Wie die Zeit (in Romanen) vergeht

Ein Roman führt seine Protagonisten von einem Punkt A zu einem Punkt B. Jedenfalls dann, wenn er sich so versteht, dass er die Reise einer Hauptfigur oder einer Gruppe von Hauptfiguren verfolgt. Die meisten Romane tun das. Und damit müssen sich auch die meisten Autoren damit auseinander setzen, wie sie diese Zeitabläufe, die sich daraus ergeben, im Roman darstellen wollen.

Denn nicht jede Handlung lässt sich in einem eng gesteckten Rahmen erzählen. Manche Geschichten spannen sich über Jahre, gar Jahrzehnte. Es gibt einige hervorragende Romane, die das gesamte Leben ihrer Hauptperson begleiten und diese zu verschiedenen einschneidenden Phasen dieses Lebens zeigen.

Andere Romane komprimieren ihr Geschehen auf einen eher überschaubaren Zeitstrahl. Das gilt, zum Beispiel, für viele Krimis und Thriller, in denen es oft eine direkte Bedrohung oder eine direkte Gefährdungslage gibt, welche es für die Handelnden nötig macht, einzugreifen und möglichst schnell zur Tat zu schreiten.

Aus dieser Verdichtung lässt sich Spannung erzeugen, denn wenn etwa das Leben einer Geisel auf dem Spiel steht, dann fiebert man mit hoher Aufmerksamkeit dem Moment entgegen, in dem der Ermittler den entscheidenden Schritt macht, um diese vielleicht doch noch den Fängen des Verbrechers zu entreißen. Hierfür ließen sich wirklich unendlich viele Beispiele aufführen.

Und dennoch ist das, was beim Lesen so leicht wirkt, eine gar nicht so einfache Disziplin, wie ich finde. Ich tue mich regelmäßig schwer damit, den richtigen Ton zu treffen, um einen kleineren oder größeren Zeitsprung einzufügen. Gerade dann, wenn ich zuvor über einen langen Zeitraum hinweg die Geschehnisse praktisch in Echtzeit geschildert habe.

In meinem aktuellen Romanprojekt „Das Kind“ ist es etwa so, dass die ersten acht Kapitel sich über einen Zeitraum von gerade einmal zwei Tagen erstrecken. Die kleinen Zeitsprünge, die es gibt, ergeben sich durch die notwendigen Ruhepausen, die meine Figuren einlegen. Also im Prinzip, indem sie einige Stunden verschlafen.

Ich brauche diese recht lange Wegstrecke, um das Setting für den weiteren Roman aufzubauen. Es wäre einfach nicht logisch, wenn sich zu diesem Zeitpunkt, an dem gerade der gerettete jüdische Junge in die Familie gekommen ist, mehrere Wochen vergehen würden, in denen praktisch nichts passiert.

Jetzt aber bin ich an dem Punkt, an dem ein solcher Zeitsprung nicht nur möglich, sondern sogar angeraten ist. Die Handlung, die ich mir zurechtgelegt habe, macht es nötig, einige Wochen zu überspringen. In dieser Zeit passiert natürlich trotzdem einiges, aber es ist nicht im Detail von Interesse.

Für mich fühlt es sich dennoch komisch an, auf einmal längere Zeiträume mit verhältnismäßig wenigen Worten zu überbrücken. Ein Grund dafür ist, dass ich eine sehr nahe Erzählperspektive gewählt habe und, wenn ich wollte, jeden Gedanken meines Protagonisten protokollieren könnte. Und von denen wird er sich, zwangsläufig, einige machen in der Zeit, die ich nicht schildern möchte.

Man muss sich in seine Situation versetzen: Er nimmt ein großes Risiko nicht nur für sich, sondern auch für seine ganze Familie auf sich. Wenn es mir so ginge, dann würde ich wahrscheinlich den halben Tag mit Grübeleien verbringen.

Aber hier muss man als Autor den Cut machen und sich überlegen, ob diese Gedanken und Grübelphasen die Handlung wirklich vorwärts bringen. Und wenn das verneint werden kann, dann lässt man sie einfach weg. Ein Luxus, den wir im echten Leben nicht haben, wenn wir über Dinge nachgrübeln. Denn auch dort bringt es uns ja meistens nicht vom Fleck – das aber nur am Rande.

Im Film kann sich der Regisseur die Sache mit den Zeitsprüngen einfach machen: Er fügt einfach eine dieser berühmten Einblendungen zu, dass wir uns jetzt zwei Jahre später befinden. Und wenn sein Zeitsprung länger ausfällt, dann greift er auf einen begabten Maskenbildner oder gleich einen anderen Schauspieler zurück, um zu verdeutlichen, dass viel Zeit vergangen ist.

Prinzipiell kann man natürlich in einem Roman auch so vorgehen, keine Frage. Ich würde es aber eher als ein etwas grobschlächtiges Vorgehen ansehen.

Und so bin ich so schlau, als wie zuvor. Für den Moment behelfe ich mich mit einer kurzen Zusammenfassung der übersprungenen Wochen zu Beginn des aktuellen Kapitels. Ob mir das für die spätere Endfassung immer noch so gefällt, oder ob ich mir doch noch etwas besseres einfallen lasse, kann ich gerade noch nicht einschätzen. Bisher haben sich die meisten meiner Romane tatsächlich innerhalb weniger Tage abgespielt. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern mehr dem Genre, in dem sie sich abspielen, geschuldet.

Mich würde interessieren, wie ihr es handhabt, falls ihr selber schon Geschichten mit kleineren oder größeren Zeitsprüngen geschrieben habt. Oder kennt ihr besonders gelungene Beispiele, in denen der Zeitwechsel nicht so wirkt, als sei er mit der Brechstange künstlich eingefügt oder dem Autor sei einfach nichts eingefallen, was er für diesen Zeitraum hätte erzählen können?

Verratet es mir doch gerne in den Kommentaren! 🙂

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19 Gedanken zu “Wie die Zeit (in Romanen) vergeht

  1. Ich habe eher das umgekehrte Problem. Ich haue jede Menge Zeitsprünge in meine Geschichte und dann kriege ich von meinen bevorzugten Testlesern jedesmal zu hören, dass sie überhaupt nicht verstanden haben, dass da plötzliche mehrere Stunden/Tage/Wochen vergangen sein sollen. In meinem ersten Romanversuch wurde es richtig lustig, als ich gegen Ende ein paar Zeitreisen eingebaut hatte. Da wusste dann wirklich niemand mehr, wie oft die eigentlich durch die Zeit gereist sind und wann diese Zeitreisen vonstatten gingen. Mir fehlt da eindeutig das Gefühl für die Zeit bzw. für die nötigen Details, um diese Zeitsprünge richtig in Szene zu setzen.

    Als Autor stecke ich natürlich komplett in der Geschichte drin und für mich ist absolut klar, wer sich wann und wo befindet. Für den Leser wird das aber sehr verwirrend. Ich habe es auch schon mit den von dir angesprochenen Filmstilmitteln versucht. Im Sinne von „Zwei Wochen später passierte dies und das …“ aber das wirkt einfach nur richtig lahm.

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    • Hallo Marcel und danke für deinen Kommentar!

      Das klingt jetzt nicht so, als ob das umgekehrte Problem ein kleineres Problem wäre. Eher so, als ob es noch schwerer sei. Ich kann mir auch vorstellen, dass es bei vielen Zeitsprüngen viel komplizierter ist, eine griffige „Formel“ zu finden, mit der man diese einordnet und auch ankündigt. Ein- oder zweimal kann man die „zwei Wochen später“-Floskel sicher bringen. Aber wenn das alle paar Kapitel kommt, dann dürfte es ins Negative kippen.

      Zeitreisen sind mir bislang in meinem eigenen Schaffen noch nicht begegnet. Aber das wäre dann wohl auch wirklich so etwas wie die Königsdisziplin.

      Hatten deine Testleser denn auch Vorschläge, wie du das besser machen könntest oder hast du es einfach so belassen?

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      • Bei meinen Geschichten ist es oft so, dass sich diese über einen längeren Zeitraum erstrecken. Da ich aber alles andere als ein Fan von ausschweifendem Rumgeeier mit detaillierten Beschreibungen und ewig langen nichtssagenden Szenen bin, versuche ich dann immer, diese Zeitsprünge unterzubringen. Ich habe es dann letztlich unter anderem durch Veränderungen in der Umgebung versucht. Bei den Zeitreisen beispielsweise ließ sich das so einigermaßen gut darstellen, da sich die Umgebung über Jahre hinweg ja schon verändert oder man einfach eine andere Jahreszeit nutzen kann. Wenn vorher Schnee lag, strahlt dann eben nach der Reise die Sonne auf blühende Pflanzen usw.
        Bei kurzen Sprüngen über ein paar Stunden oder Tage habe ich das richtige Mittel leider noch nicht so recht gefunden. Ich frage mich dann meist einfach, ob die explizite Erwähnung jetzt direkt wichtig ist. Wenn zum Beispiel der Protagonist bei sagen wir einem Kriminalfall ein paar Tage auf der Stelle tritt und dann das hilfreiche Indiz findet, reicht es mir dann auch, etwas später in den Text einzubauen, dass diese Tage vergangen sind. Aber ganz glücklich bin ich damit auch nicht. Ist ein ewiges Ausprobieren.

        Konkrete Vorschläge kamen da leider nicht wirklich. Eine Testleserin, die nebenbei auch hin und wieder lektoriert meinte mal, dass man das auch über die Erwähnung der Wochentage machen könnte, was ich gar nicht so schlecht fand. Also zum Beispiel zeigen, wie der Protagonist Montagmorgens nicht aus dem Bett kommt, Samstags hingegen ausgeschlafen den Tag begrüßt oder sowas. Passt nur selten in die Geschichten, die ich erzähle. Aber es ist zumindest ein Ansatz, mit dem man arbeiten kann.

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      • Das mit den Wochentagen habe ich auch in irgendeinem Roman mal gemacht (mir fällt nur gerade, bitte nicht lachen, nicht mehr ein, welcher genau das gewesen ist …). Da waren die einzelnen Tage aber gleichzeitig auch einzelne Kapitel, dienten also auch direkt der Gliederung.

        Ich sehe schon, die Lösungen, die man findet, sind immer auch ein Stück weit individuell und müssen zu einem selbst und zu der erzählten Geschichte, vielleicht auch dem Genre passen. Wobei ich, glaube ich, bei Zeitreisegeschichten weniger Skrupel hätte. Da muss der Leser doch eigentlich damit rechnen, dass sich binnen kürzester (Lese-)Zeit viel Drumherum ändert. Da kann man dann so richtig auf den Pudding hauen 😉 .

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      • Gut, da hatte ich jetzt unterstellt, dass zumindest das wer und wohin bekannt sind. Oder reisen da etwa verschiedene Personen in verschiedene Epochen? Das könnte dann in der Tat verwirrend werden 🙂 .

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      • In dem Fall war es zwar nicht so, aber wie gesagt, waren meine Testleser schon dadurch überfordert, dass es in kurzer Zeit mehrere Zeitreisen gab. Selbst, dass es immer die gleichen Personen war, hat da nicht wirklich geholfen. Da benötigt es durchaus etwas Fingerspitzengefühl. Aber ist wohl wie bei allem anderen auch eben ein Lerneffekt. Je mehr man es versucht, desto besser sollte es dann auch werden.

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      • Genau. Wenn man sich Gedanken drum macht, hilft das auch schon sehr weiter.
        Was ich bei den Zeitreisen zum Beispiel dann auch festgestellt habe, ist, dass Details bei der Reise an sich helfen können. Also anstatt einfach ein „Schwups! Und weg sind sie“ beschreiben, was passiert. Der DeLorean aus ZIDZ beispielsweise hinterlässt eine Feuerspur und dann weiß man „Aha! Da ist jemand durch die Zeit gereist.“ Ich habe es dann so gemacht, dass sich eine Art Zeitblase um die Reisenden bildet und konnte dadurch näher ins Detail gehen, was da gerade geschieht. Das sind solche Dinge, über die ich mir beim Schreiben oft keine Gedanken mache und erst drauf hingewiesen werden muss, dass da was fehlt.

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  2. Hm. Ich sehe das Problem nicht🤔 Zeitsprünge gehören nahtlos in eine Erzählung nur das man das Tempo anzieht und die Zeit zusammen rafft. Z. B: die erste Woche tat x das und dies… In der zweiten Woche lernte x den y kennen… In der dritten Woche hatte sich x endlich eingelebt und war bereit a-z zu machen und…. Wusch… Zurück in das normale erzähltempo. So. Jedenfalls arbeite ich in meinen überhaupt nicht veröffentlichten Geschichten 😂 kannst du dir das in etwa vorstellen?

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    • Ich kann mir das sogar sehr gut vorstellen, Tally – ich bekomme es nur selber leider gar nicht richtig gebacken 😉 .

      Aber ich finde es gut, dass du da keine Probleme hast. Das bedeutet, für mich besteht noch Hoffnung, es irgendwann auf die Reihe zu bringen 🙂 .

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      • Und wenn du dir eine Checkliste für die Dinge machst, die der Charakter in der Woche definitiv getan oder erfahren haben sollte? Würde das nicht helfen es entsprechend schön zu raffern? Und keine Probleme stimmt ja nun nicht 😂😂😂 sonst wäre ich auf dem weg zum Autor. Aber was Zeitraffer angeht und Zeitsprünge… Die mag ich, weil man „langweiliges“ oder das was einfach zuviel wäre so wunderschön umschiffen kann

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      • Es liegt bei mir ja nicht daran, dass ich nicht weiß, was in der Zwischenzeit geschehen sein soll. Es ist halt die Art und Weise, in der ich das so raffe, dass für den Leser alle Infos drin bleiben, es aber nicht wirkt wie ein kleiner Infodump mitten im Text.

        Aber so hat jeder Dinge, mit denen er zu kämpfen hat, die anderen dafür leichter fallen. 🙂

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      • Hm… Hm. Ich denke nun verstehe ich das Problem 🤔 ich schätze durch die vielen Hausarbeiten bin ich das zusammenfassen von Informationen dermaßen gewöhnt, das ich darüber einfach gar nicht mehr nachdenken muss. Stattdessen muss ich nich bremsen, damit ich nicht in eben solch einer Zusammenfassung nicht einen zweiten Roman rein packe 🤗😅 ich bin mir aber ziemlich sicher, dass du das Problem noch lösen wirst und zwar so, dass es für sich, deinen Stil und deinen Roman passt!

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      • Das klingt logisch, was du schreibst. Ich muss im Job zwar auch Informationen verdichten, sie gleichzeitig aber in unsägliches Behördendeutsch verpacken – keine gute „Schule“.

        Aber ein Roman im Roman. Das wäre doch auch mal was. Dann musst du nur aufpassen, dass das nicht zu sehr ineinander verschachtelt wird. Wenn es dann noch auf verschiedenen Zeitebenen spielen sollte, bist du ungefähr da, wo Kommentator Marcel unterwegs ist 😉 .

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