Der Kampf gegen die Stoppuhr

Ich war nie jemand, der mit der Stoppuhr gut ausgekommen ist. Bei allen sportlichen Wettkämpfen war sie partout gegen mich. Es war geradezu so, dass mich das Ding schon verhöhnte, noch bevor ich überhaupt in Startposition gegangen war. Ich habe sie bis heute in Verdacht, dass sie mal eben fünf bis zehn Sekunden auf das Ergebnis addiert hat, bevor sie zu laufen begann. Nein, wirklich, gefühlt müsste ich mindestens Landesmeister sein. In der Realität war ich das höchstens im direkten Wettstreit mit Schnecken und Schildkröten.

Jetzt habe ich, viele Jahre nach diesen traumatischen Erlebnissen, wieder mit der Stoppuhr zu kämpfen. Es geht um #9lesen, das große Lesungsevent am kommenden (Schluck) Freitag.

Ich hatte ja schon erzählt, dass jeder von uns neun Autoren circa zehn Minuten Zeit hat, um aus seinem oder ihrem jeweiligen Werk zu lesen. Und wenn ich circa sage, dann meine ich, dass die Zeit bitte nicht überschritten werden sollte.

Deswegen blieb mir nichts anderes übrig, als mich erneut in die Hand der Uhr zu begeben und zu versuchen, einen guten Wert zu erreichen. Eine Zeit, die weit genug unter der magischen Grenze ist, damit ich noch genügend Zeit habe, um kurz was über mich (nicht so wichtig) und meinen Roman (sehr wichtig) zu erzählen.

Dabei wiegt einen das komische Ding ja erst einmal in Sicherheit, wenn man versucht, unbelastet an die Sache heran zu gehen. Die ersten Sekunden scheinen geradezu aufreizend langsam zu vergehen. Aber dann, wenn erst einmal zwei oder drei Minuten vergangen sind, fängt die Uhr auf einmal an, zu rasen und ich ertappe mich immer öfter dabei, wie der Blick auf die schnell wechselnden Zahlen schweift und den Text aus den Augen verliert.

Wie gut, dass das heute alles mit nebeneinander liegenden Fenstern auf dem PC-Bildschirm geht, ansonsten würde ich mich da echt verheddern.

Ich habe mich praktisch gezwungen, mir den Kampf mit der Stoppuhr nicht zu häufig anzutun. Weil ich weiß, dass es mich ansonsten nur nervös machen würde. Dabei habe ich gleichsam versucht, jeden weiteren Probelauf so zu gestalten, wie ich auch die Lesung gestalten möchte. Nämlich mit den passenden Betonungen und vor allem den nötigen Pausen an den richtigen Stellen. Und auch wenn die Uhr diese Sekunden in doppelter Geschwindigkeit zählt, darf ich mich davon nicht beherrschen lassen.

Heute habe ich der Uhr dann endlich das entscheidende Schnippchen geschlagen. Ich bin jetzt unter acht Minuten angekommen. Und das, obwohl ich laut und deutlich und akzentuiert gelesen habe. Ein wenig beherztes Schnibbeln am eigenen Text im Verein mit einer gewissen stoischen Haltung gegenüber dem tickenden Monstrum, hat den Trick erledigt.

Ich werde, so denke ich, höchstens noch ein- oder zweimal die Übung durchziehen. Aber vielleicht verzichte ich auch darauf, um mich nicht wieder zu verunsichern. Denn heute habe ich das Gefühl, die Uhr besiegt zu haben. Das wird ihr mehr weh tun, als es mir weh getan hat, hierhin zu kommen. Ich kenne das missgünstige Ding und weiß, dass es auf seine Chance lauern wird, es mir heimzuzahlen.

Am Freitag werde ich auch eine Stoppuhr brauchen. Ganz ohne geht es nicht. Ich will ja meine Zeit nicht überziehen. Deswegen war es wichtig, heute klar zu stellen, dass ich derjenige bin, der die Grenze zieht. Derjenige, der die Regeln macht.

Unter acht Minuten – darauf warst du nicht vorbereitet, Stoppuhr, nicht wahr? Denk darüber nach, ob du dich nicht mit dem Falschen angelegt hast. Denn eines steht fest: Vorlesen kann ich entschieden besser als davon rennen. Und nur eines von beiden wird am Freitag gebraucht werden.

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5 Gedanken zu “Der Kampf gegen die Stoppuhr

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