Seine Figuren von der Leine lassen

Am heutigen Donnerstag, den 08.02.2018, ist es wieder so weit: Überall in der Republik, am meisten aber hier im äußersten Westen, werden wieder die Pappnasen aufgezogen, vereinzelt tatsächlich noch Krawatten abgeschnitten und unsägliche Stimmungshits von alkoholisierten Menschen zur Vorstellung gebracht. Mit anderen Worten hat die Hochphase des Straßenkarnevals begonnen.

Ich selber habe zu diesem Brauchtum so gar keinen Bezug aufbauen können. Ich weiß, dass ich als Kind mal auf den Rosenmontagsumzügen und auch ein- oder zweimal bei Kinderkarnevalsfeiern dabei war, aber im Großen und Ganzen habe ich immer leicht skeptisch auf die Leute geschaut, die glaubten, dass am Altweibertag die Regeln für die kommenden paar Tage aus den Angeln gehoben werden und mehr oder weniger alles erlaubt ist.

Das hat sich im Laufe der Jahre noch mehr verfestigt. Ich muss gestehen, dass ich es schon schwer zu tolerieren finde, dass ich, wenn ich morgens mit dem Zug zur Arbeit fahre, den Wagen mit teils schon erheblich alkoholisierten Menschen teilen muss, die teilweise auch vor körperlichen Übergriffen nicht zurückschrecken.

Aber wie gesagt, manche glauben, dass sie an Karneval mal so richtig aus der Rolle fallen können.

Wobei das, wenn man darüber nachdenkt, eine nette Idee ist, die uns Autoren dabei helfen könnte, noch mehr über unsere Figuren zu erfahren.

Die meisten Autoren haben ziemlich klare Vorstellungen davon, wer ihre Figuren sind, wie sie sich verhalten, was sie denken und was sie so tun. Das liegt in der Natur der Sache, definiert sich ihr gesamtes Auftreten schließlich über uns und das, was wir mit ihnen vorhaben.

Diese Vorgehensweise kann sich aber auch dahingehend rächen, dass unser Protagonist oder auch der Antagonist (wobei der interessanter Weise meistens eher dagegen gefeit ist) sich nach einem bestimmten Schema bewegen, äußern und allgemein verhalten.

Das können harmlose Dinge sein wie bestimmte Floskeln, die eine Person immer wieder verwendet. Es können aber auch größere Sachen wie der Umgang mit anderen Figuren sein, vielleicht sogar handlungsbestimmende Aspekte der Herangehensweise an eine Problemstellung. Manchmal hat eine Figur auf diese Weise sogar ein mittelschweres Brett vor dem Kopf, das sie einfach nicht herunterreißen kann, weil sie so in ihren normalen Mustern festgefahren ist, dass man es als Autor oft erst im Rahmen der Überarbeitung feststellt. Und dann ist es mühselig, diesen Umstand wieder zu heilen.

Ich möchte daher dafür plädieren, die eigenen Figuren einfach mal von der Leine zu lassen.

Wie stelle ich mir das vor? Natürlich muss es nicht so sein, dass euer Protagonist sich zu Karneval ordentlich einen auf die Lampe gießt. Im Wein liegt zwar Wahrheit, wie man so schön sagt, aber vielleicht ist dies nicht immer die Wahrheit, die man herauskitzeln möchte. Andererseits: Was gibt es Schöneres zu schreiben als einen langen und bierseligen Dialog, der sich quer durch alle möglichen Emotionen von Rührseligkeit über Aggression hin zum Weinerlichen bewegt?

Bei anderen Figuren kann es dagegen interessant sein, sie einmal in ein vollkommen anderes Umfeld zu versetzen. Wie schlägt sich ein katholischer Pfarrer in einem Swingerclub? Wie Graf Dracula im Sonnenstudio? Und dann ist da diese Clique von Collegemädchen, die statt beim Spring Break in einem Nonnenkloster samt Schweigegelübde gelandet ist.

Der Reiz entsteht aus dem Kontrast, der zwischen den eigentlichen Erwartungen und der Notwendigkeit zur Anpassung besteht. Vielleicht führt der Pfarrer ein höchst erhellendes Gespräch über das Zölibat mit der Frau an der Bar. Oder Dracula stellt fest, dass er mit einem entsprechend hohen Lichtschutzfaktor endlich etwas gegen seinen blassen Teint tun kann.

In jedem Fall erlangt man neue Ansichten seiner Charaktere, die man in einer vorgezeichneten Geschichte auf diese Weise vielleicht nicht hätte gewinnen können.

Wichtig ist es aus meiner Sicht nur, dass man trotz aller Möglichkeiten, seine Figuren mal out of character beschreiben zu können, den Respekt vor ihnen nicht verliert. Sie werden nicht zur Schießbudenfigur, nur weil wir neue Seiten an ihnen ausloten.

Das unterscheidet sie im Übrigen auch von dem Karnevalisten, der morgens um halb acht schon so viel Alkohol getankt hat, dass er es vielleicht gar nicht mehr bis elf Uhr elf durchhält, ohne mit einer Vergiftung ins Krankenhaus eingewiesen werden zu müssen.

Ich schlage also vor, dass ihr, wenn ihr das nächste Mal das Gefühl habt, mit einer eindimensionalen Figur kämpfen zu müssen, einfach einen kleinen Text schreibt und diese Figur in eine vollkommen andere Situation versetzt. Welche das ist, das könnt ihr, als die Herren über euren Stoff, selbst am besten beurteilen.

Aber vielleicht habt ihr so etwas ja auch schon einmal gemacht? Dann würde ich mich über entsprechende Erfahrungsberichte in den Kommentaren freuen!

Und wenn ihr heute und in nächster Zeit nicht ansprechbar seid, weil ihr jeck und auf den Straßen unterwegs seid, dann sende ich euch ein dreifaches „Helau“ und bin im Stillen erleichtert, dass Aschermittwoch ja gar nicht mehr so lange hin ist …

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7 Gedanken zu “Seine Figuren von der Leine lassen

  1. Ich finde den Bezug zu deinem eigentlichen Thema und Karneval sehr gelungen. Schöner Aufhänger! Ich kriege vom Karneval irgendwie gar nichts mit und bin auch froh drum.
    Einen Charakter zu entwickeln, stelle ich mir wirklich schwer vor. Am Ende des Tages hätte ich auf dem Blatt sicher immer eine Variante von mir selbst.
    Deine Ideen mit Dracula etc. finde ich übrigens super! Sowas würde ich auch gerne mal lesen!

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    • Dankeschön!

      Ich finde diesen Kontrast immer sehr merkwürdig, habe ihn immer schon seltsam gefunden, wenn die seriösesten Menschen auf einmal für ein paar Tage scheinbar alle Hemmungen verlieren und danach dann nur noch umso ernster erscheinen. Das wirkt dann so unecht.

      Charaktere müssen atmen können, denke ich mir immer. Klar, Teile meiner Selbst sind mit drin, geht ja gar nicht anders. Aber wenn man ihnen keinen Spielraum gibt, dann bleiben sie bloße Schablonen. Und mit denen kann man zwar malen, aber keine Romane schreiben.

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      • Mh, das ist ja ein wenig so wie das „gehen lassen“ an Vatertag oder am Wochenende. Eigentlich ist es doch traurig, solche Anlässe zu brauchen, um mal Dampf abzulassen.

        Deswegen male ich lieber und lese nur Romane ^^

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      • Ich finde es auch traurig. Gleich im doppelten Sinne: Einmal, dass es Menschen gibt, die sich das nur dann trauen. Und zweitens, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter dahin entwickelt, dass es nur noch diese schmalen Fenster gibt, während denen Menschen sich auch mal ausleben können. Beides zusammen ergibt dann die häufig unangenehme Mischung aus Exzess und Hemmungslosigkeit.

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      • Jepp, sehe ich ganz genauso. Das beginnt in der Schule und geht bis ins hohe Alter weiter – wie man sein sollte, was man tun müsste und was der Norm entspricht. Je offener wir auf dem Papier (Theorie) werden, umso mehr Schranken entstehen in der Praxis.

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