Ein schönes Bild

Manchmal finde ich es hochbedauerlich, dass man nicht einfach wild in der Gegend herumknipsen und Fotos von anderen Leuten machen kann. Denn das hätte heute ein sooo schönes Bild abgegeben!

Jetzt kann ich euch leider die Situation nur beschreiben und hoffen, dass ihr euch die Szene vor eurem geistigen Auge ausmalen könnt.

Ich war heute Nachmittag, wie immer, in der völlig überfüllten Regionalbahn von Duisburg Hbf nach Duisburg Rheinhausen unterwegs. Drei Haltestellen, die in dem überfüllten Zug aber lang genug werden können.

Wie immer hielt ich mich in direkter Nähe der Ausgänge, weil ich keine Lust hatte, den Zug nicht passend verlassen zu können. Ich war froh, dass ich ausreichend Platz hatte, mein aktuelles Buch aufgeschlagen vor mir zu halten und mich dennoch festhalten zu können. Ich habe heute angefangen, den ersten Teil der Tagebücher von Victor Klemperer zu lesen, die dieser zwischen 1933 und 1945 geführt hat. Irgendwie ist das Thema für mich einfach mal wieder verstärkt „dran“. Ich weiß auch nicht, wieso.

Umgeben war ich von lauter Smartphones. Mal wurde darin (darauf?) gelesen, mal telefoniert. Ein Mädchen zu meiner Linken stieß mich fortwährend mit dem Kopf an, weil sie nicht in der Lage war, gleichzeitig zu sprechen und still zu stehen.

Irgendwann, kurz vor der Einfahrt in den heimatlichen Bahnhof, ließ ich dann meinen Blick noch einmal schweifen. Und so sah ich auf dem nächstgelegenen Vier-Personen-Sitz, das Bild, das ich gerne als Foto festgehalten hätte:

Ein Mann und eine Frau, beide vielleicht in ihren Zwanzigern, beide vielleicht oder vielleicht auch nicht ein Paar, lasen in einem Buch. Gemeinsam im selben. Er hielt das Buch so, dass auch sie hineinschauen konnte. Leider hatte ich keine Chance, zu erkennen, um was für ein Buch es sich handelte. Aber es war, am Schriftsatz erkennbar, ein Roman.

Während er las, warf er zwischendurch immer wieder kurze Seitenblicke zu ihr hinüber, vielleicht um festzustellen, wie weit sie schon gekommen war. Da lachte sie auf einmal kurz auf und wies dann mit dem Finger auf eine Stelle im Buch. Die beiden steckten die Köpfe zusammen – und ich bin mir im Nachgang eigentlich sehr sicher, dass sie eben doch ein Paar waren – und sie erklärte ihm, was sie an der bezeichneten Stelle so toll fand. Dann lachten beide und lasen weiter.

An dieser Stelle musste ich, leider, aussteigen. Mich hätte wirklich interessiert, um welches Buch es sich hier gehandelt hat. Aber alleine die Szene als solche, im großen Kontrast zu den ganzen Bildschirmen um mich herum, hat für mich ein Stück die Sonne aufgehen lassen. Solange das Lesen noch diese Wirkung auf Menschen haben kann und solange Menschen dieses Erlebnis noch in dieser Form miteinander teilen, so lange ist das gedruckte Buch noch nicht verloren 🙂 .

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18 Gedanken zu “Ein schönes Bild

  1. lunaewunia schreibt:

    Ich beobachte in Bus und Bahn ja auch nur zu gerne die lesenden… Es macht so Spaß, sich vorzustellen, was genau in den Büchern drin steht und was die lesenden für Menschen sind, dass es ihnen so gefällt, gerade, wenn man da ein lächeln huschen sieht😊
    Doch deine Geschichte topt ja echt alles! Viel zu süß diese Vorstellung 😊
    Macht einem dich gleich den Tag besser, wenn man um soetwas weiß

    Gefällt 1 Person

    • Auf diese Weise „beobachte“ ich nicht nur die Lesenden. Ich finde den Gedanken, dass hinter jedem dieser Gesichter eine eigene Geschichte, ein eigenes Leben steckt, hochgradig spannend. Das eröffnet einen ganz anderen Blick auf Menschenmassen.

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      • lunaewunia schreibt:

        Jaaa, auf jeden Fall! Und grade als Autor lohnt sich das doch😉 so viel Inspiration, da kann man kaum genug bekommen 😊
        Übrigens habe ich einen Tag später auch ein schönes Bild gesehen: ich fuhr Straßenbahn und hatte mein Handy tief in der Tasche, ohne Musik einfach nur aus dem Fenster schauen und die Stadt beobachten. Wir kamen zum Stehen und zwei Gleise weiter stand eine andere Bahn, sodass ich einen guten ein-und Überblick bekam. Die Bahn war fast voll, aber niemand, wirklich niemand starrte auf sein Handy oder hörte Musik. Alle starrten aus dem Fenster und hingen ihren Gedanken nach… Eine ganze Bahn voller Gedanken! Das ist mittlerweile so selten und ich fänd es einfach unglaublich schön! Und irgendwie zu passend zu Deinem Beitrag 😉

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      • Oh, das ist auch eine schöne Geschichte! Nicht, dass ich sie dir nicht glauben würde, aber es ist wirklich schwer vorstellbar. Wäre schön, wenn mir auch mal so etwas „passieren“ würde. Das würde die Stimmung auch an trüben Tagen etwas heben.

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    • Von der Verfilmung (war sogar eine Serie, glaube ich), habe ich auch ein wenig gelesen und danach wahllos eins der Tagebücher vom Wühltisch gezogen. Hat mich damals aber nicht wirklich gepackt. Jetzt möchte ich sie chronologisch lesen und da entwickeln sie einen vollkommen anderen Sog.

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