Wo das Schreiben lebensgefährlich ist

Ich habe heute bei der Süddeutschen Zeitung einen sehr eindringlichen und nachdenklich stimmenden Artikel gelesen. Es geht um fünf Schriftsteller aus fünf Ländern der Erde, in denen es aus verschiedenen Gründen sehr schwer ist, einfach nur ein Autor zu sein. Sei es, weil Krieg und Veröffentlichungsverbot herrschen. Sei es, weil angeblich gegen politische oder religiöse Grundsätze verstoßen wird. Sei es, weil man seit über 40 Jahren im Exil lebt, weil es ein, auf dem Papier immer noch bestehendes, Todesurteil gibt.

Die Schriftsteller, die hier zu Wort kommen, stammen aus Syrien, dem Iran, der Türkei, Kuba und Somalia. Beim einen Land kommt man eher darauf, welche Probleme es dort gibt, bei anderen Ländern nicht sofort. So war mir zum Beispiel nicht bewusst, welche Einschränkungen es auf Kuba immer noch gibt, wo uns das Land doch in den letzten Jahren zunehmend als weltoffen und aus der Isolation erwacht präsentiert wird.

Das eindringlichste Zitat in diesem Artikel stammt von Amir Hassan Cheheltan aus dem Iran, der sagt, dass es sich als unabhängiger Schriftsteller in seinem Land so anfühlt, als sei man ein kommunistischer jüdischer Homosexueller im nationalsozialistischen Deutschland. Auch wenn in dieser Aussage sicher eine kalkulierte Übertreibung liegt, ist sie doch wie ein Schlag in die Magengrube.

Dem entgegen haben wir in Deutschland, eigentlich in der gesamten westlichen Welt, kaum mit größeren Repressalien zu kämpfen. Es ist ein Verdienst unserer Meinungsfreiheit, dass wir als Autoren schreiben dürfen, was wir möchten. Auch dann, wenn es anderen nicht immer in den Kram passt. Wie ihr wisst, spreche ich sogar den Urhebern von mir vollkommen fremden Geisteshaltungen durchaus das Recht zu, ihre Bücher zu veröffentlichen.

Und doch ist es auch in Deutschland noch nicht lange her, dass Autoren aus ihrem Heimatland fliehen mussten, weil sie hier um Leib und Leben fürchten mussten. Oder doch zumindest um ihre persönliche Integrität. Man muss nicht bis zu den Bücherverbrennungen der Nazis zurückgehen. Auch Autoren in der ehemaligen DDR hatten, wenn sie kritische Stimmen erhoben, mit Gegenwehr des Staates, in dem sie lebten, zu kämpfen. Nicht immer verliefen diese Kämpfe erfolgreich.

Und dann sind da noch die momentanen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten von Amerika, der, nach eigener Auffassung, demokratischsten und fortschrittlichsten Nation von allen. Dort schreibt jemand ein Buch, das dem Präsidenten nicht in den Kram passt und schon wird der gesamte Staatsapparat in Feuerstellung gebracht. Da ich das Werk nicht gelesen habe, kann ich nichts dazu sagen, ob es diesen Bohei rechtfertigt, aber die Tendenz zur Unterdrückung einer missliebigen Meinung finde ich, sagen wir mal, mindestens bedenklich.

Dennoch sind das alles Luxusprobleme im Vergleich zu dem, was die fünf Autoren aus dem Zeitungsartikel erleben. Das soll nicht schmälern, dass es auch in anderen Ländern zu prekären Situationen kommen kann. Ich finde nur, dass es wichtig ist, manche Dinge im richtigen Kontext und damit auch im rechten Licht zu betrachten. Auch wenn Donald Trump wütend ist, wird er nicht gleich die Todesstrafe für einen Schriftsteller fordern.

Wir sollten nicht müde werden, uns dafür einzusetzen, dass Autoren, Schriftsteller, Künstler auf der ganzen Welt die gleichen Rechte, die gleiche Selbstbestimmung und die selben Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung erhalten, wie sie für uns selbstverständlich sind. Und wir sollten uns diese Beispiele vor Augen halten, um einfach nicht aus dem Blick zu verlieren, was Zensur anrichten kann. Selbst dann, wenn sie vielleicht noch so gut gemeint sein sollte.

Den sehr lesenswerten Artikel der Süddeutschen findet ihr hier.

Advertisements

2 Gedanken zu “Wo das Schreiben lebensgefährlich ist

  1. Hm. Delikates Thema. Auf der einen Seite glaube ich nicht, dass man hier bei uns völlig frei schreiben darf. Auf der anderen Seite gibt es aber wiederum auch ein Stück zu viel frei, nämlich in dem Sinne, dass von Journalisten und Verlagen ganz oft ganz bewusst Dinge aus dem Zusammenhang gerissen werden, die dann möglicherweise ganz schön viel Sprengstoff enthalten. Das ist zwar verkaufsfördernd, aber eben auch meinungsbildend. Die Medien sind das größte Manipulationsinstrument, das man verwenden kann. Und gerade deshalb gibt es auch bei uns Zensur. So wird dann weiter Merkels Macht gesichert. Aber das ist ein anderes Thema, das geht zu tief.

    Gefällt 1 Person

    • Nun, ich denke schon, dass im Zuge der zunehmenden Möglichkeiten im Selfpublishing grundsätzlich erst einmal jeder das schreiben – und veröffentlichen – kann, was er möchte. Dass bei gewissen Themen, bzw. Ausprägungen, regulierend eingegriffen werden kann, manchmal auch muss, sehe ich nicht als Argument dagegen an. Zumal sich da im Laufe der letzten Jahrzehnte viel getan hat, schließlich spielen Bücher heute bei Indizierungen beinahe keine Rolle mehr.

      Bei Veröffentlichungen über Verlage/Medien sieht es evtl. anders aus, wobei man da großteils auch „nur“ das für sich selbst richtige Medium finden muss, in dem man veröffentlicht. Wenn ich mir das politische Spektrum anschaue, finden sich da doch Publikationsmöglichkeiten von ganz links bis ganz rechts und von oben bis unten.

      Massenmedien ticken allerdings anders, da hast du recht.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.