Der Sonntagsreport vom 22.10.2017: Lasst uns eine Drehtür einbauen

Kennt ihr das, wenn es sich so anfühlt, als ob es Sinn machen würde, die heimische Tür aus festem Holz (oder Metall, oder Glas, oder wasauchimmer) durch eine Drehtür zu ersetzen? Ganz einfach, weil gefühlt alle zehn Sekunden jemand anderes herein kommt und wieder heraus geht? Und nein, ich spreche noch nicht einmal vom Kater, auch wenn der sich an manchen Tagen sicher sehr über eine Katzenklappe freuen würde – die er nicht bekommt, aus Prinzip nicht. So alt, wie unser tierischer Mitbewohner ist, kommt er prompt in den Katzenhimmel, wenn wir die Klappe für teuer Geld haben einbauen lassen. Lohnt also nicht.

Nein, ich hatte euch doch vor einigen Wochen davon berichtet, dass bei uns in Kürze eine neue Küche einziehen wird. Und dieses „in Kürze“ ist in der kommenden Woche. Weil wir, meine Frau und ich, aber nicht nur eine neue Küche ins Auge gefasst haben, sondern auch noch das eine oder andere kleine oder große Projekt am Haus, geben sich hier die Vertreter verschiedener Handwerksbetriebe die Klinke in die Hand.

Dabei kann man erstaunliche Sachen erleben, wenn man sich die Mühe macht, den einen gegen den anderen Handwerker ein wenig auszuspielen. Beliebtestes Mittel der Wahl ist da immer die Debatte über den Preis.

Jetzt bin ich ja niemand, der jeden Pfennig zweimal umdreht (»nein, dreimal«, sagt meine Frau im Hintergrund), aber so ein wenig achte ich dann schon auf Preis und Leistung. Und da fand ich den Preisunterschied für das Terrassendach, das wir uns diese Woche haben skizzieren lassen, schon beachtlich.

Ich meine, vielleicht gibt es ja gute Gründe, warum das Dach einmal runde 11.000 Euro kosten soll und dabei noch nicht einmal so montiert werden kann, wie wir das gerne hätten, und das andere Dach kostet nur ein Drittel dieses Preises inklusive der von uns gewünschten Montage. Beide Unternehmen sind langjährig aktive Handwerksbetriebe mit entsprechenden Referenzen. Es ist einfach nicht nachvollziehbar.

Ich habe da im Stillen für mich eine kleine Querverbindung zum Literaturbetrieb gezogen, wo es ja auch Verlage gibt, die für die Publikation eines Romans mehrere tausend Euro von einem Autor haben wollen, während andere Verlage das sogar ganz umsonst machen! Ist das zu fassen? Man rechne sich mal aus, was für eine Marge da drin steckt. Dagegen ist der Mensch mit seinem 11.000-Euro-Terrassendach ja sogar noch günstig.

Aber ich muss gestehen, dass es mir so langsam doch ein wenig zu viel wird mit den Handwerkern. Nicht, weil das keine netten Menschen wären. Im Gegenteil: Wenn sie einem etwas verkaufen wollen, sind sie sogar die nettesten Menschen der Welt. Man schämt sich fast dafür, ihnen zu unterstellen, dass sie nur so nett sind, weil sie eben etwas verkaufen wollen. Aber ich bekomme langsam ein nervöses Augenzucken, wenn jemand einen Zollstock auspackt, um mal eben etwas ausmessen zu wollen.

Wäre es nicht schön, wenn das für Autoren auch so wäre? Also vor allem für Autoren meiner Kragenweite, die auf dem Weg zur ersten Veröffentlichung sind, aber noch lange nicht an einem Punkt, an dem man davon reden könnte, dass sie so etwas ähnliches wie einen Status besitzen.

Ich denke an eine Drehtür, durch die den ganzen Tag Agenten, Verlagsvertreter und Presseleute kommen und alle wollen etwas von einem. Bis es irgendwann so viele sind, dass man sich fast seine feste Tür wieder wünscht.

Aber das wird nicht passieren. Es werden weiter wir Autoren sein, die Klinken putzen müssen. Und die Türen, auf die wir stoßen, werden oft aus Materialien wie Eisen, Stahl, Beton oder Felsgestein sein. So dass man entweder eine Spitzhacke oder einen Schneidbrenner braucht, um hinein zu kommen.

Bis auf die wenigen von uns, die es wirklich schaffen, sich einen „Namen“ zu erschreiben. Und ich gönne es jeder und jedem von Herzen, es zu schaffen. Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, von außen an der Tür zu kratzen und niemand macht auf. Das habe ich unserem Kater abgeschaut, der immer so tut, als wäre er verstoßen worden, wenn nicht binnen Sekunden jemand vor ihm materialisiert und die Türe öffnet. Und wehe, man ist dann nicht binnen weiterer Sekunden an den Futtertöpfen angekommen!

Also: Auch wenn die Drehtür ein Wunschtraum bleibt, sollten wir Autoren weiter dran bleiben. Und uns so teuer wie möglich, aber so realistisch wie nötig, verkaufen. Wir sind die mit dem Premium-Produkt zum guten Preis. Und wir haben es nicht nötig, uns über den Tresen – oder das 11.000-Euro-Dach – ziehen zu lassen.

Habt eine schöne Woche, nach Möglichkeit ohne Handwerker!

Euer Michael


PS: Dieser Beitrag könnte mit Spuren von Unsinn, Ironie oder einfach erhöhter Temperatur durchsetzt sein. Ich würde Fieber messen, aber der Kater hat das Thermometer versteckt.

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Ich schreibe wie Harry Potters Mama

Das habe ich gerade bei Textflash gefunden und spaßeshalber mal mitgemacht:

Ich schreibe wie
Joanne K. Rowling

Okay, ich schreibe also wie Harry Potters Mama, auf der Basis eines Ausschnitts aus meinem aktuellen Kurzroman „Die Behüter des Wahren“. Beurteilen muss das später allerdings jemand anderes für mich, denn ich habe bis heute keines von Miss Rowlings Büchern gelesen …

Stephen King/Richard Chizmar „Gwendys Wunschkasten“ – Eine Meinung

Nachdem ich mein Lese-Dilemma dadurch beendete, dass ich tatsächlich erst brav „Relic“ ausgelesen (und dazu demnächst noch was zu sagen) habe, war dann endlich „Gwendys Wunschkasten“ von Stephen King und Richard Chizmar an der Reihe. Und in netto zwei Stunden ausgelesen.

Gut, dass es sich hierbei „nur“ um eine Kurzgeschichte handelte, das war mir ja vorher bewusst. Und das will ich dem schmalen Bändchen auch nicht zum Vorwurf machen, zumal es wirklich gut in der Hand liegt und auch recht schmuck aussieht:

Klingt das so, als ob ich andere Vorwürfe hätte? Nun ja, dieses Wort ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich muss schon sagen, dass ich ein wenig enttäuscht zurückgeblieben bin.

Aber zunächst ein paar Worte dazu, worum es eigentlich geht. Die zwölfjährige Gwendy steht auf der Schwelle zur Mittelschule und versucht verzweifelt mithilfe von Anstrengungsläufen, bis dahin ihren Bauchumfang ein wenig zu reduzieren. Nun, eher ein wenig viel. Denn sie leidet massiv unter den Hänseleien, die einige ihrer Mitschüler auf sie loslassen. Nach einem dieser Läufe wird sie von einem ihr unbekannten Mann angesprochen, der ihr einen geheimnisvollen Kasten schenkt. Dieser Kasten hat Hebel, von denen einer eine geradezu himmlische Schokolade auswirft, von der ein Stück reicht, um nicht nur satt, sondern auch irgendwie besser zu werden, der andere aber lupenreine Silberdollars ausspuckt.

Aber da sind auch noch die Knöpfe und die haben es wirklich in sich, wie der Mann verrät. Jeder Knopf steht für einen Kontinent. Und dann gibt es noch einen roten Knopf, der einem einen Wunsch erfüllen kann. Nur den schwarzen, den sollte man besser ganz schnell wieder vergessen …

Die Geschichte wird auf dem Buchrücken groß angekündigt als „Wiedersehen mit Castle Rock“. Ein Name, der King-Fans elektrisiert wie nur wenige andere Städtenamen aus seinem umfangreichen Werk. Nachdem ich mit dem Buch durch bin muss ich allerdings sagen, dass es vollkommen egal ist, wo die Geschichte spielt. Sie könnte genauso gut auch in Shitty Place, North Dakota spielen und es würde keinen Unterschied machen. Lokalkolorit wird hier mehr behauptet als erzeugt.

Dieses Manko teilt die Geschichte leider auch mit einigen Punkten in der Erzählweise. Dieses Wort drückt nämlich schon ganz schön aus, was ich meine: Viele Dinge werden im Text mehr erzählt, als dass sie gezeigt werden. Das macht es stellenweise alles andere als leicht, sich in Gwendy oder das, was sie erlebt, hinein zu versetzen. Vor allem aber der zweiten Buchhälfte rauschen so viele Geschehnisse wie in einem Zeitstrahl an einem vorbei, ohne dass sie wirklichen Eindruck hinterlassen. Der Bruch mit der besten Freundin? Ist halt so. Das Kennenlernen ihres ersten echten Freundes? Ja, kann halt passieren. Und der große dramatische Moment am Ende ist praktisch vorbei, bevor er wirklich begonnen hat.

Abgesehen von ihrem Kasten, der je nachdem mal Segen und mal Fluch zu sein scheint, ist Gwendys Leben eigentlich ein ziemlich normales. Und da spielt King natürlich seine volle Erfahrung als jemand aus, der es gewohnt ist, uns das Leben von normalen Menschen so zu erzählen, dass wir mit Interesse bei der Sache bleiben.

Dass der große Knalleffekt für mich am Ende ausgeblieben ist, mag für andere Leser anders sein. Es ist immer auch eine Frage der Erwartungshaltung. Und da hatte ich mir von „Gwendys Wunschkasten“ anhand der im Text gemachten Andeutungen (man denke an den ominösen schwarzen Knopf) einfach mehr versprochen.

Es gibt ja Stimmen, die King schon seit langem ein, wie soll ich sagen, sehr aufgeschlossenes Verhältnis gegenüber dem Generieren neuer Einnahmequellen unterstellen. Und die werden sich jetzt wahrscheinlich wieder alle melden und die Frage stellen, wieso es unbedingt eine Soloveröffentlichung dieser Geschichte gebraucht hat, wieso sie nicht auch in den sicher irgendwann kommenden neuen Kurzgeschichtenband integriert werden konnte.

Ich kann diese Stimmen leider nicht verstummen lassen, denn die Frage ist legitim. „Gwendys Wunschkasten“ hat bis auf die, für mich als Leser der Übersetzung sowieso kaum erkennbar nachvollziehbare, Beteiligung von Richard Chizmar, kein Alleinstellungsmerkmal, das sie von den zuletzt veröffentlichten Kurzgeschichten unterscheidet. Aber nun gut, es wird ja niemand zum Kauf gezwungen, wie es so schön heißt.

Bedauert habe ich den Erwerb des kleinen Bandes nicht. Aber ich werde ihn sicherlich auch nicht so bald wieder in die Hand nehmen, um ihn erneut zu lesen, weil es einfach nicht viel in ihm zu entdecken gibt. Das kann man schade finden, muss es aber nicht.

Ich stelle „Gwendys Wunschkasten“ jetzt ins Regal und freue mich auf den November. Da erscheint mit „Sleeping Beauties“ schon der nächste große Roman von Stephen King, dieses Mal zusammen mit seinem Sohn Owen verfasst.

Links, rechts, egal!? Die Buchmesse und die Radikalen

Eigentlich …

Die Straße der guten Vorsätze ist mit Backsteinen aus „eigentlich“ gepflastert. Denn eigentlich wollte ich mich aus der Betrachtung der Geschehnisse auf der Frankfurter Buchmesse heraus halten. Ich bin nicht dabei gewesen und aus der Ferne ist es immer schwer, einen wirklich differenzierten Kommentar abzugeben. Die eigene Meinung wird zwangsläufig durch das was man liest und wo man es liest beeinflusst.

Also, obwohl ich eigentlich meinen Mund dazu halten wollte, nehme ich ein heute erschienenes Interview des „Neuen Deutschland“ mit Kathrin Grün von der Kommunikationsabteilung der Frankfurter Buchmesse zum Anlass, doch ein paar Worte dazu zu schreiben. Ganz einfach, weil ich das Interview für größtenteils sehr offen und fair geführt halte (mal abgesehen von der sehr reißerischen Überschrift), auch wenn natürlich zu jeder Zeit deutlich ist, dass der Fragesteller eher links verortet ist.

Aber zunächst noch einmal in Kurzform zu dem, was passiert ist: Auf der Frankfurter Buchmesse kam es am Samstag zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der rechten Szene und Gegendemonstranten bei verschiedenen Veranstaltungen der Neuen Rechten. Diese wurden teils durch massiven Polizeieinsatz begleitet, bis schließlich eine dieser Veranstaltungen abgebrochen werden musste. Des Weiteren kam es zu einem tätlichen Übergriff auf einen Verleger. An den Vortagen waren Messestände rechtsgerichteter Verlage beschmiert oder schlicht „leer geräumt“ worden.

Und am Ende haben wir eine Situation, in der alle auf alle zeigen und jeder jeden für verantwortlich befindet. Dabei hat es der Buchmesse sicherlich nicht geholfen, dass man sich in den ersten Statements zumindest unglücklich ausgedrückt hat.

Ich habe ja bereits vor der Buchmesse darauf hingewiesen, dass ich grundsätzlich die Meinungsfreiheit als ein hohes Gut ansehe und diese – bei allen Magenschmerzen, die ich persönlich deswegen habe – zunächst auch für rechts gerichtete Verlage oder Autoren gilt. Wer möchte, kann die Diskussion dazu gerne hier nachlesen.

Mit dieser Ansicht liege ich, wenig überraschend, auf der offiziellen Linie der Buchmesse selbst. Was man sich vielleicht im Hinterstübchen für Gedanken macht, kann von meiner Seite aus nicht beurteilt werden.

Was mir aber zu denken gegeben hat, ist in der Tat der Fakt, dass für einen neutralen Beobachter (so es diese denn überhaupt gibt, aber ich denke da zum Beispiel auch an ausländische Medienvertreter) manchmal nicht recht zu erkennen war, wer bei diesem Konflikt nun eigentlich die „Guten“ oder die „Bösen“ gewesen sind.

Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen. Körperliche Gewaltanwendung ist der Punkt, ab dem es keine Diskussion mehr darüber geben kann, ob hier nun jemand auch oder genauso provokant aufgetreten ist, wie die Gegenseite. Wenn ein Mensch verletzt wird, nur weil er von eben dieser freien Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat, um die es in dieser Debatte hauptsächlich geht, dann ist die Grenze überschritten und ich hoffe, dass der dafür Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Aber ich kann auch die Aussagen der Buchmesse verstehen, die sehr deutlich darauf hinweist, dass die Provokationen gegenseitig waren. Und hier haben sich, leider, vor allem die Gegner der rechten Verlage nicht mit Ruhm bekleckert.

Denn jetzt mal ehrlich. Welchem Kindergarten ist denn die Idee entsprungen, die Stände eines Verlages und einer Zeitschrift leer zu räumen? Und welchem Rowdy fiel ein, die Stände mit Parolen zu beschmieren?

Ich kann es ja verstehen und in gewissem Sinne auch nachfühlen. Aber ich sehe eben auch, dass man sich mit solchen Aktionen nicht wirklich auf die moralisch sichere Seite eines Konfliktes stellt, bei dem es, meiner Meinung nach, sehr wohl auch um ein moralisches Bild geht, das man abgeben sollte. Denn die Sprecherin der Buchmesse hat Recht, wenn sie sagt, dass man den Auftritt eines Björn Höcke nicht unterbinden kann, weil er eben der Landesvorsitzender einer dort auf demokratischen Weg gewählten Partei ist. Man kann höchstens hinterfragen, ob es moralisch zu verantworten ist, wenn man Leuten wie Höcke, aber auch Autoren wie Akif Pirinçci, die sich beide bereits mehr als einmal deutlich gegen eine weltoffene Kultur positioniert haben, ein Forum gibt.

Das Problem bleibt bestehen, wie bereits früher angesprochen. Mit jeder nicht durch die Verfassung gedeckten Aktion, die man gegen die Rechte fährt, drängt man sie mehr in eine Märtyrer-Position. Und wenn es etwas gibt, worauf die Anhänger dieses Gedankenguts besonders abfahren, dann sind es Märtyrer. Das war schon immer so und das wird wohl auch immer so sein. Leider.

Heißt das jetzt, dass man nichts gegen die Rechten auf der Buchmesse unternehmen kann? Jein. Man kann ihnen, dazu stehe ich, nicht mit Ausschluss und Verboten begegnen. Denn dann müsste man sich als Messe in jedweder Beziehung politisch neutralisieren. Was meinem Verständnis von Literatur vollkommen zuwider läuft.

Was wir, und damit meine ich alle im weitesten Sinne Kulturschaffenden, vielmehr brauchen, ist eine gesteigerte Rechtssicherheit. Also eine Aussage dazu, was geht und was eben nicht mehr geht. Wie die Messe selber sagt: Solange ein Werk nicht verboten ist, darf eine Zensur nicht stattfinden. Wenn ein Werk nun aber zu verbieten wäre, dann müssen die entsprechenden Instanzen, die es ja gibt, auch entsprechend schnell tätig werden.

Jeder von uns kann und sollte seinen eigenen kleinen Beitrag leisten. Dazu zähle ich aktive Gegenwehr gegen rechtspopulistische Strömungen in unserer Gesellschaft. Auch zähle ich dazu die Solidarisierung mit allen, die durch die Anhänger dieser Strömungen diffamiert, diskriminiert oder ausgegrenzt werden.

Wir müssen nur scharf aufpassen, dass wir die Trennlinie nicht überschreiten zwischen dem, was moralisch richtig ist und dem, was uns selber in unserer Haltung angreifbar macht. In Frankfurt wurde diese Linie, nach allem, was ich weiß, leider stellenweise überschritten. Und am Ende sitzen die Populisten auf der Bühne und freuen sich einen Keks, dass sie die weltweite Aufmerksamkeit auf ihrer Seite haben und irgendwo, an irgendeinem Stammtisch, ein weiterer Mensch beschließt, ab sofort die AfD zu wählen.

Darin sehe ich die wahre Gefahr.

Thema Sicherheit: Und dann macht es KRACK

Heute wird es ein wenig technisch auf diesem Blog, aber wirklich nur ein wenig, weil ich einfach schamlos die relevantesten Infos verlinken werden, sofern sie jetzt schon vorliegen. Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, wenn ich versuche, Sachverhalte in umschreibende Worte zu kleiden, für die Experten in diesen Dingen schon passende Worte gefunden haben.

Seit gestern geistert ein Begriff durch das Internet, der sich so liest, als sei er aus der Übersetzung eines Donald-Duck-Comics entsprungen: KRACK. Ich hatte das zuerst allerdings gar nicht mitbekommen, weil ich gestern direkt nach dem Job schon wieder unterwegs war, um mir mit den „Female Voices 2017“ ein Rock-/Metal-Minifestival in Bochum anzuhören. Deswegen trafen mich die alarmierenden Neuigkeiten unvorbereitet.

KRACK steht für „Key Reinstallation Attack“, also in etwa „Attacke durch Neuinstallation des Schlüssels“. Es bezieht sich auf das (bis jetzt?) sicherste Verfahren zur Verschlüsselung von WLAN-Funknetzen, den sogenannten WPA2-Standard, der in eigentlich allen moderneren Servern und Clients Verwendung findet, die drahtlos miteinander kommunizieren.

Bis jetzt hatte man geglaubt, dass WPA2 de facto nicht zu kompromittieren sei, auch wenn es immer mal wieder gegenläufige Aussagen gab. Jedenfalls galt das hinterlegte Passwort als sicher und aufgrund der Verschlüsselung für nicht knackbar.

Und das ist das „komische“ an dieser neuen Art der Attacke: Das Passwort ist wohl nach wie vor sicher, denn der potentielle Angreifer setzt an einer ganz anderen Stelle an. Dazu muss ich doch ein wenig technisch werden, fürchte ich.

Das WLAN-Signal wird durch einen Server, in den meisten Fällen einen Router (etwa die Speedport-Modelle der Telekom oder die Fritz!Boxen von AVM) ausgestrahlt. Der Client, also das Gerät, welches das Signal auffängt und sich gerne verbinden möchte, sendet nun seinerseits, dass er da ist und Kontakt haben will. In Folge beginnen die beiden Geräte eine Art Austausch miteinander darüber, ob sie kompatibel sind, ob der Client das Kennwort kennt, usw.

Unter anderem tauschen die beiden Geräte auch eine Session-ID miteinander aus, die nichts anderes bedeutet, als dass die Geräte für die Dauer dieser Sitzung miteinander verbunden bleiben können. Und hier setzt nun der Designfehler in WPA2 an, der es möglich macht, die weiteren sicherheitsrelevanten Schritte zu umgehen: Der Angreifer kann sich einklinken und kann die übermittelte Session-ID ein weiteres Mal verwenden. Dies öffnet ihm Tür und Tor auf den Datenaustausch zwischen dem Client und dem Server – ganz ohne Kenntnis des Passwortes.

Besonders betroffen von dem Problem sind, nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge, Geräte, die auf Linux- oder Android-Basis arbeiten. Hier soll es teilweise sogar möglich sein, die Session-ID mit Nullwerten auszuhebeln.

Eine positive Nachricht gibt es allerdings auch: Verschlüsselter Datenaustausch, im Browser erkennbar an dem Präfix https:// bzw. auch, je nachdem, an einem geschlossenen Sicherheitsschloss, kann nicht mitgehört werden. Dementsprechend braucht sich also wohl niemand Sorgen um seine Geschäfte im Online-Banking zu machen.

Die negative Nachricht ist allerdings, dass durch die Art des Fehlers ein Update der Software des Servers, also des Routers, nicht ausreichen wird. Vielmehr müssen alle Clients einzeln versorgt werden. Und das ist Aufgabe des Herstellers.

Für die großen PC-Betriebssysteme liegen wohl bereits entsprechende Patches vor, wenn man den Meldungen Glauben schenken kann. Schwieriger wird die Lage bei den 1397 verschiedenen Smartphone-Varianten, die dort draußen im Umlauf sind. Viele werden von ihren Herstellern gar nicht mehr gepatcht oder wenn doch, dann vielleicht erst in Monaten.

Aber weswegen ich den Fall überhaupt hier, auf einer dem Schreiben und dem Lesen gewidmeten Seite, in epischer Breite auswalze, ist das: Denkt nur einmal an all die eReader, die ihr zum Lesen benutzt. Denkt an WLAN-Drucker, auf denen ihr eure Manuskripte ausdruckt. Denkt an das obskure China-Netbook, auf dem ihr eure Texte schreibt.

Ob alle diese Geräte ein Update erhalten werden? Ich fürchte, dass nicht. Zumindest kann ich es mir für mein China-Netbook nicht vorstellen (wobei, bevor das Argument wieder kommt, die Lage bei einem Aldi-Netbook wahrscheinlich nicht rosiger aussähe). Und auch Amazon wird mich wohl eher zum Kauf eines neuen Kindle-Fire auffordern, als noch einen Patch für mein Tablet der dritten Generation nachzuschieben. Wie sich Brother als Hersteller meines Druckers stellen wird, wage ich noch gar nicht einzuschätzen.

Und das sind nur die Geräte, die unmittelbar mit dem Schreiben zu tun haben! Was ist etwa mit dem Amazon-Fire-TV oder dem Smart-TV, auf dem ihr eure bevorzugte Serie schaut, um euch inspirieren zu lassen? Was ist mit der Spielkonsole, auf der ihr zur Entspannung ein wenig zockt? In einigen Ecken des Internets diskutieren sie bereits über die Folgen, die KRACK für die Steuerung eines Smart-Home, also etwa eure Heizung, haben könnte.

Bis jetzt ist das alles bewiesene Theorie, nur ein Proof of Concept in einem belgischen Labor. Und es ist ein es dieser typischen Probleme der Sorte „mit Geld kann man alles lösen“. Aber dennoch ist es alles andere als trivial. Nicht zuletzt für meinen Etat.

Jetzt habe ich doch versucht, in meinen Worten zu erklären, was da eigentlich passiert ist. Trotzdem verlinke ich euch noch die Übersichtsseite von Heise Security, die ich in den nächsten Tagen etwas intensiver im Auge behalten werde. Ebenso wie die Internetseiten des einen oder anderen Hardwareherstellers. Vielleicht überrascht mich ja eine Firma wie Amazon, eine wie Teclast oder eine wie Vernee doch noch positiv.

Wenn man eines als Autor frühzeitig lernt, dann ist es, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte.

Der Sonntagsreport vom 15.10.17: Motivation aus zweiter Hand

Hallo zusammen!

Wer meinen Beitrag von gestern nicht gelesen haben sollte, in dem es darum ging, dass ich zwar nicht auf der Frankfurter Buchmesse gewesen bin, aber irgendwie dann doch dabei war, sollte dies möglicherweise nachholen, weil der heutige Beitrag eine Art Fortsetzung ist. Aber vom Grundsatz her ist er auch ohne „Vorkenntnisse“ verständlich.

Es geht um Motivation. Und vor allem um Motivation aus zweiter Hand.

Woher schöpfen wir Motivation? Im besten aller Fälle aus uns selbst heraus. Wir begeistern uns für Dinge, die uns Spaß machen, die uns am Herzen liegen. Dies sind die Sachen, auf die wir uns freuen und für die wir gerne mal den Alltag beiseite schieben (möchten). Wir brauchen niemanden, der uns sagt, dass es jetzt an der Zeit ist, sich um das Schreiben zu kümmern, oder endlich mal wieder Klavier zu spielen, oder die Musikstücke einzustudieren, die wir mit unserer Band spielen wollen.

Nein, das kriegen wir sehr gut alleine hin und meistens ist es eher umgekehrt: Wir brauchen jemanden, der uns daran erinnert, dass die Steuererklärung noch gemacht werden muss, oder dass es an der Zeit wäre, endlich mal das Bad zu renovieren, oder dass das Auto in die Waschanlage muss.

Das Letztgenannte ist eher eine externe Motivation. Auch die ist nicht unwichtig, denn sie verhindert, dass uns die Einkommensteuer um die Ohren fliegt, das Bad unter uns zusammenbricht oder es mächtig Knatsch mit der Ehefrau/dem Ehemann gibt, weil das Auto auf einmal schwarz und nicht mehr silbern ist.

Oder nehmen wir den Klassiker. Das ist natürlich der Brotberuf, dem wir nachgehen, weil die meisten von uns weder vom Schreiben, noch vom Klavier spielen oder vom Singen leben können. Das Geld muss also aus anderer Quelle kommen.

Aber was macht man nun, wenn, warum auch immer, die Motivation aus uns selbst heraus nicht funktioniert? Wenn wir uns vor die Tastatur setzen und kein Wort zustande bringen, wenn wir keinen Ton treffen und unser Gesang klingt, als wäre es ein einziges Rabengekrächz?

In solchen Momenten ist es nicht schlecht, wenn man auf Motivation aus zweiter Hand zurückgreifen kann.

Und damit schlage ich den Bogen zurück zu mir selbst und meinem Artikel von gestern. Ich war zwar nicht auf der Buchmesse, aber bedingt durch meinen „Job“ als der Mann am Twitteraccount, habe ich eine Menge an Tweets gesehen und gesichtet, eine Menge Menschen quasi „live“ vor der Linse gehabt und ein ganz merkwürdiges Konservengefühl entwickelt. Ihr kennt das bestimmt: So, als wenn man etwas im Fernsehen sieht und dennoch das Gefühl hat, dabei zu sein.

Und so kommt es, dass ein wenig dieser ganzen Freude am Buch, dieses ungemeinen Tatendrangs, den ich bei ganz vielen gespürt habe, auch auf mich übergeschwappt ist. Bis jetzt kannte ich den Effekt nur von einigen motivierenden Büchern, aber das muss ich jetzt wohl auf Buchmessetweets ausweiten.

Ich bin gespannt, ob der Effekt anhalten wird, wenn ich mich durch die Myriaden von Nachberichten lesen werde, die nun zwangsläufig überall im Internet aufpoppen werden. Es wäre wünschenswert, denn wie man sich sicher denken kann, bin ich lieber motiviert als demotiviert. Lieber zuversichtlich als skeptisch. Lieber mit Freude bei der Sache als von Selbstzweifeln gequält.

Und wie äußert sie sich nun, diese Motivation aus zweiter Hand? Wie bei mir üblich im Schmieden von vielen Plänen. Denn es ist ja nicht so, als ob ich nicht, theoretisch, ganz viele Eisen im Feuer hätte. Da sind die zwei fertigen Romanexposés, mit denen ich hausieren gehen kann. Da ist ein, an der Zielgruppe getestetes, Manuskript aus dem Bereich Kinderbuch, das ich aufpeppen kann. Da sind die beiden Kurzgeschichten und der Roman, an dem ich schreibe. Und, und, und.

Viele von den Sachen könnte ich ja sogar „nebenbei“ erledigen. Ein Anschreiben an Agenturen/Verlage ist schnell aktualisiert aufgesetzt und entweder per Mail oder per Post verschickt. Und dann muss man ja eh warten. Zeit, um andere Dinge zu tun, wie zum Beispiel zu schreiben.

Allerdings weiß ich auch, bei aller segensreichen Motivation, dass ich auf mich aufpassen muss. Ich mache gerade eine Phase durch, in der meine Kräfte sehr fragil sind. Es kann vorkommen, dass ich mich in etwas stürze, nur um dann nach zwei Tagen festzustellen, dass da keine Kraft mehr da ist. Und schon wäre ich wieder demotiviert und niedergeschlagen. Es ist nicht leicht.

Wichtig wird für mich sein, einen Mittelweg zu finden, mir Prioritäten zu setzen. Keine Luftschlösser zu bauen (da fällt mir zum Beispiel der kommende National Novel Writing Month ein, der dieses Jahr reines Gift für mich wäre).

Aber schön ist erst einmal, dass die Motivation da ist. Wenn auch „nur“ aus zweiter Hand. Aber ist nicht gerade das der Grund dafür, dass so viele von uns Autoren so einen Narren an Buchmessen und den gegenseitigen Treffen gefressen haben? Weil sich eben hieraus die Motivation mitnehmen lässt?

Darüber zu philosophieren überlasse ich jemand anderem. Seht es mir nach.

Ich wünsche euch einen guten, möglichst motivierten, Start in die Woche!

Euer Michael

Frankfurter Buchmesse: Nicht dabei, aber irgendwie doch

Wie ihr wisst, habe ich für mich recht frühzeitig die Entscheidung getroffen, nicht zur Buchmesse nach Frankfurt zu fahren. Die Gründe dafür könnt ihr hier noch einmal nachlesen, wenn ihr mögt.

Nun tobt die Messe seit ein paar Tagen und wenn man irgendwo im Internet in den Bereich „Buch“ geht, dann kommt man nicht drumherum, sich mit Menschen konfrontiert zu sehen, die da sind, die dahin wollen, die schon da waren, oder die sich grämen, dass sie nicht da sind.

Gut, könnte man sagen, dann mach halt ein paar Tage Abstinenz von diesem ganzen Internetzeug. Tut dir vielleicht gar nicht mal so schlecht, wenn man ins Kalkül zieht, dass du uns von einer generellen Überlastung erzählt hast.

Ja, wäre vielleicht eine Idee gewesen. Aber, ihr kennt mich inzwischen, ich torpediere mich ja gerne mal so ein bisschen selbst.

Ich bin ja Mitglied bei den BartBroAuthors, dem lustig-bärtigen Autorenverein, zu dem ich euch, auch nach fast einem Jahr, immer noch gefühlt einen eigenen Beitrag „schulde“. In diesem Verein gibt es, wie auch bei den Kollegen von den Kleingartenanlagen und den Kaninchenzüchtern, verschiedene Aufgaben zu erledigen, Posten zu besetzen und sonstwie Leute einzuspannen. Da beißt die Maus keinen Faden ab und es ist schwer, sich dem zu entziehen. Besonders, wenn man ein von Natur aus hilfsbereiter Mensch ist.

Als also seinerzeit vor dem Start der verschiedenen Social-Media-Kanäle des Vereins Leute gesucht wurden, die sich an der redaktionellen Arbeit beteiligen, habe ich mich für den Twitter-Kanal gemeldet. Ihr könnt im Normalfall einmal in der Woche, Samstags, live dabei sein, wie ich mir Mühe gebe, ein halbwegs brauchbares Aushängeschild für den Verein abzugeben.

Während der Messe ist die Situation ein wenig dadurch verschärft, dass die meisten Autoren, jedenfalls die meisten, die ich kenne, irgendwie dann doch den Weg nach Frankfurt gefunden haben. Dadurch ergab sich für den Twitter-Kanal die Situation, dass das ganze Wochenende abzudecken ist. Und wer eignet sich da besser als jemand wie ich, der sowieso zu Hause sitzt?

(Hinweis: Dabei war ich selber drei Stunden auf einer Messe. Halt einer, bei der es um Infos für Häuslebauer und -besitzer ging. Aber eine Messe 😉 )

Und so kommt es, dass ich jetzt regelmäßig durch ein Heer von Tweets schaue um zu prüfen, ob die sich nicht für den BartBro-Kanal als Retweet eignen würden. Und so bin ich dann auf gewisse Weise doch live dabei, sehe eine Unmenge von Fotos mit lachenden und glücklichen Menschen und …

… und frage mich, ob ich nicht vielleicht doch auch hätte hinfahren sollen.

Die Frage ist eigentlich bescheuert, denn ich wusste im Vorfeld, dass sie kommen würde. Selbst dann, wenn ich es doch irgendwie geschafft hätte, mir die virtuelle Bettdecke über den Kopf zu ziehen und einfach toter Blogger zu spielen. Dass ich nicht nach Frankfurt gefahren bin, hat ja nicht den Grund gehabt, dass ich Sorge hatte, es könne mir da nicht gefallen.

Dennoch ist da natürlich ein bisschen Wehmut mit im Spiel, was aber auch okay ist. Es wäre wahrscheinlich ein ganz schlechtes Zeichen, wenn es nicht so wäre. Denn dann wäre es wahrscheinlich so, als ob ich mit dem ganzen Business, das da zelebriert wird, innerlich ein Stück weit abgeschlossen hätte. Wenigstens für diesen einen Moment.

Habe ich aber nicht. Ich fühle mich jetzt, genau jetzt und genau hier, wo ich bin, nicht weniger als Autor, nicht weniger als Buchmensch und nicht weniger ambitioniert, nur weil ich eben hier und nicht dort bin. Trotz Träne im Knopfloch, aber mit stark bestätigender Ratio.

Also: Alles wird gut – wenn es das nicht schon ist.

Ach ja, wer sich ein Bild davon machen will, was ich da alles so für ein Zeugs twittere, der schaue doch mal auf den (auch an anderen Tagen sehr lohnenswerten) Twitter-Kanal: