„Vintage“ – Meine Geschichte zur sechsten Clue Writing Challenge

Mit dem Projekt Clue Writing verbindet mich ja, wie der eine oder die andere sich vielleicht noch erinnert, einiges. Schließlich erschien meine erste abgedruckte Kurzgeschichte seinerzeit im Band „Schmerzlos“ und wurde darüber hinaus sogar vertont.

Deswegen war es quasi Ehrensache, dem neuen Aufruf der grandiotastischen Clue Writer Rahel und Sarah zu folgen und einen Beitrag zur neuen, inzwischen sechsten, Clue Writing Challenge zu verfassen.

Was ist die Challenge? Nun, klassischer Weise werden eine Anzahl von Wörtern vorgegeben, die sogenannten Clues, die man dann in einer Geschichte verarbeiten muss. Als ich vor zwei Jahren bei der vierten Auflage der Challenge mitmachte, keine Ahnung, wieso ich die fünfte ausgelassen habe, musste man eine Geschichte passend zu einem vorgegebenen Titel schreiben. Das Ergebnis findet ihr hier.

Diesmal dreht sich alles um ein Bild, das ich euch hier zeigen darf:

Es geht darum, dass das Bild quasi als eine Art Titel für die zu schreibende Geschichte fungiert. Nun, ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht und kann euch deswegen heute das Ergebnis meiner Bemühungen präsentieren.

Deswegen wünsche ich euch jetzt viel Spaß mit „Vintage“ und ich würde mich freuen, wenn ihr ein wenig Spaß daran habt.


Vintage

Mit einem leisen Geräusch zieht Vic irgendwo in meiner Nähe ihre Kreise. Ich kann sie nicht sehen, gebe mir aber auch keine große Mühe, sie aufzuspüren. Meine Konzentration gilt dem Buch, das aufgeschlagen auf der Beuge meines rechten Beins liegt.

Überwiegend leere Seiten. Nicht viel mehr als leere Seiten und verloren hingeworfene Skizzen aus wenigen Worten sind in diesem Buch zu finden. Wertlos, so könnte man denken. Aber für mich ist es alles andere als das. Sein Wert erschließt sich nicht durch das Äußere, sondern mehr durch die inneren Werte.

Ich seufze, als die müden Knochen sich melden. Wie lange sitze ich denn jetzt schon auf dem morschen Baumstumpf? Ich könnte Vic fragen, aber ich möchte sie nicht rufen. Das würde den Moment, die Ruhe des Augenblicks stören.

Eigentlich ist es mir sowieso nicht recht, dass sie bei mir ist. Aber sie lässt sich nicht abschütteln. Wann immer ich auch versucht habe, sie loszuwerden, taucht sie binnen weniger Minuten auf und ich kann mich noch freuen, wenn sie mir keine Standpauke hält. Eine Standpauke – ausgerechnet von Vic!

Meine Kopfhaut juckt. Ich lasse den Stift sinken und kratze mich an der Stelle, wo es am schlimmsten ist, durch den langen, braunen Haarschopf hindurch. Der Pferdeschwanz fällt mir sanft über die Schulter. Ich kann den Duft, der von ihm ausgeht, riechen.

Aber zurück zum Buch. An manchen Tagen ist es ganz einfach, etwas hinein zu schreiben. Dann wieder, so wie heute, tue ich mich unglaublich schwer damit. Dabei tollen in meinem Kopf die Worte nur so vor sich hin, überschlagen sich beinahe mit ihren Purzelbäumen und geistern wie lebendige Fackeln auf der Innenseite meiner Augen vorbei.

Es ist, als müsse ich nur einen Weg finden, sie aus meinem Kopf in die Hand zu leiten, die den Bleistift hält. Den Stift mit dem großen Radiergummi an seinem Ende, das ich viel zu häufig verwenden muss, weil die Worte eben nicht den Weg finden und ich nicht mehr als einen schalen Abklatsch davon produziere.

Die Sonne scheint zwischen den Bäumen hindurch und wärmt mein Gesicht. In meinem langärmligen Rollkragenpulli ist es fast zu warm für dieses Frühlingswetter. Aber ich kann da nicht wählerisch sein. Er tut seinen Dienst bei jeder Jahreszeit. Dasselbe lässt sich von der Jeans behaupten, die am Hintern schon ein wenig durchgescheuert ist, vom langen Sitzen auf dem Baumstumpf.

Ein leises Rascheln ertönt links von mir. Mürrisch lasse ich den Stift wieder sinken und schaue nach. Aber es ist nichts zu sehen. Vic? Ob sie es ist?

Ich weiß gar nicht so genau, was sie eigentlich da draußen treibt. Wenigstens hat sie mich, bis jetzt jedenfalls, noch nicht verraten. Aber sicher sein kann ich mir da nie. Loyalität ist zwar eine der, angeblich, großen Stärken von Vic, aber wem diese Loyalität gilt, das ist zumindest fragwürdig.
Ob ich sie suchen soll? Unsinn. Ich brauche sie nur zu rufen und sie kommt zu mir. Aber das würde das Gefühl zerstören. Und es ist doch so wichtig, wenn ich doch noch ein paar Worte zu Papier bringen will.

Ich setze den Stift wieder an und überlege. Soll ich etwas über die Natur schreiben? Über ihr Wirken hier im Wald, als Gegenentwurf zu dem wenigen, das die Städte an Natürlichem bereithalten?

Ich wippe mit den Füßen, weil ich mich nicht entscheiden kann. Ein wenig mutlos blättere ich durch die Seiten meines Buchs. Dabei stelle ich, nicht zum ersten Mal, erschrocken fest, dass nur noch wenige Seiten wirklich jungfräulich weiß sind. Auch wenn ich viele vergebliche Versuche wegradiere, so sind die Spuren, welche die falschen Worte hinterlassen haben, doch sichtbar. Und auf einer Seite, die bereits von der Unzulänglichkeit meiner Inspiration befleckt wurde, mag ich keine schönen Worte schreiben.

Schnell zurückblättern zu einer der weißen Seiten. Wieder den Stift ansetzen. Auf die innere Stimme hören. Ausblenden, dass Vic ganz in der Nähe ist und mich beobachtet. Oder halt, vielleicht blende ich es ja doch nicht aus, sondern versuche, es mir zunutze zu machen!

»Vic, komm doch mal her!«, rufe ich. Ich muss nicht lange warten, dann erscheint sie links von mir auf der kleinen Lichtung, auf der ich sitze. Sie sagt nichts, was ich ihr hoch anrechne. Vielleicht ist sie, trotz allem, ja doch für die Stimmung empfänglich, die herrscht.

Ich wende mich ihr zu und ringe mir ein Lächeln ab. Vic kann mir behilflich sein, aber eigentlich passt sie überhaupt nicht hierhin.

»Kannst du vielleicht ein Foto von mir machen und es mir dann zeigen?«

»Natürlich«, kommt die Antwort, die doch tatsächlich ein ganz klein wenig eingeschnappt klingt. So, als wolle sie sagen, ich soll sie doch bitte mit diesen Kinkerlitzchen zufriedenlassen.

Aber wenigstens tut sie, worum ich sie gebeten habe. Mit einem leisen Klicken wird das Bild gemacht und ehe ich bis drei zählen kann, hält sie es mir auch schon vor die Nase.

»Hier, bitte.«

»Danke!«

Ich betrachte mich, wie ich auf dem Stumpf sitze. Es ist eine wirklich schöne Momentaufnahme geworden. Die Sonne fällt genau im richtigen Winkel auf das Buch in meiner Hand. Ich halte den Stift so, als sei ich gerade dabei, wirklich Großartiges zu erschaffen. Und auch mein Gesichtsausdruck, entspannt und doch inspiriert, passt sich dem an. Ich sehe wirklich aus, als sei ich eine Dichterin.

»Gefällt es dir?«, fragt Vic. Ich bin erstaunt. Normalerweise ist es ihr ziemlich egal, was ich denke. So viel Anteilnahme an meinem Leben zeigt sie nicht, obwohl sie ständig bei mir ist.

»Es ist wunderschön«, sage ich. Und dann beginne ich, aufzuschreiben, was ich vor mir sehe. Plötzlich ist es ganz einfach, Worte zu finden, die sich richtig anfühlen. Ich traue mich sogar, die leichten Unregelmäßigkeiten in meinem Teint festzuhalten. Etwas, worüber ich nie im Leben, nicht einmal bei Androhung von Strafe, öffentlich reden würde. Es den Seiten anzuvertrauen, ist dagegen leicht.

Vic ist die ganze Zeit an meiner Seite und zieht es nun wieder vor, zu schweigen. Ob es Zurückhaltung ist, weil auch sie die Wichtigkeit dieses Moments erkennt?

Schließlich habe ich auf guten drei Seiten mein Bild beschrieben. Das Bild einer jungen Frau mit langen Haaren, in bequemer Alltagskleidung, die auf einem Baumstumpf sitzt und in ein Buch schreibt. Ein Bild, wie es alltäglicher nicht sein könnte und wie es doch heutzutage viel zu selten ist.

»Danke, Vic, du kannst das Bild abschalten.«

Sie kommt der Aufforderung nach. Ein leises Piepen ertönt. Das muss der Alarm sein, den ich gestellt habe.

»Ich sollte dich daran erinnern, dass du heute Abend eine Verabredung mit Pearl und Serena hast«, sagt Vic, die sich in meinem Kalender besser auskennt, als ich es tue.

Wieder seufze ich. »Du hast Recht. Zeit, aufzubrechen.«

Ich stehe auf, strecke mich noch einmal und lege zunächst Buch und Stift auf den Stumpf. Dann greife ich mir in die Haare und ziehe mit einem Ruck die Perücke vom Kopf. Fast schlagartig hört das Jucken auf. Ich fahre mir mit einer Hand über die kahle Kopfhaut und genieße die Berührung.

Als Nächstes nehme ich die Ohrringe ab und lege sie zu den Haaren neben das Buch. Mit wenigen Handgriffen fallen erst der Pullover und dann die Jeans. Mit den Schuhen habe ich ein wenig Mühe, weil sie mir eigentlich zu klein sind. Aber Bessere habe ich nicht auftreiben können.

Schließlich stehe ich nackt und bloß im Sonnenlicht. Aber außer Vic ist niemand hier, der mich sehen könnte. Sie hätte ansonsten seine Anwesenheit schon längst bemerkt.

Ich nehme die Sachen und gehe ein paar Schritte zum Rand der Lichtung. Dorthin, wo ich vor einigen Monaten den ausgehöhlten Baumstamm entdeckt habe. Zuerst hole ich meine Anziehsachen hervor, deren metallene Beschläge leise gegeneinander schlagen und den Overall zum Klingeln bringen. Dann lege ich, ganz vorsichtig, meine Schätze in die Höhlung und vergesse auch nicht, sie mit der bereitgelegten Decke gut und witterungsgeschützt abzudecken.

Während ich mich in den Overall winde, der meinen Körper von den Zehenspitzen bis zum Hals bedeckt, schaue ich mich noch einmal um. Die Lichtung ist noch dieselbe und doch wirkt sie ganz anders, wenn ich mich nicht zurechtgemacht habe.

»Es wird wirklich Zeit, Mags«, sagt Vic. Sie schwebt in etwa zwei Metern Entfernung auf Augenhöhe vor mir und schaut mich mit dem kalten Blick ihrer Kamera an. Wieder frage ich mich, wem ihre Loyalität gilt. Mir, der sie bei meiner Geburt zur Seite gestellt wurde, oder doch der sogenannten Gesellschaft, die am liebsten all das, was einmal wichtig war, für immer aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit tilgen würden. Dinge wie individuelle Kleidung, wie modische Frisuren. Wie Bücher.

Vintage halt.

Mit einem letzten Blick verlasse ich meine Lichtung. Wann ich wiederkommen kann, weiß ich noch nicht. Aber ich freue mich jetzt schon auf das Wiedersehen.

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2 Gedanken zu “„Vintage“ – Meine Geschichte zur sechsten Clue Writing Challenge

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