#9lesen – Was ich lese und warum ich es lese

Kinder, wie die Zeit vergeht. Inzwischen sind es nur noch neun Tage, bis für mich nicht nur die Leipziger Buchmesse losgeht, sondern bis ich am Abend des 16.03. auf einer Bühne stehen werde, um aus einem meiner Texte vorzulesen.

Wie ich ja schon in dem kleinen Interview, das ich mit mir selber geführt habe, verraten habe, werde ich aus meinem Roman „Der Beobachter und der Turm“ vorlesen. Es war die logische Wahl. Wenn wir, mein Verlag und ich, im Reifeprozess für „Der Morgen danach“ schon weiter gediehen wären, dann wäre ich vielleicht auf diesen Roman umgeschwenkt, aber da ist im Moment noch zu viel im Fluss. Dasselbe gilt für das Projekt, an dem ich gerade schreibe, der ehemaligen Kurzgeschichte „Das Kind“ – die noch einen neuen Namen erhalten wird.

Ich habe einfach beschlossen, dass der „Beobachter“ an der Reihe ist. Nicht zuletzt ja auch, weil ich nun versuche, für ihn eine Veröffentlichungsmöglichkeit aufzutun. Das hat zwar keinen direkten Bezug zur Lesung, aber irgendwie hat es doch etwas davon, seinen Marktwert ein wenig zu testen.

Dabei kann ich nur noch einmal sagen, dass ich selbst von diesem Roman überzeugt bin. Muss ich wohl sein, wenn mir das Ding auch anderthalb Jahre nach seiner Fertigstellung und über siebzehn Jahren seit seiner rudimentären Erstfassung nicht aus dem Kopf geht.

Woraus ich lesen würde, stand also relativ schnell fest. Ein wenig schwerer habe ich mich mit der Wahl getan, was genau ich denn vorlesen möchte. Die Textstelle sollte einigermaßen prägnant sein, sie sollte Lust auf Mehr machen und sie durfte vor allen Dingen nicht zu lang sein. Da wir bei #9lesen mit, Überraschung, neun Autoren auf der Bühne sein werden, hat jeder von uns runde zehn Minuten Zeit für sich. Ansonsten würde der Abend eine unendliche Geschichte werden und kein Publikum der Welt hat unendliche Geduld.

Nun gehöre ich zu den Autoren, die schon mal ein wenig länger brauchen, bis sie in einer Szene auf den Punkt kommen. Eine weitere Schwierigkeit, die zu umschiffen war. Dazu kommt die Struktur des „Beobachters“. Auch wenn ich ihn nominell in die Sparte Horror einsortieren würde, nimmt er sich eine relativ lange Anlaufzeit, bis er endgültig in diese Richtung schwenkt. Nicht umsonst nenne ich ihn auch manchmal spaßeshalber meinen eigenen „Stephen-King-Roman“.

Allerdings gibt es in diesem Roman, ebenfalls der Struktur geschuldet, den einen Moment, in dem die Stimmung endgültig kippt. Nachdem es vorher leise Andeutungen gegeben hat, dass im Leben meines Protagonisten Richard Lenhard nicht alles mit rechten Dingen zugeht, ist ab dieser Szene klar, woher der Wind weht. Und zwar immer schön in Richards Gesicht. Das macht diese Szene zu einer sehr guten Stelle, um sie vorzulesen. Es wird sozusagen alles geboten, was der Titel verspricht.

Aber dadurch, dass ich mir dann doch ziemlich schnell einig mit mir selbst war, dass ich diese Szene lesen wollte, hatte ich andererseits noch viel Gelegenheit, mir die Frage zu stellen, ob das denn wirklich eine gute Wahl ist.

Sicher, es gibt horriblere Stellen im Manuskript. Stellen, die vielleicht auch repräsentativer für den Roman wären. Aber trotz aller Zweifel komme ich immer wieder zu dem Punkt, dass ich glaube, eine passende Passage gefunden zu haben: Eine Passage, die zeigt, was im Manuskript steckt, die gleichzeitig einen Entwicklungspunkt markiert und, nicht ganz unwichtig, recht gut für ein Publikum einzuordnen ist, das vorerst nicht mehr von dieser Geschichte zu hören und zu sehen bekommen wird als das, was ich in neun Tagen vorlesen werde.

Jetzt muss ich das Ganze noch zwei- oder dreimal üben und schauen, ob ich noch einige Sätze kürzen muss, um auf eine passende Zeit zu kommen. Mein letzter Lesedurchgang tickte bei etwas mehr als acht Minuten ein, was mir zwei Minuten für Intro und Outro lässt. Ob das reichen wird, das muss ich sehen. Ich werde jedenfalls meine Einleitung nicht vom Blatt ablesen, das habe ich mir fest vorgenommen.

Und ansonsten vertraue ich darauf, dass mich jemand rechtzeitig von der Bühne zerrt 😉 .

Merkt man eigentlich, dass ich langsam aufgeregt bin? Nur noch neun Tage – Kinder, wie die Zeit vergeht!

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