Vom Respekt gegenüber den Menschen im Holocaust

Deutschland und vor allem die deutsche Musikindustrie hat in den vergangenen Wochen ja eine lautstarke Diskussion über Respekt im Umgang mit dem Gedenken an die Opfer des Holocaust geführt. Auslöser war, ihr werdet es rückwärts pfeifen können, aber der Vollständigkeit halber will ich es erwähnen, die Verleihung des „Echo“ an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang, auf deren Album sich in einem Lied Zeilen finden lassen, die eben diesen Respekt vermissen lassen.

Nun, in der Zwischenzeit ist der „Echo“ Geschichte, hat so ziemlich jeder im Musikbusiness seinen Wortbeitrag geleistet und ist die ganze Sache ein klein wenig aus den täglichen Nachrichten verschwunden. Aus meiner Sicht der richtige Zeitpunkt, das zu schreiben, was ich zu diesem Thema schreiben möchte. Denn mir geht es nicht um die beiden Rapper, mir geht es nicht um ihr Lied. Es geht mir um den Respekt im Allgemeinen.

Wir leben in Zeiten, in denen sich die alte Frage, wie viel Respekt und wie viel Erinnerungskultur wir dem Thema Holocaust, aber auch allgemein der Verfolgung von Bevölkerungsgruppen wie Sinti und Roma, Homosexuellen oder auch Zeugen Jehovas entgegenbringen sollen, auf eine Weise wieder stellt, wie sie es vielleicht seit den achtziger Jahren nicht getan hat.

Durch den Einzug der AfD in viele Parlamente und Strömungen, die es zumindest in Teilen dieser Partei gibt, durch das Erstarken von rechtspopulistischen Gedanken und, auf die Literatur bezogen, durch die Tätigkeit von einschlägigen Verlagen ist das Thema wieder in unserem Alltag angekommen.

Das macht es für einen einfachen kleinen Autoren wie mich nicht einfacher. Denn einerseits bin ich selber sehr sensibilisiert dafür, wie man „richtig“ mit diesem Teil unserer Geschichte umgeht, andererseits möchte ich auch den Menschen, die damals gelebt haben und gestorben sind, die gekämpft und gelitten haben, nicht noch mehr von jenem Unrecht angedeihen lassen, das ihnen heute manchmal getan wird. Bewusst oder unbewusst.

Ich schreibe ja, wie ihr wisst, an einem Roman, der im Jahr 1942 im besetzten Polen spielt. Eine meiner Figuren ist ein jüdischer Junge, der durch das beherzte Tun seiner Eltern aus einem der Todeszüge von Warschau nach Treblinka gerettet wird. Sofern es eine Rettung ist, einsam und verloren mitten in einem polnischen Wald zu sitzen, dem Erfrieren nahe. Doch – gemessen an dem, was ihn am Bestimmungsort seiner Reise erwartet hätte, ist es zumindest ein Aufschub. Und, weil es ja nun einmal eine Geschichte ist, wird er ja auch von meinem Protagonisten aufgefunden und zu sich genommen.

Für mich bedeutet Respekt zum Beispiel, dass ich nicht versuche, die Figuren der Eltern des Jungen darzustellen wie tatenlose Opfer. Denn das ist nicht, was sie gewesen sind – das ist das, zu was sie gemacht wurden. Indem man ihnen ihre Hoffnung nahm, ihr Zuhause und am Ende ihr Leben, hat man sie zu Opfern gemacht.

Dabei waren sie – und in meinem Roman sind sie es – Menschen!

Das ist etwas, was mir in der Diskussion, die in der letzten Zeit geführt wurde, ein wenig zu kurz gekommen ist. Die Auseinandersetzung damit, dass wir hier nicht von anonymen „Auschwitzinsassen“ reden, wie es in dem Liedtext der Fall ist. Nein, diese „Insassen“ waren Menschen. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Menschen, die man zu Opfern gemacht hat. Indem man sie hergenommen und ganz langsam all ihrer Menschlichkeit beraubt hat.

Ich lese gerade das Buch „Auschwitz. Zeugnisse und Berichte“, das in seiner ersten Auflage bereits 1962 erschien. In dieser Sammlung haben die Herausgeber H.G. Adler, Hermann Langbein und Ella Lingens-Reiner versucht, durch die Stimmen der Überlebenden ein differenziertes Bild vom Lagerleben zu zeigen. Ein Buch, das betroffen macht. Ein Buch, das berührt. Aber eben auch ein Buch, das aufzeigt, dass nicht jeder Mensch von Anfang an zum Opfer bestimmt war.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, der als Begriff oft stellvertretend für alle Gräuel in den Konzentrationslagern gebraucht wird, ist für die Kunst immer ein Balanceakt. Zu leicht gleitet man in den Bereich der puren Exploitation ab. Etwas, vor dem nicht einmal die ganz Großen gefeit sind – oder als gefeit angesehen werden. Man erinnere sich, wie viel Skepsis Steven Spielberg entgegengebracht wurde, als bekannt wurde, dass er „Schindlers Liste“ dreht. Der Kerl mit den Dinos und dem Typ mit dem Hut sollte ein ernsthaftes Drama über die Judenvernichtung drehen!?

Wir wissen, was daraus geworden ist.

Nun bin ich kein Spielberg. Werde auch nie einer sein. Aber ich versuche, mich meiner Handlung und meinen Personen ebenso würdig zu nähern. Weil ich nicht „08/15“ sein will.

Das macht es manchmal schwierig, überhaupt an dem Manuskript zu arbeiten. Denn es ist das eine, schlechten Text zu produzieren. Aber es ist etwas ganz anderes, respektlos zu sein. Für mich jedenfalls ist das ein ganz gewaltiger Unterschied. Deswegen geht es im Moment recht langsam weiter, was den reinen Text anbelangt. Aber in mir arbeitet es – und das ist gerade für diese Geschichte ebenso wichtig, glaube ich.

Ich wünsche mir im Allgemeinen, dass wir als Gesellschaft – und da schließe ich sie alle mit ein, die Musiker, die Politiker, die Verleger, nicht zuletzt die Lehrer in den Schulen – dahin kommen, die Verantwortung, die wir haben, wahrzunehmen. Ich spreche nicht davon, dass wir, die wir in der Mehrzahl inzwischen nach dem Krieg geboren wurden, die Schuld auf uns nehmen. Aber wir haben eine Verantwortung dafür, dass wir insbesondere diesen Teil unserer Geschichte mit Respekt für die Menschen gestalten. Dass wir begreifen, dass dieser Respekt notwendig ist. Auch heute noch. Gerade heute noch!

Das wird jemanden, der behauptet, in Auschwitz habe es nie Gaskammern gegeben, nicht bekehren. Soll es auch nicht. Aber wenn dadurch auch nur ein einziger junger Mensch ins Nachdenken gerät, was das eigentlich ist, so ein „Auschwitzinsasse“ und wie er war, bevor er zu einer Nummer auf einer Todesliste geworden ist, dann ist schon viel erreicht.

Mein Roman, wenn er denn irgendwann fertig ist, wird da vielleicht nicht viel ausrichten können. Er soll am Ende unterhalten, nicht belehren. Sonst müsste ich ein Sachbuch schreiben. Aber das hält mich nicht davon ab, Respekt zu haben, Respekt zu zeigen und auch Respekt einzufordern.

Weil ich über Menschen schreibe, die es zwar in der Realität nie gegeben hat, die aber so oder so ähnlich zumindest denkbar gewesen wären.

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10 Gedanken zu “Vom Respekt gegenüber den Menschen im Holocaust

  1. lunaewunia schreibt:

    Ich finde deinen Beitrag absolut klasse!
    Ich habe ihn etwas wirken lassen, denn ich denke, das Thema hat es verdient. Das ist nun der dritte Versuch eines Kommentars, ich hoffe, ich werde mich einigermaßen kurz fassen können, doch ich denke, es fällt mir schwer.

    Es ist verdammt schwer, ein aufwühlendes Thema in einem Roman zu verarbeiten, das man selbst nicht erlebt hat. Auch vollkommen losgelöst vom Holocaust. Jedes Buch, das in irgendeiner Form über Gewalttaten und deren Folge handelt, jedes Buch, in dem ein „Opfer“ im herkömmlichen Sinne vorkommt, ist ein Balanceakt, wenn es aus der puren Imagination eines Menschen entsteht. Wie soll man als Außenstehender die Grenzen kennen? Inwieweit sollte man solche Grenzen auch überschreiten? Und selbst jemand, der es selbst erlebt hat, ist nicht gefeit davor, respektlos zu werden. Denn eigene Erfahrungen geben einem auch keinen Freifahrtschein.
    Damit möchte ich nun nicht sagen, man sollte über so etwas gar nicht schreiben. Absolut nicht! Ich meine nur, es ist eine absolute Kunst.

    Und das der Holokaust nochmal eine ganz andere Hausnummer ist, ist wohl ohne Frage klar.
    Und du hast recht, wenn du sagst, man darf die Personen eben nicht als Opfer behandeln, oder auch nur ansehen. Durch diesen Blick dürfen wir ihnen nicht die letzte Würde nehmen. Das in einem Roman umzusetzen ist jedoch ein Kunststück, wie ich denke und von daher verstehe ich, wenn du dir auch die Zeit nimmst, viel darüber nachzudenken. Das ist absolut richtig.
    Ich denke auch, wir brauchen gute Literatur über dieses Thema. Wir müssen es verarbeiten und die Kunst ist für soetwas immer ein gutes Mittel.

    Und was die Vermittelung des Respekts im Alltag angeht, das ist so eine Sache… Gibt es ein bestimmtes Vorgehen, wie man das Erreichen kann?
    Ich habe von einem Satiriker die Forderung gehört, er möchte, dass jedes Schulkind mit seiner Klasse in irgendein KZ fahren muss, am besten Auschwitz. Wie soll ich das sagen… Ich verstehe erstmal die Forderung. So kann man sicher gehen, jeden zu erreichen, auch Kinder, die mit ihrem Elternhaus niemals solch eine Stätte besuchen würden. Und ja, es ist auf jeden Fall eine schockierende Methode, die doch eigentlich nur Respekt bringen kann bei den Schülern, die zu Gedanenanregungen führt. Dennoch kann ich nicht anders, bei mir zieht sich bei diesem Gedanken alles zusammen. Ich war mit meiner Klasse damals in Auschwitz. Es war in der neunten. Ich habe ein sehr gutes Gymnasium besucht, die meisten Mittelschicht oder auch etwas gehobener. Nicht reich, aber auf jeden Fall so gut wie alle aus einem relativ guten Elternhaus oder Freundeskreis. Wir waren sogar eine wirklich soziale Klasse. Warum ich das hier erwähne? Weil ich schon das Verhalten meiner Klasse zum kotzen fand und mich frage, wie sieht es dann bitte bei anderen Klassen aus??? Wir übernachtetetn im Ort. Am Tag der Anreise fuhren wir am Stacheldraht vorbei, sahen schon die Gebäude. Das hält natürlich niemanden davon ab, sich abends im Zimmer zu besaufen uns Party zu machen. Gut, das war noch alles davor, vielleicht findet irgendjemand irgendeine Entschuldigung dafür. Ich nicht. Am nächsten Tag gehts los. Der Bus schmeißt uns vorm Tor raus – und wieder dreht sich mein Magen um. Ein riesen Parkplatz, ein Bus nach dem Anderen, Leute fotografieren sich. Hallo, entschuldigung? Hab ich mich in der Schlange geirrt? Stehe ich hier beim Eifelturm an, oder wollen wir noch in ein KZ? Es war warm, die Lehrer verlangten, wir sollen aber trotzdem lange Sachen anziehen, um dem Ort Respekt zu beweisen. Gut, machen wir. Und wie schaut das mit dem Respekt aus, wenn ich die Schüler kichern höre? Wenn sie sich zwischendurch über Banalitäten austauschen? Ich weiß, jeder geht anders mit diesem Thema um und ich sage nicht, dass sich dabei jeder so quälen soll, wie ich. Nicht jeder muss dort bei 35 Grad im Schatten in der Sonne stehen und trotz ausgetrocknetem Mund die Wasserflasche im Rucksack stecken lassen, einfach, weil es unvorstellbar ist, hier etwas einfach so zu trinken, weil ich es ja kann. Trotzdem ist es denke ich nicht angemessen, wenn wir aus dem KZ kommen und keine 20 Meter vom Eingang die Mädels auf einer Bank sitzen und sich lachend die Haare flechten, wenn die Schüler auf der Fahrt nach Birkenau Lieder gröhlen, als würden wir ins Schwimmbad fahren.
    Ich will nicht sagen, dass die Schüler unbewegt waren. Es wird mit Sicherheit in vielen von ihnen weiter gerattert haben, als sie zuhause waren.
    Doch mir scheint es so, als würden wir einen Hohn betreiben. Warum „Muss“ jeder in Auschwitz gewesen sein. Das ist nicht der Ort für eine Massenatraktion. Das ist nicht der Louvre, wo man einmal in 30 Minuten durchrennt, um die Scheiß kleine Mona-Lisa zu sehen.
    Es ist auch falsch, dort jeden Tag Trauermärsche zu spielen. Auf diesem Boden hat genug Tot stattgefunden, es wird Zeit, auf eine Weise dort auch Leben hinzubringen. Vielleicht ist es der richtige Weg, dort Bäume anzupflanzen, so, wie es getan wurde. Vielleicht ähnelt es dann aber auch zu sehr einer Parkanlage mit verfallenen Gebäuden. Dafür allerdings muss man dann auch sehr abgebrüht sein.
    Ich weiß nicht, wie der richtige Umgang damit ist, ich weiß auch nicht, warum ich dir das erzähle. Das ist nun 5 Jahre her, und ich erinnere mich immernoch an die Albträume, die ich von dem Ort, aber auch von meinen Mitschülern hatte. Ich bin noch immer genausoaufgewühlt, wenn ich länger darüber nachdenke, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass wir weiter ein Unrecht geschehen lassen…

    Deswegen finde ich Kommentare wie deine so wichtig!
    Natürlich, du wirst damit keinen rechten oder irgendein empathieloses Arschloch überzeugen. Aber dur bringst vielleicht einige Menschen zu Nachdenken.

    Ganz liebe Grüße an dich!

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    • Liebe Luna,

      ich danke dir für deinen langen Kommentar und ganz besonders für das Teilen deiner persönlichen Erfahrungen. Ich halte das für wichtig, weil es einen guten Blick auf das ermöglicht, wovon hier die Rede ist.

      Vorab: Ich bin bei Weitem nicht der Ansicht, dass jeder Schüler verpflichtend in einem Konzentrationslager gewesen sein muss. Das käme für die meisten sicherlich vollkommen unvorbereitet, was sich auf verschiedene Weisen schlimm auswirken könnte, sei es durch Alpträume oder sei es durch Albernheit.

      Aber wenn ich mir ansehe, wie es bei meiner Tochter läuft, die jetzt 15 ist, also so ungefähr in dem Alter, wie du damals warst, dann kann ich auch das nur schwerlich richtig finden. Bis heute hat nämlich das Thema Drittes Reich im Allgemeinen und der Holocaust im Speziellen in keiner Weise im Unterricht wirklich „stattgefunden“. Das Thema kommt laut Lehrplan für das Fach Geschichte tatsächlich erst in Klasse 13 umfänglich an die Reihe. Wenn man denn Geschichte wählt.

      Das halte ich für entschieden zu spät und für entschieden zu wenig. Solche Kinder und Jugendliche kann man schlechterdings nicht in eine Gedenkstätte schicken und man kann ihnen auch nur schwer irgendwelche Literatur an die Hand geben, mit der sie sich selbst, bei Interesse, belesen können.

      Ich habe eine recht umfangreiche Sammlung von Büchern zum Thema, weil zu meiner Schulzeit, wir sprechen hier von Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger, das Thema im Unterricht noch wesentlich präsenter war und mich damals „gepackt“ hat – wenn man das in diesem Zusammenhang so nennen kann. Ich würde mich auch nie an einen Roman in dieser Richtung wagen, wenn ich nicht halbwegs wüsste, wie es damals gewesen ist. Natürlich ist das erlesenes Wissen. In Auschwitz bin ich nicht gewesen, aber Buchenwald war als Ort schon schlimm genug. Gerade wegen der Diskrepanz zwischen dem eigentlich extrem idyllischen Ort und seiner Vergangenheit.

      Was ich sagen wollte war: Wenn meine Tochter heute kommen würde und mich fragen würde, ob ich ihr eines der Bücher empfehlen kann, dann würde ich mich schwer damit tun. Weil ich einfach fürchten würde, sie zu überfordern. Weil die vorsichtige Heranführung an das Thema fehlen würde. Deswegen habe ich in meinem Beitrag explizit auch die Lehrer erwähnt.

      Auf einem anderen Blog las ich kürzlich von einer Klasse, die zwar alle dieses Lied „08/15“ kannten, aber von denen keiner eine Idee hatte, was eigentlich ein Auschwitzinsasse ist. Der Lehrer hat ihnen daraufhin entsprechendes Bildmaterial gezeigt und dann hat es Klick gemacht. So was halte ich für wichtig. Einfach nur mit dem Finger auf den Battle Rap zu zeigen ohne zu erklären, was eigentlich das Problem ist, das reicht nicht.

      Aber ich habe das Gefühl, ich komme vom Thema ab.

      Wie ich schrieb, bleibt mein Roman letztlich genau das: ein Roman. Deswegen wird er sich auch der zugehörigen Dramaturgie unterwerfen müssen. Aber ich versuche, es zum einen so realistisch wie möglich und zum anderen so vorsichtig wie möglich zu tun. Dazu gehört für mich, zum Beispiel, dass es keine Schilderung irgendwelcher Gewaltexzesse geben wird. Denn das wäre das, was ich mit Exploitation meine. Wenn es nicht zur Geschichte passt und nur eingesetzt wird, weil es eben Aufsehen erregt und weil es eben „dazu gehört“, dann ist das nicht mein Ding.

      Ein Wort noch zum Thema Auschwitz und Tourismus. Ich gebe dir Recht, dass das nicht der Ort sein sollte, um Massentourismus im Stile von „Neuschwanstein – Brandenburger Tor – KZ Auschwitz“ durchzuschleusen. Aber so scheint es (wenigstens heute) nicht immer zu sein. Rein zufällig habe ich gerade letzte Woche einen älteren Zeitschriftenartikel aus der „NEON“ gelesen, in dem von Vater und Sohn berichtet wird, die sich per Autostopp auf den Weg von Berchtesgarden nach Auschwitz gemacht haben. Die berichten davon, dass sich Berchtesgarden die Leute aus den Bussen stapelten, weil sie sehen wollten, wo Hitler mal seinen Berghof hatte. Dagegen sei in Auschwitz absolute Ruhe gewesen mit nur sehr wenigen Menschen.

      Ich denke, das Optimum liegt irgendwo dazwischen, irgendwo zwischen Touristenziel und Ort der Trauer und Erinnerung. Ein schwere Balanceakt, mit dem ja auch die Gedenkstätten selber zu kämpfen haben.

      Viele liebe Grüße!

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      • lunaewunia schreibt:

        Ich bin offengestanden sprachlos, dass es bei euch erst so spät im Lehrplan aufkommt! Darf ich fragen, von welchem Bundesland wir reden? Ich bin in Sachsen zur Schule gegangen, und da muss ich wirklich sagen, wir wurden sehr gut darauf vorbereitet. Insgesamt war es dreimal Thema. Ich glaube 7. oder 8. Klasse, dann in der neunten und nochmal in der Oberstufe. Besonders vor der Fahrt nach Ausschwitz wurden wir sehr umfangreich vorbereitet, auch auf emotionaler Ebene, aber eben auch mit sehr umfangreichen Informationsquellen. Der Fahrt wurde auch durch unsere Geschichtslehrer ein guter „Rahmen“ verliehen.
        Vielleicht war ich naiv, doch ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es an anderen Schulen nicht derart thematisiert wird, da es doch eben so wichtig ist, diesen Teil der Geschichte zu kennen und zu verstehen!
        Was das angeht,stimme ich dir wirklich zu, man sollte so eine Reise nie unvorbereitet machen und es liegt definitiv auch in den Händen der Schulen, besser aufzuklären. Nicht jedes Elternhaus bietet da die besten Möglichkeiten….

        Was den Tourismus angeht, es wird wohl auch immer anders sein und wsl nimmt es auch jeder anders wahr… Ich habe im Internet auch von vielen gelesen, die ähnliche Erfahrungen bei Schulklassen gemacht haben und alles ähnlich überfüllt war (fehlte nur noch die Pommesbude auf dem Parkplatz und ein kleiner Souvenirladen) andere haben es ganz anders wahrgenommen… So ist das mit der Realität…

        Doch zu deinem Roman: Ich bin wirklich gaspannt auf deine Geschichte. Ich weiß nicht, vielleicht hast du dazu schonmal einen Beitrag geschieben, den ich nicht kenne, aber wie bist du denn auf diese Geschichte gekommen, kannst du das so sagen?
        Übrigens bin ich auch davon ausgegangen, das dein Roman ohne Gewaltschilderungen in diesem Sinne verlaufen wird, das wäre auch mehr als fehl am Platz, wie ich denke. Ich habe festgestellt, ich tu mich allgemein auch bei anderen Thematiken schwer damit, solcherlei Beschreibungen zu lesen, wenn man weiß, sie berufen sich auf reale Ereignisse… Und dann ist ja der Punkt, dass selbst fiktionale Gewalt einen Ursprung in der Realität hat… Will nicht den Moralapostel spielen, aber mir persönlich kommt das falsch vor…

        Danke für diesen Austausch im Übrigen !

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      • Wir sprechen von Nordrhein-Westfalen – wobei ich natürlich nicht sagen kann, ob es sich so an jeder Schule oder in jedem Regierungsbezirk verhält. Vielleicht ist die Schule meiner Tochter da auch eine Ausnahme. Ehrlich gesagt hoffe ich das. Denn so wichtig geschichtliche Ereignisse wie die Französische Revolution oder die Gründung des Deutschen Reiches auch gewesen sind, das Dritte Reich gehört auch dazu. Alleine schon, finde ich, weil es hilft, auch die aktuellen politischen Ereignisse richtig einzuordnen. Wie soll man das Theater um die AfD und das Holocaust-Mahnmal verstehen, wenn man keine Hintergrundkenntnisse zum Thema hat?

        Meine bisherigen Beiträge zu dem Roman solltest du, wenn ich aufgepasst habe, alle über die Kategorie „Das Kind“ finden. Dazu gekommen bin ich dadurch, dass ich eine Kurzgeschichte geträumt habe. Mit allem Drum und Dran, von Anfang bis Ende. Und als ich dann angefangen habe, sie zu schreiben, ist sie gewachsen. Wie es (leider) viele meiner Kurzgeschichten tun. Dabei hat sie sich dann auch gewaltig gewandelt.

        Allzu viel möchte ich an dieser Stelle aber auch nicht verraten, wenn du mir das nachsiehst. Halt nur so viel, dass der Leser kein Konzentrationslager (in diesem Fall Treblinka) von innen zu Gesicht bekommen wird. Das wäre eine Grenze, die zu überschreiten mir gefühlt nicht zusteht. Auch das hat für mich etwas mit Respekt zu tun. Denn so gut man manches recherchieren kann, es bleibt halt nur Stückwerk, kann nur Stückwerk sein. Weil die reale Hölle für jeden Menschen anders ausgesehen hat.

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      • lunaewunia schreibt:

        Nun, ich hoffe auch, dass diese Schule eine Ausnahme darstellt… Habe auch einige Freunde in dem Bundesland, die es definitiv früher behandelt haben, besteht also Hoffnung 😉

        Ui, eine geträumte Geschichte! Sowas ist immer wieder klasse!
        Und werde mich def in der Kategorie umsehen!
        Es sei dir gewährt, o einiges offen zu lassen, warum sollte man es denn sonst noch lesen 😉

        „Weil die reale Hölle für jeden Menschen anders ausgesehen hat.“ – das finde ich übrigens absolut wichtig, dass man sich dessen bewusst ist! Ich denke auch, es ist sehr schwer, aus einem KZ zu schreiben… Es fühlt sich beinahe anmaßend an, auch, wenn ich nicht damit sagen möchte, dass es allg zu unterlassen ist, sowas kommt immer auf den Fall an.
        Übrigens muss ch gerade an Sartres Buch „Der Ekel“ denken, vllt kennst du es. Eine Nebenfigur ist ein Überlebender eines KZ´s, wie man irgendwann erfährt. Doch die Person redet fast nur gut über die Zeit, denn er war zuvor vollkommen isoliert, ein Außenseiter, der zum ersten Mal das Gefühl der Gemeinschaft erlebte. Das ist natürlich sehr provokant, doch durch die Umsetzung empfand ich es in keiner Weise anmaßend oder unpassend. Die Figur ist auch nicht wirklich gesund, der Leser, sowie der Protagonist können nur ungläubig den Kopf schütteln, es ist viel zu absurd, was die Person von sich gibt. Doch durch den Rahmen ist es eben nicht ins lächerliche gezogen, im Gegenteil. Und durch deinen Beitrag verstehe ich nun, was genau mich seit Jahren an dieser Person, diesem Roman fasziniert: Die Figur war eben kein Ausschwitz insasse, er war Mensch. Er hatte Würde. Diese Art ist natürlich nicht für jeden Roman zu empfehlen und kann mehr als in die Hose gehen! Wäre Sartre auch nicht Sartre, wäre es vllt auch nochmal etwas anderes, doch er hat genügend Texte verfasst, die beweisen, dass er sich mit keinem Thema leichtfertig oder oberflächlich auseinander setzt.

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      • Nein, das Buch von Sartre kenne ich leider (noch) nicht. Aber ich kann gut nachvollziehen, was diese Nebenfigur da schildert. Tatsächlich deckt sich das mit so mancher Schilderung von realen Überlebenden, die ich gelesen habe. Gerade unter Häftlingen einer „Gruppe“ (die Nazis haben ja bewusst Gruppenbildung betrieben) konnte es dazu kommen, dass Gemeinschaftsgefühle stark ins Positive gingen. Als Beispiel hierfür werden z.B. oft die kommunistischen Häftlinge in Buchenwald genannt.

        Der Normalfall sah aber sicherlich anders aus. Und da habe ich, leider, schon oft ganz haarsträubende Stories lesen müssen, denen man anmerkt, dass der Autor oder die Autorin sich nur bis zu einem gewissen Grad mit dem Thema befasst hat.

        Ich bin nun wirklich kein ausgewiesener Experte und maße mir auch nicht an, mich zu einem zu erheben, aber wenn selbst mir etwa zeitliche Ungenauigkeiten auffallen, dann stimmt da einfach was nicht.

        Wenn es Sinn machen würde, direkt aus dem KZ zu „erzählen“, dann würde ich darüber nachdenken. Aber es müsste wirklich zwingend sein. Und für meine Protagonisten ist die Situation halt die, dass sie wissen, dass irgendwo da draußen, in absoluter Nähe zu ihrer (bewusst namenlosen) Kleinstadt das Lager ist. Mehr Kenntnisse haben sie nicht. Nur Ahnungen. Und das ist oft effektiver als das Ausschmücken mit zu vielen Details.

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      • lunaewunia schreibt:

        Die Figur war tatsächlich laut meiner Erinnerung ein politischer Gefangener… eben Kommunist oder so… Das finde ich gerade recht erstaunlich, was du da berichtest. Eigentlich istesschade, dass in der öffentlichkeit nicht das gesamte Spektrum bekannt ist. Ich meine, mir ist, wie du schon sagst, absolut klar, dass dieses Zusammengehörigkeitsgefühl definitiv eine Ausnahme war. Aber eben auch ein Fakt, der die Geschichte erst komplett macht. Ich fand auch äußerst bewegend die Aufzeichnungen von den vielen Verhören und Gerichtsprotokollen, von Aufsehern wie Häftlingen, die alle im Internet zu finden sind. Doch ich muss sagen, ich musste irgendwann aufhören, in die Materie auf diese Art einzutauchen, es hat mich doch zu sehr belastet…

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      • Man muss eben auch mit berücksichtigen, dass das ganze Thema für viele Menschen heute einfach weit entfernt ist. Auf der einen Seite verständlich, denn auch ich halte, wie schon gesagt, nichts von einer generationsübergreifenden „Schuldkultur“. Auf der anderen Seite werden so halt viele Diskussionen an weiten Teilen der Bevölkerung vorbei geführt. Wo wir wieder bei der AfD wären …

        Tatsache ist, dass man sich auch heute noch gut informieren kann, wenn man es denn möchte. Ich empfehle da gerne, ein wenig im Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zu stöbern. Die Bücher da kosten teilweise den sprichwörtlichen Apfel und sind (bei reduzierter Ausstattung) sehr informativ. Das Buch, das ich gerade lese, habe ich auch von dort und es hat mich, wenn ich nicht irre, 4,95€ gekostet.

        Aber ich kann dich und jeden verstehen, der irgendwann die Grenze zieht und sagt: Bis hierher und nicht weiter! Andauernd könnte ich solche Bücher auch nicht lesen. Es wäre auch irgendwie abstumpfend – und das nützt ja auch keinem.

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      • lunaewunia schreibt:

        Ich danke dir für den Tipp, ich wusste gar nicht, dass man bei der bpb so günstig Bücher ergattern kann… Werde ich mir in jedem Fall für Freunde und auch für den eigengebrauch merken!
        Außerdem auch noch einmal. Danke für diesen Austausch, der doch so einiges noch einmal in mir angeregt hat….
        Liebe Grüße!

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