Likes, Daumen und Gefällt mir: Ein Wortersatz mit Tücken

Früher war ja bekanntlich alles besser. Damals, als wir uns noch mit Worten austauschen mussten, weil es keine andere Methoden gab. Dann kamen irgendwann die Smileys, dann die animierten Emoticons und irgendwo dazwischen die Möglichkeit, die eigene Meinung zum Text eines anderen durch einen simplen Klick zum Ausdruck zu bringen.

Heute, in den Zeiten von Web 2.0 und höher, begegnen sie uns an allen Ecken und Enden des Internets: Daumen, die gehoben oder gesenkt werden können wie damals, im antiken Rom. Likes, die verteilt oder wieder entzogen werden können. Oder auch Schaltflächen mit der Aufschrift „Gefällt mir“ und „Gefällt mir nicht“ mit allen möglichen Derivaten.

Doch das, was einmal zur Vereinfachung gedacht gewesen sein muss, hat auch seine Tücken, wie ich gerade gestern wieder einmal feststellen musste.

Was war geschehen?

Ich hatte in einem Forum einen Beitrag geliked. Einen Beitrag, der aus einigen Absätzen bestand. Die Grundtendenz von dem, was in diesem Beitrag stand, gefiel mir. Gut, ich war nicht mit jeder Formulierung einverstanden, aber das war auch gar nicht nötig, schließlich handelte es sich um eine persönliche Meinungsäußerung eines anderen Menschen, noch dazu gefärbt auch von eigenen Gefühlen. Da ist es mehr als unwahrscheinlich, dass ich jedes einzelne Wort selbst auch so geschrieben hätte.

Nun ging ich aber hin und bestätigte, dass mir gefiel, was ich dort las. Und damit machte ich mir, unbewusst, den gesamten Inhalt dieses Beitrags zu eigen. Jedenfalls konnte man es so verstehen. Weil die reine Aussage, die ich durch den Druck auf eine Schaltfläche getätigt hatte, nicht differenziert. Das kann ich nur, indem ich mich mit Worten erkläre. Das tat ich dann im Nachgang, aber es machte mich nachdenklich, wie leicht doch durch die eher beiläufige Verwendung solcher Mechanismen ein falscher Eindruck entstehen kann.

Den Klassiker des missverständlichen „Gefällt mir“ kennen sicherlich die meisten von euch, die diesen Text lesen: Ein Blogger berichtet in seinem neuesten Beitrag, dass es ihm richtig, richtig schlecht geht. Der Arbeitgeber ist ein Arsch, die Frau ausgezogen und die Katze musste eingeschläfert werden. Eigentlich macht das ganze Leben gerade keinen Sinn mehr.

Kann einem so einen Beitrag gefallen? Wenn ich nur nach den Schaltflächen gehe, kann das sehr wohl so sein. Die Frage ist, ob alle das gleiche Bewusstsein darüber haben, was dieses Gefallen eigentlich bedeuten soll. Da kann ich wieder nur von mir sprechen. Für mich bedeutet dieses „Gefällt mir“, dass ich den Beitrag gelesen habe und dass ich, nun, Anerkennung in irgendeiner Form für den Autoren da lassen möchte. Das ist das Wenigste, was ich tun kann, wenn mir gerade kein schlauer Text als Antwort einfällt oder mir schlicht nicht danach ist, eine zu schreiben.

Es bedeutet aber keinesfalls, dass es mir gefällt, dass der Autor nun einen miesen Arbeitsplatz, keine Frau und keine Katze mehr hat. Den meisten Blogschreibern ist dies zum Glück auch bewusst, auch wenn ich selber schon viele Kommentare gelesen habe, in denen der Kommentator zum Ausdruck brachte, dass „Gefällt mir“ eigentlich voll daneben ist.

Aber dann sind wir ja schon dabei, dass die Schaltfläche, der Daumen, das Zeichen der Anerkennung durch einen eigenen Text weiter erläutert wird.

Das Dumme ist, dass es praktisch keinen Weg gibt, sich diesem ganzen Prozess zu entziehen. Denn ich bin ja nicht nur selbst als Blogger daran interessiert, zu erfahren, ob das, was ich schreibe, eigentlich irgendjemandem interessiert. Ich möchte es ja auch anderen zeigen. Aber machen wir uns nichts vor: Oft fehlt ja sogar die Zeit, jeden Beitrag eines fremden Blogs zu lesen. Wenn man dann noch jeden Beitrag kommentieren sollte, dann wäre das ein Ding der Unmöglichkeit.

Und dann bin ich ja noch gar nicht in die wirklichen Horte der Likes und Daumen vorgedrungen, nämlich in die Sozialen Netzwerke. Auf Facebook, Twitter und wie sie alle heißen sind diese Zuneigungsbekundungen längst schon zu einer Art virtueller Währung geworden. Wer die meisten Likes hat, bekommt die größte Reichweite.

Und wer die größte Reichweite hat, für den – und da wird es interessant – verwandelt sich die virtuelle Währung auf einmal in reales Geld. Denn Reichweite ist gleichbedeutend mit Sichtbarkeit. Jeder, der sieht, dass ich einen neuen Roman veröffentlicht habe, ist ein potenzieller Käufer. Wenn meine Homepage mit Dienstleistungen als Lektor oder Korrektor die meisten Likes auf Facebook hat, werde ich stärker als die Konkurrenz wahrgenommen.

Deshalb wäre es geradezu tödlich, wenn man, wenn ich mich total diesen Mechanismen verweigern würde.

Also, was kann man tun? Die Lösung ist eigentlich sehr profan, aber durch die Beiläufigkeit, mit der heutzutage der Daumen gehoben wird, ist es dennoch nicht verkehrt, noch einmal darauf hinzuweisen.

Man sollte sich immer inhaltlich mit dem auseinander setzen, was man da gerade vor den Augen hat. Das muss keine besonders tiefgehende Recherche sein, aber man sollte, zum Beispiel, einen Blogtext aufmerksam gelesen haben, damit man nicht irgendwo mittendrin eine Formulierung übersieht, die einen selbst in ein falsches Licht rücken könnte. Das Internet vergisst nicht und es hat manchmal verdammt scharfe Zähne, wenn es darum geht, vermeintliche Fehler zu geißeln.

Die gleiche Sorgfaltspflicht gilt im Übrigen auch für die Autoren selbst, denn nur zu schnell gerät man in einen veritablen Shitstorm, nur weil man an einer Stelle eine vielleicht sensible Vokabel falsch gebraucht hat.

Und dann sollte man immer dann, wenn man mit irgendeiner Passage eines Textes, den man geliked, mit „Gefällt mir“ oder Daumen hoch bedacht hat, nicht einverstanden ist, dies erwähnen, sofern es einem wichtig ist und es ansonsten zu Widersprüchlichkeiten kommen könnte. Ja, es ist ein Mehraufwand, aber einer, der sich eventuell lohnen kann.

Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, in Zukunft genau darauf stärker zu achten.

 

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