Warum schlechter Text dich weiterbringt: Das ist meine Begründung

Von Stephen King stammt die Autorenweisheit, dass man bei geschlossener Tür schreiben und bei geöffneter Tür überarbeiten soll. Damit meint er nichts anderes, als dass man sich während des Schreibprozesses auf sich selbst, auf seinen Text, auf seine Arbeit konzentrieren soll. Jede Störung von außen ist zu diesem Zeitpunkt genau das: Eine Störung, die den Arbeitsprozess negativ beeinflussen könnte. Oder positiv. Aber auf jeden Fall eine Beeinflussung.

King zielt mit diesem Ausspruch vor allem auf externe Einflüsse ab, etwa, indem man einen Text, an dem man arbeitet, einem Leser zur Begutachtung gibt. Oder, indem man einen Textteil schon einmal an einen Textprofi gibt.

Aber wie steht es eigentlich mit den inneren Einflüssen? Nun, das ist etwas, mit dem verschiedene Autoren ganz unterschiedlich umgehen.

Ich gehöre zu den Schreibern, die sich während des Schreibprozesses nicht zu sehr mit dem auseinandersetzen, was sie bis jetzt geschrieben haben. Von anderen Autoren weiß ich, dass sie sich, als Beispiel, vor dem Beginn der Arbeit die letzte Seite durchlesen, die sie am Tag zuvor geschrieben haben. Sie brauchen das, um wieder rein zu kommen in ihren Text.

Einige fangen sogar während dieses Schrittes schon an, den Text zu redigieren. Wenn ihnen etwas auffällt, dann verbessern sie es. Sie machen damit schon eine Teilüberarbeitung.

Mich würde das, gelinde gesagt, wahnsinnig machen. Außerdem bin ich der Ansicht, dass auch schlechter Text durchaus in der Lage ist, einen in der persönlichen Entwicklung weiter zu bringen.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Ich schreibe ja an einem Roman über das Schicksal eines Kindes zur Zeit der Judenverfolgung im vom Deutschen Reich besetzten Polen. Dieser Roman ist auf seine Art ein wenig speziell, weil ich zwar versuche, eine tatsächliche Handlung voranzutreiben (es wird also kein Drama), aber gleichzeitig sicherstellen möchte, dass ich nicht zu „flach“ werde in Sprache wie in Geschichte.

Das gelingt mir an manchen Tagen recht gut. Und dann gibt es Tage wie gestern, an denen ich schon während des Schreibens merke, dass irgendwas nicht so richtig stimmt. Lasst mich euch einen Textauszug zeigen:

Frantisek schaut sich Oleg von oben bis unten an, dann sieht er wieder zu Tomasz.
»Ich will so einen nicht in meiner Nähe haben.«
»Er ist ja nicht in deiner Nähe. Er ist bei mir im Haus.«
»Das direkt gegenüber liegt. Ich will den nicht hier haben«, wiederholt Frantisek.
»Hast wohl Angst, dass ich die Luft verpeste, oder was? Soll ich mal rüberkommen und dich anhauchen? Würde dir das gefallen?«
Oleg macht Anstalten, zu Frantisek zu laufen, aber Tomasz hält ihn davon ab: »Wir wollen keinen Ärger haben.«
»Ich hab keinen Ärger«, sagt der Alte. »Ich habe Spaß. Und ich habe Hunger. Wann gibt es jetzt endlich Frühstück?«

Zwei der drei Männer, die da auf der Straße stehen, sind dem Leser zu diesem Zeitpunkt schon gut bekannt. Tomasz ist derjenige, der den kleinen jüdischen Jungen im Wald aufgelesen und mitgenommen hat. Oleg, der vermeintliche Dorftrottel mit tragischer Vergangenheit, erweist sich als wertvolle Hilfe im Existenzkampf der kleinen Familie.

Der Nachbar Frantisek hat hier seinen ersten Auftritt. Seine Rolle im Roman ist mir noch nicht ganz klar, aber ich weiß, dass ich die Nachbarn nicht außen vor lassen kann, aus verschiedenen Gründen.

Schon während ich diesen kurzen Auszug schrieb (der Gesamtdialog ist noch ein wenig länger) wurde ich unzufrieden mit der Art, in der sich Frantisek verhält. Er agiert zu eindimensional, indem er Oleg, den er für eine Bedrohung seiner bürgerlichen Ordnung hält, direkt und, sagen wir, wie es ist, platt angreift. Dieser wiederum reagiert auf ähnliche Weise und schon habe ich einen Dialog, in dem sich zwei Männer, die sich vorher vielleicht höchstens vom Sehen kannten, gegenseitig anzicken.

Die Handlung des Romans wird dadurch nicht vorangebracht, ganz im Gegenteil, ich nehme mir vielleicht Optionen, die ich später in Bezug auf die Nachbarschaft zwischen Tomasz und Frantisek gewinnbringender einbauen könnte.

Wie gesagt, das Störgefühl hatte ich schon, als ich die Passage schrieb und dennoch befindet sie sich so in meinem Manuskript. Und wieso? Weil ich denke, dass es gerade auch die schlechten Textteile sind, die uns in unserer Arbeit weiterbringen können.

Text, den wir für gut befinden, schauen wir uns gerne immer mal wieder an. Jeder von euch, der selber schon mal geschrieben hat, wird es kennen, dass er sich besonders gelungene Passagen seines Werks gerne wieder durchliest und sich darüber freut, wie gut das doch gelungen ist.

Aber aus dieser Betrachtung, die nur zu schnell oberflächlich wird, kann man nichts lernen. Ich habe es versucht, glaubt mir, aber außer „boah, ist das gut“ bleibt einfach nicht viel im Gedächtnis.

Dagegen kann ich Passagen in meinen Romanen, bei denen ich (inzwischen) sehe, dass etwas nicht stimmt, auf eine Art und Weise betrachten, die mich weiter bringt. Auch wenn ich einräume, dass ich erst einige Erfahrungen sammeln musste, sei es durch Testleser, sei es durch das Lektorat, sei es durch das Schreiben an sich, um diese Stolpersteine in etwas gewinnbringendes umwandeln zu können.

Wenn ich mir diese Textstellen noch einmal durchlese, spätestens in der Überarbeitung, dann habe ich meist schon genaue Vorstellungen davon, wie ich sie anpassen muss. Und zwar, weil ich sie anpassen muss, da ich, inspiriert durch das schlechte Gefühl, das ich beim Schreiben hatte, zukünftige Stellen anders, ich denke besser, angehen kann.

Natürlich ergeben sich dadurch mögliche Inkonsistenzen. Aber ich behaupte, dass die sich sowieso ergeben. Zumindest dann, wenn man nicht alles von vornherein minutiös durchplant. Aber meine Einstellung dazu kennt ihr ja inzwischen 😉 .

Bezogen auf den oben gezeigten Ausschnitt bedeutet das soviel, dass ich mir nun, wo ich ein Problem erkannt habe, Gedanken dazu machen kann, wie ich meinen Nachbarn Frantisek eigentlich haben will. Bestenfalls dient dies dazu, ihn als Charakter, oder zumindest als Plotpunkt, greifbarer und dadurch auch besser zu machen.

Ja, meine drei Figuren werden sich immer noch auf der Straße getroffen haben. Aber die Tatsache als solche ist ja nicht das Problem. Ihr Zusammenspiel ist es. Und das kann im Zuge der Überarbeitung, wenn ich viel genauer weiß, wie sich das alles und die drei zueinander eigentlich verhalten, entscheidend verbessert werden.

Wenn ich den Text jetzt sofort löschen würde, dann könnte ich mich schlimmstenfalls hinterher nicht mehr daran erinnern, was genau mich eigentlich gestört hat. Klar, ich könnte es notieren oder den betreffenden Text sogar separat abspeichern, aber das wäre – für mich – nicht dasselbe.

Auf diese Weise bringt auch schlechter Text mich weiter. Auf eine verquere Art vielleicht sogar eher, als guter Text es könnte. Obwohl wir letztlich doch alle nach Perfektion streben. Kann es einen schöneren Widerspruch in sich geben?

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10 Gedanken zu “Warum schlechter Text dich weiterbringt: Das ist meine Begründung

  1. lunaewunia schreibt:

    Ich denke auch, die Art von schlechter Text die du hier hast ist definitiv etwas, die man stehen lassen kann. Sie ist nichts grundlegendes. Mehr oder weniger ist es die Art des Textes, die kann man später überbessern. Klar, du hast eine neue Figur eingebracht und ihr erster Auftritt ist nicht so, wir du es dir wünschst, doch ich denke auch, da es eine nebenfigur ist hat sich dass dann auch. Man kann sich genau diese Stelle im Kopf behalten und ist dadurch viel geschützter davor, noch eial so einen Mist zu schreiben, es bringt einen weiter.
    Früher hatte ich auch immer gedacht, alles, was ich schreibe, muss schon perfekt sein. Es führte dazu, dass ich kaum weiter kam, da ich jedes Mal fast den gesamten Text im Vorfeld durchblickte und änderte. Das ist natürlich Blödsinn. Ich lese jetzt auch meistens die vorangegangene Szene nochmal kurz. Und natürlich sehe ich überall Sätze, die nicht perfekt sind. Doch ich lese sie zum wiederholten Male und lerne lieber daraus, so wie du es sagst. Überarbeiten kann später alles im Ganzen. In der ersten Version ist man noch niemanden Rechenschaft schuldig.
    Wobei ich gestehen muss, eben überarbeite ich auch mein erster Kapitel, was allerdings daran liegt, dass ich mit dem kompletten Auftritt einer Hauptperson absolut ins Klo gegriffen habe. Das muss ich grundlegend ändern, sonst komme ich bei bestem Wille nicht weiter… Wie immer, für jede Regel die man sich persönlich stellt, maht man sich seine ganz eigenen Ausnahmen 😅
    LG😊

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    • Vom Anspruch nach Perfektion bin ich zum Glück weit entfernt. Ansonsten hätte ich keinen einzigen Roman jemals zu Ende geschrieben 😉 .

      Ich habe damals, gleich beim ersten, allerdings für mich halt die Erfahrung gemacht, dass ich mich verzettle, wenn ich immer wieder von vorne mit der direkten Überarbeitung anfange. Ich habe keine Ahnung, durch wie viele Iteration speziell der Anfang von „Angst im Perseus-Spiralnebel“ gegangen ist. Irgendwas zwischen einem halben und einem vollen Dutzend. In einer Zeit von gut sechs Jahren.

      Und dann kann ich das Ding nicht mal veröffentlichen, weil es so voller Plagiate steckt! 😅

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      • lunaewunia schreibt:

        Ja, man sollte es mit dem Perfektionismus, gerade in der Anfangsphase nicht zu weit treiben. Habe ich eine solche Anwandlung würde ich auch am liebsten alle projekte beenden und neue starten – auch keine Löung ^^

        Und voller Plagiate? Das klingt tatsächlich eher unpraktisch xD
        Doch zumindest hat man davon gelernt, auch, wenn man ihn villeicht nicht in die Öffentlichkeit tragen kann^^

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      • Nun ja, als ich anfing, meine Sci-Fi-Serie zu „konzipieren“ (als ob), war ich gerade einmal 12 Jahre alt. In dem Alter ist es wenig verwerflich, wenn man sich aus allen möglichen Ecken diverse „Inspirationen“ zusammen klaut.

        Irgendwann, wenn mir gar nichts anderes mehr einfällt, baue ich das vielleicht noch einmal um. Auch wenn ich bezweifle, dass am Ende meine einstmals geplante Serie von 40-45 Romanen dabei heraus käme 😉 .

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      • lunaewunia schreibt:

        Ach je! Ja mit zwölf da schreibt man nicht ssehr eigenständig und gekonnt ^^
        Doch icht finde krass, dass du selbst schon in dem Alter solche Geschichten selber erdacht hast. Ich las auch gerne größer angelegte Storys, auch teilweise Fantasy, aber ich wäre in dem Alter Null in der Lage gewesen, selbst soetwas zu schaffen, meine geschichten waren wirklich kindlich^^
        Doch wenn ich so bedenke, auch jetzt brächte ich nicht ansatzweise so ein Genre zustande ^^
        Aber muss ich ja auch nicht, auch da heißt es wieder jeder schreibt eben das, was ihm liegt 😉

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      • Genau, das ist das Wichtigste, finde ich auch: Dass man das schreibt, was einem liegt und woran man Freude hat.

        Science-Fiction habe ich z.B. über 15 Jahre gar nicht geschrieben, bis ich ganz vorsichtig über utopische Elemente wieder eingestiegen bin. Jetzt wartet da ein Kurzroman auf Vollendung (seufz). Es war einfach in der ganzen Zeit nicht mein Drang, Sci-Fi zu schreiben.

        Dafür habe ich mich halt anderweitig ausprobiert, hier mal einen Krimi, dort mal eine Gruselgeschichte geschrieben.

        Mein größtes Problem als Kind waren übrigens nie die Geschichten. Mein Problem war das am-Ball-bleiben. Das Fertigschreiben. Wenn ich das früher hinbekommen hätte, könnte ich heute auf einige Roman(entwürfe) mehr zurückblicken.

        Wobei mich das auch nicht näher an eine Veröffentlichung herangebracht hätte 😉 .

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      • lunaewunia schreibt:

        Ich finde das echt klasse, dass du da wirklich so ungezwungen ran gehst und einfachschreibst, was da kommt, ohne dich gezwungen auf etwas fest zu legen, aber sonst ließe sich auch sehr schwer schreiben^^ Ich finde es dabei einfach total wichtig, auf sein Herz zu hören.

        Und ja… das am Ball bleiben ist so eine Sache, wenn man immer tausend Ideen hat. Ich würde am liebsten schon wieder etwas ganz aneres schreiben, aber ich will dieses Manuskript doch wirklich beenden. Ich habe ein bisschen Angst, wenn ich das jetzt nicht beende, beende ich nie etwas. Das ist wohl das jugendliche Drängen 😉

        Und ich hoffe, dass es ganz bald was von dir in Vollendung gibt 😉
        Und das dann auch veröffentlicht wird ^^

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      • Nee, gar kein jugendliches Drängen. Das geht mir heute noch so und ich fürchte, ich bin ungefähr doppelt so alt wie du…

        Bleib am Ball, es lohnt sich! 🙂

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