Kurzgeschichte: Ein ganz normales Leben

Wie ich gestern bereits schrieb, arbeite ich daran, mich langsam wieder aus meinem kreaTief heraus zu kämpfen. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre es zweifellos, wenn ich wieder regelmäßiger ans Schreiben käme. Aber woran sollte ich schreiben? Welchen meiner im Schwebezustand befindlichen Texte nehmen?

Dann kam mir eine Idee im doppelten Sinn: Ich habe, vor langer Zeit, gute Erfahrungen damit gemacht, kurze Geschichten einfach direkt für den Blog zu schreiben. Die waren nie sehr lang, erfüllten damit aber genau die Anforderungen, die ich nun an sie stellte. Sie sollten kurz sein, am besten in ein bis zwei Stunden aufgeschrieben. Und sie sollten für sich alleine stehen können.

Und dann kam mir eine Idee für genau so eine Geschichte. Und die habe ich einfach mal aufgeschrieben. Ich weiß nicht, ob sie wirklich gut ist, kann sein, dass sie schlecht ist. Aber sie ist das, was ich schreiben wollte.

Ich würde mich freuen, wenn sie dem einen oder der anderen von euch gefällt.


Ein ganz normales Leben

Blake setzt sich an den Schreibtisch, atmet tief durch und zögert dann doch, bevor er den Computer einschaltet. Er sieht sich einmal um, nur um sicher zu stellen, dass er im Moment wirklich alleine ist. Alles um ihn herum ist still. Die anderen halten sich sonstwo im Gebäude auf.

Ein Druck auf den Powerknopf sorgt dafür, dass die Maschine zum Leben erwacht. Der Bildschirm leuchtet auf, der Schein schmerzt im Halbdunkel in den Augen. Aber das Licht lässt Blake aus. Er hat nicht vor, sein Glück herauszufordern.

Der PC braucht eine ganze Weile, bis er hochgefahren ist. Dann erscheint das Logo des Betriebssystems und danach ein Desktophintergrundbild. Eine Waldlandschaft, in der sich mehrere Tiere tummeln. Idyllisch.

Mit einem Seufzer macht Blake sich auf die Suche nach dem Textverarbeitungsprogramm. Es muss eines da sein, sitzt er doch in im Verwaltungstrakt des Gebäudes. Er glaubt, die Betriebsamkeit des Ortes spüren und seinen typischen Geruch riechen zu können.

Da ist die Textverarbeitung. Mit einem Doppelklick startet er das Programm und starrt anschließend auf den kleinen schwarzen Balken, der auf einem weißen Hintergrund vor sich hin blinkt. Es ist lange her, dass er diesen freundlichen Gesellen gesehen hat.

Irgendwo in dem großen Gebäude poltert etwas. Blake fährt herum, sein Herz schlägt schneller. Aber er ist weiterhin alleine hier. Das ist gut. Er braucht die Ruhe. Die hat er immer schon gebraucht, wenn er schrieb. Andere Schriftsteller schreiben mit Musik, in belebten Restaurants oder gar in vollgestopften Pendlerzügen. Blake schätzt die Stille. Das einzige Geräusch, das sie unterbricht, sind seine Finger auf der Tastatur, als er schreibt:

Ein ganz normales Leben
von Blake Philipps

Konzentriert legt er die Stirn in Falten. Lehnt sich in dem Bürostuhl, auf dem er sitzt, zurück. Der Moment, in dem er einer neuen Geschichte ihren Titel gibt, ist immer ein wenig heikel. Er glaubt, dass alleine durch diese paar Worte schon der Ton des Folgenden gesetzt wird und ist sich für den Moment nicht sicher, ob es das ist, was er zum Ausdruck bringen möchte.

Als es in der Ferne wieder poltert, weit weg, aber auf jeden Fall innerhalb des Gebäudes, ist er sich sicher, dass es genau das ist, was er zum Ausdruck bringen muss.

Blake lehnt sich wieder leicht nach vorne und spinnt sein Garn im Licht des Monitors, mit seinem seltsamen Stakkato aus halbblind gehämmerten Tasten.

Norma Rose wusste nicht, dass dies ein Tag wie jeder andere sein würde, als sie am Morgen ihren Wecker ausschaltete. In ihrem Leben war jeder Tag die Verheißung eines neuen Abenteuers. Was würde heute wieder geschehen? Würde Jeremy endlich seinen wehrhaften Milchzahn loswerden, der schon seit einer Woche am sprichwörtlichen seidenen Faden hing? Konnte sie Alice davon überzeugen, dass ihr Kleiderschrank kein Weg in ein verwunschenes Land war, sondern dass man ihn durchaus zwischendurch mal aufräumen durfte?

Norma liebte ihre Kinder und freute sich auf jeden neuen Tag mit ihnen.

Sie blickte zur Seite und sah, dass die Hälfte des Bettes, in welcher ihr Mann Gary schlief, verwaist war. Gary arbeitete in der Notaufnahme des Memorial State Hospitals und wurde zu jeder Tages- und Nachtzeit zu schwierigen Fällen gerufen. Den Pieper dafür bewahrte er unter seinem Kopfkissen auf, so dass nur er davon geweckt wurde, Norma aber nicht.

Sie lächelte liebevoll.

Dann reckte sie sich im Liegen einmal und setzte sich auf die Bettkante. Für einen Moment schloss sie die Augen und ließ sich motivierende und erfrischende Gedanken durch den Kopf gehen. Dann stand sie auf und zog die Rollläden hoch. Draußen schien die Sonne auf die Elm Street. Es versprach, ein warmer Sommertag zu werden.

Blake hebt seine Finger an und überfliegt, was er bis jetzt geschrieben hat. Er ist nicht recht zufrieden mit sich. Die erste Seite liest sich, als ob er Größeres mit Norma vorhätte. Dabei geht es ihm gar nicht darum, die Geschichte einer besonderen Frau zu erzählen. Im Gegenteil, er möchte ja, dass Norma eine vollkommen normale Person mit einer vollkommen normalen Familie ist. Er entschließt sich, das ein wenig mehr hervorzuheben.

»Nein, du sollst das machen, hab ich gesagt!«
»Mach ich aber nicht, Doofie!«
»Du bist selber doof!«
»Wackelzahn!«
»Traumtänzerin!«

Norma wendete sich vom Fenster ab und seufzte. Wieso und worüber stritten sich die zwei denn jetzt schon wieder? Die Schulferien bekamen ihren beiden Kindern scheinbar nicht. Es wäre anders gewesen, wenn sie in Urlaub gefahren wären, aber das ließ der Dienstplan von Gary leider nicht zu. Möglicherweise konnten sie später im Monat noch einen kurzen Abstecher zu ihrer Familie nach Missouri machen. Aber für den Augenblick kamen sie hier nicht weg und Alice und Jeremy fiel langsam die Decke auf den Kopf.

Norma nahm ihren Morgenmantel von der Stuhllehne, auf der sie ihn am Abend abgelegt hat, band ihn sich um und verließ dann das Schlafzimmer. Der Lärm kam aus dem Wohnzimmer und sie konnte sich jetzt schon denken, worum es bei dem Streit ging.

In der Tat fand sie die Geschwister mitten im Raum stehend. Spontan musste Norma lachen. Die beiden gaben ein komisches Bild ab, da sich ihre Stirnen fast berührten, während der Rest der jeweiligen Körper möglichst weit voneinander entfernt stand. Die Tatsache, dass der jüngere Jeremy so groß wie seine drei Jahre ältere Schwester war, brachte eine gewisse Harmonie in das Bild mit ein.

Zwischen den beiden, auf dem Fliesenboden, lag die unappetitliche Hinterlassenschaft von Rufus. Rufus war der Kater der Familie, eine ehemalige Straßenkatze, die sie aufgenommen und gepflegt hatten. Leider litt er im Moment unter einer ziemlich hartnäckigen Magenverstimmung, die dafür sorgte, dass er seinen Mageninhalt regelmäßig auf den Fußboden entleerte. Und irgendwer musste das dann entfernen. Eine Aufgabe, um die sich keines der beiden Kinder riss.

Wieder hält Blake inne. Er lächelt. Wie ihm diese Situation doch bekannt vorkommt. Jake und Kim waren genauso, als sie in diesem Alter waren. Eigentlich ein Herz und eine Seele, aber dann, wenn es ihnen in den Kram passte, gewaltige Egoisten und manchmal richtige Nervensägen.

Das scheint alles schon eine Ewigkeit her zu sein.

Er ist dabei, sich wieder in seine Arbeit zu vertiefen, als er neue Geräusche hört. Dumpfe Schläge scheinen durch das Gebäude zu hallen, gefolgt von etwas Ähnlichem wie einem Stöhnen. Blake versucht, das auszublenden. Es stört nur seine Konzentration – und er hat eine Aufgabe zu erfüllen. Solange er in der Lage dazu ist, ist das Beste, was er tun kann, sich auf das Schreiben zu konzentrieren.

»Hey, ihr beiden! Wieso seid ihr denn am frühen Morgen schon so auf Krawall gebürstet?«
»Jerry will die Schweinerei nicht wegmachen«, sagte Alice mit dem entrüsteten Tonfall, den nur Zehnjährige beherrschen. »Dabei ist er vor mir ins Wohnzimmer gegangen.«
»Aber du hast es zuerst gesehen!«
»Nein, das kann gar nicht! Du warst doch auf dem Weg zum Fern…«

Alice verschluckte die letzte Silbe des Wortes, das sie auf der Zunge gehabt hatte. Norma schmunzelte. Die beiden wussten genau, dass sie nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis an den Fernseher gehen durften. Heutzutage lief zu viel Müll in der Kiste, als dass man zwei Kinder vor ihr parken konnte, ohne zu wissen, was sie sich ansahen. Norma war der festen Überzeugung, dass nicht einmal Mord und Totschlag noch wirkliche Tabus im Kinderprogramm darstellten.

Blake nimmt die rechte Hand von der Tastatur und fährt sich über die Augen. Er spürt einen Druck hinter der Schläfe und er weiß, woher er rührt. Er kommt vom Weg ab. Die Richtung, in die Norma denkt, ist zu weit entfernt von dem normalen Leben, das ihm vorschwebt.

Er legt den Finger auf die Löschtaste und lässt den letzten Absatz verschwinden.

Alice verschluckte die letzte Silbe des Wortes und grinste schuldbewusst. »Sorry, Mum, ich weiß, dass wir nicht ohne Erlaubnis fernsehen sollen.«
»Weißt du auch noch, wieso Daddy und ich das nicht wollen, mein Schatz?«
»Weil

Wieder stockt Blake. Ja, wieso denn nicht? Sollen sie doch in den Fernseher schauen, solange sie Lust dazu haben. Dann gehen sie Norma nicht mehr so auf die Nerven und allen Beteiligten ist geholfen. Vermutlich außer Kater Rufus, aber der hat keine Sprechrolle. Jedenfalls ist keine für ihn vorgesehen.

Blake wünscht sich, er hätte einen Schluck zu trinken. Früher hat er Schriftsteller, die nur unter Alkoholeinfluss schreiben können, für Weichlinge gehalten. Kleine Lichter, die den Alkohol brauchen, um sich ein wenig wie der nächste Hemingway fühlen zu können. Aber inzwischen sieht er die Dinge anders. Deswegen muss er diese Geschichte, die er schreibt, auch jetzt in Angriff nehmen. Vielleicht kommt er später nicht mehr dazu.

Das Gebäude liegt jetzt wieder still da, aber er weiß, dass es nicht lange so bleiben wird. Bald werden die anderen zurückkommen und dann wird er keine Ruhe mehr zum Schreiben haben. Er muss sich beeilen, wenn er heute ein Stück seiner Geschichte schaffen möchte.

Es klingelte an der Haustür. Alice war sichtlich erleichtert, dass ihr die Antwort auf die Frage erspart blieb. Norma wuschelte ihrer Tochter liebevoll durch das blonde Haar, dann ging sie zur Tür und öffnete. Ihre Nachbarin, Billie Marsh, stand davor. In der Hand hielt sie eine Tasse.

»Nanu, Billie. Seit wann bringst du deine eigene Tasse mit, wenn du auf einen Kaffee vorbei kommst?«
»Sowas dummes. Ich wollte backen. Heute kommt doch Robbie aus dem College und da wollte ich ihn mit seinem Lieblingskuchen überraschen. Und jetzt muss ich feststellen, dass ich keinen Zucker im Haus habe. Ich bin das Klischee der amerikanischen Hausfrau.«
Norma lachte. »Komm schon rein. Trinkst du trotzdem einen Kaffee mit? Kannst auch eine Tasse von mir haben.«
Billie stimmte in das Lachen mit ein. »Aber nur eine Tasse. Ich will den verdammten Kuchen fertig haben, wenn Robbie kommt.«
»Man soll nicht fluchen, Mrs Marsh«, sagte Jeremy, als er mit einem Stück Küchenrolle aus der Küche kommend an den beiden Frauen vorbei lief. Dann war jetzt die Sache mit Rufus‘ Hinterlassenschaft geklärt.

»Hast du schon die Nachrichten gesehen?«, fragte Billie, auf einmal ernst.
»Nein, was gibt es denn?«
»Etwas Seltsames. Scheinbar werden überall auf der Welt die Menschen mit einem Mal verrückt. Es hat Wellen von Gewalttätigkeit gegeben.«

Blake sieht, was er schreibt und er weiß, dass es das Falsche ist. Aber er kann nicht aufhören, seine Finger zu bewegen.

»Überall rufen sie die Ärzte in die Krankenhäuser, die Notaufnahmen sind verstopft. Hat Gary dir nichts gesagt?«
»Nein«, antwortete Norma, jetzt leicht besorgt. »Er war schon fort, als ich aufgewacht bin.«
»Hier bei uns ist es im Moment wohl noch nicht so schlimm«, sagte Billie, die kurioser Weise immer noch ihre Tasse in der Hand hielt. »Aber aus den Großstädten werden schlimme Dinge gemeldet. Die Nationalgarde soll eingesetzt werden. Mancherorts auch die Armee.«
»Mein Gott!«
»Ich glaube nicht, dass Gott etwas damit zu tun hat«, sagte Billie Marsh. Und plötzlich begann sie, sich zu verändern.

Aus der hübschen Frau wurde etwas anderes. Zuerst fiel ihr die Kaffeetasse aus der Hand, dann rutschten die Kleidungsstücke vom Körper, als sie immer dünner und ausgemergelter wurde. Vor Normas entsetzten Augen verwandelte sich Billie Marsh in ein ausgezehrtes Etwas, dem die Haut wie Pergament auf den Knochen klebte.
Die Augen, die Norma immer noch anschauten, sanken tief in ihre Höhlen ein und wechselten die Farbe von einem trüben Grün zu einem leuchtenden Rot.
»Nein, Gott hat überhaupt nichts damit zu tun!«
Die Stimme war nur ein tonloses Gurgeln.
Norma war wie gebannt. Sie begriff nicht, was geschah. Eben war es doch ein normaler Tag gewesen. Sie träumte. Das war die einzige Möglichkeit, um das hier zu erklären. Sie lag in ihrem Bett und hatte einen Alptraum. Den schlimmsten ihres Lebens.

»Mommy?«
Das war Alice, die hinter ihr stand. Selbst wenn das nur ein Traum war, sollte sie dieses … dieses Ding nicht zu Gesicht bekommen!
»Alice, Schatz«, sagte Norma und drehte sich um. Ein Schrei entrang sich ihrem Mund. Vor ihr stand Alice, aber es war auch nicht Alice. Auch sie sah auf einmal aus wie ein lebender Leichnam, das lange Haar hing ihr strähnig vor das Gesicht, aus der die gleichen roten, toten Augen starrten wie aus dem ihrer Nachbarin.
»Jeremy wollte die Kotze der Katze nicht wegwischen, Mommy. Also habe ich ihm zur Strafe die Nase abgebissen. Siehst du?«
Dann öffnete das Mädchen die Hand, und …

»Sag mal, Blake, was treibst du hier eigentlich?«
Die Stimme reißt Blake aus dem Schreibfluss. Endlich!
»Wieso versteckst du dich hier hinten in den Büros? Und dann auch noch im Dunkeln? Und was, zur Hölle, machst du da?«
Es ist Sanchez. Natürlich. Sanchez ist so etwas wie Blakes personifizierter Personenschutz. Er weiß zwar nicht genau, womit er den verdient hat, aber er nimmt ihn gerne an. Die Welt da draußen ist nicht mehr dieselbe.

Und genau das ist der Grund!

»Ich wollte es aufschreiben«, sagt Blake.
Sanchez, der stämmige Latino mit dem kantigen Gesicht und dem Spitzbart, seufzt. »Blake, wir hatten doch über die Computer gesprochen, oder?«
»Ja, aber …«
»Und wir waren uns darüber einig, dass sie zu viel Strom verbrauchen.«

Blake weiß das. Sie haben nicht nur einmal, sondern wenigstens dreimal das Ganze durchgespielt. Strom ist ein rares Gut, seit er nur aus einem benzinbetriebenen Generator stammt und nicht mehr aus einem Kraftwerk, das eine ganze Großstadt versorgen kann.
»Ich musste einfach versuchen, es aufzuschreiben«, sagt Blake und er hasst, wie seine Stimme zittert. Außerdem spürt er, wie ihm schon wieder Tränen in die Augen steigen. »Damit wir es nicht vergessen.«

Sanchez stellt sich neben Blake und geht an den Anfang des Textes zurück. Er beginnt zu lesen.
»Scheiße, Blake, was ist denn da passiert?«
»Ich wollte, dass die Menschen sich daran erinnern. Ich dachte, vielleicht ist das der Grund, dass ich …«
»Dass du noch am Leben bist?«
Blake nickt. Jetzt weint er.
»Blake, Alter, du lebst, weil ich auf dich aufpasse! Und weil du ein prima Kerl bist. Gut, du bist nicht unbedingt geschickt an der Waffe, aber dafür haben wir genügend andere, Männer und Frauen.«
»Ich wollte dem hier«, Blake macht eine Handbewegung, die den ganzen Raum umfasst, »einen Sinn geben. Meiner Existenz.«

Sanchez legt ihm eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme ist ernst, als er spricht. »Jeder Lebende ist wichtig. Es gibt nicht mehr viele von uns und vielleicht müssen wir bald fort von hier und unser Glück woanders versuchen. Der Treibstoff wird knapp und die Lebensmittel … aber das weißt du ja selber.«
Eine kurze Pause entsteht.
»War es schlimm diesmal?«, fragt Blake.
»Wir haben sie zurückgeschlagen«, antwortet Sanchez und die Müdigkeit klingt deutlich aus seiner Stimme. »Das alleine zählt.«
»Ich wollte wirklich nur das ganz normale Leben aufschreiben«, sagt Blake und starrt wieder auf den Bildschirm. »Eine ganz normale Familie, ein normales Haus, normale Kinder, eine gottverdammt normale Katze. Eine Nachbarin, die sich etwas borgt. Und dann …«
»Ein guter Schriftsteller kann wahrscheinlich die Realität nicht vollkommen ausblenden«, sagt Sanchez. »Vielleicht sollte er es auch gar nicht versuchen.«

Und dann wagt der Latino etwas, das Blake unter anderen Umständen wütend gemacht, wenigstens aber bestürzt hätte. Er löscht fast den gesamten Text. Nur das Ende, die Verwandlung von Billie Marsh und der kleinen Alice, lässt er stehen.
»Das ist jetzt das normale Leben, Blake«, sagt er. »Unser ganz normales Leben.«

Blake starrt auf den Bildschirm. Eine Minute vergeht, dann eine zweite und eine dritte. Dann sackt die Wahrheit durch. Blake nickt langsam. Bitter.
Er greift nach vorne und schaltet den Computer aus, ohne die Datei erneut gespeichert zu haben.

»Wann gibt es Essen?«

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20 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Ein ganz normales Leben

  1. applaus applaus … !
    der einsame leser kommt nicht auf die idee, die lektüre nach wenigen sätzen zur seite zu legen.
    trotz der beiden flüchtigkeitsfehler, die ihm prompt ins auge sprangen:
    „Er glaubt, die Betriebsamkeit des Ortes spüren und den seinen typischen Geruch riechen zu können.“
    »Nein, das kann gar nicht! Du warst doch auf dem Weg zum Fern…«
    die geschichte liest sich gut und nimmt den einsamen leser mit sich fort …

    applaus applaus …
    die fünf in der ersten reihe klatschen alle und sind begeistert.
    das sind die, die alles gut gehört und jedes wort verstanden haben.

    von den fünfen in der zweiten reihe klatschen nur drei.
    die anderen beiden haben alles gehört, aber nur die hälfte verstanden.

    in der dritten reihe klatscht nur noch einer, der rest starrt vor sich hin.
    die haben nur die hälfte gehört und überhaupt nichts verstanden.

    aus reihe vier kommt überhaupt keine resonanz.
    aber alle fünf stehen auf einmal wie ein mann auf.
    die kleidungsstücke rutschen von ihren körpern,
    die immer dünner und ausgemergelter werden ……..

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    • Oh, okay. Der erste Flüchtigkeitsfehler rührt wirklich daher, dass ich da kurz vor knapp aus einem genau bezeichneten Gebäude nur „ein Gebäude“ gemacht habe. Werde ich korrigieren, danke!

      Was den zweiten angeht, meinst du da das scheinbar fehlende „sein“? Wenn, dann war das als verkürzte Kiddiesprache so gewollt 🙂 .

      Den Rest deines Kommentars finde ich ein wenig kryptisch, aber das ist ja nichts schlechtes. Er regt zum Nachdenken an. Danke dafür!

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  2. Gruselig… Ich hatte beim Straßennamen Elm Street schon so eine Ahnung, dass es nicht so harmonisch bleibt, und du hast mich nicht enttäuscht. Schön zu lesen, und vielleicht kommt mit den Kurzgeschichten deine Schreibfreude bald zurück!

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    • Es freut mich, dass die Geschichte dir gefallen hat!

      Ach ja, die Elm Street. Schön, dass es dir aufgefallen ist. Aber hast du mal drauf geachtet? In ganz vielen Filmen und Romanen wohnen irgendwelche Charaktere in einer Elm Street. Ob das alles Anspielungen sind?

      Ich fang dann schon mal an, zu zählen. Eins, zwei … 😉

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  3. Gefällt mir auch sehr, Endzeit mal von hinten aufgerollt und mit dem Schriftstellerblick. Sehr fein. Vielleicht hätte mir ein Maler noch besser gefallen …
    Ich mochte nur zwei Sätze nicht: „Konzentriert legt er die Stirn in Falten“ – das klingt so, als ob er’s bewusst macht. Und: „Wieso seid ihr denn am frühen Morgen schon so auf Krawall gebürstet?“ Das klingt irgendwie sehr elaboriert für eine Mutter am frühen Morgen 🙂
    Herzlichen Dank fürs Mitteilen hier, von mir aus sehr gerne mehr! Liebe Grüße!

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    • Dankeschön! Ja, ein Maler wäre auch nicht schlecht gewesen, aber dann wäre die Kurzgeschichte sehr kurz geworden.

      Hm, ich lege manchmal durchaus sehr bewusst die Stirn in Falten, weil ich mir einbilde, dass ich dann besser nachdenken kann. Ist natürlich totaler Quatsch, das weiß ich auch 😀 .

      Mal sehen, wann es Nachschub gibt. Die letzte Story war beinahe vor einem Jahr, wie ich mit Schrecken festgestellt habe …

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  4. Okay, bin gerade total spontan über diese Kurzgeschichte gestolpert. Ich war sehr neugierig und hab‘ aufmerksam gelesen.. und dann war ich traurig. ich war noch nicht bereit, dass die Geschichte vorbei ist – aber, das macht es irgendwie noch besser. Sehr spannend geschrieben! Lg, aus Österreich 🙂

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