Neue Kurzgeschichte: Der Traum vom Fliegen

Lange angekündigt – und jetzt fertig. Ich habe es nach zähem Ringen geschafft, diese schon länger in mir rumorende Kurzgeschichte zu zähmen. Sie ist mit fast 3.400 Wörtern recht lang geworden, aber ich hoffe, euch dennoch gut damit unterhalten zu können.

Die Geschichte ist für mich in gewisser Weise eine Premiere, basiert sie doch auf realen Geschehnissen, wie sie sich am 02. November 1919 zugetragen haben. Insofern hatte ich Unterstützung beim Plot, nicht aber bei der Figur, die ich schildere und bei der ich mir schriftstellerische Freiheit erlaubt habe.

Aber genug der Vorrede, die Geschichte ist schließlich lang genug. Ich wünsche euch viel Spaß mit


Der Traum vom Fliegen

Manchmal wünschte ich, ich könnte fliegen. Frei wie ein Vogel, die Schwingen ausgebreitet, dahin segelnd auf den Luftwirbeln. Mit freiem Blick in die unendliche Weite und auf das, was unter mir zurückgeblieben ist. Auf die Erde, die mich gefangen hält und mich an sich bindet.

Dann stelle ich mir vor, wie ich über der Welt schwebe, mal hierhin und mal dorthin treibe. Nach oben steige und nach unten hinab stoße. Die Ruhe genießend und die Sonne jagend.

Heute ist die Sonne nicht zu sehen. Und die Last der Schwerkraft liegt auf mir. Ergänzt durch den Schnee, der aus den dichten Wolken fällt und mich ebenso wie meine Kollegen bedeckt. Die Schirmmütze möchte mir durch das zusätzliche Gewicht dauernd in die Augen rutschen und ich komme kaum damit nach, den Schnee herunter zu wischen.

»Das ist doch ein Wahnsinn«, sagt Mäxchen Meier neben mir. Eine dicke Wolke Atemluft strömt zusammen mit den Worten aus seinem Mund. »Die müssen doch längst umgekehrt sein.«

»Geht nicht«, sagt Baumann, der Chef unseres kleinen Trupps. »Dafür reicht deren Treibstoff nicht. Konnte ja keiner ahnen, dass sich direkt über unseren Köpfen ein Schneesturm zusammenbrauen würde.«

»Nee, ist klar. Sprechen die Wetterfrösche ja auch erst seit einer Woche von.«

»Schnauze, Brand. Ist das erste Mal, dass die Frösche recht gehabt haben.«

»Trotzdem«, mault Brand, der etwas vierschrötige Pankower. »Wir haben November, da kann man schon mal mit schlechtem Wetter rechnen.«

»Du solltest dich im Büro melden«, sage ich. »Du bist für den Posten hier überqualifiziert.«

Brand lacht, dass seine Wampe heftig ins Wackeln gerät. »Sagt meine Olle auch immer. Was halten Sie davon, Chef?«

»Was du machst, nachdem wir den Vogel sicher in den Käfig gebracht haben, ist mir herzlich egal. Aber jetzt zieht gefälligst eure Handschuhe an. Ich glaube, ich höre was.«

Eigentlich ist es unmöglich, bei dem heftigen Brausen des Windes irgendetwas zu hören, aber wenn Baumann sagt, dass er etwas hört, dann stimmt das. Er hat die meiste Erfahrung von uns allen. Und er kennt, als einziger, soweit ich weiß, die Angelegenheit von oben und von unten. Ich kann bis jetzt nur vom Fliegen träumen. Aber Baumann war schon da oben.

»Friedel träumt schon wieder mit offenen Augen«, sagt Mäxchen und wirft mir einen leicht anzüglichen Blick zu. »Blond oder brünett?«

»Ach, halt doch dein Maul.«

Ich ärgere mich darüber, dass ich mich über Meier ärgere. Schweigend ziehe ich die Spezialhandschuhe aus der Tasche meines Overalls. Schon wieder will mir die Mütze vom Kopf rutschen, aber ich kann sie noch einfangen. Mit den Dingern an den Händen wird das schwierig. Aber ohne die Mütze geht es nicht. Ich muss klare Sicht auf das Geschehen haben.

Plötzlich höre ich das, was Baumann schon vor allen anderen gehört hat: Ein leises Brummen, das rasch lauter wird. Der Vogel ist im Anflug.

»Gut, gut, er ist trotz des Wetters fast pünktlich!«

Ich habe keine Ahnung, wie er das geschafft hat, aber ein Blick auf die große Uhr am Hauptgebäude überzeugt mich davon, dass Baumann recht hat. Wieder einmal.

»Los, meine Herren! Dann wollen wir mal.«

Das Brummen klingt so, als ob irgendwo über uns ein ganzer Bienenschwarm stehen würde. Ein riesiger Schwarm aus wütenden Drohnen, der sich nun langsam zu uns herab senkt.

Aber ich habe keine Zeit mehr, mich in meinen Gedanken zu verlieren. Zusammen mit den anderen renne ich los, auf das freie Feld. Jetzt merke ich erst, wie stark der Wind wirklich weht. Der Schnee scheint von überall und nirgends zu kommen. Er bedeckt den Boden und ich bin mir sicher, dass ich ausrutschen und fallen werde.

Wie, in drei Teufels Namen, soll ich den ›Bodensee‹ festhalten, wenn ich nicht einmal selbst einen sicheren Stand habe?

Aber zum Glück bin ich ja nicht alleine. Insgesamt sind wir dreißig Mann. Das hat bis jetzt noch immer ausgereicht, den Vogel in den Käfig zu bringen, wie Baumann es nennt.

Mein Blick geht suchend nach oben, aber ich sehe nur die tief über dem Feld hängenden Wolken. Wenn das Geräusch nicht wäre, würde ich beinahe glauben, dass wir paar Männer ganz alleine auf der Welt sind. Nicht einmal mehr das Hauptgebäude ist deutlich zu sehen. Am anderen Ende des Feldes ist die Halle, der Käfig.

»Männer!«, brüllt Baumann. »Das könnte ein bisschen holprig werden. Aber ihr wisst ja, wie es gemacht wird. Vertraut auf die Handschuhe und auf eure Erfahrung. Dann wird das ein Kinderspiel!«

Auf die Handschuhe vertrauen. Ja. Die Lederdinger, die so dick sind, dass sie meinen Tastsinn beinahe vollständig ausschalten. Aber sie müssen so sein, weil ich ansonsten die ungute Erfahrung machen würde, wie mir meine Haut von den Knochen geschält wird, wenn ich den ›Bodensee‹ packe. Manchmal bockt er ein wenig und bei diesem Wetter steht uns mit Sicherheit ein holpriger Ritt bevor.

»Das gefällt mir nicht«, sagt Brand. Ich verkneife mir einen Kommentar. Und ich verkneife mir die Gedanken, die ihm zustimmen wollen. Nein, mir gefällt das hier auch nicht sonderlich.

»Da!«

Wieder ist es Baumann, der es zuerst sieht. Er hat wirklich einen sechsten Sinn dafür. Wenn es hier jemanden gibt, der eigentlich eine Beförderung verdient hat, dann ist er es. Aber bis jetzt hat man ihn bei uns von der Bodenmannschaft gelassen.

Die anderen und ich starren in die Richtung, die er uns anweist. Und tatsächlich fällt in diesem Moment etwas durch die Wolken, schlägt auf dem Boden auf und wird dann von den Windböen hin und her geschleudert.

Wir sind zu weit gerannt und müssen nun ein Stück weit zurück. Mich packt die Aufregung, wie immer. Näher als in diesen Momenten komme ich dem Fliegen nicht.

Ich bin bei den ersten, die auf das Seil, das aus den Wolken gekommen ist, zu stürmen. Wie eine Schlange wirbelt es kreuz und quer über den Boden. Halb rutsche ich aus, halb ist es ein bewusstes Hinhocken. Doch dann habe ich das Seil. Ich habe den Vogel gepackt.

Nach und nach greifen auch die anderen Männer zu. So widrig auch das Wetter ist, wir halten ihm stand. Das Wichtigste ist jetzt, den ›Bodensee‹ nicht wieder ausbrechen zu lassen. Er mag ein Kind der Lüfte sein, aber unsere Aufgabe ist es, ihn am Boden zu halten.

Das Dröhnen und Brummen wird lauter. Wir halten das Seil fest. Für den Moment haben wir nicht mehr zu tun, als das. Der Rest muss nun von oben kommen.

»Gut so!«, ruft Baumann. Er lacht. Das alles macht ihm einen gewaltigen Spaß. Ich merke, dass ich mit lache. Dass ich dabei den Schnee schlucke, der mir in den weit geöffneten Mund fliegt, während ich den Kopf in den Nacken lege, stört mich nicht.

Ich warte auf den Moment, in dem ich ihn sehen kann. Auf diesen immer wieder erhebenden Augenblick.

»Achtung!«, ruft einer der Männer. Ich habe nicht verstanden, wer es war, aber den Grund bemerke ich sofort. Der ›Bodensee‹ driftet zur Seite und zieht uns mit sich. Da ist man einen Moment nicht aufmerksam und schon passiert so etwas. Ich halte das Seil fest und versuche, auf dem seifigen Boden genügend Halt zu finden, um ihn einzufangen. Neben mir legt sich Grunert auf die Nase. Aber auch er lässt das Seil nicht los. Wir sind eine gute Truppe.

»Da kommt er!«

Ich schaue wieder nach oben und ja, jetzt kann ich ihn sehen. Ein dunkler Schatten, dunkler als die Schlechtwetterwolken, senkt sich auf uns herab. Schlagartig ist unser Standort in Schwärze getaucht. Der Schatten setzt sich bis weit nach hinten fort. Circa einhundert Meter weit, wie ich weiß.

»Aufteilen, Männer!«

Auf Baumanns Ruf hin löst sich ein Teil unserer Schar und läuft weiter unter den Schatten. Ein weiteres Seil wird herunter gelassen. Dann fällt noch ein weiteres aus den Wolken.

Wir halten ihn fest, als ob es um unser Leben ginge. Ich halte ihn fest, als ob es um mein Leben geht.

Jetzt bricht der ›Bodensee‹ durch. Ich weiß, dass viele bei diesem Anblick an eine Zigarre denken. Für mich besaßen diese Giganten immer schon die Anmut eines riesigen Walfisches: Kraft gepaart mit Eleganz.

Das Luftschiff LZ 120 ›Bodensee‹ senkt sich auf das Flugfeld von Staaken nieder, angetrieben von seinen gigantischen Motoren und doch auf uns, die Männer von der Bodenmannschaft, angewiesen, um seinen Platz am Anlegemast zu finden, der dort drüben, unmittelbar vor der großen Halle, steht.

Ich kenne alle Daten und alle Details zu diesem Giganten der Lüfte. Wenn ich schon nicht wirklich am eigenen Leib erleben kann, wie es ist, damit zu fliegen, dann will ich wenigstens alles darüber wissen. Aber eine Passage zu buchen, das kann ich mir mit meinem Hungerlohn niemals erlauben.
Doch hier bin ich ihm nahe. Dem Traum vom Fliegen.

»Der kommt verdammt schnell runter«, sagt Kriminski neben mir. Ich wende mich ihm kurz zu und sehe, dass der alte Mann besorgt die Augen zusammen kneift. Kriminski ist am längsten von uns allen hier. Abgesehen von Baumann.

Ich schaue wieder nach oben und tatsächlich, es scheint, als ob sich der hundert Meter lange Körper des Luftschiffs viel schneller als sonst in Richtung Boden bewegen würde. Natürlich, der Wind. Wenn es hier unten schon so ungemütlich zugeht, muss es da oben noch wesentlich schlimmer sein.

Baumann kommt von weiter hinten angelaufen. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er mit den anderen weggegangen war.

»Zeichen von der Kabinencrew!«, ruft er gegen den Schneesturm an. »Sie haben Probleme!«

Ich kann die Kabine sehen, die unterhalb der Außenhaut des Giganten angebracht ist. Alles weitere ist zu weit entfernt, aber ich weiß, dass sich die Besatzung mit einer Flüstertüte verständlich machen kann.

»Was soll das heißen?«, ruft Grunert zurück.

Doch schon im nächsten Moment erfahren wir am eigenen Leib, was diese Meldung zu bedeuten hat.

Mit einem so nicht zu erwartendem Rucken werden wir von den Beinen geschleudert und finden uns im nächsten Moment auf dem eisharten Boden wieder. Ich habe das Seil losgelassen und sehe, dass es fast allen anderen auch so gegangen ist. Es wurde uns förmlich aus den Händen gerissen.
Wenn ich nicht die Handschuhe gehabt hätte, wäre mir glatt die Hand in der Mitte durchtrennt worden.

Der ›Bodensee‹ schlägt eine Kapriole in der Luft, als sei er ein Kunstflieger auf einer Ausstellung. Sein Bug wird nach oben gerissen, gleichzeitig senkt sich sein Heck herab.

»Verdammte Scheiße!«

Ich kann die Worte nicht hören, aber die Lippenbewegungen von Baumann waren eindeutig. Er ist schon wieder auf dem Weg nach hinten.

Ich sehe das Seil in einigen Metern Entfernung hin und her schwingen. Schnell bin ich wieder auf den Beinen und hänge mich daran, als ob mein Gewicht auch nur ein wenig ausmachen würde. Das Luftschiff wiegt mindestens zwanzig Tonnen. Und doch können wir es unter normalen Umständen leiten und sichern.

Aber das sind heute keine normalen Umstände.

»Hierher!«, rufe ich den anderen Männern, die bis gerade noch sprichwörtlich mit mir an einem Strang gezogen haben, zu.

Hinter mir ertönt ein lautes Krachen, wie ich es noch nie zuvor gehört habe. Erschrocken wende ich mich um und traue meinen Augen nicht: Ich kann gerade noch sehen, wie die Steuergondel ein paar Meter über den Boden des Landefelds gezogen wird. Der Zeppelin hat sich fast auf den Boden geworfen.

Mein Gott, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen!

Der Walfischbauch dreht sich zur Seite, als er von einer neuen Böe gepackt wird. Wenn sie ihn nun wieder zu Boden drückt, dann wird der Leib des Luftschiffs die kleine Gondel einfach unter sich zerquetschen.

Aber die Passagiere und die Männer der Besatzung haben Glück. Ein starker Aufwind packt den ›Bodensee‹ und hebt ihn wieder in die Luft. Rasend schnell wird das Heck nach oben gezogen. Dafür kommt der Bug nun wieder herab – genau auf mich zu!

»Nichts wie weg hier!«, ruft Kriminski neben mir. Ich weiß, dass ich das Seil loslassen und machen sollte, dass ich mich in Sicherheit bringe. Aber ich halte es weiter fest. Ich werde nicht klein beigeben. Solange ich hier stehe, wird dieses Luftschiff nicht einfach machen, was es will!

»Er hebt sich schon wieder!«

Mein Ruf bewegt einige der Männer, sich wieder umzudrehen und ans Seil zu hängen. Ich sagte ja, wir sind ein guter Trupp.

Für einen Moment liegt der Zeppelin waagerecht in der Luft und ich fange gerade an zu glauben, dass wir ihn doch noch werden normal landen können, als das Heck wieder gen Boden stürzt. Erneut schlägt die Gondel auf und …

Mein Gott, sind das Menschen, die da abspringen!? Es ist ziemlich weit entfernt und bei dem Sturm werden die Augen getrogen, zumal es mir irgendwann, ohne dass ich es recht bemerkt habe, die Mütze vom Kopf gerissen hat. Aber doch, da sind kleine Schatten, die sich von der Gondel lösen und wie Sandsäcke zu Boden stürzen. Ich verliere sie aus den Augen, sobald sie aufgekommen sind. Überhaupt habe ich gar keine Zeit, um mich davon ablenken zu lassen. Ich muss den ›Bodensee‹ festhalten!

Meine Arme schmerzen bis in die Schultern hinauf. Ich kann spüren, wie mich die Kraft langsam verlässt. Lange darf das hier nicht mehr dauern, ansonsten werde ich, ob ich will, oder nicht, aufgeben müssen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sich die meisten Männer absetzen. Ohne sich noch einmal umzublicken, laufen sie auf die große Halle zu. Habe ich gerade noch gedacht, dass wir alle nur an einem interessiert sind, nämlich den Zeppelin zu sichern? Nun, ich habe mich geirrt.

Für einen Moment tritt fast so etwas wie Ruhe ein. Der Sturm lässt ein wenig nach und gönnt mir eine Ruhepause. Ich nutze sie, um zu versuchen, einen Blick auf die Menschen zu erhaschen, die abgesprungen sind. Da hinten liegen dunkle Punkte auf dem weißen Boden und es ist absolut unmöglich, zu erkennen, ob sie sich noch regen, oder nicht.

Doch der Augenblick vergeht viel zu schnell und schon zerrt der Wind wieder am ›Bodensee‹, der wiederum an mir reißt.

Ich sehe, dass sich das Heck wieder hebt. Und nicht nur das, es gewinnt rasch an Höhe. Ich brauche eine Sekunde, bis mir der Grund dafür einfällt. Natürlich: Die Menschen, die gesprungen sind, haben das Gewicht des Luftschiffs verringert! Und dass es leichter geworden ist, bedeutet, dass es steigt. Verdammt, wir bräuchten genau jetzt jeden Mann an den Seilen!

Der Walfisch über mir setzt sich in Bewegung. Er wird auf die Halle zu getrieben. Ja, wirklich, es sieht nicht so aus, als ob die Besatzung noch die Kontrolle hätte.

Erschrocken sehe ich mich um. Zwar ist der ›Bodensee‹ gestiegen, aber es reicht nicht aus. Wenn er die gegenwärtige Höhe behält, dann wird er dagegen stoßen. Das gibt ein riesiges Unglück!

Verzweifelt klammere ich mich an das Seil, als ob allein mein Gewicht es schaffen könnte, den Giganten weiter nach unten zu ziehen. Doch selbst wenn es so wäre, wie soll ich dafür sorgen, dass der Zusammenstoß verhindert wird?

Gedanken an die möglichen Folgen schießen mir durch den Kopf. Kann der Wasserstoff, mit dem das Luftschiff gefüllt ist, durch den Aufprall explodieren? Vielleicht durch einen Funkenschlag?

Ich weiß es nicht, aber der Gedanke macht mich kribblig. Ich greife noch fester zu und überhöre das Kreischen meiner Muskeln.

Aber noch etwas anderes überhöre ich. Ich merke es erst, als sich das Besatzungsmitglied, das gerade noch mit dem Oberkörper und der Flüstertüte am Mund aus dem Fenster gelehnt hat, schon wieder verschwunden ist.

Ich suche Baumann, kann ihn aber nicht entdecken. Er ist immer noch irgendwo hinten am Heck. Vielleicht kümmert er sich auch um die Springer.

Aber – was ist das? Das Hinterteil hebt sich schnell in die Höhe, so als ob … ja, tatsächlich, da hängt niemand mehr an den Seilen! Wieso haben die denn alle losgelassen?

Als Reaktion packe ich nur noch fester zu. Das Seil und ich werden eins miteinander. Ich lasse nicht los. Da kann passieren, was will. Und wenn ich der Einzige bin, der diesen verdammten Zeppelin am Boden hält!

»Friedel!«, schreit es auf einmal aus dem Schneegestöber. Ich brauche eine Sekunde um zu realisieren, dass es mein Name ist, der da gebrüllt wird.

Ich schaue nach oben, wo der riesige Leib des ›Bodensee‹ Anstalten macht, wieder in die Wolken zu verschwinden. Was ist denn da los?

»Friedel!«

Erst beim zweiten Ruf sehe ich mich nach dem Verursacher um. Es ist Baumann. Er kommt auf mich zu gerannt und brüllt wieder und wieder meinen Namen. Und noch etwas anderes, das ich nicht verstehen kann. Der Wind rupft ihm die Wörter von den Lippen.

Ein Ruck geht durch das Seil und ehe ich es mich versehe, mache ich einen Satz in die Luft. Nur kurz währt die Berg- und Talfahrt, dann habe ich wieder Berliner Boden unter den Füßen. Aber der kleine Lupfer hat ausgereicht, um mir ein Hochgefühl in den Magen zu zaubern.

Fühlt es sich so an, wenn man fliegt?

»Verdammte Scheiße, Mann, lass das Seil los!«

Jetzt habe ich Baumann genau verstanden. Zumindest seine Worte. Aber was der Sinn darin sein soll, dass ich loslasse, das begreife ich nicht. Wenn ich den Zeppelin nicht halte, dann könnte ja wer weiß was passieren.

Ich binde mir das Seil in einer Schlaufe um das Handgelenk. Das ist riskant, falls ich wieder von einem plötzlichen Krängen des Luftschiffes überrascht werde. Aber so habe ich einfach einen besseren Halt.

Den Schnee um mich bemerke ich kaum noch. Auch nicht, dass sich zu Baumanns Rufen nun auch andere Stimmen gesellen. Ich sehe dem Truppführer entgegen, der nur noch, vielleicht, zehn Meter von mir entfernt ist. Wieder schreit er meinen Namen und streckt nun beide Arme aus. Will er mir helfen, das Seil zu packen?

Ehe er mich oder das Seil erreichen kann, gibt es wieder einen Ruck und ich verliere die Bodenhaftung. Ich blicke hinauf und sehe, dass der Walfischleib nun fast vollständig verschwunden ist. Da ist nur noch sein Schatten – und auch der wird fadenscheinig.

Endlich verstehe ich. Alle anderen haben den Zeppelin losgelassen, der daraufhin, frei von jedem Halt, wieder aufsteigt. Das muss es gewesen sein, was der Mann von der Besatzung herunter gerufen hat. Sie brechen die Landung ab und …

Ja, was eigentlich?

Ich packe das Seil fester und wage mich dann erst, einen Blick nach unten zu werfen. Unter mir stehen, sitzen und kauern die Männer meines Trupps. Baumann hat die Hände zu einem Trichter geformt und ruft mir irgendetwas zu, das ich nicht verstehen kann. Hier oben ist es zu laut. Der Wind heult und jammert – oder ist es das gepeinigte Schiff?

Wenn es einen Moment gegeben hat, in dem ich noch gefahrlos hätte abspringen können, dann ist er unbeachtet vorbeigegangen. Meine Höhe beträgt jetzt bestimmt schon zwanzig Meter und der ›Bodensee‹ steigt schnell. Ich höre seine Motoren nicht mehr. Vielleicht sind sie bei dem Aufprall beschädigt worden. Vielleicht steigen das Schiff und ich gemeinsam und nur von den Winden angetrieben hinauf.

Mit ein wenig Verspätung wird mir klar, was das bedeutet. Selbst wenn ich es schaffen sollte, an diesem Seil hinauf zu klettern, dann gibt es keinen Weg für mich in die Gondel. Außerdem würde ich es sowieso nicht schaffen. Die Strecke ist zu weit und das Wetter zu unnachgiebig.

Jetzt wäre wohl der passende Augenblick, um Todesangst zu bekommen. Um über all das nachzudenken, was ich verliere, weil ich an diesem Seil sterben werde.

Nur habe ich nichts zu verlieren. Familie habe ich nicht, meine Eltern sind an der Grippe gestorben und mein Bruder ist vor Verdun geblieben. Eine Braut gibt es nicht. Und meine Wirtin wird mehr der Miete als mir hinterher weinen.

Ich atme tief durch und schaue mich erneut um. Wir sind jetzt in den Wolken und unter mir ist nichts als eine undurchdringliche weiße Wand. Irgendwo dort unten ist Berlin, das weiß ich. Aber in diesem Augenblick könnte es Welten entfernt sein.

Über mir, majestätisch und unglaublich schön, schwebt der Zeppelin. Ich glaube nicht, dass man dort an Bord überhaupt meine Anwesenheit bemerkt. Es ist mir nur recht so. Nichts soll diesen Moment des Friedens stören.

Ich spüre meine Hände kaum noch. Die Kälte, hier oben noch beißender als auf dem Boden, kriecht in jede Faser meiner Haut.

Es ist schön hier oben. So schön, wie ich es mir in meinen Träumen vorgestellt habe.

Meine Kräfte schwinden rapide. Ich fühle nichts mehr vor Kälte und Erschöpfung. Nur eine wohltuende Leichtigkeit. Ich denke nicht, dass ich mich noch lange werde festhalten können.

Aber, vielleicht, nur vielleicht …

Vielleicht werde ich fliegen.

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15 Gedanken zu “Neue Kurzgeschichte: Der Traum vom Fliegen

    • Da ist die Sprache etwas mit mir durchgegangen. Passt aber ja beinahe wieder zum manchmal sehr blumigen und trivialen Sprachstil des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.

      (Man muss nur für alles eine plausible Erklärung liefern – oder es zumindest versuchen 😉 )

      Gefällt 3 Personen

      • Ich weiß, eine etwas ungewöhnliche Weise, meine Dankbarkeit für dieses Geschenk zu zeigen. 😉

        Naja „Kreischen von Metall“ kenne ich und es passt auch dazu, dass ich ein Geräusch erwarte, aber Muskeln hört man normalerweise nicht.

        In der Tat kenne ich mich jedoch nicht mit Geschichte aus und vllt. hat man das früher so gesagt. 😉

        Auf jeden Fall eine tolle, lebendige Geschichte, die ich sehr gern gelesen habe.

        Gefällt 1 Person

      • Keine Sorge, ich habe das in keiner Weise negativ aufgefasst und freue mich, dass die Geschichte dir gefallen hat.

        An der Stelle geht es sprachlich weniger um Geschichte als solches, sondern um den Jargon, den man damals in den Groschenheften antreffen konnte. Da hätte das durchaus hingepasst.

        Aber ich muss auch zugeben, dass ich hier stilistisch zumindest unsauber bin. Entweder ich hätte das komplett so durchgezogen, oder es draußen gelassen.

        Aber jetzt steht es da nun einmal so und so bleibt es jetzt auch. Beim nächsten Mal passe ich besser auf 😉 .

        Gefällt 1 Person

  1. Tolle Geschichte, gefällt auch mir sehr. Ist das die, die nicht in einem „Runterschreiben“ entstanden ist, was Dir Sorgen bereitete? Da können wir Dich aber locker beruhigen. Im Gegenteil, mir kommt die Story sogar reifer und literarischer (natürlich im positiven Sinne) vor als frühere Geschichten, die ich hier lesen durfte. Kritik nur wenig: Mir sind’s ein paar abgelutschte Adjektive zu viel (freie Blick unendliche Weiten, dichte Wolken – das nur in den ersten Zeilen). Und wenn die Geschichte im Arbeitermilieu Berlins spielt, sollte vielleicht einer wenigstens auch Dialekt sprechen. Das würde auch die Zuordnung am Anfang vereinfachen (sind ja ziemlich viele, ist eine große Mannschaft, selbst der Name des Ich-Erzählers wurde mir erst spät klar). Aber das ist Pillepalle. Overall: Große Story!

    Gefällt 2 Personen

    • Vielen lieben Dank für deine Worte!

      Ja, das ist exakt die Geschichte, die erst in mehreren Etappen geschrieben werden wollte/konnte. Ob sie reifer ist, kann ich selbst natürlich schlecht beurteilen, aber es freut mich sehr!

      Dein „Pillepalle“ empfinde ich gar nicht so und kann ich auch nachvollziehen. Gerade, was den Dialekt angeht, habe ich auch mit mir gehadert. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich nun mal so gar keine Ahnung vom Berliner Dialekt habe und ich nicht irgendwas radebrechen wollte, was am Ende vielleicht lächerlich klingt. Wieso musste der blöde Zeppelin auch in Berlin seinen Unfall bauen und nicht in, sagen wir, Bochum? 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Lieber Michael

    Besonders schön finde ich, dass die Geschichte rasant an Fahrt aufnimmt und es dir gleichzeitig gelingt, einzelne Momentaufnahmen so zu gestalten, dass sie dem Leser das Gefühl geben, aus der Perspektive von Friedel den Kampf um und mit dem Zeppelin in Zeitlupe zu erleben. Der Protagonist erscheint sehr authentisch und facettenreich, was spannend ist und eher ungewöhnlich für eine Kurzgeschichte. Auch das sanfte, offene Ende gefällt mir sehr gut, vielleicht gerade deshalb, weil du den Fokus von der situativen Dramatik auf die Erfüllung des Lebenstraums des Protagonisten lenkst. Rundum eine wirklich schöne und mitreißende Geschichte!

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    • Hallo, herzlich Willkommen und vielen lieben Dank für deinen Kommentar!

      Ich danke dir für die lieben Worte. Es ist immer wieder schön (und auch spannend), von Lesern zu hören, dass und auch was ihnen an einer Geschichte gefallen hat. Das Ende war übrigens, nachdem ich über die Geschichte von LZ 120 gestolpert war, das erste, was feststand.

      Hm, ich wittere hier eine Idee für einen eigenen Beitrag. Dafür noch einmal herzlichen Dank! 🙂

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      • Ach nein, ich denke nicht, dass eine Geschichte besser wird, nur weil man sie erzwingen muss. Bei mir ist es auch sehr, sehr unterschiedlich. Manchmal fließt es einfach aus mir, und jedes Wort sitzt und ein anderes Mal zweifle ich und bleibe hängen und muss mich zwingen. So ist das bei uns Kreativen!

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      • Mach mir doch nicht meinen Erklärungsversuch kaputt! 😉

        Aber du hast schon Recht. Manchmal läuft es halt einfach. Wobei ich bei Kurzgeschichten zuletzt wirklich oft die Erfahrung gemacht habe, dass die, die mir schwer fallen, bei den/einigen Lesern den besseren Eindruck machen. Keine Ahnung, woran das liegt.

        Aber wer hat schon wirklich Ahnung von Kreativität!?

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