Das Schreiben der Anderen: „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ von Andrea Schrader

Ich gebe zu: Wenn ich nicht „zufällig“ zusammen mit Andrea Schrader auf der 9lesen-Bühne gestanden und bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit gehabt hätte, mich von den Qualitäten ihres Romans „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ zu überzeugen, dann hätte ich vielleicht nie zu diesem Buch gegriffen. So aber konnte ich gar nicht anders, als mir nach dem Appetizer auch den Rest der Geschichte vorzunehmen


Eigentlich soll das Kind, das in einer Winternacht in Schweden geboren wird, den Namen seines Großvaters tragen. Doch eine seltsame Anomalie, ein in voller grüner Pracht stehender Baum, signalisiert seinen Eltern, dass es eine besondere Bewandtnis mit ihrem Sohn hat. Und so erhält er den überlieferten Namen Enki.

Von der Stunde seiner Geburt an ist Enkis Schicksal vorbestimmt. Sobald er alt genug dafür ist, verbringt er seine Sommerferien an einem geheimen Ort in Tibet in der Obhut von Mönchen, die ihn, sowie drei andere Kinder, in allen möglichen und auch unmöglichen Künsten unterrichten. Denn Enki ist ebenso wie Enlil aus den Vereinigten Staaten, Izila aus Deutschland und Abale aus Island ein Bote des Schicksals.

Es gibt vier Boten, wenn die Zeit gekommen ist, dass sie gebraucht werden. Sie stehen den vier Reitern der Apokalypse gegenüber, deren Erweckung dazu führen würde, dass das Buch mit den Sieben Siegeln, von denen schon in der Offenbarung der Bibel die Rede ist, gefunden und geöffnet wird. Die Folge wäre die Entfesselung der Apokalypse und das Ende der Welt.

Doch nicht die Reiter sind das vordringliche Problem der Boten, sondern die Engel und Dämonen, die in der Welt existieren und alles daran setzen, die Reiter zu finden und zu erwecken. Dabei ist es nicht etwa so, dass die alten Vorstellungen von „gut“ oder „böse“ eine Gültigkeit besäßen. Denn sowohl die Engel als auch die Dämonen wollen ihre eigene Form der Apokalypse auslösen. Egal, wer von beiden das Ziel erreicht, das Ergebnis für die Menschheit ist dasselbe.

Um ihre Ziele aus dem Verborgenen heraus zu erreichen, greifen die Dämonen und Engel in das Schicksal der Menschen ein und machen sie so zu ihren Handlangern. Den Boten des Schicksals ist die Macht gegeben, die Kraft der vier Elemente, für die sie stehen, zu benutzen und damit die Schicksalsbäume der Menschen zu bereinigen – oder um im gemeinsamen Kampf ihre Widersacher zu töten.

Doch nebenbei handelt es sich trotz allem bei ihnen um ganz normale Menschen, mit ganz normalen Bedürfnissen nach Liebe und Freundschaft. Beides wird auf eine harte Probe gestellt, als die Zeichen sich verdichten, dass bald einer der vier Reiter erweckt werden könnte …

Es ist schwer, nicht viel zu viel von der Handlung dieses Romans zu verraten, denn am liebsten möchte man die vielen kleinen Details aufzählen und sich daran erfreuen. Die Mythologie, die Andrea Schrader in diesem ersten Teil ihrer Erzählung aufbaut, verquickt verschiedene Elemente miteinander, die so perfekt ineinander greifen, dass es einfach Spaß macht, sich mit ihnen zu befassen.

Die Art, in der hier Engel, Dämonen, die Reiter der Apokalypse und die Schicksalsboten in die Handlung, die trotz aller fantastischen Einschläge klar erkennbar in unserer realen Welt spielt, eingewoben werden, ist hervorragend gelungen. Es wird darauf verzichtet, jeden Moment der Geschichte mit Symbolik oder Mystik zu überladen, was sicherlich möglich gewesen wäre – und worauf man nach dem Beginn im Tempel auch irrtümlich schließen könnte.

Selbst Fähigkeiten wie das Fliegen, die Teleportation oder die dem jeweiligen Element (Feuer, Wasser, Erde, Luft) zugeordneten Attribute verkommen auf diese Weise nicht zu Superkräften, sondern zu Gaben, die weise eingesetzt werden wollen und müssen.

Denn trotz ihrer Macht arbeiten die Boten in einer Art Undercover-Einsatz. Das ist spannend herausgearbeitet und funktioniert auf ganzer Linie. So vermischen sich neben den Fantasy-Einflüssen hier noch weitere Genreversatzstücke miteinander. Das sorgt dafür, dass auch Leser wie ich, die nicht wirklich viel Fantasy lesen, gerne bei der Stange bleiben und erfahren wollen, wie es weiter geht.

An der einen oder anderen Stelle muss man allerdings ein wenig die Augen zudrücken und einfach hinnehmen, dass das, was gerade geschieht, kein größeres Aufsehen erregt. Das fängt schon bei den Namen der vier Boten an, die eine Bedeutung besitzen, aber eigentlich für die Ohren ihrer Mitbürger sehr exotisch klingen sollten. Aber auch die Bereinigung der Schicksalsbäume beeinflusster Menschen müsste an mancher Stelle eigentlich größere Beachtung auslösen. Hierüber kann man aber, nicht zuletzt auch wegen des tollen und lockeren Stils der Autorin, sehr gut hinweg lesen. Spannend ist es allemal.

Aber wo ich von Dingen spreche, die mir nicht ganz so gut gefallen haben, muss ich auch auf den Fakt kommen, welcher diesen Roman seinen eigentlich verdienten fünften Stern gekostet hat. In Hinsicht auf einen bestimmten Umstand, den ich hier nicht spoilern möchte, verhalten sich die Boten über einen längeren Zeitraum hinweg erschreckend naiv. Das passt meines Erachtens nicht zu ihrem sonstigen Handeln und wirkt ein wenig konstruiert. Auch wenn sich die Sache am Ende gut auflöst und in ein spannendes Finale mündet, hatte ich hier einen leicht bitteren Beigeschmack beim Lesen.

Das soll aber keineswegs die Gesamtleistung dieses Auftaktromans schmälern. Der Leser bekommt tolle Charaktere, eine spannende und interessante Mythologie und einen Ausblick darauf, dass wir von den Fortsetzungen der Geschichte noch einiges erwarten können. Andrea Schrader ist mit „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ ein Roman gelungen, der schon während des Lesens Vorfreude auf den nächsten Teil macht.

Wenn ich davon ausgehe, dass die Boten aus ihrer angesprochenen Naivität lernen und in den kommenden Teilen der Serie entsprechend agieren, dann stehen uns noch tolle Romane ins Haus. Ich freue mich darauf!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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