Wenn man manchen Autoren glaubt, ist Psychotherapie ein Kinderspiel

Es ist mir schon häufiger aufgefallen und da es gerade jetzt wieder einmal soweit war, habe ich mich entschlossen, einen kleinen Beitrag darüber zu schreiben. Es geht um das Thema Psychotherapie, bei dem ich, wie ihr wisst, ein wenig mitreden kann. Ohne in die Details zu gehen: Ich habe ein erkleckliches Quantum an Therapeuten sowohl im klinischen als auch im ambulanten Setting kennengelernt und gleichwohl auch eine große Zahl an von psychischen Krankheiten Betroffenen. Das macht mich nicht zu einem Experten, aber zu jemandem, der zumindest merkt, wenn etwas nicht ganz der Realität entspricht.

Viele Betroffene, die sich, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, an einen Therapeuten oder eine Therapeutin wenden, begegnen diesem Schritt mit einer gehörigen Portion Skepsis – und oft leider auch überzogenen Erwartungen oder gar falschen Vorstellungen.

Ich kann da auf niemandem mit dem Finger zeigen, denn bei mir war es damals ja dasselbe. Ich gehörte auch zu denen, die in dem Glauben waren, dass es genügen würde, der Therapeutin ein paar Dinge aus meinem Leben zu erzählen und sie würde dann schon, in kürzester Zeit, versteht sich, die Patentlösung finden, wie ich wieder auf die normale Spur zurückfinden und mein Leben, möglichst besser, weiterleben könnte.

In diesem Zusammenhang wird häufig das Bild verwendet, dass ein Psychotherapeut über einen großen Werkzeugkasten verfügt, in dem er nur ein wenig herumwühlen muss, um das Maßwerkzeug zu finden, das genau auf die momentane Krise passt. Schnell, einfach, unkompliziert und leicht in der Anwendung.

Nun, ich habe auf die harte Tour gelernt, dass es so leicht nicht ist. Es reicht nicht, eine normierte Säge zu nehmen, um Dinge, die im Leben eines Patienten schief laufen, einfach abzuschneiden. Auch ein Hammer, um die Dinge wieder gerade zu klopfen, ist nicht leicht gefunden. Und auch wenn es sicherlich genügend Stellschrauben für einen Schraubenzieher gibt, ist man trotzdem darauf angewiesen, lange zu probieren und auch Rückschläge in kauf zu nehmen.

Dabei ist Psychotherapie doch das Leichteste von der Welt. Könnte man zumindest denken, wenn man einigen Autorinnen und Autoren so Glauben schenkt.

Ich möchte auf niemandem mit dem Finger zeigen, deswegen nenne ich keine konkreten Beispiele. Aber es gibt etliche Fälle, in denen Patienten, die zu einem Therapeuten gehen, entweder einfach als unfähig beschrieben werden, das zu erkennen, was doch direkt vor ihrer Nase liegt, oder als naiv, so dass es fast schon an Dummheit grenzt, dass sie ihre Probleme nicht von alleine in Ordnung bringen.

Das alleine ist schon schlimm genug, aber oft kommt noch dazu, dass der Prozess einer Therapie oder auch einer einzelnen therapeutischen Sitzung so vereinfacht dargestellt wird, dass falsche Vorstellungen beinahe zwangsweise geweckt werden.

Bewusst wurde mir das, als ich mir dieser Tage einige Folgen einer deutschen Fernsehserie vom Anfang des Jahrtausends ansah. In dieser Serie tritt unter anderem eine Psychotherapeutin auf, allem Anschein nach eine Verhaltenstherapeutin. Das sind die, die, wirklich ganz grob ausgedrückt, einen wesentlichen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit darauf legen, ihrem Klienten bei konkreten Problemen Anregungen und mögliche Ansätze mit auf den Weg zu geben, mit denen er vielleicht diese Probleme in den Griff bekommen kann.

Dabei – und das ist ganz wichtig – wird aber nicht wild ein Kalenderspruch an eine Zeitschriftenweisheit gereiht und der Patient seines Weges geschickt. Vielmehr hat sich, im günstigsten Fall, bereits eine derartige Beziehung zwischen Therapeut und Klient gebildet, dass dieser in die Lage versetzt ist, den Klienten so zu unterstützen, dass er nicht sofort wieder aufs Neue überfordert wird und dadurch eine weitere negative Erfahrung sammelt. Das ist ein Prozess, der einige Sitzungen in Anspruch nimmt. Nicht umsonst sind die meisten Therapien durchaus mit einem mittel- bis langfristigen Zeitrahmen veranschlagt.

Kommen wir zu der bewussten Fernsehserie zurück. Dort haben die für das Drehbuch zuständigen Autoren die eine oder andere Abkürzung genommen, wie sie zwar das Format bedingt, bei denen mir aber wieder einmal deutlich wurde, wieso viele Menschen mit einem falschen Bild von einer Psychotherapie durch die Welt gehen.

Ein Beispiel: Eine Patientin kommt zu der Therapeutin und schildert, dass sie sich unwohl, unbeachtet und traurig fühlt. Die Analyse der Therapeutin besagt, dass die Patientin unter ihrer sozialen Vereinsamung leidet und sich aus diesem Gefühl heraus ihre Depression entwickelt hat. Bis hierher nachvollziehbar.

Dann aber kommt das sinnbildliche Werkzeug zum Einsatz und es ist ein mittlerer Vorschlaghammer. Die Frau soll in die Fußgängerzone gehen und, einfach so, jemanden ansprechen, um mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen.

Wohlgemerkt: Das ist das Resultat der allerersten Sitzung der beiden! Selbst wenn die genaue Anamnese natürlich nicht in ihrer Ausführlichkeit gezeigt werden kann, ist das eine, sagen wir mal, sportliche Leistung. Da verwundert es nicht, wenn die Sache vollkommen aus dem Ruder läuft und die Patientin am Ende ihre Familie verlässt, weil sie sich mit dem Mann, den sie schließlich angesprochen hat, eine wilde Affäre leistet. Was die Therapeutin, immerhin, in heftige Gewissensnöte bringt.

Das alles ist natürlich auf den Lacher hin konstruiert und ich kann mich auch darüber amüsieren. So ist es ja nicht. Aber mir wurde klar, dass es das sehr häufig gibt: Therapeuten, die ihre Patienten losschicken, sich in genau die Situationen zu begeben, die zum Kern ihres Problems gehören. Patienten, die hoffnungslos überfordert sind und im richtigen Leben wahrscheinlich einen Knacks fürs Leben bekommen würden, weil das Leben eben kein Drehbuch hat.

Ich kann darüber lachen, sehe es aber dennoch mit Skepsis. Denn nicht nur bei den Patienten werden eventuell falsche Erwartungshaltungen erzeugt, sondern auch bei ihrem Umfeld, was noch wesentlich katastrophaler ist.

Es ist für einen Betroffenen schon schwer genug, mit seiner Familie, mit seinen Freunden und Bekannten und nicht zuletzt auch mit seinem Arbeitgeber und den Kollegen umzugehen. Wenn nun aber manche Romane und manche Fernsehserien und Filme das Bild erzeugen, dass sich die Probleme schnell und einfach und im Hauruckverfahren lösen lassen könnten, dann wird eine Erwartungshaltung aufgebaut, der weder der Therapeut noch sein Klient entsprechen können.

Mir ist klar, dass Straffungen in einer künstlerischen Darstellung notwendig sind. Dutzende von Therapiestunden sind etwas, was nicht einmal für die direkt Beteiligten immer „spannend“ ist. Oder „angenehm“. Oder „zielführend“. Aber die Quintessenz sollte meiner Meinung nach sein, vor allem die Patienten so darzustellen, dass ihre Probleme ernst genommen werden und die Begleitung durch den Therapeuten vertrauensvoll und professionell dargestellt wird.

Psychotherapie kann manchmal durchaus auch ihre lustigen Seiten haben. Mein Therapeut und ich reden manchmal miteinander, als ob wir einen Wettbewerb laufen hätten, wer den besseren Oneliner unterbringen kann. Aber das sind Momentaufnahmen und weder die Regel, noch der Lösungsansatz.

Ich würde mir wünschen, dass Autoren und Autorinnen sich hier auch ihrer Verantwortung ein Stück weit bewusst sind. Um einen weiteren, viel gehörten, Vergleich zu bemühen: Wenn der Patient einen Herzinfarkt hätte, würde auch nicht gezeigt, wie der Arzt ihn zum Joggen schickt, damit die Pumpe wieder richtig ans Arbeiten kommt. Oder wenn er sich das Bein gebrochen hat, dann wird es ihm nicht amputiert, um ein paar Rollstuhlfahrerwitze bringen zu können.

Ich weiß, dass es leichter ist, Beziehungen zwischen Therapeut und Klient im anekdotenhaften zu erzählen. Ich habe mit „Das Haus am See“ selber ein Manuskript in der Schublade liegen, das sich an Erfahrungen, die ich gemacht habe, orientiert. Und bei dem es mir verdammt schwer gefallen ist, nicht in den Tonfall abzugleiten, in dem man sich auf dem Klassentreffen erzählt, wie witzig doch diese oder jene Situation gewesen ist. Oder jedenfalls nicht zu häufig darin abzugleiten.

Mein kleiner Beitrag, der – sorry – schon ganz schön ausgeufert ist, ist nicht dafür gedacht, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Es gibt auch eine Menge Autorinnen und Autoren, die Wert auf eine realitätsnahe Darstellung legen. Und das weiß ich sehr zu schätzen.

Psychotherapie ist kein Kinderspiel. Nicht für den Patienten und nicht für seinen Therapeuten. Sie ist eine anstrengende Sache, der man aber auch nicht mit Bierernst begegnen muss. Nur sollte man wissen, was man da tut. Und welche Erwartungen man weckt. Oder zerschlägt.

Das wollte ich einfach mal gesagt haben 🙂 .

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10 Gedanken zu “Wenn man manchen Autoren glaubt, ist Psychotherapie ein Kinderspiel

  1. Leider gibt es auch eine Menge Therapeuten, die ihre Verantwortung zu leicht nehmen. Bei denen jeder Topf sofort seinen Deckel kriegt, bei denen nach den ersten Sätzen des Patienten eine Übertragung aus eigenen Erfahrungen einsetzt. Danach hat der Leidende nach den Gesprächen eher mehr Probleme als vorher und soll welche anerkennen, die gar nicht die seinen sind. Ich möchte auch klar unterscheiden zwischen Psychiatern und Psychotherapeuten sowie zwischen verschiedenen Ausbildungsformen. Jeder Fall ist anders, jeder Mensch reagiert anders und es gibt keine Patentrezepte. Deshalb sind mir auch jegliche Ratgeber ein Graus.

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    • Natürlich gibt es auch die von dir beschriebene Sorte Therapeuten. Ich hatte da vor Jahren mal ein probatorisches Gespräch bei einem Verhaltenstherapeuten, der mir in den ersten fünf Minuten sagte, dass ihn meine Vergangenheit 0,0 interessieren würde und er nichts darüber hören wolle. Unsere Wege trennten sich dann wieder.

      Die Beziehung zwischen Therapeuten und Patient muss von Vertrauen geprägt sein, von gegenseitiger Achtung und auch von Verständnis. Sonst wird das nichts.

      Auch die von dir beschriebenen Unterschiede sind wichtig. Das wollte ich aber nicht bis ins Detail ausführen, weil es an der Stelle zu weit geführt hätte. Darüber können andere Blogger besser berichten als ich 🙂 .

      Schön war in diesem Zusammenhang auch mein erster Psychiater, der mir nach einem Klinikaufenthalt sagte, Psychotherapie wäre ja mehr so eine Wellness-Sache. Hat dann auch nicht mehr lange gehalten, unsere Zusammenarbeit …

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  2. Hab mich bestens amüsiert bei diesem Beitrag 😂 meine erste Therapeutin hat das so mit mir gemacht und mich ständig in solche Angst Situationen hinein geschickt.. Und wenns nicht geklappt hat wie sie sich das dachte war es meine schuld, weil ich das und jenes ja nicht so hätte empfinden dürfen. Am Ende hab ich sie nur noch belogen, genickt und gelächelt und nach 6 Monaten abgebrochen. Danach hab ich es noch einmal woanders probiert, lief aber ähnlich. Verhaltenstherapie ist sowieso für Arsch wenn die Wurzel woanders liegt und man eigentlich tiefenpsychologie bräuchte. Bribgt mir nämlich nix michbdurch das Leben zu schummeln. Das kann ich seit Jahrzehnten auch so und ist Teil meiner Probleme. Egal… Jedenfalls hab ich festgestellt das ich besser allein klar komme als mit fachidioten 😂

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    • Ich sehe und verstehe ja durchaus den Sinn von diesen Trainings. Man kann eben spezifischen Problemen nur bis zu einem gewissen Grad rein intellektuell zu Leibe rücken. Aber die Belastungsproben müssen zwingend gut vorbereitet – und auch gut geplant sein.

      Da fällt mir immer eine Mitpatientin aus dem ersten Klinikaufenthalt ein, die Probleme mit öffentlichen Verkehrsmitteln hatte. Da hat die Therapeutin sie auch Bus fahren geschickt. War auch okay so. NICHT okay war, dass die Therapeutin sie prompt in den falschen Bus gesetzt hat und deswegen natürlich nicht an der vereinbarten Endstelle auf sie warten konnte. Im Nachhinein war nicht mehr feststellbar, welche von beiden Frauen mehr Blut und Wasser geschwitzt hat.

      Ich habe für mich auch die Erfahrung gemacht, dass es gut war, erst die tiefenpsychologische Therapie zu machen und dann in die Verhaltenstherapie zu wechseln. Ansonsten würde die mir nämlich so „viel“ bringen, wie es bei dir wohl war. Und wenn dann auch noch die Therapeutin ein unsensibles Trampeltier ist …

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  3. Frau Traumenit schreibt:

    Ich habe gerade noch überlegt, dass die Patientendarstellung in deinem Beispiel schwierig ist, so nach dem Motto: „Geh doch einfach mal Kaffee trinken – dann wird das auch wieder!“ Das spielt auch Depressionen stark runter.
    Und genauso, wie man bei Zeiten seinen Hausarzt wechselt, sollte auch in medialer Darstellung klar werden, dass in einer Therapie erst eine Vertrauensbasis entstehen muss, bevor die eigentliche Arbeit los geht. Das kann man in einem Nebensatz selbst in einem kurzen Drehbuch mal erwähnen – du hast ja auch in einem recht kurzen Text darauf hingewiesen.

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