Wenn Geschichten sich weiterentwickeln

Neulich unterhielt ich mich mit Julia von Rein-Hrubesch, ihres Zeichens ebenfalls Autorin und Mitstreiterin in Sachen #9lesen. Es ging darum, wie Geschichten sich entwickeln und wie manche Geschichten sich eben von ihrer ursprünglichen Form in etwas anderes weiterentwickeln.

Ich habe über dieses Gespräch in den letzten Tagen, aus gegebenem Anlass, viel nachgedacht. Der Anlass sind mein unerwarteter Kreativitätsschub und die Folgen, die daraus erwachsen.

Wie ihr wisst, arbeite ich bereits seit längerem an einer Geschichte, in der es um ein Kind geht, das von seinen Eltern vor der Judendeportation aus dem Warschauer Ghetto gerettet worden ist. Ich hatte die Geschichte komplett aus einem Traum übernommen und, ganz gegen meine Gewohnheit, direkt eine Szenenfolge festgelegt. Fünf einfache Szenen, danach Abschluss und Ende. Eine Kurzgeschichte eben.

Im Normalfall schreibe ich meine Kurzgeschichten schnell, jedenfalls im ersten Entwurf. Deswegen war es schon eine Ausnahme, dass diese hier sich so langsam entwickelte und partout nicht fertig werden wollte. Ich schob es darauf, dass das Thema ein eher schwieriges ist. Diese Annahme verringerte das Gefühl, irgendetwas falsch zu machen.

Doch dann kam es zu einer langen Pause, in der ich die Geschichte gar nicht anfasste. Zurückblickend kann ich allerdings jetzt festhalten, dass ich eigentlich überhaupt nichts wirklich anfasste. Meine Kreativität kam zum Erliegen.

Als sie nun, im Zuge der letzten Ereignisse, langsam wieder aus ihrem Winterschlaf erwachte, stand für mich fest, dass ich mich nun zunächst um „Das Kind“ kümmern wollte. Und so fing ich an, weiterzuschreiben.

Leser, die hier schon länger mit dabei sind, werden ahnen, was passiert ist.

Die Geschichte wird länger und länger. An Stelle der kurzen Szenen sind nun längere getreten, die sich mehr Zeit für die Charaktere und das Setting des Jahres 1942 nehmen. Neue Charaktere wurden eingeführt, die sich aufgrund des geänderten Handlungsverlaufs einfach aufdrängten.

Und das bringt mich zu der Eingangs angesprochenen Weiterentwicklung: Inzwischen bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich die Geschichte, wie sie ursprünglich geplant war, eigentlich gar nicht mehr schreiben möchte. Meine Ursprungsidee war kurz, sie war grob, sie war düster. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich es grob und düster haben möchte.

Man könnte auch sagen, dass mir meine Charaktere, durch die Evolution, die sie gerade durchmachen, einfach zu nahe gehen, als dass ich sie eiskalt einem vorgeplanten Storybogen unterwerfen könnte, hinter dem ich auch nicht mehr vorbehaltlos stehe.

Julia schrieb zu diesem Phänomen: »Das ist toll! Die Geschichte ist eben gewachsen.«

Ja, das ist sie. Und damit komme ich wieder einmal in das Dilemma, dass ich nicht genau sagen kann, was das eigentlich ist, was ich da schreibe. Eine Kurzgeschichte ist es mit inzwischen fast 30.000 Wörtern jedenfalls nicht mehr. Wird es eine Novelle? Ein Kurzroman? Doch sogar ein „richtiger“ Roman?

Ich weiß, was an dieser Entwicklung nicht toll ist. Es ist die Sorge, dass mir das Projekt schließlich wieder unter den Händen wegsterben könnte, weil ich orientierungslos von einer Seite zur nächsten stolpere.

Momentan gibt es auf der anderen Seite aber auch nicht den kleinsten Anhaltspunkt, dass das passieren könnte. Stattdessen reiht sich gerade wieder Idee an Idee, Szene an Szene. Das einzige, was den Eindruck ein wenig trübt, ist der Fakt, dass ich nicht genau weiß, wann und wie ich die Geschichte enden lassen soll. Aber das ist wohl zu erwarten, wenn man mal eben das komplette Konstrukt samt geplantem Ende über den Haufen wirft.

Ein Teil von mir ist es dennoch gewohnt, sich schlecht damit zu fühlen, dass er das eigene Vorhaben nicht hat umsetzen können. Und er greift zu einem sehr perfiden Mittel, um mich das spüren zu lassen. Er stellt mir nämlich in einem fort die Frage, was ich eigentlich genau mit der Geschichte vorhabe, wenn sie denn irgendwann einmal fertig ist.

Tja, das ist eine gute Frage.

Ich habe mir ja vor einiger Zeit quasi geschworen, dass ich nie mehr für die Schublade schreiben möchte. Aber heißt das auf der anderen Seite, dass ich alles, was ich schreibe, auf Teufel komm raus direkt in irgendeiner Form verwerten muss?

Ich denke, dass genau hier ein weiterer Grund dafür begraben liegt, dass meine Kreativität zwischendurch so einschlafen konnte. Das Gefühl, mit dem, was ich schreibe, unbedingt etwas – womöglich auch noch gewinnbringendes – anstellen zu müssen.

In einem einfachen Satz formuliert heißt das nichts anderes, als dass ich mir selber massiven Druck mache. Oder gemacht habe.

Die meisten meiner Romane habe ich geschrieben, ohne ein konkretes Ziel mit ihren zu verfolgen. Ich habe sie geschrieben, weil sie einfach an der Reihe waren und auf die Welt gebracht werden wollten. Viele Kurzgeschichten schreibe ich einfach aus Spaß an der Freude, um sie hier im Blog zu veröffentlichen.

Aber je mehr man sich unter Autoren bewegt, desto mehr beginnt alles, auf einen abzufärben. Und dazu gehört auch dieser Drang, vorrangig mit dem Ziel der Veröffentlichung zu schreiben.

Ich will den Drang gar nicht schlecht machen, denn er ist es, der in manchen Punkten den Antrieb setzt für das, was ich tue. Ansonsten hätte ich nie einen Text von mir überarbeitet und schon gar nicht versucht, ihn für eine Veröffentlichung zu platzieren. Aber das kam immer im Nachgang, wenn die Geschichte schon geschrieben war.

Und so weit bin ich eben diesmal noch nicht.

Ich muss also für mich feststellen, dass meine Geschichte sich weiterentwickelt hat. Damit sprengt sie den ursprünglichen Rahmen und die zumindest vage Idee, was ich mit ihr anfangen wollte. Das führt zu einer Anzahl an Fragezeichen, die zuerst blockierend gewirkt haben. Der Kreativitätsschub hat mich aus dieser Blockade geführt und jetzt schreibe ich, ohne groß nachzudenken. Und stelle fest, dass es mir Spaß macht.

Damit könnte doch eigentlich alles gut sein. Sollte es sein. Wird es sein.

Wenn ich das, was ich nun für mich glaube, erkannt zu haben, festhalte und mich daran erinnere, wenn ich wieder in Gefahr gerate, mich selber in Gefangenschaft zu setzen.

Das passende Schlusswort gebührt diesmal Julia: »Was soll daran nicht toll sein?«

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12 Gedanken zu “Wenn Geschichten sich weiterentwickeln

    • Man soll ja niemals nie sagen. Denn wie du richtig sagst, Interessen können sich ändern – in beide Richtungen.

      Spaß an der Freude ist natürlich das Wichtigste. Aber an manchen Stellen muss man (ich) sich dennoch entscheiden, ob man (ich) begnadeter Amateur bleiben oder sich weiterentwickeln will. Gefühlt hänge ich noch oft dazwischen.

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  1. in gewisser Weise ist es wichtig seine Schreibökonomie zu pflegen. Nicht jede Idee kann zu einem verwertbaren Text werden. Aber ich finde es auch ungemein unbefriedigend, nutzlose Texte anzuhäufen. Mir geht die Freude am Schreiben verloren, wenn ich ziellos vor mir her schreibe. Und ich denke jeder, der einen gewissen Anspruch ans Schreiben hat, den geht es ähnlich!!!

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    • Ich habe beides schon erlebt, also die Phasen, in denen ich befreit und ziellos schrieb und dabei sehr produktiv war, als auch die, in denen es mir um ein Ziel ging. Ich finde beide, wenn sie im Fluss sind, ungefähr gleich befriedigend. Aber bis sie mal im Fluss sind, ist es manchmal sehr schwer.

      Da kann es dann helfen, wenn man klar vor Augen hat, wieso man das, was man gerade schreibt, eigentlich verfasst. Das hilft mir vor allem bei Überarbeitungen – ansonsten nicht meine Lieblingsdisziplin.

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  2. Eileen Blander schreibt:

    Solche Probleme habe ich für mich gar nicht unbedingt, aber ich finde es interessant zu sehen, was du dir so für Gedanken machst. Ich möchte auch unbedingt veröffentlichen, und manchmal setzt das einen unter Druck. „Du bist zu langsam. Du kriegst das nie hin.“ Und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Texte. Aber wenn man wirklich mit dem Herzen dabei ist, kann dieser Gedanke nach hinten geschoben werden. Dann geht es erst mal nur darum, mit dem Text zu arbeiten, bis es soweit ist zu entscheiden, was damit geschehen soll. Bei manchen Texten ist es vielleicht klar wie Kloßbrühe, bei anderen dauert es eben. Und jeden Text verwerten zu können (zumindest auf die Veröffentlichung gesehen), ist vielleicht auch utopisch. Deswegen muss man ja aber nicht von vorneherein für die Schublade schreiben.

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    • Das ist im Prinzip richtig, was du schreibst. Aber gerade in diesem Prozess, in dem ein Text scheinbar seine ihm gesteckten Grenzen sprengt, fände ich es schon gut, wenn ich bereits beim Schreiben wüsste, was ich jetzt damit anstellen soll.

      Aber vielleicht liegt das auch an den zahlreichen Romanen, die noch in der Schublade stecken, weil ich „nichts“ mit ihnen anfange, und die sich schon mal zusammenkuscheln, um Platz für einen Neuzugang zu machen.

      Oder noch anders gesagt: Bei einem kurzen Text wäre es mir „egal“. Bei einem Roman eher nicht so.

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      • Eileen Blander schreibt:

        Da habe ich leider keine Erfahrungen, weil ich eigentlich wirklich nur Texte im Roman(über)länge schreibe. Da ist mir eigentlich ziemlich klar, was damit werden soll.

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      • Ja, das sollte es sein, da hast du Recht. Ich bezog mich darauf, dass sich im Prinzip jeder weitere Roman anfühlt wie „noch einer auf dem Stapel“ und deswegen ein komisches Gefühl hinterlässt.

        Aber das ist bei mir wirklich eine psychologische Geschichte, denke ich.

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