Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen

Dieser, in der Überschrift genannte, prophetische Satz geht auf Heinrich Heine zurück. Er stammt aus einer Zeit weit vor dem Dritten Reich. Und doch ist er gerade in diesem Zusammenhang zu einer schauerlichen Bedeutung gelangt.

Heute, genau vor 85 Jahren, fand im Deutschen Reich die große, von den Nationalsozialisten organisierte, Bücherverbrennung statt. Verbrannt wurden Werke all jener Autoren, die als undeutsch im Geist der neuen Machthaber angesehen wurden, die sich durch zu laute Kritik oder durch zu humanistische Tendenzen unbeliebt und unerwünscht gemacht hatten.

Meine erste richtige Auseinandersetzung mit dem Thema Bücherverbrennung fand zu Schulzeiten statt. Ich war gerade dabei, eine Arbeit über den Schriftsteller Erich Maria Remarque anzufertigen, der in der Weimarer Republik mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ für Aufsehen, aber auch für Empörung bei ehemaligen Soldaten des Ersten Weltkriegs, gesorgt hatte.

Sowohl sein Roman als auch die zeitgenössische Verfilmung des Stoffs fiel, man möchte sagen natürlich, bei den Nazis in Ungnade. Vor allem der Gauleiter von Berlin und spätere Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels hatte ein besonderes Interesse daran, Remarque mundtot zu machen. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch seine Werke im Rahmen der Bücherverbrennungen auf den Scheiterhaufen landeten:

Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.

Mein Interesse war, nicht nur wegen meiner Hausarbeit, geweckt. Und so informierte ich mich weiter über diese Verbrennungen und die Autoren, welche zu ihren Opfern wurden. Darunter finden sich Namen wie Erich Kästner, Tucholsky, Heinrich Mann und natürlich Karl Marx. Und ich begann mich ganz im Allgemeinen damit zu beschäftigen.

Aus unserer heutigen Sicht können wir leicht auf dieses Ereignis schauen und es einen Akt der Barbarei nennen. In der damaligen Zeit war die Lage differenzierter. Zwar waren die neuen Machthaber der Antrieb hinter den Verbrennungen. Aber es gab auch genügend andere, eher gemäßigte Elemente, die im stillen oder ganz öffentlich mit diesen Aktionen überein stimmten. Selbst eine Institution wie der Börsenverein hat damals, wie man selber schreibt, aus opportunistischen Gründen aktiv mit den Brandstiftern kollaboriert.

Und wie sieht es heute aus?

Nun, in unserem Land, das kann man sagen, hat man aus der Vergangenheit gelernt. Auch wenn es für viele Menschen unverständlich erscheint, wieso zum Beispiel extremes Gedankengut in Buchform erscheinen darf: Es ist, unter anderem, eine direkte Folge aus den Erfahrungen und den kulturellen Hinterlassenschaften der damaligen Zeit. Nicht umsonst heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes: Eine Zensur findet nicht statt.

Für viele Menschen ist es selbstverständlich, dass auch die Meinungen Andersdenkender, seien sie in Form von Artikeln oder Büchern oder auch Blogbeiträgen ausgesprochen, nicht unterdrückt werden dürfen. Immer mit der sinnvollen Einschränkung, dass sie nicht gegen geltendes Recht und Gesetz verstoßen dürfen. Aber das taten die damals der Bücherverbrennung anheim gefallenen Autoren auch nicht. Nicht einmal nach der damaligen Gesetzeslage.

Doch in anderen Teilen der Welt wird bis heute zensiert. Es werden Menschen verfolgt, inhaftiert und teilweise sogar mit dem Tode bedroht, weil sie ihre Meinung schreiben oder sagen. An einem Tag wie heute, der vor allem auch eine Mahnung für die Meinungsfreiheit darstellt, sollten wir gerade auch an diejenigen denken, denen es heute noch so geht, wie denn Manns, den Kästners und den Remarques vor 85 Jahren.

Die Bücherverbrennung markiert den Beginn der öffentlichen Gleichschaltung der deutschen Kultur. Und was sich nicht gleichschalten ließ, das wurde, auf vielfältige Weise, ausgeschaltet. Wer damals konnte, der ging ins Exil. Und wer es nicht konnte oder wollte, dem wurde so gut wie jede Möglichkeit der Publikation genommen, es sei denn, er arrangierte sich mit den Machthabern. Erich Kästner, zum Beispiel, lieferte unter Pseudonym viele Vorlagen für erfolgreiche Kinofilme der Nazizeit, etwa für „Münchhausen“ mit Hans Albers. Doch das wussten nur wenige Eingeweihte.

Andere, allen voran Thomas Mann, wurden in ihrem Exil zu einer mahnenden und nicht nachlassenden Stimme der Kritik an den Machthabern im Dritten Reich, das unaufhaltsam der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und der Vernichtung der europäischen Juden zusteuerte.

Und so sollte sich das, was Heinrich Heine bereits 1821 schrieb, auf schrecklichste Weise erfüllen.

Ich bin froh, dass wir heute in unserem Land in der Lage sind, für unsere Ansichten und Meinungen einzustehen. Dass wir Autoren publizieren können, was wir wollen, wie wir es wollen und wo wir es wollen. Und ich bin dankbar dafür, dass es Institutionen gibt, die sich für die Meinungsfreiheit auf der ganzen Welt einsetzen.

Daran denke ich am heutigen Tag.

Advertisements