Leipziger Allerlei 2018 (8) Warum es gut ist, dass die Buchmesse auch einmal endet

Inzwischen sind zwei Wochen vergangen, seit in Leipzig die Buchmesse tobte. Zeit, allmählich auch mit meiner Nachberichterstattung zu einem Ende zu gelangen. Sicher, ich könnte noch über viele Dinge schreiben. Aber wen interessiert heute noch, wen ich alles getroffen habe (viele liebe Menschen!), wie ich meinen Messesamstag verbracht habe, wie sehr mich das Winterchaos in Leipzig getroffen hat (fragt mich mal nach meiner Heimreise)?

Eben.

Aber einen Artikel möchte ich noch schreiben. Sozusagen als gedanklichen Abschluss. Dabei war dieser Artikel streng genommen einer der ersten, die mir in den Sinn kamen, als ich mir eine Planung aufgestellt habe, über welche Themen ich bloggen möchte.

Und deswegen möchte ich nun mit euch einige Gedanken teilen, wieso es gut ist dass die Buchmesse auch einmal endet.

Zunächst einmal, weil ansonsten die Chance, dass man sich finanziell übernimmt, exponentiell ansteigt. Man kann nur eine gewisse Zeit im Umfeld von Büchern über Büchern existieren, ohne dass man in einen Kauf- und Haben-Will-Rausch verfällt. Nun gehöre ich nicht zu denen, die auf die Messe gehen, um Bücher zu kaufen. Das kann ich bequemer von zu Hause aus machen. Aber natürlich habe ich mich bei dem einen oder anderen Verlag über das Programm informiert. Und es reizt auch, wenn man die Schmuckstücke im Regal stehen sieht, zumindest eins oder fünf mitzunehmen. So ging es mir, zum Beispiel, bei FESTA.

Ein weiterer Faktor ist, dass man irgendwann auch zwangsläufig an seine körperlichen Grenzen geraten würde. Auch wenn die Messehallen eigentlich alle nah beieinander liegen und die Wege, theoretisch, gar nicht so weit sind, reißt man doch am Tag ein ziemliches Pensum herunter. Ach, noch mal eben bei den Selfpublishern in Halle 5 was anschauen. Und danach in die Halle 2 zur Fantasy Leseinsel. Ach, und dann wollte ich ja auch noch in Halle 1, zur Manga Comic Con. Oh, XY schreibt gerade, dass jetzt ein Treffen an der Leseinsel in Halle 5 ist. Aua, die armen Füße, kann man da nur sagen!

Allgemein muss man aber auch schauen, dass man keinen Overload bekommt. Ich verwende dieses Wort hier sehr bewusst, bedeutet es doch, dass man irgendwann aufgrund der vielen Reize einfach nicht mehr hinterher kommt.

Ich hatte dieses Gefühl bereits am Messesamstag, also meinem zweiten Tag, zum ersten Mal. Ich schlenderte so durch die Hallen und irgendwann hatte ich das Gefühl, dass mir das alles zu viel wird. Zu viele Menschen, zu viele Stände, zu viel Lärm, zu viele Bücher, zu viel von allem!

Interessanter Weise lief mir plötzlich Chris (ihr erinnert euch an die vorherigen Berichte) über den Weg, der mich sah und augenblicklich seufzte: „Ein bekanntes Gesicht. Endlich! Ich hasse Menschen!“

Das gab mir das beruhigende Gefühl, dass ich nicht mal wieder Opfer meiner eigenen kleinen Einschränkungen wurde, sondern dass auf der Messe für wohl jeden latent die Gefahr besteht, dass man reizüberflutet wird. Der eine kommt halt besser damit klar, als es der andere tut.

Und dann gibt es noch einen Punkt, der auf meiner Liste, wieso es gut ist, dass die Messe auch mal ein Ende hat, ganz weit oben steht. Ich setze ihn nur deswegen ans Ende, weil ich erst die offensichtlichen Dinge abarbeiten wollte, bevor ich jetzt zu diesem hier komme, das mir mit bösem Willen auch falsch ausgelegt werden könnte.

Und zwar ist es irgendwann einfach zu viel, den anderen Buchmenschen ausgesetzt zu sein mit allem, was sie so erleben.

Eine Buchmesse ist nicht der normale Alltag. Für keinen von uns. Das gilt für das, was wir erleben und für das, was wir tun. Es kommt alles sehr geballt und gerade dann, wenn man sich in einer größeren Gruppe bewegt, erlebt man viele Meilensteine im Leben eines Autors sehr komprimiert.

Überspitzt gesagt ist immer jemand dabei, der gerade einen vielversprechenden Kontakt zu einem Verlag geknüpft hat. Es ist immer jemand dabei, der gerade ein Projekt platzieren konnte. Irgendwer hat immer gerade einen Haufen Fans getroffen und viele Bücher signiert. Und irgendwer hat von irgendwem suggeriert bekommen, er wäre ein ganz großer Influencer und muss das nun allen Anwesenden immer und immer wieder mitteilen.

Kurz: Man wird mit einer Menge tatsächlicher und imaginärer Erfolge konfrontiert. Ebenso natürlich auch mit Misserfolgen, wobei die im allgemeinen ein wenig dezenter kommuniziert werden.

Wieso ist das nun schwierig? Ganz einfach, weil man den Eindruck gewinnen könnte, dass man von links und rechts gleichzeitig überholt wird. Und nicht nur überholt, sondern auch abgehängt. Dabei ist dies ein falscher Eindruck, den man nur gewinnt, weil diese Messetage eben so unglaublich intensiv sind. Das normale Leben spielt sich außerhalb ab, wenn wir alle wieder zu Hause sitzen. Der Alltag ist die Zeit, in der wir alle uns anstrengen, um das Bestmögliche aus unserem Schreiben und aus unserer Entwicklung als Autoren herauszuholen. Und auf den Messen gelingt es einigen dann, die Früchte für diese harte Arbeit zu ernten.

Mir ist außerordentlich wichtig, in aller Deutlichkeit zu sagen, dass das, wovon ich hier spreche, keineswegs Missgunst ist! Ich gönne jedem und jeder jeden Erfolg. Eben weil ich weiß, dass keinem von uns etwas einfach so in den Schoß fällt. Was ich spüre ist dementsprechend kein Neid, sondern Überforderung!

Schuld daran ist wieder einmal eine falsch verdrahtete Schaltung in meinem Kopf, vermute ich. Es kann aber auch sein, dass es anderen auch so geht wie mir. Man freut sich, freut sich wirklich, aber gleichzeitig wird das alles auch ein bisschen viel. Sagen wir, ich könnte mich besser freuen, wenn nicht alles so geballt käme.

Dabei spielt es auch keine Rolle, ob ich selber einen Erfolg erlangt habe, oder nicht. Die Teilnahme an 9lesen war für mich auf vielfältige Weise ein großer Erfolg. Aber das sehe ich dann nicht, kann es nicht einordnen und deswegen entsteht bei mir ein komisches Gefühl.

Ich kann nur hoffen, dass ich es einigermaßen erklären konnte, denn das Schlimmste wäre wirklich, wenn mich jetzt einer von euch da draußen für einen Neidhammel halten würde. Aber dann würde ich darum bitten, das anzusprechen, damit ich es vielleicht ausräumen kann …

Wie dem auch sei, für mich ist, bei aller Ernüchterung, bei allem Messeblues, der zwangsläufig nach einem solchen Meilenstein im Autorenleben zwangsläufig einsetzt, auch gut, dass irgendwann der Alltag wieder einkehrt. Das mindert nicht die vielen schönen Stunden, die ich auf und abseits der Messe mit tollen Menschen gehabt habe. Und das mindert nicht die Vorfreude auf das nächste Ereignis dieser Art.

Vielleicht ist es mit Messen wie mit Kindsgeburten: Sie sind für alle Beteiligten eine enorme Strapaze, aber am Ende bleibt das gute Gefühl übrig – denn sonst würde sich niemand ein zweites Mal darauf einlassen 😉 .

Damit endet meine Berichterstattung zur Leipziger Buchmesse 2018. Ich hoffe, dass sie euch ein wenig Spaß gemacht hat. Bei mir war das jedenfalls der Fall. Aber auch hier muss nun der Alltag wieder einkehren.

Bis es dann wieder heißt: Buchmesse, ich komme!

Wie wär’s mit Frankfurt!?

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Leipziger Allerlei 2018 (7) Die #9lesen Videos sind da!

*** Breaking News ***

Wow, das ging schnell und kam dann heute doch fast ein wenig unerwartet. Ich wusste zwar, dass die liebe Babsi eifrig bei der Arbeit ist, um die Lesungsvideos aufzubereiten, aber dass bereits heute alle zur Verfügung stehen und auch veröffentlicht sein würden, damit hatte ich jetzt nicht gerechnet.

Lange Rede: Ab sofort könnt ihr die Videos der #9lesen-Autoren, die einer Veröffentlichung zugestimmt haben, ganz bequem über die Website anschauen, wo sie als YouTube-Playlist eingebettet sind. Natürlich sind die Videos auch einzeln auf unserem YouTube-Kanal zu sehen.

Freut euch also auf Texte von Andrea Schrader, Hannes Niederhausen, Jana Tomy, Julia von Rein-Hrubesch, Magret Kindermann und Barbara Weiß.

Ach ja – und von mir auch. Ich muss gestehen, ich habe das Video in voller Länge noch gar nicht angeschaut. Da brauche ich das richtige Mindset für, glaube ich. Es ist halt immer noch ungewohnt sich selbst zu sehen und zu hören. Und das jetzt auch noch im Internet.

Aber gut, ich habe mir das so ausgesucht und ich finde, es gehört auch dazu. Wenn ich mich schon vor Live-Publikum nicht blamiert habe, dann tue ich das auch vor euch nicht.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß mit meiner Lesung aus „Der Beobachter und der Turm“. Knappe neuneinhalb Minuten, die ihr ruhig mal investieren könnt 😉 .

Der Anschlag

Auch das ist Autorenleben: Man tippert den ganzen Tag (übertrieben) auf irgendeiner Tastatur herum, die mal mehr, mal weniger gut dazu geeignet ist. Ich selbst habe mir für Daheim ja schon vor geraumer Zeit eine mechanische Tastatur angeschafft, weil ich das Schreibgefühl darauf unheimlich gut finde, den Druckpunkt zu schätzen weiß und – ja, auch das – ich den Sound mag, den diese Tasten erzeugen.

Nun wird diese Vorliebe aber nicht von jedem Menschen geteilt.

So kam es, dass ich mich in dieser Woche mit der Beschwerde meiner Arbeitskollegin auseinandersetzen musste, dass ich so laut tippe, dass sie sich dabei kaum konzentrieren kann. Gut, dass ich laut schreibe, das weiß ich selber. Was es in diesem Zusammenhang nicht gebraucht hätte, war der freundliche Hinweis, ich würde ja ohnehin viel privates schreiben …

Nur zum Protokoll: Ich schreibe dies während meiner Mittagspause und in Abwesenheit der Kollegin. Genauso wie alles andere private im Normalfall auch! Aber ich habe nun einmal einen Job, in dem ich viel schreiben muss und da lässt es sich nicht vermeiden, dass da auch mal längere Passagen dabei sind. Ich bin halt, was das Schreiben angeht, zügig dabei.

Gut, die Sache ist zwischen uns geklärt und technische Abhilfe soll auch geschaffen werden, indem man mir eine Tastatur mit leiserem Anschlag beschafft. Ich bin mal gespannt, ob und wenn ja, was für ein Modell das wird. Im Moment schreibe ich hier auf einer 08/15-Tastatur von Microsoft, die an allen Ecken und Enden klappert.

Tja, mein Anschlag. Aber was kann ich dafür? Ich habe das Schreiben auf einer Computertastatur Mitte der 80er-Jahre auf einem Schneider CPC „gelernt“. Ich stelle das in Anführungszeichen, weil ich Tastaturschreiben nie gelernt habe. Ich verwende heute noch ein fünfeinhalb-Finger-System, das zwar einigermaßen schnell, aber lange nicht so elegant wie Zehn-Finger-Schreiben ist.

Und die Tasten damals waren schwergängig. Wenn man eins der Programmlistings aus den Computerzeitschriften jener Tage abtippte, dann war das eine lange und anstrengende Prozedur. Aber wir hatten ja sonst nichts (außer ein paar beglaubigte Sicherheitskopien, ähem).

Auch das Schreiben von Romanen begann ich auf dieser Tastatur und irgendwie ist mir der harte Anschlag seit damals erhalten geblieben. Das ist mir, wie gesagt, selbst bewusst, aber ich kann da nicht so ohne Weiteres aus meiner Haut. Und sehe es, ehrlich gesagt, eigentlich auch gar nicht wirklich ein. Zumal die Kollegin, wenn sie es drauf anlegt, mit ihren zehn Fingern auch nicht leiser ist, als ich es bin. Es ist eben immer eine Frage der Wahrnehmung.

Nun soll es also eine geräuschreduzierte Tastatur richten. Ich habe keine Ahnung, ob das was bringt und wie viel das bringt. Hat da jemand von euch schon mal Erfahrungen mit gemacht oder vielleicht sogar konkrete Vorschläge, was für eine Tastatur man in die engere Wahl nehmen sollte?

Mir hat die Sache jedenfalls temporär die Lust am Tippen fast vergällt. Aber wie ihr seht: Zwei Tage war der Autor krank, jetzt tippt er wieder, Gott sei Dank. Wird auch Zeit, schließlich steht das Lektorat an.

Leipziger Allerlei 2018 (6) Der Blumenstrauß und ich

Ich schulde euch noch den einen oder anderen Beitrag zur Buchmesse. Unter anderem den darüber, wie ich am Messefreitag auf einmal mit einem Blumenstrauß in der Hand da stand …

Der Freitag war ja mein Anreisetag und nachdem ich zur Mittagszeit in Leipzig angekommen war und es dann auch recht bald schaffte, in meiner Unterkunft einzuchecken, hatte ich nicht mehr besonders viel Zeit, um die Buchmesse zu erkunden. Deswegen hatte ich mir für diesen Tag auch keine wirklichen Termine herausgesucht, sondern mir vorgenommen, einfach ein wenig herumzustromern, was ich dann auch tat.

Irgendwann fiel mir allerdings ein, dass da doch eine Veranstaltung war, die ich mir eventuell ansehen könnte, weil sie zum ersten einen feierlichen Anlass darstellte und ich zum anderen die, sich dann ja auch bewahrheitende, Hoffnung hegte, dass ich dort auf bekannte Gesichter stoßen würde.

Und so fand ich mich pünktlich an der Lesebühne in Halle 5 ein, wo die Verleihung des ersten Autorenwelt-Rings an Jasmin Zipperling stattfinden sollte.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, in allen Einzelheiten zu erklären, was die Autorenwelt und wer die junge Frau mit dem prägnanten Spitznamen „Zippi“ ist. Deswegen in aller gebotenen Kürze.

Die Autorenwelt ist ein Projekt, das auf die Initiative von Autorin und Herausgeberin Sandra Uschtrin (unter anderem die Zeitschriften „Federwelt“ und „Der Selfpublisher“, aber auch das „Handbuch für Autorinnen und Autoren“) zurückgeht und das sich zur Aufgabe gesetzt hat, Autoren nicht nur miteinander zu vernetzen und ihnen die Möglichkeit zu geben, miteinander in Kontakt zu treten, sondern das sich außerdem für bessere Konditionen am Markt für Autorinnen und Autoren einsetzt. Viele weitere Informationen hierzu entnehmt ihr am besten der Website der Autorenwelt.

Jasmin, oder eben auch Zippi, ist nach den Worten von Federwelt-Chefredakteurin Anke Gasch so etwas wie das Gesicht oder auch die Public-Relations-Frau der Autorenwelt, die sich unter anderem um den Twitter- sowie den Facebook-Account kümmert und auch ansonsten mit großem Engagement und Einsatz dabei ist, wenn es darum geht, die Ziele der Autorenwelt umzusetzen. Mal ganz davon abgesehen, dass sie, wie in der Laudatio von Autorin Alice Högner deutlich wurde, immer und jederzeit für jeden, den sie kennt oder auch gerade erst kennengelernt hat, ein offenes und hilfsbereites Ohr hat.

Engagement ist das entscheidende Stichwort, denn für dieses wurde Zippi an diesem Freitag ausgezeichnet, weil sie mehrfach, als es darum ging, sich zu engagieren, nicht etwa die Frage gestellt hat, „was sie denn davon habe“ oder schlimmer noch, „was sie denn dafür bekäme“, sondern weil sie einfach das Potential erkannte, das da gewesen ist, und sich mit Ehrgeiz in die Arbeit gestürzt hat.

Ich selber hatte bisher nur relativ wenige Bezugspunkte zu ihr. Wir folgen uns gegenseitig auf Twitter und es ist beinahe unmöglich, sie auf der Messe zu übersehen, wenn sie mit ihrer Autorenwelt-„Uniform“ durch die Hallen zieht, immer ihr Smartphone oder die obligatorische Kinderschokolade im Anschlag, und einfach eine angenehme und gute Laune um sich herum verbreitet.

Jedenfalls reichte das aus, um ihr begeistert zu applaudieren, nachdem sie aus den Händen von Sandra Uschtrin den Autorenwelt-Ring in Empfang genommen und sich tapfer, wenn auch dezent überwältigt, durch ihre Danksagung gekämpft hatte.

Und dann hatte der Blumenstrauß seinen Auftritt.

Es ist ja durchaus üblich, dass man einer Person, die man auszeichnet, noch dazu einer Frau, auch einen Strauß Blumen überreicht. Aber da in diesem Fall die Auszeichnung ja ein Ring war und das ganze Procedere damit ein ganz klein wenig an eine Trauung erinnerte, war man auf die Idee gekommen, die alte Tradition des Werfens des Brautstraußes aufleben zu lassen. Nicht, um den oder die Glückliche, die ihn fangen sollte, als nächstes unter die Haube zu bringen, sondern um diese/n dazu einzuladen und zu ermutigen, sich ebenfalls zu engagieren und sei es auch nur im Kleinen.

Denn, wie richtig gesagt wurde, jeder von uns kann etwas, was jemand anderes vielleicht nicht so gut kann und wobei man ihn unterstützen kann. Man muss es sich nur wagen und trauen.

Nun, die Pointe habe ich ja schon verraten, aber ich muss einfach sagen, dass ich das Unheil schon in dem Moment kommen sah, in dem Zippi sich mit dem Rücken zum Publikum drehte. Man muss kein Physikstudent sein, um die potentielle Flugbahn eines geworfenen Objektes zu erahnen.

Zippi warf und sowohl ich als auch Chris, der neben mir saß (der Freund von Jana Tomy, ihr erinnert euch), machten eine Ausfallbewegung mit dem jeweiligen Oberkörper. Leider nutzte uns das überhaupt nichts, denn das vermaledeite Ding kam wirklich genau auf uns zu.

Am Ende wurde Chris von dem Strauß irgendwo am Körper getroffen, woraufhin dieser zu Boden fiel und genau vor meinen Füßen zur Ruhe kam. Jetzt war guter Rat teuer und nach ein wenig schnellem „nimm du ihn“ – „nein, du nimmst ihn“ musste ich in den sauren Apfel beißen und das Ding aufheben.

Was macht man also in dem Moment? Man hält den Strauß in die Höhe, tut so, als freue man sich unbändig, und möchte den Augenblick einfach schnell verstreichen lassen.

Damit ihr mich nicht falsch versteht: Es geht mir nicht ums Engagement. Auch wenn ich dazu jetzt eine lange und nicht besonders schöne Geschichte erzählen könnte. Ich bin durchaus bereit, mich in irgendeiner Weise zu engagieren. Selbst wenn weite Teile von mir der Ansicht sind, dass ich die Ausnahme darstelle, die für niemanden eine gute Unterstützung darstellen kann.

Nein, die zuletzt gemachten Erfahrungen haben halt nur dafür gesorgt, dass ich den Strauß nicht nur als Ermutigung, sondern auch als Belastung gesehen habe. Nicht zuletzt auch, weil ich nicht glaubte, dass er mir besonders gut stand. Ganz davon abgesehen, dass es in meiner Wohnung (ihr erinnert euch: ziemlich basic) nicht einmal ein vernünftiges Glas gab, in welchem ich den Strauß hätte unterbringen können.

Zum Glück einigten Chris und ich uns nicht nur darauf, dass wir den Strauß letztendlich gemeinschaftlich gefangen hatten, sondern auch, dass er am Ende des Tages Jana viel besser zu Gesicht stand als uns. Aber bevor wir ihn abgegeben haben (und er irgendwann im Laufe des Leseabends einfach verschwunden ist, keiner weiß, wohin), haben wir natürlich noch ein Beweisfoto mit Zippi geschossen, das ich mir von Jana ausgeliehen habe:

Doch seitdem denke ich viel über diese Engagement-Geschichte nach. Weil das für mich auch was mit Gemeinschaft, oder mit dem Sinn für Gemeinschaft, zu tun hat. Und was diese angeht, ist mein Autoren-Weltbild in den letzten Wochen leider erheblich erschüttert worden.

Aber vielleicht schreibe ich darüber noch ein anderes Mal mehr.

Ich schließe für mich jedenfalls nicht aus, in Zukunft in irgendeiner Form bei irgendeinem Projekt oder in irgendeiner Community mitzumachen und das, was ich vielleicht einbringen kann, so gut wie möglich in die Waagschale zu werfen. Im Hinterkopf werde ich dabei auf Dauer diesen Strauß Blumen behalten. Als Symbol für das, was man tun kann, wenn man denn den Schritt dahin wagt.

Und irgendwann möchte ich ihn wagen.

Leipziger Allerlei 2018 (5) Mein Text bei #9lesen zum nachlesen

Da der Wunsch geäußert wurde und weil die Bereitstellung des Mitschnitts noch ein wenig auf sich warten lassen wird (ganz ehrlich: Ich möchte den Job nicht haben!), veröffentliche ich den Text, den ich bei #9lesen gelesen habe, hier auf dem Blog.

Darüber, wie die Stelle zustande gekommen ist, habe ich ja hier schon ein wenig erzählt. Deswegen will ich euch gar nicht lange mit weiterer Exposition nerven, sondern komme direkt auf den Punkt.

Ich wünsche euch viel Spaß mit der Leseprobe aus „Der Beobachter und der Turm“ und freue mich natürlich über Feedback 🙂 !

Richard begann zu laufen. Er sah nicht mehr zurück und achtete auch nicht auf die Personen, die ihm entgegenkamen. Er wurde erst langsamer, als er wieder auf der Promenade stand. Er rannte nach links, ungeachtet der tief stehenden Wolken und des Regens, der sich aus ihnen ergoss. Etwas in ihm löste sich, der Knoten platzte und der Regen vermischte sich mit dem aus seinen Augen fließenden Wasser.

Jetzt wurde er langsamer, blieb endlich stehen. Er beugte sich nach vorne und war für einen Moment überzeugt, sich übergeben zu müssen. Alles an Demütigung und Scham, an zerstörter Hoffnung und erstmals auch Verzweiflung kam hervor.

»Ja«, sagte eine Stimme ton- und emotionslos neben ihm. Richard sah auf. Er sah in das starre und ausdruckslose Gesicht des Beobachters. Der Mann sah ihn an und doch war es, als würde er ihn gar nicht zur Kenntnis nehmen. Ein Blitz zerfaserte die Wolkendecke und in dem kurzen Lichtschein konnte Richard einen genaueren Blick in die Augen des Mannes werfen. Sie waren starr wie die von Reptilien.

»Verschwinden Sie«, sagte Richard leise, aber der Mann machte keine Anstalten. Stattdessen wandte er sich dem Meer zu und sah auf die sturmgepeitschte See hinaus. Richard ließ ihn gewähren. Es war ihm egal. Sollte der Kerl doch machen, was er wollte. Im Augenblick wollte er niemanden sehen. Er wollte gar nichts sehen.

»Da!« Es war ein kehliger Laut, wie von einem nichtmenschlichen Wesen, das mühsam versucht, die menschliche Sprache zu imitieren. Richard musste gegen seinen Willen aufsehen. Der Beobachter stand an der Promenade und starrte wieder auf die See.

Ein Verrückter. Er war überhaupt nur noch von Verrückten umgeben. Seine Frau war verrückt, weil sie auf einmal wieder versuchte, sich an ihn heranzuschmeißen. Die Hure war nymphoman und damit per Definition verrückt. Und daran, dass er selbst verrückt war, konnte es keinen Zweifel geben.

Und dieser Kerl hier? Der setzte den Verrücktheiten des Tages die Krone auf.

»Da!«, wiederholte die Gestalt.

»Halt den Mund!« Richard fuhr den Mann an und die Wut bekam ihm ausgesprochen gut. Er atmete, immer noch auf die Knie gestützt, zweimal tief durch.

Kurz wandte sich der Beobachter zu ihm und zum ersten Mal überhaupt wirkte es so, als würden sie sich gleichzeitig zur selben Zeit am selben Ort aufhalten. Richard fröstelte, als er die Augen sah. Nicht nur, dass sie starr waren, sie funkelten.

»Der Turm!«

Die Stimme wurde sicherer, ging Richard aber nach wie vor durch Mark und Bein. Doch dann reichte es ihm.

»So, jetzt pass mal auf. Ich habe dir im Guten gesagt, dass du verschwinden sollst. Du wolltest nicht hören. Eigentlich bin ich ein umgänglicher Mensch, aber …«

Er erzielte keinen Effekt. Richard stieß den Mann an, der nur ein wenig zur Seite wich. Und dann endlich sah Richard, was den Beobachter so in seinen Bann schlug.

»Was zum …«

Zwei Blitze folgten direkt aufeinander. Der Donner rollte über die See. Das Gewitter musste sich jetzt fast direkt über der Stadt befinden. Aber das alles störte in diesem Moment weder den Beobachter noch Richard. Der Anblick, der sich ihm bot, war viel zu unglaublich, als dass ein wenig Wetter noch eine Bedeutung hätte haben können.
Aus dem Meer, inmitten des alten Hafenbeckens, auf dem Fundament eines schroffen Felsen stehend, erhob sich ein Turm. Das Gebäude grenzte sich kaum gegen den fast schwarzen Himmel ab. Es war nur ein Schatten zwischen den heranrollenden Wellen und wenn die sich nicht an dem Felsen gebrochen hätten, dann hätte er an seiner Existenz gezweifelt.

»Der Turm!«

Richard schüttelte den Kopf, schloss krampfhaft die Augen, nur um sie wieder aufzureißen. Der Turm war immer noch da. Richard konnte nicht anders, als sich selbst eine Ohrfeige zu geben. Fest! Aber nichts änderte sich.

Weitere Blitze ließen keinen Zweifel daran zu, dass das Gebäude existierte.
Im Augenblick war es nur ein Schemen. Fast nicht zu sehen, aber doch zu sichtbar, als dass es einen Zweifel hätte geben können.

Dunkel, unheimlich und absolut unerklärlich. Und der Beobachter war in eine Art religiöse Verzückung geraten. Er stierte den Turm an und war nicht in der Lage, den Blick abzuwenden.

Richard zitterte. Die Kälte griff von innen und außen gleichzeitig nach ihm. Alle Gedanken froren ein und versperrten sich gegenseitig den Weg. Was er sah, ergab keinen Sinn.

Aber alles war Realität. Der verdammte Beobachter und der schreckenerregende Turm!

Der Beobachter hatte seine Lethargie abgeworfen und machte jetzt Anstalten, vor Begeisterung auf und ab zu hüpfen. Wenn es Antwort auf die Frage gab, was das hier war, dann gab es sie bei diesem Mann.

Richard hielt sich nicht mit Höflichkeit auf, er packte die Schulter des Mannes, drückte fest zu und musste doch erleben, wie er trotz aller Kraftanstrengung fast mit in die Luft gehoben und um die eigene Achse gedreht wurde bei jedem Satz, den die Gestalt machte. Wo holte diese skelettartige Figur nur ihre erstaunliche Kraft her?

»Was ist das da?«

»Der Turm!«

Möwen kreischten im Wind, irgendwo über ihm und zogen sich dann ins Landesinnere zurück. Richard wusste, dass das genau das war, was auch er tun sollte.
Aber noch konnte er sich nicht losreißen, war wie festgefroren. Das hier war unmöglich, einfach nicht real!

Der Beobachter hatte sich längst gelöst und drehte sich jetzt zu Richard um. Eine Sekunde später lag dieser auf seinem Rücken auf der kalten und regenüberfluteten Promenade. Der Beobachter hatte ihn einfach über den Haufen gerannt.

Der Regen schlug Richard ins Gesicht. Am liebsten wäre er einfach so liegen geblieben und hätte gewartet, bis dieser Wahnsinn ein Ende nahm. Irgendwann musste die Sonne wieder aufgehen und dann würde sich alles in Wohlgefallen auflösen. Es musste einfach alles wieder normal werden.

Aber etwas sagte ihm, dass er in Gefahr war, wenn er einfach hierblieb. Mühsam rappelte er sich wieder auf und der erste Blick ging zu dem schwarzen Turm, der alt und verfallen aussah, gleichzeitig aber wie ein Fanal der Bedrohung.

Der Beobachter rannte in einem irrsinnigen Tempo über die alte Mole. Wieselflink erreichte der schattenhafte Umriss, den Richard immer nur dann sehen konnte, wenn ein weiterer Blitz den Himmel erhellte, ihr Ende.

Richard sah noch einmal auf das Gebäude. Es bereitete ihm eine Form von mentalem Schmerz. Er konnte es immer noch nicht akzeptieren.

Als er wieder nach dem Beobachter schaute, stellte er fest, dass der Mann nicht mehr zu sehen war. Er musste ins Wasser gesprungen sein, um zu seinem Turm zu schwimmen, oder …

»Oder er ist einfach verschwunden«, sagte Richard und der Wind riss die Worte von seinen Lippen. »Genauso, wie er es bei jeder anderen Begegnung getan hat.«

Das war zu viel für ihn. Wenn er auch nur noch einen Moment länger hierblieb, dann würde er wahnsinnig werden. Oder er sprang selbst ins Wasser und brachte sich um. Irgendwas, nur um dem hier nicht mehr ausgesetzt zu sein.

Er zwang sich, wozu es großer Kraft- und Willensanstrengung benötigte, sich umzudrehen und mit von der See abgewandtem Kopf direkt auf einen der Durchgänge zur Innenstadt zuzuhalten. Über ihm kreischten wieder die Möwen, aber er ignorierte sie. Er durfte nicht zurücksehen. Er musste vergessen, was er gesehen hatte!

Richard ging schneller, verfiel in einen leichten Trab. Und als er in seine Straße abbog, war er schon lange am Rennen.

Aus dem Schatten der Häuserwand aber löste sich eine dunkle, in der Finsternis nicht näher auszumachende Gestalt. Auch die Blitze erhellten weder sie noch ihre Gesichtszüge. Deswegen hätte Richard sie wahrscheinlich nicht einmal dann gesehen, wenn er zufällig in ihre Richtung geblickt hätte. Mit unmenschlich schnellen Schritten bewegte sie sich auf den Eingang des Bordells zu, gab ein zischendes Geräusch von sich, richtete sich auf und verschwand dann um die nächste Häuserecke.

Leipziger Allerlei 2018 (4) In der rechten Ecke

Kommen wir zwischendurch zu einem eher unangenehmen Thema, das im Vorfeld der Leipziger Buchmesse für großes Aufsehen gesorgt hat und auch während der Messetage selber immer mal wieder ins Bewusstsein der Besucher sickerte: Die Anwesenheit rechter Verlage auf der Messe.

Ich entdeckte den entsprechenden Bereich mehr oder weniger durch Zufall, als ich auf der Suche nach etwas Essbarem war. Die Futterinseln sind in den Messehallen immer in den Hallenecken aufgestellt und so, wie ich mich durch die Halle 3, um die es in diesem Fall geht, bewegte, lief ich wirklich auf die rechte Ecke zu, als ich die ersten Spuren dessen bemerkte, was kommen würde. Denn bereits in einigem Umkreis befanden sich Zettel auf dem Boden, auf denen deutlich gegen rechtes Gedankengut Position bezogen wurde.

Ich muss gleich vorweg schicken, dass ich die Halle 3, oder wenigstens diesen speziellen Bereich, bewusst nicht zu den Zeiten aufgesucht habe, zu denen es besonders voll oder besonders kontrovers zugehen konnte. Dabei wäre es einfach gewesen, das zu planen, hingen doch an den Ständen der dortigen Verlage genauso wie überall sonst die Termine aus, wann man den einen oder anderen „Promi“ erwarten konnte. So hätte ich am Samstag (glaube ich) gegen Mittag die Chance gehabt, dem Auftritt von NPD-Politiker Udo Voigt beizuwohnen.

Ich habe dankend verzichtet.

Wie ihr durch meine bisherigen Äußerungen zum Thema wisst, bin ich im Allgemeinen auf der Linie, die auch von der Leitung der Leipziger Messe vertreten wird. Ich finde, dass es wichtig ist, dass wir als Demokraten auch die Strömungen aushalten, bei denen es aus diversen Gründen schwer wird. Weil uns das in unserer Überzeugung ausmacht. Weil das Demokratie bedeutet.

Aber ich gebe zu, dass mir das auf der Messe schwer gemacht wurde. Und das, obwohl ich von der Außensicht her erst einmal jemand bin, der nicht unbedingt in das Ablehnungsschema dieser Menschen fällt. Im Messerückblick meiner Autorenkollegin Nora Bendzko habe ich heute gelesen, wie es ihr da ergangen ist, weil man ihr, wenn man darauf achten will, ansehen kann, dass ihre Wurzeln nicht ausschließlich in Zentraleuropa liegen. Was einem normal denkenden Menschen egal sein sollte, fühlte sich in der rechten Ecke der Halle 3 auf einmal anders an.

Ich selbst bin ein wenig wie die Katze um den heißen Brei um die Stände gestromert und habe versucht aufzunehmen, wie die Stimmung dort ist und wie das Messepublikum auf das Gezeigte reagiert.

Es war ein wenig erschreckend, sich die Zusammensetzung der Interessenten anzusehen. Hier mal ein Foto, das ich vom Stand des der AfD nahe stehenden Magazins „Compact“ gemacht habe:

Wie ansatzweise zu sehen ist, drücken sich hier keine Skinheads in Bomberjacken herum, sondern ganz normale Leute, die ihre Kinder mitgebracht haben und in Zeitschriften blättern, in denen es darum geht, wie sehr unser Land und unsere Kultur doch zugrunde gerichtet werden.

Im Vorbeigehen konnte ich auch einen Gesprächsfetzen aufschnappen, in dem ein Standmitarbeiter einem Pärchen, das aussah wie die netten Soziologiestudenten von nebenan, erklärte, dass es „ja wohl das normalste von der Welt sein müsste, dass man an der Grenze prüft, ob die Menschen ein Recht haben, hier einzureisen“.

Da blieb mir der flapsige Gedanke, ob die jungen Damen auf dem Stand bezahlte Messehostessen oder doch stramme Jungmädel waren, gelinde gesagt in der Hirnwindung stecken.

Gleiches passierte mir am Stand des Antaios-Verlags, über dessen Ausrichtung und Bedeutung wohl  nach den letzten Monaten keine Worte mehr verloren werden müssen, als ich bewusst mal in ein paar der Bücher reinblätterte, unter anderem in die jüngeren Werke von Akif Pirinçci. Es wäre leicht, das Gelesene als verblendeten Unfug abzutun, aber das würde seiner potentiellen Wirkung auf potentiell ungefestigte Gemüter nicht gerecht.

Ihr merkt schon, dass ich in meiner Ansicht und Haltung schwankend wurde. Ich muss gestehen, dass ich im weiteren Verlauf versucht habe, das Thema ein wenig auszublenden, um mir nicht das Messeerlebnis davon beeinträchtigen zu lassen.

Bemerkenswert fand ich allerdings das folgende Plakat:

Ich fand es deswegen bemerkenswert, weil sich mein Blick auf diesen Text im Laufe der Zeit verschoben hat. Als ich es zuerst sah, bevor ich mich mit den Ständen näher auseinander gesetzt hatte, hätte ich es vielleicht sogar unterschrieben. Nicht in dem Sinne, dass ich wirklich glaube, dass die Menschen sich nicht mit den rechten Verlagen und Medien auseinandersetzen, sondern in dem Sinne, dass es natürlich einfacher ist, etwas zu verurteilen, als in den Diskurs damit zu gehen.

Aber dann kamen meine Erfahrungen, wie ich sie oben geschildert habe. Und zum Schluss der Messe hin, als ich zum (ich glaube) dritten und letzten Mal an der rechten Ecke vorbeikam, bekam die Message dieses Plakates einen Beigeschmack.

Denn diese Botschaft lässt sich auch umdrehen. Wo so viel mit Klischees und Vorurteilen gearbeitet wird, wie in weiten Teilen der rechten Szene, da lässt sich schwer von einer echten Auseinandersetzung sprechen. Ich will nicht so weit gehen und jedem dort verlegten Schriftsteller unterstellen, dass er sich keine Gedanken darüber macht, worüber er schreibt. Auch wenn ich diese Gedanken für nicht richtig halte.

Aber es ist ein Charakteristikum der rechten Szene, insbesondere der extremen Teile, sich eben nicht mit dem zu beschäftigen, was sie ablehnen. Denn dann müssten sie sich zwangsläufig auch damit beschäftigen, wieso sie es eigentlich ablehnen. Und dann dürfte es schwierig werden. Die Verurteilung, die von dieser Seite läuft, mag keine moralische sein, aber es ist ganz sicher eine Verurteilung auf der Basis eines eingeschränkten Weltbilds.

Was bedeutet das nun für meine Haltung gegenüber rechten Verlagen und ihrer Teilnahme an der Buchmesse?

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es für eine Gesellschaft insgesamt wichtig ist, dass es einen Diskurs mit den Rechten gibt. Und in einen Diskurs kann ich nur dann gehen, wenn ich mich mit den betreffenden Menschen und auch ihren Ansichten auseinandersetze.

Ihr merkt schon, ich stolpere immer wieder über das Wort „Auseinandersetzung“. Ob sich der Mann, der nicht glaubte, dass jeder bei uns Einreisende hier sein „darf“ mit den Gründen auseinander gesetzt hat, die diese Menschen dazu bewegen, zu uns zu kommen? Ich bezweifle es.

Aber auch die Gegenseite setzt sich nicht wirklich mit den Rechten auseinander. Es wird mehr über sie geredet als mit ihnen. Und das ist etwas, wofür ich im Rahmen einer Buchmesse tatsächlich Chancen sehen würde, weil hier nicht die Extremisten und Pöbler aufeinander prallen würden, sondern Menschen, die durchaus in der Lage sind, eine Argumentation zu führen.

Sonst könnten sie nämlich keine Verlage leiten.

Abschließend möchte ich festhalten, dass das meine Gedanken aus meinem ganz eigenen Erleben innerhalb dieser drei Tage sind. Ich habe, wie gesagt, Begegnungen mit der „Laufkundschaft“ bewusst vermieden und kann und will deshalb hierzu nichts sagen. Auf Twitter habe ich gelesen, dass es auch in diesem Jahr wieder zu einigen unschönen oder zumindest fragwürdigen Szenen gekommen ist. Aber, wie gesagt, ich war nicht dabei.

Ich fühle mich als Demokrat. Ich fühle mich als Europäer. Und ich stehe für die Rechte jedes Menschen ein, unabhängig von seiner Herkunft, unabhängig von seiner Religion und – solange es möglich ist – unabhängig von seiner Gesinnung.

Deswegen muss ich das ungute Gefühl in der rechten Ecke aushalten. Aber es zwingt mich zum Glück keiner, mehr Zeit dort zu verbringen, als ich es selbst für richtig halte.

Leipziger Allerlei 2018 (3) #9lesen – so war es

Nun denn: Die Lesung am Freitag. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich das schreibe, ist die Veranstaltung schon beinahe zwei Tage her (und zu dem, wo ich es veröffentliche, noch ein wenig länger). Zwei Tage sind auf der Buchmesse beinahe so lang und intensiv wie zwei Monate im normalen Leben. Aber dennoch versuche ich, die Stimmung dieses Abends so gut wie möglich noch einmal für euch aufleben zu lassen.

#9lesen also. Es hatte etwas surreales, auf der Messe auf einmal vor einem der Plakate zu stehen, die für diese Veranstaltung warben. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der eigene Name damit auf einmal in einer Reihe mit vielen anderen, viel etablierteren Autoren steht, für die an gleicher Stelle, nämlich an einer der langen Seitenwände der Hallen, geworben wird. Dienstbare Geister, namentlich Kia Kahawa mit Unterstützung, hatten dafür gesorgt, dass in so ziemlich jeder Halle eines der Plakate zu finden war.

Dennoch war ich erstaunlich ruhig, als ich am Freitag über die Messe lief. Das hatte mit Sicherheit damit zu tun, dass ich vorher noch Sorgen wegen meiner Anschlüsse und meiner Unterkunft hatte.

Auf der Messe habe ich mich dann erst eine Weile treiben lassen, zwischendurch einen Blumenstrauß gefangen (dazu schreibe ich einen eigenen Beitrag) und dann, bei der Gelegenheit, Jana Tomy und ihren Freund Chris aufgegabelt, mit denen ich mich kurz darauf auf den Weg in die Leipziger Innenstadt machte.

Als wir im Morrison’s eintrafen, waren die meisten anderen Autoren und Autorinnen schon da. Vorne, an der Bühne, war die Technik aufgebaut, um die sich Kia, Babsi Weiß, Julia von Rein-Hrubesch und Hannes Niederhausen gekümmert hatten. Bei einigen war die Spannung beinahe greifbar, andere, ganz vorneweg unsere Chef-Organisatorin Andrea Schrader, wirkten sehr ruhig – und das, obwohl Andrea ja mit Baby vor Ort war. Magret Kindermann und Florian Eckardt vervollständigten unser Vorleser-Team.

Ich muss gestehen, dass ich in dem Moment, wo ich das Mikro sah, zum ersten Mal so wirklich realisierte, dass ich mich später dahin setzen würde und dass ich wirklich das, was ich mir herausgesucht hatte, vor Publikum lesen würde!

Überhaupt: Publikum! Von dort, wo ich gesessen und auf meinen Einsatz gewartet habe, war es schwer, einen Überblick über den Raum zu bekommen, der ohnehin eine nicht wirklich übersichtliche Grundfläche hatte. Aber ich habe mir sagen lassen, dass wir den „Saal“ gut gefüllt haben.

Ob ich das nicht selbst gesehen habe, als ich mich als Siebter von uns Neun auf die Bühne bewegt habe? Liebe Leute, ich war froh, dass ich das nicht zu genau gesehen habe! Das hätte mich schlimmstenfalls nämlich vollends aus dem Konzept gebracht.

Die Kolleginnen und Kollegen vor und nach mir haben wirklich sehr gut gelesen. Ich war ja glücklich, dass ich nicht zu früh dran war. Da war das Publikum nämlich schon „warm gelesen“. Und es sparte auch nicht mit Applaus für uns Autoren, von denen einige ja immerhin zum ersten Mal auf einer Bühne standen und das dann auch noch mit unveröffentlichten Texten.

Die Moderation für den Abend hat Jana übernommen, der man angemerkt hat, dass sie vom Theater kommt. Nachdem sie sich einmal eingegroovt hatte, war sie witzig, sie war charmant und sie brachte die Infos, die sie sich vorher von uns eingeholt hatte, sehr gut rüber.

Ich hatte ihr in den Block diktiert, dass ich mein ganzes Leben lang etwas mit Wörtern machen wollte und nun beruflich im Reich der Zahlen festhänge, dass ich 30 Jahre gebraucht habe, um zu begreifen, dass „Autor sein“ auch bedeutet, dass man mal was veröffentlicht – und dass ich eben aus diesem Grund dieses Jahr mein Debüt bei Scylla veröffentliche.

Und dann saß ich da, vor diesem Mikro, den Blick in den Raum gerichtet, einige mich zuversichtlich anlächelnde Gesichter vor mir. Schräg von mir hatte Babsi ihre Kamera aufgebaut, die das Ganze aufgezeichnet hat (wer es noch nicht mitbekommen hat: Ja, es wird einen Mitschnitt der meisten Lesenden geben!). Mein Beitragsbild hat im Übrigen Kia geschossen und über Twitter veröffentlicht.

Mir wurde ein wenig meine Größe zum Verhängnis, was dazu beitrug, dass ich den Blick ins Publikum nicht so suchen konnte, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich musste nämlich den Kopf ziemlich senken, um nicht über das Mikro hinweg zu reden. Hinterher habe ich gehört, dass ich dadurch fast schon zu laut war. Aber mir fehlte halt die Erfahrung.

Es war schon schlimm genug, meine eigene Stimme aus der Box neben mir zu hören. Ich empfinde meine Stimme, so wie wohl alle Menschen, ganz anders, als sie tatsächlich klingt. Es war überraschend, dass ich dann doch eine relativ dunkle Stimme hatte. Und das dann in laut und deutlich.

Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass ich recht schnell durch meinen Text gehuscht bin. In den Probedurchläufen hatte ich runde acht Minuten gebraucht, natürlich ohne vorher noch was zur Grundstory zu erzählen. Jetzt waren es mit der Einführung etwas über acht Minuten.

Die Nervosität hielt sich alles in allem dann doch in Grenzen: Ich bin weder vorher, noch hinterher in Ohnmacht gefallen. Und ich konnte den Applaus, den ich bekommen habe, auch annehmen, ohne mich veralbert zu fühlen.

Klingt das jetzt über die Maßen gemein? So ist es nicht gemeint. Aber, ihr kennt mich, ich bin ein sehr selbstkritischer Zeitgenosse und da liegt es mir natürlich nahe, dass ich nicht wirklich glauben kann, dass die positiven Reaktionen ernst gemeint sind. Aber das war nicht der Fall! Nein, ich fand den Applaus gut, er fühlte sich gut an.

Umso „tragischer“ ist, dass diese Stimmung nicht so lange anhielt. Das Lob, das ich anschließend von einigen Mitlesern und Zuhörern bekommen habe, konnte ich nur schwer annehmen. Es schien nichts mit mir zu tun zu haben. Ob das nur mir so gegangen ist? Oder ob andere auch, vielleicht heimlich, mit solchen Gedanken zu tun haben?

Jedenfalls habe ich Reaktionen bekommen, die mich gefreut und auch ermuntert haben. Sowohl für meine Art zu lesen, als auch für die Geschichte selbst. Auch wenn ich im ersten Moment sicherlich viel zu sehr „wie, ich?“ gewesen bin. Aber es passiert mir nicht alle Tage, dass ein Textausschnitt von mir mit H.P. Lovecraft verglichen wird …

Was ich an der ganzen Aktion ein wenig schade fand war, dass die Autoren viel zu sehr auseinander saßen. Aber das hatte halt auch was mit der räumlichen Situation zu tun. Wir haben das aber schon als einen der Punkte festgestellt, an denen wir bei der nächsten Lesung drehen wollen.

Ja, richtig gelesen: Wir planen bereits die nächste Lesung im Format #9lesen. Ob daran dieselben Autoren teilnehmen, oder ob wir im Laufe der Zeit so eine Art „Autorenpool“ bilden, aus dem sich zu den verschiedenen Events neun finden (lassen), das steht alles noch ein wenig in den Sternen. Aber Andrea und Jana haben sich schon fest vorgenommen und vor Publikum verkündet, dass anlässlich der Frankfurter Buchmesse wieder eine Lesung stattfindet.

Ob ich mir vorstellen kann, dann wieder dabei zu sein? Aber sicher! Wenn ich es denn hinkriege, nach Frankfurt zu fahren, wenn das irgendwie in meinen Terminplan und die Urlaubsplanung passt, dann kann ich mir das sogar sehr gut vorstellen. Ich weiß zwar noch nicht, was ich dann lesen würde, muss ich aber ja auch nicht. Ein Traum wäre es natürlich, wenn ich dann schon etwas aus „Der Morgen danach“ lesen könnte. Aber das ist eine andere Baustelle.

Jetzt freue ich mich erst einmal, dass das alles so gut geklappt hat. Und in den nächsten Tagen wird sicherlich das eine oder andere noch weiter durchsacken. Es dürfte spannend werden, wie sich das dann anfühlt.

An euch geht mein Dank, dass ihr mich im Vorfeld so ermutigt habt! Das hat mir wirklich geholfen. Und wenn es Neuigkeiten gibt, dann erfahrt ihr es natürlich. Zum Beispiel, wenn die Videos der Lesung online gehen 🙂 .

Und falls ihr Interesse haben solltet, kann ich natürlich auch gerne meinen Leseabschnitt als Leseprobe in den Blog stellen.