Warum es wichtig ist, Sympathieträger für seine Geschichten zu entwickeln

Es gibt da eine Sache, an der erstaunlich viele Geschichten kranken. Und zwar, dass man sich als Leser oder Zuschauer schwer damit tut, für irgendeine der handelnden Personen so etwas wie Sympathie aufzubringen.

Wir kennen das aus dem richtigen Leben: Wenn uns jemand sympathisch ist, dann nehmen wir Anteil an dem, was ihm passiert. Wir freuen uns mit ihm, wenn er etwas schönes erlebt und wir leiden mit ihm, wenn er wieder einmal einen Schicksalsschlag zu erleiden hat.

Wenn uns jemand egal ist, dann ist uns meistens auch egal, wie es ihm ergeht. Und ganz schlechte Karten hat jeder, den wir nicht leiden können. Denn dann kann er, zusätzlich zu seinem Missgeschick, noch darauf zählen, dass wir uns insgeheim vielleicht sogar darüber freuen. Weil es ihm, aus unserer Sicht, recht geschieht.

Was im richtigen Leben zwar auch eine Rolle spielt, aber nicht entscheidend ist, weil wir uns die Menschen, mit denen wir zu tun haben, nur bis zu einem gewissen Grad aussuchen können, ist für Geschichten von geradezu elementarer Wichtigkeit. Denn wenn jemandem die Figuren, über die er liest, egal sind, dann gibt es eine große Wahrscheinlichkeit dafür, dass er oder sie das Buch bei nächster Gelegenheit einfach zuschlagen und nie wieder anrühren wird. Und auch die Fälle, in denen man ein Buch liest, bei dem alle Charakter einem unsympathisch sind, sind wohl eher rar gesät.

Ich habe mir dieser Tage einen Film angesehen, der ziemlich gut erkennen lässt, wie sich diese Problematik äußern kann. Aber wie gesagt, es hat auch schon Bücher gegeben, bei denen ich mir dasselbe gedacht habe. Der Film, von dem ich spreche, stammt aus dem Jahr 1980 und heißt „Urban Cowboy“. Die Hauptrollen spielen John Travolta und Debra Winger.

Travolta spielt Bud Davis, der vom Land nach Houston kommt, um dort Arbeit zu finden. Von seinem Onkel wird er in die größte lokale Country- & Westernbar geführt, wo praktisch jeden Abend High-Life ist, Countrybands spielen und mit allerlei typischem Amüsement wie einer Maschine zur Messung der Schlagkraft oder auch (nicht ganz unwichtig für die Geschichte) einem mechanischen Bullen aufgewartet wird.

Aber lassen wir, für diesen Blog etwas untypisch, die Geschichte mal weitgehend beiseite und konzentrieren wir uns auf die Figuren. Da haben wir Bud (Travolta), der innerhalb der ersten zwanzig Filmminuten die junge Sissy (Winger) kennen- und lieben lernt und sie Knall auf Fall heiratet. Ganz stilecht mit Wohnsitz im Trailerpark.

Dazu kommen der auf Bewährung entlassene Bankräuber Wes (Scott Glenn) und die elegante Pam (Madolyn Smith), die als Tochter aus gutem Hause auf der Suche nach einem „echten Cowboy“ ist.

Im Laufe der etwas über zwei Stunden passiert mit diesen Figuren nun folgendes (Spoiler lassen sich hier nicht vermeiden):

Bud behandelt Sissy mies, ist herrisch ihr gegenüber, kommandiert sie herum und verbietet ihr zum Beispiel, auf dem elektrischen Bullen zu reiten. Er wird sogar handgreiflich. Sissy schmeißt sich daraufhin an Wes heran, der ihr beibringt, den Bullen zu bändigen. Bud wird mega-eifersüchtig und lässt sich, um es Sissy zu zeigen, nur zu bereitwillig von Pam abschleppen, mit der er Sissy betrügt. Die zieht, nachdem sie vergeblich auf Bud gewartet hat, aus dem gemeinsamen Trailer aus und bei Wes ein, mit dem sie nun ihrerseits Bud betrügt. Sie demütigt ihn des Weiteren vor aller Augen, indem sie eine laszive Show auf dem Bullen hinlegt.

Dennoch will sie Bud eigentlich zurück haben, putzt (zum ersten Mal) den Trailer und hinterlässt Bud einen Brief. Der wird von Pam entdeckt und, natürlich, vernichtet. Weil Sissy nun glaubt, dass Bud nichts mehr von ihr wissen will, kommunizieren die beiden nur noch via abfälliger Gesten miteinander (by the way: Selten zeigte eine Frau so grazil ihren Mittelfinger wie Debra Winger in diesem Film).

Nun wird Sissy aber ihrerseits von Wes betrogen, der, als die bei ihm ausziehen will, grob gewalttätig wird und Sissy nunmehr vollends unterdrückt. Bud ist seinerseits eigentlich immer noch scharf auf Sissy und benutzt Pam weiterhin nur, um diese doch bitte irgendwann so sehr eifersüchtig zu machen, dass sie zu ihm zurückkehrt.

Am Ende passiert, was in Hollywood passieren muss. Es gibt einen Schicksalsschlag, der, wieso auch immer, Pam als erste zur Vernunft bringt. Sie beichtet Bud das mit dem Brief, der kann Sissy gerade noch vor dem prügelnden und wieder straffällig werdenden Wes retten und nach 120 von 129 Minuten schafft Bud es dann endlich, Sissy zu erklären, wieso er, der Cowboy vom Land, mit seinem Stolz nicht anders handeln konnte, als er es tat. Ende.

Das Problem ist nur, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon vollkommen egal war, was Bud oder Sissy oder irgendeiner zu seiner Verteidigung vorzubringen hatte. Denn die Figuren dieses Quartetts, jede einzelne von ihnen, hatte bis dahin so viele Hände-vor-den-Kopf-schlag-Momente abgeliefert, dass ich mehrfach kurz davor war, den Film einfach auszumachen.

Denn wenn man ehrlich ist, dann verhält sich Bud über den ganzen Film hinweg wie ein arroganter Arsch (mit Verlaub). Und das als unsere nominelle Hauptfigur. Bei wirklich jeder möglichen Ausfahrt, bei jeder Situation, wo man sich denkt, dass er die Kurve kriegen könnte, biegt er falsch ab und untermalt das meistens noch mit derben Sprüchen und starrem Blick. Mag sein, dass Travolta mit seiner Vita bis dahin einiges von dieser Wirkung bei den (weiblichen) Fans abmildern konnte, aber 38 Jahre später wirkt das einfach nur unsympathisch und in manchen Szenen geradezu widerlich.

Sissy, die man eigentlich für das Opfer des Ganzen halten könnte, ist aber auch nicht besser. Sie ist die erste, die mit einem anderen kokettiert und auch wenn sie nicht die erste ist, die den Betrug wirklich vollzieht, setzt sie das Spiel erst in Gang. Wenn Debra Winger nicht eine so verletzliche Ausstrahlung hätte, wäre es wirklich ein leichtes, Sissy die ganzen Demütigungen zu gönnen, die sie sich später noch zuzieht, weil sie als erste demütigt und verletzt.

Wes, der von Scott Glenn gespielt wird, als sei er eine Reinkarnation von Clint Eastwood mit Sodbrennen, wird vom Drehbuch gleich gar nichts weiter mitgegeben als eine erst unterschwellig und dann immer deutlicher zu Tage tretende Brutalität. Der Satz, der mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, charakterisiert ihn am besten: „Von einem Mann wir mir kannst du nicht erwarten, dass er einer Frau treu ist. Das ist doch wohl klar.“

Und Pam ist, so leid es mir tut, das sagen zu müssen, nicht mehr als das Klischee eines Töchterchens, das sich einen Arbeiter von der Straße aufliest, um sich auch mal als Teil des Milieus zu fühlen. Sie spielt die Eheleute bewusst gegeneinander aus und versucht wahlweise, Bud zu domestizieren, oder ihn als Deckhengst zu gebrauchen. Sie ist zwar nett anzusehen, aber mehr als kühle Berechnung verbirgt sich nicht hinter der angemalten Fassade.

Nun – nachdem ich viel mehr über diese Menschen geschrieben habe, als ich es eigentlich wollte, sagt mir eines: Wen soll man denn aus diesem Quartett als Sympathieträger ansehen? Wessen Schicksal soll einen am Ende berühren?

Der Film macht auf so viele erdenkliche Arten alles falsch, dass es schwer ist, es aufzuzählen. Dabei hilft ihm auch nicht, dass er formal wirklich gut gespielt und gedreht ist. Eine Parallele zu einem Buch mit Charakteren, die einen nicht berühren. Die Sprache kann noch so gewählt, der Satzbau so geschliffen und die Handlung so gut geplottet sein – wenn die Figuren einer schlimmer als der nächste sind, dann hilft das alles nichts.

Denn dann ärgert man sich und wenn man sich ärgert, dann macht man als Leser die Schotten dicht. Einen Film kann man eher durchstehen, auch wenn er über zwei Stunden dauert, als ein Buch, mit dem man viele Tage verbringt und das irgendwann anfängt, sich wie Kaugummi zu ziehen.

Deswegen kann ich nur an die Autor/innen unter euch appellieren (und es mir selbst hinter die Ohren schreiben): Sorgt dafür, dass ihr wenigstens eine Figur unter euren Protagonisten habt, mit denen der Leser sympathisieren kann. Eine Person, die ihm nahe geht. Ihr tut ihm und damit auch euch einen großen Gefallen. Denn wenn der Leser sich positiv emotional berührt fühlt, dann wird er viel mehr Anteil an eurer Geschichte nehmen. Er wird sich eher dazu veranlasst sehen, sie anderen Lesern zu empfehlen. Und er wird gerne an das Leseerlebnis zurückdenken.

Das ist es doch, was wir eigentlich möchten. Wir möchten unsere Leser unterhalten und ihnen ein paar schöne Stunden schenken. Gründe, sich zu ärgern, haben sie wahrscheinlich in ihrem Leben ohnehin genug.

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6 Gedanken zu “Warum es wichtig ist, Sympathieträger für seine Geschichten zu entwickeln

  1. Exakt das.
    Es müssen nicht zwingend Sympathieträger*innen sein im Sinne von „super nette Leute“, aber es muss etwas sein, das dafür sorgt, dass ich bei Dingen, die dem Charakter passieren, was spüre. Also was anderes, als pure Gleichgültigkeit.

    Gefällt 2 Personen

    • Stimmt, vielleicht hätte ich das mit der Sympathie noch ein wenig differenziert ausdrücken sollen. Es geht ja tatsächlich darum, dass ich Anteil nehme, etwas spüre. Das kann ja auch bei „bösen“ Charakteren der Fall sein, mit denen ich vielleicht nicht unbedingt einen Kaffee trinken gehen wollen würde.

      Gefällt 2 Personen

  2. lunaewunia schreibt:

    Du hast absolut recht, es ist auf jeden Fall wichtig, dass der Charakter ans Herz geht… Und, wie ihr in den Kommentaren schon meintet, ich denke auch, das muss nicht immer über Sympathie passieren…
    Ich habe zuletzt Nutshell von ian mc ewan gelesen und hatte da auch das akute Problem, dass mich die Charaktere derart genervt haben und ich allessss sowas von unnachvollziehbar fand, dass die von mir aus auch alle hätten drauf gehen können, und es hätte mich nicht gejuckt. Also ich weiß, dass mc ewan auch dieses distanzierte wsl erreichen wollte zwischen Leser und Figuren, aber ganz bestimmt nicht auf diese Weise…
    Ich denke, was wirklich das wichtigste ist, dass man sich irgendwo identifizieren kann, dass da irgendwo etwas ist, was man in sich selbst wiederfindet, oder wenigstens Verständnis hat. Nur mit dieser Verbindung nimmt man Anteil am Geschehen…

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  3. Ich fand deine Filmzusammenfassung total klasse! Aber nun zum eigentlichen Thema… ich habe darüber nachgedacht: Fast würde ich sagen, dass bei Büchern deine These eher trifft, weil meistens ein Charakter im Fokus ist. Bei Filmen oder Serien können auch ätzende Charaktere (es gibt auch gut gestaltete Ätz-Charaktere) im Mittelpunkt stehen: Ich denke da an House of Cards oder auch Breaking Bad. Oft gibt es hier einen Ausgleich durch starke Nebencharaktere.

    Gefällt 1 Person

    • Ja, ich denke, dass du Recht hast und es bei Büchern wesentlich schwerer wiegt, wenn die Figur den Leser nicht fesseln oder binden kann. Das kann man allerdings auch dort durch die Nebencharaktere ausgleichen.

      Ein Beispiel, das immer wieder mal genannt wird, ist Frodo in „Der Herr der Ringe“. Für sich alleine genommen ist er eine fürchterlich eindimensionale und über weite Strecken der Handlung auch nervende Figur.

      Deswegen hat Tolkien ihm Sam Gamdschie an die Seite gestellt, der nicht nur als Sympathieträger viel besser taugt, sondern der auch über sich hinaus wächst und dadurch eigentlich zum Helden wird.

      Und schön, dass dir die Filmzusammenfassung gefallen hat. Jetzt brauchst du den Film nicht mehr ansehen. Wieder zwei Stunden Lebenszeit gespart.

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