Wie soll das Kind heißen? (WiP)

In der Regel ist es ja ganz einfach: Man erfindet für seine Geschichte eine Figur, gibt dieser eine Form, eine Struktur, eine Bestimmung. Und dann krönt man das alles mit einem passenden Namen. Ein Name, der vielleicht schon ein wenig über die Rolle der Figur aussagt, vielleicht aber auch einfach ihre Gewöhnlichkeit unterstreicht. Und wenn sie nicht im Laufe des Romans stirbt, dann trägt diese Figur ihren Namen noch heute.

Schwierig wird es immer dann, wenn eine Figur mehr als einen Namen besitzt. Jedenfalls für den geplagten Autor, der sich dieses Dilemma zwar selbst eingebrockt hat, aber sich nun damit herumschlagen muss. Denn es gibt ja einen guten Grund, aus dem diese Figur  ein Alias mit sich herum trägt.

In meinem Fall hat es handfeste Gründe, aus denen eine zentrale Figur einen Tarnnamen bekommen hat.

Wie ihr wisst, geht es in meinem aktuellen Roman um ein jüdisches Kind, das von seinen Eltern aus einem Todeszug gerettet werden konnte und das nun von einer polnischen Familie aufgenommen wurde. Dieser kleine Junge hat einen typisch deutschen Namen und schnell wird den plötzlichen Pflegeeltern klar, dass es zu großen Problemen kommen könnte, wenn der Junge mit diesem Namen gerufen wird.

Die Konsequenz ist, dass sie sich einen Namen aussuchen, der eher polnisch klingt und einfach genug ist, damit das Kind sich daran erinnern kann. Da der Kleine in seinem Leben schon mehr gesehen und erlebt hat, als man in seinem Alter erleben sollte, ist ihm auch sofort klar, welchen Zweck diese „Umbenennung“ hat und gewöhnt sich schnell an seinen neuen Namen.

Soweit ist also eigentlich alles in bester Ordnung. Nur ich als Autor habe jetzt ein Problem, dessen Lösung mir noch nicht so richtig klar ist. Denn meine Protagonisten tun sich deutlich schwerer damit, diesen Namen zu verinnerlichen, als es das Kind getan hat.

In den Gedanken, die sich diese Menschen machen, und oft genug auch in den Gesprächen, die sie unter vier oder sechs Augen führen, können sie sich nicht entscheiden, wie sie den Jungen jetzt bezeichnen sollen. Manchmal benutzen sie den polnischen Namen, dann wieder den richtigen, den deutschen.

Das ist ein Mischmasch, den ich natürlich für die Geschichte vermeiden möchte. Aber ich weiß nicht, wie realistisch es ist, die Figuren auch den polnischen Namen denken zu lassen. Das ist in etwa so, als ob man genau weiß, dass der Himmel blau ist, man aber beschlossen hat, er ist ab sofort gelb. Den Himmel stört das natürlich in seiner Farbwahl überhaupt nicht und so hat man die tatsächliche Farbe immer vor Augen. Ebenso, wie meine Personen den tatsächlichen Namen immer „im Ohr“ haben.

In der Tat bin ich da noch ein wenig ratlos. Spätestens bis zur Überarbeitung sollte ich das Problem aber irgendwie in den Griff kriegen. Kann sich ja nur noch um Monate handeln …

Deswegen die Frage an euch: Kennt ihr Romane oder Geschichten, in denen es eine ähnliche Konstellation gegeben hat? Wie wurde das da gehandhabt und hat es euch überzeugt? Oder ist dieses Problem eigentlich gar keins, weil der Leser durchaus in der Lage ist, damit umzugehen und es für sich zu sortieren?

Ich bin auf eure Ansichten gespannt!

25 Gedanken zu “Wie soll das Kind heißen? (WiP)

  1. Denke nicht, dass das ein großes Problem ist, sofern du beide Namen möglichst gut etablierst, damit man als Leser recht früh weiß, dass es sich um die selbe Person handelt. Im absoluten Zweifelsfall wäre es vielleicht eine Möglichkeit, zwei ähnlich klingende Namen zu verwenden. Das soll man ja eigentlich nicht machen, eben weil dann Verwechslungsgefahr besteht, aber in diesem Fall würde es ja genau das Gegenteil bringen.

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    • Das ist eine recht gute Idee mit den ähnlich klingenden Namen. Ich muss da noch einmal recherchieren, ob ich zwei Namen finde, die in die Zeit passen (und mir auch gefallen, ist ja auch nicht ganz unwichtig).

      Die Etablierung müsste funktionieren, weil ich die Entscheidung für die Namensänderung nicht einfach so im Nebensatz vornehme, sondern im Rahmen eines größeren „Palavers“ zwischen meinen Hauptfiguren.

      Danke dir für deinen Ratschlag!

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      • Ja, Namensfindung ist gar nicht so leicht. Ich tue mich da auch immer schwer, weil mir selten was so richtig gefällt und wenn, dann habe ich das Gefühl, dass es nicht zur Figur passt.

        Wenn du erstmal nichts findest, könntest du ja auch erstmal abwarten, was Testleser oder Lektor später dazu sagen. Wenn es die verwirrt hat, kannst du die Namen auch immer noch ändern.

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      • In der Regel habe ich mit der Namensfindung eher weniger Probleme – es sei denn, ich stelle mal wieder fest, dass im dritten Roman nacheinander eine Figur „Manfred“ oder „Manni“ heißt 😉 .

        Das mit dem Abwarten ist eine gute Idee, falls mich die Muse nicht doch noch küsst. Aber die ist im Moment ein eher zurückhaltendes Wesen 🙂 .

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      • Mir fällt da in solchem Zusammenhang sofort Karl – Karel ein. Beides dürften in der damaligen Zeit übliche Namen gewesen sein, der eine deutsch genug, der andere echt polnisch, aber auch beim Aussprechen dicht genug beieinander, dass ein flüchtiger Versprecher nicht sofort verräterisch wäre.

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  2. Lieber Michael, kennst Du die für jüdische Kinder vorgeschriebene Vornamensliste von 1938? Vielleicht findest Du einen Vornamen, der Dir gefällt und zu dem es eine polnische Übersetzung gibt. Vom Smartphone kann ich leider keine Links verschicken und meinen Hintern von der Couch zu erheben und nach nebenan ans Laptop zu gehen, bin ich momentan leider zu faul.

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      • Auch dir danke ich für den Tipp, petra! Stimmt schon, ursprünglich zielte der Beitrag in eine andere Richtung, aber wenn es/ihr mir hilft/helft, eine gut „funktionierende“ Namenskombination zu finden, dann ist das auch viel wert.

        Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, bzw. ist so auf das, was man sich einmal ausgedacht hat festgenagelt, dass man die Alternativen aus dem Blick verliert.

        Und ich sehe schon, es macht sich bezahlt, dass ich bewusst meine beiden Namen nicht hingeschrieben habe 🙂 .

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    • Liebe Hedwig,

      die Liste kenne ich in der Tat, allerdings nur vom Überfliegen. Soweit ich mich erinnere, waren auf ihr in der Hauptsache Namen enthalten, welche die jüdische Bevölkerung von vornherein stigmatisieren und erniedrigen sollten (habe ich das bei Klemperer gelesen!? Weiß ich nicht mehr so genau).

      Für Juden, welche sich nicht an diese Namen hielten, galt dann meines Wissens die Regel, sich durch Hinzunahme des (ebenfalls stigmatisierenden) „Zweitnamens“ Sara oder Israel „kenntlich“ zu machen.

      (Es tut schon weh, diese Vokabeln dafür heranziehen zu müssen!)

      Ich schaue mir das aber noch einmal genauer an und danke dir für den Hinweis!

      Ich wünsche dir noch gute Erholung auf deiner Couch 🙂 .

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  3. lunaewunia schreibt:

    Ich denke auch, wenn die Namen eindeutig zusammen gehören ist das kein Ding. Viele Namen in polnischer Variation klingen sehr ähnlich. Hauptsache du hast dann keine andere figur, die die ähnlich klingt, das wäre verwirrend.
    Dennoch denke ich, dass du dich als Erzähler auf jeden Fall für einen Namen entscheiden solltest und auch, wenn du die gedanken anderer beschreibst, bei dem bleibst. Bis auf vllt ein, zwei Stellen, in denen eine Person in Gedanken oder im sicheren Gespräch den alten Namen sagt und der andere vllt mit dem Hinweis korrigiert, dass sie sich zu hundert Prozent an den Namen gewöhnen müssen, geht ja schließlich um Leben!

    Zudem glaube ich auch nicht, dass die polnische Familie sonderlich verwirrt sein sollte. Ich selbst habe viele polnische Freunde, war an einer deutschpolnischen Schule und es war oft so, dass man von den Polen in seiner polnischer namensvariation angeredet wurde, sprich ich denke deine polnise Familie hatte keine umgewöhnunhsprobleme sondern wurde es wsl sogar automatisch machen. Wenn du also den richtigen Namen wählst der sich gut übersetzen lässt, dann ist das kein Problem 🙂

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    • Danke für deine Anregungen.

      Ob ich einfach die polnische „Variante“ des Namens nehmen soll, weiß ich noch nicht so richtig. Ich muss noch versuchen, mich darin einzufühlen, ob es das für den Jungen (ungefähr Kindergartenalter) einfacher oder schwerer machen würde. Zumal er, naturgemäß, kaum polnisch spricht und es dann vielleicht zu Verwechslungen seinerseits käme.

      Das mit dem falschen Namen und der Korrektur kommt so in der Art tatsächlich vor, war aber ja auch nahe liegend 🙂 .

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  4. Hallo, ich möchte noch gerne etwas hinzufügen: In dem Buch Slumdog Millionaire gibt es den Protagonisten Ram Mohammad Thomas. Der geübte Leser merkt sich hier ganze drei verschiedene Namen. Der Protagonist stellt sich je nach dem, wie er seinem Gegenüber einschätzt, mit einem anderen Namen vor (wegen den drei Relogionen und so)

    Das mit den Namen würde also kein Problem darstellen. 🙂

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      • Ich denke schon, dass es generell lesenswert ist. Wir mussten es damals in der Oberstufe in der Schule lesen. Das heißt wir haben es ziemlich totanalysiert, aber ich denke, dass man bei richtiger Betrachtung schon etwas daraus lernen könnte. Es war ja immerhin Pflichtlektüre.

        Und zur Not findet man im Internet ziemlich viele gute Zusammenfassungen und Analysen zu diesem Buch.
        …Habe ich gehört.

        Den Film würde ich allerdings nicht empfehlen.

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