Meldung und Meinung: Der Hotzenplotz geht wieder um

Heute ging eine Meldung aus dem Literaturbetrieb durch zahlreiche deutschsprachige Medien. Ich habe es, als Beispiel, zuerst bei der NZZ gelesen: Im Nachlass des Autors Otfried Preussler ist ein weiterer, der vierte, Band rund um die Missetaten des Räubers Hotzenplotz aufgefunden worden.

Wer von euch kennt die Geschichten nicht? Oder wenigstens eine von ihnen? Ich denke, die meisten werden wissen, dass der Hotzenplotz einmal die Kaffeemühle von Kasperls Großmutter gestohlen hat und dass Kasperl und Seppel bei dem Versuch, sie wieder zu beschaffen, gar grässliche Abenteuer zu bestehen hatten. Natürlich ist am Ende alles gut ausgegangen und der böse Räuber ins Loch gewandert. Aber da ist er nicht geblieben, so dass es zu weiteren Geschichten kommen konnte.

Das alles liegt nun schon 45 Jahre zurück. So lange ist es her, dass der dritte und letzte Band der Geschichten veröffentlicht wurde. Doch nun hat die Tochter des Autors eine bisher unbekannte Geschichte, ein Theaterstück, gefunden. Diese ist sogar stolze fünfzig Jahre alt.

Für die Freunde der Geschichten um den Räuber Hotzenplotz ist dies mit Sicherheit ein Grund zur Freude. Und auch die Rechteinhaber dürften sich darüber freuen, dass sie diese, sicherlich einträgliche, Geschichte gefunden haben.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich etwas gemischte Gefühle dabei habe. Man muss sich einfach die Zeitabläufe vor Augen halten: Etwa 1968 hat Preussler die nun gefundene Geschichte geschrieben. Der letzte „Hotzenplotz“ aus seiner Feder wurde circa 1973 veröffentlicht. Mir stellt sich einfach die Frage, wieso dieses nun aufgefundene Theaterstück von ihm nicht selber verwertet worden ist.

Keinesfalls hatte es etwas damit zu tun, dass er des Hotzenplotz überdrüssig geworden war. Zeit seines Lebens hat er diese Figur in Ehren gehalten und sich stark mit ihr identifiziert. Umso unwahrscheinlicher ist, dass er einfach auf die Veröffentlichung verzichtet hat, weil er „keine Lust“ auf sie oder ihre Veröffentlichung hatte.

Der Gedanke liegt für mich nahe, dass Preussler die Geschichte vielleicht aus qualitativen Gründen zurückgehalten hat. Vielleicht erschien ihm das Szenario – Kasperl und Seppel wollen den Hotzenplotz mit einer Rakete auf den Mond schießen – nicht passend für die Reihe. Oder er hatte irgendeinen anderen Grund, das Manuskript so gut unterzugraben, dass es erst heute, fünf Jahre nach seinem Tod, wieder aufgetaucht ist.

Das sind natürlich Spekulationen, aber sie berühren ein durchaus interessantes Thema: Wenn der Nachlass eines Autors an seine Erben geht, inwiefern ist es sinnvoll, alle bestehenden Geschichten noch zu verwerten? Wohlgemerkt unterstelle ich der Preussler-Tochter keine rein finanziellen Beweggründe. Nach allem, was ich weiß, pflegt sie das Erbe ihres Vaters und geht verantwortungsvoll damit um.

Aber stellt euch mal vor, was los wäre, wenn dereinst (möge es noch viele Jahre dauern) ein weiterer oder gar ein alternativer „Harry Potter“-Band auftauchen sollte!

Nun werde ich niemals in die Position kommen, dass jemanden nach meinem Ableben interessieren könnte, was ich zu Lebzeiten noch so geschrieben habe. Aber ich spiele das Gedankenspiel mal durch und komme zu dem Schluss, dass man als Autor vielleicht Anweisungen an seine Nachfahren hinterlassen sollte oder gar müsste, welche Texte man auf keinen Fall herausgebracht sehen möchte.

Wobei man dann sagen könnte, dass Preussler diesen Text, der ihm nicht für die Veröffentlichung bestimmt gewesen zu sein scheint, auch einfach hätte vernichten können. Aber den Autor möchte ich sehen, der dazu fähig wäre. Gerade, wenn einem die Figuren so sehr am Herzen liegen.

Nun, ich hoffe, dass das neue Abenteuer mit Kasperl, Seppel, der Großmutter, dem Wachtmeister Dimpfelmoser und natürlich dem Räuber Hotzenplotz viele Kinder erfreuen wird. Dann hat sich die Veröffentlichung auf jeden Fall gelohnt. Das kleine Fragezeichen allerdings bleibt.

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