Nur eine kleine Pille

Ich habe euch ja schon häufiger mal auf Comicstrips von Clays fantastischer Seite Depressioncomix aufmerksam gemacht. Im Normalfall binde ich einfach den jeweiligen Strip hier als Reblog ein und sage nur ein oder zwei Sätze dazu. Nun, in diesem Fall sollen es dann vielleicht vier oder fünf sein. Einfach weil der Anblick in mir Erinnerungen ausgelöst hat, die ich mit euch teilen mag.

Aber werfen wir zunächst gemeinsam einen Blick auf den Comic, um den es mir heute geht. In diesem bekommt eine junge Frau ein Rezept ihres Arztes. Er verschreibt ihr Antidepressiva, aber sie hat Angst, die Tabletten zu nehmen. Sie befürchtet, dass ihre Persönlichkeit dadurch verändert wird, dass sie sich selbst nicht mehr erkennen könnte. Und sie fürchtet, dass sie ihre Kreativität abtöten.

Ihr Freund oder Bekannter sagt ihr daraufhin, dass sie im Augenblick immer nur down sei, sogar davon spreche, sterben zu wollen. Und nicht zuletzt habe sie seit Monaten nicht mehr gemalt. Im letzten Panel sitzt die junge Frau an einem Tisch und sagt, frei übersetzt: »Okay, ihr Pillen, bitte nehmt nur die Dunkelheit von mir. Nehmt nichts von mir von mir.«

Ich kenne viele Menschen, die sich auf die eine oder die andere Art in dieser Art Gedanken wiederfinden oder wiedergefunden haben. Kaum eine Sorte Medikamente steht in so großem Verruf, wie es Antidepressiva tun. Tatsächlich gibt es Leute, die glauben, dass diese Pillen den Menschen, der sie nimmt, zu jemand ganz anderem macht.

Nun, in mancherlei Beziehung mag das sogar so sein, denn es gibt Patienten, die durch die Einnahme solcher Mittel die Möglichkeit gefunden haben, sich selbst in einer Art und Weise zu verändern, wie sie es sich vielleicht schon lange gewünscht, es sich aber nicht getraut haben. Solche Änderungen gefallen nicht jedem. Zum Beispiel in solchen Fällen, in denen aus einem grauen Mäuschen, das man immer schön unterbuttern konnte, auf einmal ein selbstbewusster Mensch wird, der sich zu wehren weiß.

Natürlich bewirken das nicht Tabletten alleine. Es ist eine Menge harte Arbeit nötig, um Prozesse in Gang zu setzen, die zu solchen Veränderungen führen. Die Pillen können über die Startschwierigkeiten hinweg helfen. Ich selber sage immer, dass sie mich in die Lage versetzen, an meinen Themen zu arbeiten.

Und doch war auch ich skeptisch und von Vorurteilen befallen, als ich vor ungefähr sieben Jahren das erste Mal ein entsprechendes Rezept in der Hand hielt. Und es ging mir ganz genau so wie der jungen Frau in dem Comic. Am meisten sorgte ich mich darum, dass durch eine sich wie auch immer äußernde Veränderung meine Fähigkeiten, mich kreativ zu betätigen, endgültig der Vergangenheit angehören würden.

Ich hatte damals keinen Freund, der mich darauf hinwies, dass in dieser Hinsicht sowieso schon lange nichts mehr lief, wie es sollte. Aber ich brauchte auch keinen. Das wusste ich nämlich selber besser, als es mir lieb sein konnte. Zwar hatte ich im Sommer 2009 ein kurzes Kinderbuch geschrieben, aber mein letzter „richtiger“ Roman lag bereits fünf Jahre in der Vergangenheit. Seit bald drei Jahren doktorte ich an seinem Nachfolger herum, was aber nichts anderes bedeutete, als dass ich mir alle paar Monate seufzend das knapp 100 Seiten lange Fragment ansah und es wieder zur Seite legte.

Ein Teil von mir war immer der Ansicht gewesen, dass es vielleicht gerade meine psychische Verletzbarkeit war, die es mir ermöglicht hatte, zu schreiben. Dass in dieser Hinsicht nicht alles zum besten bei mir bestellt war, war mir lange schon klar, auch wenn ich es nicht benannte und in gewisser Weise darauf wartete, dass es sich von alleine Bahn brechen würde (was es dann 2010 auch tat).

Aus der Sicht von heute fällt es mir schwer, diese Gedanken nachzuvollziehen, weswegen ich auch an dieser Stelle keinen Versuch wagen möchte, die Hintergründe zu erklären. Aber auf jeden Fall hatte ich diese Sorge, nun wirklich und unwiderruflich nie wieder schreiben zu können.

Und es kam, wie es kommen musste: Im darauffolgenden Jahr fasste ich meine Tastatur, soweit ich mich erinnere, nicht ein einziges Mal an. Ich kramte zwar hin und wieder in alten Entwürfen, bekam meine melancholischen fünf Minuten, weiter ging es aber nicht.

Ob die Tablette daran Schuld hatte? Das wage ich mal ganz fest zu bezweifeln. Aber wie sich herausstellen sollte, befanden sich sowohl mein damaliger Arzt als auch ich selbst ein wenig auf dem Holzweg.

Er hatte mir zwar ein Medikament verschrieben, mich aber ansonsten alleine mit mir, meinen Gedanken und meinem Irrglauben gelassen. Irgendeine Form von Begleitung fand nicht statt. Und wenn es mir, wie es heute vollkommen logisch erscheint, nach einigen Monaten schlechter ging, dann wurde in Reaktion darauf die Dosierung meiner Pille erhöht. Und je weniger das anschlug, desto schlechter ging es mir und desto unvorstellbarer wurde es, jemals wieder zu schreiben.

Und dann kam der Tag, an dem es nicht mehr weiterging. An dem ich psychisch so richtig aus meinem bisherigen Leben gerissen wurde. Die Pille konnte nicht mehr höher dosiert werden und jetzt (!), über ein Jahr später, kam mein Arzt auf die Idee, dass es vielleicht gut für mich sein könnte, wenn ich mir auch therapeutische Hilfe suche.

Ich kam in eine entsprechende Klinik und lernte in mühevoller Kleinarbeit, mich mit mir selber auseinander zu setzen. Das war alles andere als leicht und dauerte etliche Wochen. In der Zwischenzeit bekam ich neue Pillen, probierten wir allerlei aus. Und, siehe da: Ich spürte Veränderungen. Veränderungen in der Richtung, dass ich auf einmal für manche Dinge neuen Mut aufbrachte.

Zum Beispiel dafür, mir ernsthafte Gedanken zu machen, ob ich nicht doch noch mal mein Glück mit dem Schreiben versuchen wolle. Gut, es dauerte dann noch einmal ein paar Monate und Zuspruch eines besonders lieben Menschen (an dieser Stelle liebe Grüße an meine kleine-große Schwester), bis ich mich einfach an die Tastatur setzte und los schrieb. Heraus kam ein Manuskript, das den Namen „Der Morgen danach“ trug.

In meinem Fall haben die Pillen nicht meine Kreativität getötet. Sie haben mich unterstützt, überhaupt wieder den Mut aufzubringen, mich als Autor gegenüber anderen Menschen zu outen und dann zu versuchen, meinen Weg zu gehen. Wer weiß, vielleicht gäbe es ansonsten auch diesen Blog nicht.

Dies soll keine Lobeshymne auf die Pharmaindustrie sein. Grundsätzlich ist jede Veränderung, die auch ohne den Einfluss von Medikamenten vonstatten geht, jener vorzuziehen, für die man bunte Pillen braucht. Aber es gibt Situationen, in denen es nicht anders geht. Ein Spruch, in dem ein Körnchen Wahrheit liegt, lautet: »Wenn du an Krebs erkrankt wärst, würdest du dir auch keine Gedanken machen, ob du die Medikamente nehmen sollst.«

Heute bin ich an einem Punkt, an dem mein neuer Arzt und ich überlegen, ob wir nicht das eine oder andere Medikament langsam ausschleichen können. Und ich bin immer noch hier und ich bin immer noch Autor. Und ich denke nicht, dass man mir das jemals wieder wird wegnehmen können.

Aber wer weiß, wo ich heute stünde, wenn es nicht zum richtigen Zeitpunkt diese kleine Pille gegeben hätte.

Advertisements

12 Gedanken zu “Nur eine kleine Pille

  1. Es ist gut, dass es die kleinen Helferlein gibt. Mir haben sie allesamt leider nichts gebracht – oder ich habe in den nun mehr als ein Dutzend ausprobierten noch nicht das wirklich gute gefunden. Beziehungsweise mein Arzt hat es noch nicht gefunden. Jetzt habe ich ein Bezodiazepin als Notfalltropfen und schon die Gewissheit, sie zu haben, hilft.

    Danke für deine Offenheit.

    Gefällt 2 Personen

    • Ich denke, über diese Dinge kann man nur offen sprechen, oder man lässt es besser ganz bleiben.

      Manchmal muss man in der Tat eine ganze Menge herumprobieren. Es kommt ja auch immer darauf an, was man genau erreichen möchte. Gar nicht so leicht, das herauszufinden, wie man eigentlich glauben sollte. Oft braucht es auch eine Kombi aus verschiedenen Mitteln. Da hilft, leider, wirklich nur ausprobieren. Aber wenn du mit dem Benzo etwas hast, das dir hilft, ist das ja schon einmal was.

      Ich selbst bin von den Dingern weg, seit mein erster Arzt (ein rechter Stümper vor dem Herrn, im Nachhinein betrachtet) meinte, mir das als Dauermedikation verschreiben zu müssen. Ich hatte noch nicht ganz in der Klinik eingecheckt, als mich die dortige Ärztin anrief und halb panisch meinte, die müssten wir sofort absetzen. Schließlich ist so eine Tablettensucht jetzt auch nicht das, was man zwingend in seinem Leben braucht …

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Michael,

    erstmal vielen Dank für die Offenheit und Ehrlichkeit. Es tut immer wieder gut, zu hören, dass es noch andere Autoren gibt, die mit Depressionen zu kämpfen haben oder hatten. Einfach, weil einem das das Gefühl gibt, nicht alleine damit zu sein. Natürlich wünsche ich die Diagnose niemandem …

    Ich nehme jetzt seit etwa 12 Jahren Antidepressiva und Neuroleptika und auch wenn ich unter den Nebenwirkungen zu leiden habe, bin ich doch froh, dass es diese Pillen gibt. Wenn ich mich mit dem Häufchen Elend vergleiche, das ich in der Vergangenheit war und meine jetzige Situation betrachte, sind da schon Welten dazwischen. Ich gelte zwar immer noch nicht als geheilt (und weiß auch nicht, ob das mit meiner Diagnose überhaupt möglich ist), aber ich kann zumindest (meistens) wieder schreiben und mich kreativ beschäftigten.

    Das Zitat »Wenn du an Krebs erkrankt wärst, würdest du dir auch keine Gedanken machen, ob du die Medikamente nehmen sollst.« könnte nicht wahrer sein. Psychische Krankheiten werden oft noch nicht richtig ernst genommen oder als „richtige Krankheiten“ betrachtet. Dementsprechend viele Vorurteile gibt es auch über Psychopharmaka.

    Dass es dir mittlerweile wieder besser geht, freut mich sehr.

    Liebste Grüße
    Myna

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Myna,

      ich glaube, dass es sogar eine richtig große „Dunkelziffer“ von Autoren und Autorinnen gibt und gab, die ähnliche Probleme haben und hatten. Denken wir nur an die, die nur dann schreiben konnten, wenn sie betrunken waren. Vielleicht hätte denen ein wenig Therapie auch gut getan.

      Es tut mir leid zu lesen, dass du unter Nebenwirkungen leiden musst. Da habe ich, abgesehen davon, dass ich meine Fettleibigkeit nicht richtig unter Kontrolle kriege (Gott sei es gepfiffen, dass ich zwei Meter groß geworden bin) und auf Treppen immer den Handlauf brauche, einigermaßen verschont geblieben. Aber man muss es wirklich immer in Relation zum Zustand vorher sehen.

      Die Frage nach der Heilung ist immer schwierig. Ich für mich kann nur festhalten, dass ich gar nicht wüsste, wie ich „geheilt“ definieren sollte. Es geht ja auch immer irgendwie mal auf und mal ab. Im Moment, mit dem ganzen Trubel hier im Haus und drumherum, geht es gerade mal wieder bergab. Na ja.

      Ich hatte in der Vergangenheit auch oft damit zu tun, dass psychische Erkrankungen nicht ernst genommen werden. Deswegen habe ich auch irgendwann entschieden, mich nicht selbst auch noch klein zu halten, indem ich das Thema totschweige. Bei manchen macht man sich damit keine Freunde. Aber das ist mir egal.

      Liebe Grüße
      Michael

      Gefällt 1 Person

  3. Hallo Michael,
    was du sagst, unterschreibe ich vollkommen. Die Diskussion um Psychopharmaka sollte sachlich geführt werden. Sie sind weder Wundermittel noch Teufelszeug, und wer darauf zurück greift, ist kein schwacher oder verrückter Mensch.
    Ich bin immer offen damit umgegangen, dass ich mich dafür entschieden habe, Psychopharmaka zu nehmen. Wenn sich jemand dagegen entscheidet, habe ich aber auch kein Problem damit. Diese Toleranz vermisse ich aber leider häufig. Ich freue mich, dass du dich wieder gut fühlst, das muss der Maßstab sein. Grüße, Viola.

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Viola,

      ich finde es manchmal geradezu faszinierend, wie sehr Psychopharmaka stigmatisiert werden. Das ändert sich bei manchen schlagartig, wenn sie auf einmal selbst betroffen sind. Dann sind sie auf der Suche nach der Wunderpille. Die es nicht gibt. Und keins der Mittel, die ich nehme, kann alleine garantieren, dass ich Stabilität erreiche. Ich bleibe nach wie vor auch abhängig von dem, was drumherum so passiert.

      Ich finde auch, dass jeder die Entscheidung selbst treffen muss. Eine Einschränkung mache ich: Ich kenne Patienten, die, obwohl es objektiv keine Besserung gab, nach kurzer Zeit meinten, sie müssten jetzt auf jeden Fall die Tabletten wieder absetzen, weil „man das halt so mache“. Womöglich noch von heute auf morgen. Die habe ich schon darauf hingewiesen, dass man sich das a) gut überlegen und b) nur unter ärztlicher Aufsicht durchführen sollte.

      Viele Grüße
      Michael

      Gefällt 1 Person

  4. Lieber Michael,

    Auch wenn das Thema die Antidepressiva ist, bleibe ich gedanklich gerade woanders hängen. Und zwar, was für eine emotionale Angelegenheit es für dich sein muss, dass ausgerechnet „der Morgen danach“ dein erster veröffentlichter Roman sein wird. Ich bin ganz gerührt über diese neue Hintergrundinformation und freue mich sehr mit dir.

    Liebe Grüße und gute Nacht,
    Kiira

    Gefällt 1 Person

  5. Vielen Dank für Deine Offenheit. Dein Beispiel macht mir Mut, Michael.

    Als ich 2009 Antidepressiva nahm, habe ich damit auch zunächst gezögert, hatte letztlich aber zuviel Angst vor meinen eigenen Gedanken. Und einen Therapeuten an meiner Seite, der mir sehr zuriet.
    Mittlerweile muss ich Neuroleptika nehmen und es hat fünf Jahre gedauert, mich damit anzufreunden. Ich sehe aber auch an meinem Blog, wie die Psychopharmaka auf meine Gedankenwelt und damit aufs Schreiben wirken und dass ich dadurch wirklich Vorteile habe.
    Ich habe mir nun für dieses Jahr vorgenommen, auch endlich einen Roman zu schreiben und meine Tabletten geben mir, seit ich richtig eingestellt bin, die dafür notwendige Stabilität. Ob ich wirklich erfolgreich werde, weiß ich noch nicht, aber dass ich längst schon wieder in den Sack gehauen hätte vor lauter Selbstzweifel ist mir klar.

    Ich verfolge sehr gespannt Deinen Weg, auch wenn ich nicht immer kommentiere.

    LG
    Lysander

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Lysander,

      es freut mich, dass du immer mal wieder vorbei schaust. Zu jedem Beitrag einen Kommentar zu schreiben muss auch gar nicht sein, finde ich 🙂 .

      Die Angst vor den eigenen Gedanken – ja, das ist auch so ein Thema, mit dem viele sich zu verschiedenen Zeiten auseinandersetzen müssen. Ein sehr, sehr schwieriges Thema.

      Ich freue mich, dass du bei dir jetzt Vorteile erkennst und dass dich die Medikamente in die Lage versetzen, neue Türen aufzustoßen und hindurch zu gehen. Das ist schon der erste große Erfolg, finde ich!

      Liebe Grüße
      Michael

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s