xy, sehr geehrte Damen und Herren“. Das gefällt mir immer noch nicht, aber ich kann mir ja nicht einfach irgendeinen aus dem halben Dutzend auf der Webseite aufgeführten Agenten herauspicken. Zumal auch die E-Mailadresse eine anonyme ist. Leicht macht man es einem dort wirklich nicht.

Aber gut, die Anrede ist geschrieben. Und dann starre ich wieder auf das nur noch fast leere Blatt und überlege mir, was ich schreiben soll.

Ich möchte mich um eine Zusammenarbeit bewerben. Aber ist „bewerben“ eigentlich das richtige Wort? Die Webseite spricht davon, dass ich ein Angebot zur Zusammenarbeit mache. Aber ich kann doch nicht einfach schreiben: „Ich biete Ihnen an, mit mir zusammen an meinem Manuskript zu arbeiten“. Wie hört sich das denn an? Wohl größenwahnsinnig geworden, wie!?

Wie bewirbt man sich, wenn man nicht schreiben will, dass man sich bewirbt, weil es vielleicht zu unterwürfig klingt? Ich versuche herauszufinden, wie genau das Anschreiben an meinen Verlag damals gelautet hat. Aber irgendwie hilft mir das nicht weiter, denn ich hatte ganz andere Voraussetzungen. Und das Anschreiben an den zweiten Verlag, an den, bei dem ich mich mit „Der Beobachter und der Turm“ schon einmal beworben hatte, ist irgendwie Verschütt gegangen. Einfach weg! Bestimmt so gut weg sortiert, dass ich es selber nicht mehr finde.

Durchatmen. Ich kann das. Ich bin gut in so was. Es ist unter anderem mein Job, Menschen anzuschreiben und ihnen im Zweifel sogar zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben.

Nein, falsch, vollkommen falscher Ansatz. Die Agentur soll nichts für mich tun und sie soll schon gar nichts für mich lassen. Sie soll mit mir zusammen arbeiten und die Unterlagen, die ich zusammengestellt habe, sollen mein Türöffner für diese Zusammenarbeit sein.

Ich erinnere mich an das, was ich mal über Stellenbewerbungen gelernt habe. Ist jetzt auch schon über 24 Jahre her, dass ich mich auf eine Stelle beworben habe. Aber ich weiß noch, dass es immer gut aussieht, wenn man kurz schreibt, wieso man eigentlich genau da, wo man nun hinschreibt, gerne arbeiten würde. Oder in diesem Fall halt zusammenarbeiten würde.

Ich schreibe einen entsprechenden Absatz. Ungefähr drei Mal, bis er halbwegs so aussieht, als ob er von mir stammt und nicht aus irgendeinem Ratgeber abgeschrieben ist. Es hilft ungemein, dass ich mir zwischendurch bewusst werde, dass ich schreibe, als hätte ich ein Lineal verschluckt. Nachdem ich es mühsam hervorgewürgt habe, geht es besser.

Nächster Absatz. Das ist einfach. Ein kurzer Pitch, worum es in dem Roman geht. Moment – habe ich wirklich das Gefühl, dass das einfach ist? So ziemlich das Schwierigste, was man machen kann: Kurz und knapp die eigene Story zusammenfassen?

Meine Güte, wie schwer muss mir der Rest fallen, wenn ich das auf einmal als einfach empfinde!

Los, ich muss zum Ende kommen, ansonsten bekomme ich entweder die Kopfschmerzen des Jahrhunderts oder ich bringe das gar nicht mehr fertig.

Schlussformel. Auch hier habe ich mal was gelernt, nämlich, dass man den Konjunktiv so gut es geht vermeiden soll. Ich bin hier, weil ich ein Angebot habe, das ihr eigentlich nicht ausschlagen könnt! Ich muss nicht „hoffen“ oder „würden“.

Mit so viel Mumm, wie ich aufbringen kann, schreibe ich: „Ich freue mich, wenn die beigefügten Unterlagen Sie in Bezug auf eine Zusammenarbeit überzeugen.“

Mit Mühe unterdrücke ich den Nachsatz: Und das werden sie! Denn das wäre nicht nur gelogen, sondern auch mehr als nur zwanzig, eher zweiundzwanzig, Schichten zu dick aufgetragen.

Dann lese ich das Ganze durch. Einmal, zweimal, dreimal, sechsmal. Suche Fehler, finde keine. Suche noch einmal, weil ich mir selbst nicht traue. Füge die Dateien an, checke auch diese zweimal gegen.

Alles passt.

Nur noch auf „Senden“ drücken. Aber das Gefühl kenne ich ja inzwischen, wie schwer es ist, diesen Button zu drücken, wenn es um das eigene Schreiben geht. Ihn zu drücken ist am Ende fast so leicht wie das Pitchen meiner Geschichte.

Und jetzt heißt es warten. Ungefähr acht Wochen lang. Dann wird der Frühling schon fast an die Tür klopfen.

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19 Gedanken zu “Ich bin, ich kann, ich habe. Oder: Bewerbung bei einer Literaturagentur

  1. Lieber Mic,
    weißt du eigentlich, wie mutig du bist?
    Vermutlich nicht, oder? Mut ist, wenn man seine Ängste überwindet. Nicht der hat Mut, dem etwas leichtfällt, sondern der, der darum kämpfen muss.
    Weiter so, du mutiger Held! Du wirst die Heldengeschichte zu einem guten Ende bringen!

    Liebe Grüße von einer, die den leichten Weg gegangen ist …

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    • Oha, Margaux, darf ich mir das groß an die Wand schreiben? Vielen lieben Dank für deine Worte! Sie fühlen sich seltsam an, unverdient und so, dass ich sie flugs relativieren möchte. Ich tue es nicht. Ausnahmsweise. Bin einfach nur dankbar.

      Aber ich würde nicht sagen, dass du den leichten Weg gegangen bist. Aus meiner Sicht ist es viel höher zu bewerten, alles „alleine“ zu machen, sich durchzubeißen und immer und immer wieder den Prozess von vorne zu beginnen. Mal ganz von deiner großen Präsenz auf diversen Messen in diesem Jahr abgesehen.

      Aber so ist es wohl: Man erkennt immer leichter den Mut des anderen als den, der sich hinter der eigenen Stirnwand abspielt.

      Liebe Grüße!

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  2. NNIN schreibt:

    Was für ein Zufall! Exakt heute – oder morgen, allerspätestens übermorgen – werde nämlich auch ich so ein Anschreiben an Agenturen schreiben (müssen!). Ich kämpfe schon Tage damit – dagegen ist Exposee und Textprobe ein Ponystreicheln gewesen. Aber was zählt, ist der Text. Noch keiner ist am Anschreiben oder am Exposee gescheitert (hoffentlich, gell?).
    Was mich überrascht: Du schreibst nur an eine einzige Agentur? Ich persönlich habe mir 5 Unternehmen ausgesucht – ich denke, es kostet einfach zu viel Zeit, peu a peu die Unternehmen anzuklappern. Und von der Agentur kriegt man wohl auch keine Tipps, wie der Text ansprechender = verkäuflicher gemacht werden kann. Also ein Lerneffekt, durch den man dann beim 2. Mal besser im Rennen ist, ist doch nicht gegeben.
    Aber klär‘ mich mal auf: Ich denke, du hast schon eine Lektorin, also einen Verlag. Wozu dann dieses Bewerben?

    Viel Glück allemal. (Obwohl, wenn man genommen wird, ist das kein Glück, sondern verdienter Erfolg, wenn man abgelehnt wird, ist das eine Verkettung widriger Umstände.)

    NNIN

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    • Hallo NNIN!

      Ich denke auch nicht, dass es im Zweifel am Anschreiben scheitert. Beim Exposé bin ich mir da leider nicht ganz so sicher. Ich habe im Hinterkopf halt immer diese riesigen Stapel unverlangt eingesandter Manuskripte, bei denen ein vollkommen gestresster Agent oder Lektor nur einen Blick drauf wirft und es dann direkt in den Müll wirft, wenn der erste Satz nicht zündet. Ich hoffe mal, dass das ein Klischee ist, aber …

      Ja, ich habe mich entschlossen, zunächst nur an eine Agentur zu schreiben, weil diese halt ihre Spielregeln entsprechend gestaltet hat. Exklusivbewerbung heißt da das Stichwort. Natürlich könnte ich einfach darüber hinweg gehen, sie würden es im Zweifel ja nicht einmal erfahren. Aber ich habe jetzt so lange gewartet mit diesem Schritt, dass es auf die acht Wochen auch nicht mehr ankommt.

      Bei mir stehen insgesamt 11 Agenturen auf der Liste. Ich hatte das hier schon mal erzählt:

      https://traumvombuch.wordpress.com/2017/11/11/agenturen-in-der-uebersicht/

      Und ja, ich habe einen Verlag und eine Lektorin. Aber das bezieht sich auf ein anderes Projekt und ich bin ausdrücklich ermuntert worden, mit anderen Projekten andere Wege zu gehen. Das ist für mich kein Misstrauen in meinen Verlag, aber gerade bei diesem Roman glaube ich auch nicht, dass er gut ins Portfolio passen würde. Wenn es sich um einen „normalen“ Thriller oder einen Krimi handeln würde, dann würde ich sicherlich erst einmal nachfragen, ob der vielleicht auch etwas für ein Folgeprojekt sein könnte. Aber jetzt bringen wir erst einmal das eine zum Abschluss und dann sehen wir, denke ich, weiter 🙂 .

      Ich wünsche dir ebenfalls viel Erfolg! Deine Definition gefällt mir.

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      • NNIN schreibt:

        Du schreibst: „Exklusivbewerbung“
        Ich nehme an, das bezieht sich auf Meller Literary Agency. Aber wo steht, dass man sich NUR bei dieser LitAg. bewerben darf? Im Web-Text steht, die Agentur würde exklusiv arbeiten – d.h. nur, dass ein Autor keine zwei Agenten haben soll.

        (btw. M.L.A. ist nicht auf meinem Zettel.)

        NNIN

        Gefällt 1 Person

      • Die Info habe ich aus dem Handbuch für Autorinnen und Autoren. Ja, das ist schon ein paar Monate älter und widerspricht sich in Teilen mit den Infos auf der Homepage. Aber ich dachte mir mal, ich gehe kein Risiko ein 😉 .

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    • Hallo Viola und danke für deinen Kommentar! Ich freue mich immer, wenn stille Leser sich zu Wort melden 🙂 .

      Und danke dir für deine lieben Worte. Wenn du schon länger mitliest weißt du, dass ich das häufig nicht so sehen kann, also, dass ich so hartnäckig oder auch nur zielstrebig bin. Deswegen ein doppeltes Dankeschön! 🙂

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