Das Schreiben der Anderen: „Und dein Leben, dein Leben“ von Magret Kindermann

Die Kriminalautorin Carmen lebt zusammen mit ihrem Hund Dexter in einem alten Bootshaus, das an einem großen See und direkt am Waldrand liegt. Hier geht sie vollkommen in ihrer Arbeit auf. Ihr ganzes Leben ist darauf ausgerichtet und wird nur durch die normalen Routinen unterbrochen: ausgedehnte Spaziergänge mit dem Hund, Einkaufen im Ort auf der anderen Seeseite, gelegentliche One-Night-Stands mit ihrem On-Off-Liebhaber Leon.

Carmen hat sich diesen besonderen Ort ausgesucht, weil sie ganz in der Nähe, bei einem Spaziergang, einmal eine Leiche gefunden hat. Diese Leiche war quasi die Inspiration zu ihrer Schriftstellerkarriere. Aber eigentlich auch wieder nicht, denn Carmen beschäftigt sich schon viel länger mit dem Verbrechen. Mit den Ermordeten. Und mit den Mördern.

Sie hat einen Brieffreund namens Otto, der in einem amerikanischen Gefängnis auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartet. Dieser wünscht sich von ihr in fast jedem Schreiben „ein Buch, das würdig ist, deswegen am Leben zu sein“.

Carmen ist in ihrem Leben zufrieden, aber auch angestrengt. Sie wird nicht schlau daraus, was Otto genau von ihr erwartet. Was Leon erwartet, nämlich viel mehr, als sie zu geben in der Lage zu sein glaubt, steht ihr hingegen viel zu deutlich vor den Augen. Und dann gibt es da noch diese eine Geschichte, die sie denkt, irgendwann schreiben zu müssen. Die Geschichte von der Frau im See, die sie nur verschwommen sehen kann und von der sie doch glaubt, dass sie, diese Leiche, der Höhepunkt in ihrem Schaffen sein könnte.

Und dann kommt eines Tages doch alles ganz anders, als Carmen es erwartet hat. Denn auf einmal wird sie Opfer eines Verbrechens. Aber ist es wirklich ein Verbrechen, wenn man mit dem Mann, der einen überfallen hat, Tee trinkt und Suppe isst? Eine spannende Nacht liegt vor ihr.

Mit „Und dein Leben, dein Leben“ hat Magret Kindermann eine sehr interessante Geschichte veröffentlicht, die an manchen Stellen vollkommen anders verläuft, als man es als Leser glaubt, erwarten zu können. Das macht es schwer, viel hierzu zu schreiben, ohne den Reiz des Selberlesens zu zerstören.

Carmen ist als Charakter sehr präsent und in allen Schattierungen ihres Wesens – nun: nachvollziehbar? Glaubhaft? Realitätsnah?

Irgendwie all das und doch nichts davon so richtig. Carmen ist eine Frau mit vielen Facetten, die sich dieser vielschichtigen Persönlichkeit darüber hinaus sehr bewusst ist und bereit ist, sie anzunehmen. Ansonsten wäre es ihr sicherlich nicht möglich, die Nacht, die hier beschrieben wird, in der Form anzunehmen und mit zu gestalten, wie sie es tut.

Denn dass sie sie gestaltet, ist praktisch das antreibende Moment für die Handlung. Es gibt eine wundervolle Passage gegen Mitte der Novelle, in der sie mit dem Mann, der plötzlich und unerwartet in ihr Leben eingedrungen ist, eine Art Frage- und Gegenfragespiel spielt. Dazu wäre sie nicht in der Lage, wenn sie in einer Opferhaltung verharren würde, von der sie weiß, dass sie ihr eigentlich nicht zukommt.

Vielmehr ist sie eine Gleichberechtigte, wenigstens im Geiste. Sie ist fasziniert, nicht abgestoßen. Sie ist neugierig, nicht verängstigt. Sie ist lebendig, nicht tot.

Doch damit ist beinahe schon wieder zu viel über die Handlung verraten.

Rein formal kann man sagen, dass Magret Kindermann einen sehr literarischen Stil hat, der sich wunderbar mit der Handlung ergänzt und gerade zu den Passagen passt, die von Carmens Innenleben berichten. Dabei wird der Leser schnell in die Geschichte hineingezogen und auch, wenn sich an einem recht frühen Zeitpunkt etwas abzeichnet, von dem man annehmen kann, dass es gegen Ende wichtig oder relevant wird, nehme ich dies nicht als störend wahr.

Generell sind die Figuren stark gezeichnet. Das gilt, neben den beiden Hauptfiguren, auch für eine Randfigur wie Leon, dessen Konflikt in Bezug auf Carmen stark nachfühlbar ist. Eben auch aus dem Leben gegriffen.

Die Geschichte besitzt ein Ende, das offen genug ist, um nicht alles zu verraten und dennoch abschließend genug, um nicht alle Fragen offen zu lassen. Die Stelle, an der wir Carmen verlassen, fühlt sich richtig an.

Ich habe die Novelle, die von Amazon mit etwa 112 Seiten Länge angezeigt wird, praktisch in einem Rutsch durchgelesen. Und für mich steht fest, dass sie nicht das Letzte gewesen sein wird, was ich von Magret Kindermann lese.

Von mir gibt es für „Und dein Leben, dein Leben“ die volle Punktzahl und eine Leseempfehlung für alle, die eine Form von Spannung suchen, die sich hauptsächlich aus den Charakteren entfaltet, ohne dabei ihr Tun zu sehr aus den Augen zu verlieren.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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