Das Schreiben der Anderen: „Das Flüstern der Pappeln“ von Julia von Rein-Hrubesch

„Das Flüstern der Pappeln“ – ein Titel, der neugierig macht, zumal die Beschreibung im Klappentext des Kurzromans verspricht, dass die Hauptfigur der Geschichte, die junge Henriette, allgemein nur Hennie genannt, einem Familiengeheimnis auf der Spur ist.

Die Familie ist dann auch das zentrale Thema dieses Buches. Hennie, die Mediendesign studiert und einige Jahre im Ausland gelebt hat, kehrt auf den heimatlichen Pappelhof zurück, wo sich in der ganzen langen Zeit so gut wie nichts verändert hat. Ihre Mutter ist geradezu manisch von ihrer Arbeit in der hofeigenen Glasbläserei besessen, fabriziert dort jedoch tagein, tagaus die selben Windfänger, was Hennie todlangweilig vorkommt.

Der Vater, ein eher stiller Mensch, arbeitet abwechselnd auf dem Hof oder in seinem eigentlichen Beruf als Informatiker, den er aus dem Home-Office heraus betreibt.

Die lebendigste Beziehung, wenn man es denn so nennen kann, hat Hennie mit ihrer Großmutter Hedi, die seit einiger Zeit in einem der Zimmer des Hauses nach mehreren Schlaganfällen auf den Tod wartet. Diese Beziehung ist deswegen lebendig, weil Hennie bei ihren täglichen Besuchen mit der alten Frau über Dinge spricht, die sie anderen gegenüber nicht einmal erwähnt. Und obwohl Hedi nicht mehr antworten kann, scheint sich ein Dialog zu entspinnen.

Und dann sind da die Briefe. Briefe, die im Abstand von jeweils genau einer Woche an ein Münchner Postfach geschickt werden. Briefe, die ihre Großmutter einst an einen gewissen Gregor schrieb und die nun unbeantwortet zurückkommen. Hennie nimmt die Briefe in Empfang und liest sie ihrer Großmutter vor – immer in der Hoffnung auf Erklärungen für das Geheimnis, das sich hinter ihnen verbirgt.

Denn ansonsten ist das Leben auf dem elterlichen Hof für sie alles andere als angenehm, denn ihr wird immerzu deutlich gemacht, dass sie die Erwartungen, welche ihre Eltern in sie gesetzt haben, nicht erfüllt. Und Hennie weiß selber nicht, wie sie daran etwas ändern soll.

Bis ihr eines Tages eine fahle Erscheinung den richtigen Weg weist …

Es ist nicht ganz leicht, der Geschichte „Das Flüstern der Pappeln“ im Rahmen einer normalen Rezension gerecht zu werden. Vielmehr handelt es sich bei dem Buch um eines von der Sorte, die ich nach dem ersten Lesen am liebsten wieder von Vorne begonnen hätte, um mir darüber klar zu werden, was ich da eigentlich gerade gelesen und dass ich auch wirklich alle möglichen Ebenen begriffen habe, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt.

Denn hier verbirgt sich unter der vordergründig sehr direkt und schnörkellos erzählten Geschichte eine ganze Menge an Subtext, der erfühlt und erfahren werden möchte. Und das meine ich im allerbesten Sinne.

Es gibt Geschichten, die von ihren Autoren so sehr mit unterschwelligen Botschaften überfrachtet werden, dass sie nicht mehr als das funktionieren, was sie eigentlich sein sollten: als Unterhaltung. Ich bin der Ansicht, dass ein Roman unterhalten sollte und wenn er es dann noch schafft, die nachgelagerte Ebene zu bedienen, ohne dass er in zwei Teile, den Subtext und die vordergründige Handlung, zerfällt, dann ist etwas Großes gelungen.

Julia von Rein-Hrubesch schafft genau dies in diesem Roman. Allerdings muss man sich darauf einlassen, dass die Ebenen hier eng miteinander verzahnt sind und sich teilweise auf derselben Seite miteinander ergänzen. Allzu leicht hätte man hier zu sehr abdriften und die Geschichte aus den Augen verlieren können. Dies geschieht allerdings zu keiner Zeit, sondern ebendiese wird konsequent weitergesponnen.

Die einzelnen Briefe, die Hennie für ihre Großmutter aus München holt, bilden dabei so etwas wie Fahnenstangen, an denen sich die Handlung orientiert. Allerdings ist von Rein-Hrubesch nicht der Versuchung erlegen, sie wirklich als eine Art Kapitelüberschriften zu verwenden. Sie begleiten Hennie auf der Suche nach dem, was sie eigentlich tun und sein will und dienen damit als neue Denkanstöße für diese Figur.

Generell die Figuren. Klar im Vordergrund stehen die Frauen der Familie, Hennie und ihre Mutter Gardi. Da prallen praktisch zwei Lebensentwürfe aufeinander, von denen der eine zwar künstlerisch, aber konservativ ist, der andere ambitioniert aber gerade stagnierend. Der Vater versucht verschiedentlich, vermittelnd einzugreifen, ist hierzu aber nicht in der Lage. Dazu kommt im Laufe der Handlung noch ein weiterer Konflikt, den ich an dieser Stelle jedoch nicht verraten möchte.

Der Roman ist mit etwa 160 Seiten nicht allzu lang geraten. Allerdings hat man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass Dinge weggelassen worden seien, die man zum Verständnis benötigt hätte. Das Umfeld, in dem Hennie sich bewegt, inklusive der am Rande auftretenden Personen, die nicht zur Familie gehören, wird sehr gut beschrieben und unterstreicht das dem Buch innewohnende Gefühl von Authentizität.

Die verwendete Sprache ist, mit Ausnahme einiger Passagen, die beinahe poetisch daherkommen, klar und ohne zu viele Schnörkel, die den Lesefluss hemmen könnten. Tatsächlich gehört „Das Flüstern der Pappeln“ zu der Sorte Bücher, die man in einem Rutsch weglesen kann, wozu auch die Länge natürlich ihren Teil beiträgt.

Mir hat das Lesen dieses Romans viel Freude bereitet und ich spreche hiermit eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Leser aus, denen eine gut erzählte Familiengeschichte mit allen kleinen und großen Dramen, die diese mit sich bringen können, wichtiger ist als Actionszene, die sich an Actionszene reiht. Doch auch Leser, denen eine rasante Handlung im Normalfall wichtiger ist als gut ausgestaltete Figuren, sollten einmal einen Blick riskieren. „Das Flüstern der Pappeln“ ist Futter für den Geist und ist Futter für die Seele.

Ein wirklich schönes Buch, dem ich sehr gerne die volle Punktzahl zukommen lasse.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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