Wenn man nicht mehr weiß, wie der eigene Roman enden soll

Wenn man nicht mehr weiß, wie der eigene Roman enden soll – dann hat man ein ziemliches Problem. Denn selbst dann, wenn man, so wie ich, ein beinharter Discovery Writer ist, der eigentlich am liebsten vollkommen frei an die Arbeit geht und dann mal schaut, wohin sie einen so führt, sollte man doch zumindest eine vage Idee davon haben, wo denn der Endpunkt sein soll.

Eine Geschichte braucht einen fixen Anfang und sie braucht ein fixes Ende. Sie kann nicht einfach so ausfasern. Denn wenn sie das täte, dann würde sie nichts als enttäuschte Gesichter zurücklassen. Sowohl auf Autorenseite als vor allem auch auf Leserseite.

Tja. Dumm nur, dass ich mich genau in dieser Falle plötzlich gefangen sah.

Ihr erinnert euch vielleicht noch an mein Projekt „Das Kind“, das eigentlich mal eine Kurzgeschichte werden sollte und sich dann so langsam, aber sicher, auf den Weg zum Roman machte. Eine Entwicklung, die ich auf der einen Seite begrüßte, die mich auf der anderen Seite aber vor die Probleme stellte, von denen ich hier sprechen möchte.

Als die Geschichte, mit deren Titel ich im Übrigen zunehmend unzufriedener werde, ihren Anfang in meinen Gedanken nahm, bestand sie aus exakt fünf Szenen. Fünf Szenen, die vollständig ausdefiniert waren, die auch einen plausiblen Handlungsbogen ergaben. Und fünf Szenen, die sich irgendwann nicht mehr richtig, nicht mehr ausreichend, nicht mehr angemessen anfühlten.

Ich tappte in die Falle, die manch Plotter jedem Discovery Writer weissagt: Ich verlief mich in meiner eigenen Geschichte und sah nicht mehr den Weg, der mich aus dem gefühlten Labyrinth herausbringen konnte.

Die Kurzgeschichte sollte ein Ende haben, wie es für eine Kurzgeschichte üblich ist und auch funktioniert. Hart, dreckig, ein Downer. Plausibel beschrieben und durchgetaktet. Schließlich hatten wir ja auch noch keine besondere Gelegenheit, uns an die handelnden Personen zu gewöhnen. Da kann man das schon mal so machen.

Aber so langsam habe ich mich an meine Personen gewöhnt! Und das brachte mit sich, dass ich mir auf einmal nicht mehr so sicher war, ob das Ende in dieser Form denn jetzt funktionieren kann (würde es) und ob ich es überhaupt noch so will (wusste ich nicht).

Und das hat mich blockiert. Nachdem ich zwischendurch einen Zwischensprint eingelegt hatte, kam die Arbeit an dem Roman für einen kompletten Monat zum Erliegen. Ich wusste zwar noch, wie die Szene, an der ich gerade arbeitete, weitergehen sollte, aber wohin das alles führen sollte, lag komplett im Nebel.

Die Sorte Nebel, durch die man nur hindurchsteuern kann, wenn man ein starkes Leuchtfeuer und das eine oder andere Nebelhorn in seiner Nähe hat.

Aber weder das eine, noch das andere, wollte sich einstellen. Ich war kurz davor, die Sache einfach dran zu geben und mich mit irgendwas anderem zu beschäftigen. Aber der Gedanke wurmte mich wahnsinnig. Ich sitze inzwischen auf nicht weniger als vier unvollendeten Manuskripten. Und das Letzte, was ich gebrauchen konnte, war, mich auf ein weiteres Projekt zu stürzen, das dann diesen Stapel noch erhöhen würde.

Denn das ist die Falle, in die man nur zu leicht gerät, wenn man sich erst einmal für diesen, nur vermeintlich, einfachen Weg entschieden hat. Man fängt Dinge an, schreibt an ihnen, bis es zum ersten Mal Probleme gibt, kaut ein wenig darauf herum und legt sie dann zur Seite, weil ein neues Projekt „einfacher“ zu sein verspricht.

Auf diese Weise habe ich mit Sicherheit schon an die zehn Romananfänge kaputt gemacht. Der Unterschied ist nur: Inzwischen bin ich viele Jahre älter und eigentlich weiß ich um die Prozesse, die da ablaufen und dass man ihnen nicht nachgeben soll und darf. Deswegen kam diese „Lösung“ auch nicht infrage.

Aber was dann?

In meiner Not habe ich etwas getan, was ich bis jetzt nur sehr, sehr selten getan habe: Ich habe mich hingesetzt und habe mir überlegt, was für Szenen ich bis jetzt gedanklich vorgesehen hatte und wo sie mich und meine Handlung hinbringen würden.

Und dann geschah das Unglaubliche. Ich schrieb eine Szene in Stichworten auf – und sofort reihte meine Vorstellungskraft eine nächste dahinter. Dann fiel mir wieder etwas ein, was ich über einen meiner Protagonisten wusste und hatte eine weitere Szene. Damit ich aber dorthin kommen konnte, musste dieses und jenes passieren. Und das wiederum führte zu etwas ganz, ganz anderem, an das ich bis jetzt noch gar nicht gedacht hatte.

Jetzt werden die Plotter befriedigt die Arme verschränken und sagen: „Siehst du, haben wir dir doch gleich gesagt, dass es mit Plotten viel einfacher geht.“

Nun, wer bin ich, um euch zu widersprechen? Aber das, was ich gemacht habe, kann man nur schwerlich plotten nennen. Denn damit würde ich diesem Konzept Unrecht tun. Was ich getan habe, ist eine Szenenfolge aufzustellen. Und diese Folge von Szenen führt mich am Ende – zu einem Ende.

Und jetzt weiß ich wieder, wie mein Roman enden soll. Und ich weiß, was auf dem Weg dorthin passieren soll. Ich habe ein Gerüst, mit dem ich arbeiten kann, das mir aber gleichzeitig noch genügend Freiheiten lässt, um mich auszutoben.

Jetzt muss ich das Ding nur noch schreiben. Und wisst ihr was? Ich habe richtig Lust darauf! Und einen Titel, der mir besser gefällt – und der besser passt – als „Das Kind“, den finde ich auch noch. Ihr werdet es mitbekommen.

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8 Gedanken zu “Wenn man nicht mehr weiß, wie der eigene Roman enden soll

  1. Viel Erfolg beim zu Ende bringen! Ich habe zwar noch nie ein Buch geschrieben, aber an Kurzgeschichten versuchte ich mich schon öfter, die jedoch meistens, wie bei dir beschrieben, auf einem Stapel landeten, weil irgendwie auf einmal die Luft raus war und mir nichts mehr dazu einfiel. Obwohl es so vielversprechend begonnen hatte. Vielleicht muss ich mich doch mal dran setzen und meine Ideen zu Ende bringen. 😀

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    • Hallo Anna!

      Vielen Dank für die guten Wünsche. Ja, auch wenn es wirklich eine Binse ist, nur Texte, die man zu einem Ende bringt, bringen einen am Ende auch weiter. Man hat auf jeden Fall das (gute) Gefühl, es schon einmal geschafft zu haben. Also kann man es auch wieder schaffen.

      Ich drücke dir die Daumen, dass dir das auch bald gelingt!

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  2. lunaewunia schreibt:

    Ach na das ist doch richtig schön! Sowas gibt einem enormen Aufschwung oder? Denn nichts ärgert einen mehr, wenn man einen Anfang hinter den nächsten setzt ohne auf etwas vollendetes blicken zu können… 😑
    Insofern immer weiter mit. Mut und Elan! 😄
    Wirst du nun auch das was du schon hast überarbeiten bzw musst du Szenen. Umstellen oder bleibt das fürs erste wie es ist?

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