Das Schreiben der Anderen: „Einbruch und andere Geschichten“ von Hannes Niederhausen

Ich gebe zu, dass es schon ein wenig her ist, dass ich diese Kurzgeschichtensammlung gelesen habe. Gekauft habe ich sie mir, kurz nachdem Hannes Niederhausen und ich zusammen bei der ersten Auflage von 9lesen auf der Bühne gesessen haben. Gelesen habe ich sie dann während meiner Blogpause, so dass ich nicht sofort meine Meinung dazu veröffentlichen konnte.

Aber das Gute an Kurzgeschichten ist ja, dass man sich recht schnell wieder eingelesen hat. Und so steht einer Besprechung nichts mehr im Wege.


Ich finde, dass die Bewertung von Kurzgeschichten immer eine gewisse Schwierigkeit in sich birgt. Wenn man nicht gerade mit einem Autor zu tun hat, der thematisch und ggf. noch stilistisch in einer ganz eindeutig zuzuordnenden Ecke oder einem Genre beheimatet ist, wird man als Leser mit einer Vielfalt konfrontiert, die zwar ausdrücklich zu begrüßen ist, aber bei einer Bewertung immer mit leichten Ungerechtigkeiten behaftet ist. Was ist, wenn ich eine utopische Geschichte mag, eine Satire dagegen nicht – kann ich das wirklich der Kurzgeschichtensammlung anlasten?

Hannes Niederhausen, der die hier versammelten Geschichten ursprünglich im Jahr 2015 geschrieben und auf seiner Website veröffentlicht hat, ist ein solcher Kandidat. Er offenbart mit den insgesamt 19 Texten eine thematische Bandbreite, die beeindruckt. Dass dabei nicht jeder Text für jeden Leser ein Treffer ist, bleibt nicht aus. So konnte ich persönlich mit den beiden Drabbles (das sind Texte, die aus exakt 100 Wörtern bestehen) nicht ganz so viel anfangen. Andere Geschichten beinhalten jedoch ein solches Potenzial, dass ich mir gewünscht hätte, noch ein wenig länger in der dort geschilderten „Welt“ verbleiben zu können.

Das betrifft vor allem die beiden Geschichten „Phone“ und „Die Fresser“, die beinahe wie Fragmente oder Vorstudien von längeren Texten daher kommen. In „Phone“ geht es dabei um einen Mann, der nicht bemerkt, wie ihm sein Telefon abhanden kommt, was in der Gesellschaft, in der er lebt, einem Kapitalverbrechen gleich kommt. „Die Fresser“ berichtet von Menschen, die sich nicht mit dem Verzehr von Tierfleisch begnügen möchten – und dem Umgang mit ihnen.

Generell spielt Niederhausen in einigen der Texten mit Elementen der Dystopie, reißt Gesellschaftsformen an, die mal nahe bei unseren liegen, mal aber auch, sprichwörtlich, Welten davon entfernt sind. In „Flucht“ teilt sich der Protagonist den Platz an Bord eines außerirdischen Raumschiffes mit Menschen, die er nur als Kevins und Mandys bezeichnet – wobei man sofort ein prägnantes Bild im Kopf hat.

Der Mut zur bildhaften Zuspitzung lässt sich auch in anderen Texten dieser Sammlung finden. Dabei sind viele von ihnen Kurzgeschichten im besten Sinne: Sie greifen eine Episode auf, laufen gerne auf eine Pointe hinaus und hinterlassen dadurch beim Leser das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein.

Weitere Highlights in meinen Augen sind die Geschichte „Rapunzel, kurzhaarig“, in der die Motive verschiedener Märchen äußerst kurzweilig durcheinander gemischt werden, sowie „Der Zeitrecycler“, das sich sowohl mit seinem Inhalt als auch mit seinem Stil gut in einer Kurzgeschichtensammlung von Stephen King gemacht hätte, etwa aus dessen „Nachtschicht“-Phase.

Wie gesagt konnte mich nicht jede Geschichte abholen. Auf die Gesamtstrecke allerdings habe ich das Lesen dieser Sammlung sehr genossen, auch wenn ich hier nicht im einzelnen auf jede Story eingehen will.

Es bleibt die Frage der Bewertung, die aufgrund der geschilderten Umstände nur höchst subjektiv ausfallen kann. Ich habe mich dazu entschlossen, „Einbruch und andere Geschichten“ vier Sterne zu geben, weil weit über die Hälfte der Geschichten, wenn ich sie einzeln hätte bewerten sollen, im Bereich von vier bis fünf Sternen rangieren und Ausnahmen, wie eben die beiden Drabbles, insgesamt nicht so sehr ins Gewicht fallen, dass sie eine Abwertung rechtfertigen würden.

Mein Fazit lautet also: Für Leser, die sich gerne auf kleine Geschichten aus vielen Bereichen der literarischen Genres einlassen möchten und die dabei keine Berührungsängste haben, ist dies eine gelungene Zusammenstellung. Noch dazu zu einem mehr als günstigen Preis!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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