Das Schreiben der Anderen: „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ von Andrea Schrader

Ich gebe zu: Wenn ich nicht „zufällig“ zusammen mit Andrea Schrader auf der 9lesen-Bühne gestanden und bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit gehabt hätte, mich von den Qualitäten ihres Romans „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ zu überzeugen, dann hätte ich vielleicht nie zu diesem Buch gegriffen. So aber konnte ich gar nicht anders, als mir nach dem Appetizer auch den Rest der Geschichte vorzunehmen


Eigentlich soll das Kind, das in einer Winternacht in Schweden geboren wird, den Namen seines Großvaters tragen. Doch eine seltsame Anomalie, ein in voller grüner Pracht stehender Baum, signalisiert seinen Eltern, dass es eine besondere Bewandtnis mit ihrem Sohn hat. Und so erhält er den überlieferten Namen Enki.

Von der Stunde seiner Geburt an ist Enkis Schicksal vorbestimmt. Sobald er alt genug dafür ist, verbringt er seine Sommerferien an einem geheimen Ort in Tibet in der Obhut von Mönchen, die ihn, sowie drei andere Kinder, in allen möglichen und auch unmöglichen Künsten unterrichten. Denn Enki ist ebenso wie Enlil aus den Vereinigten Staaten, Izila aus Deutschland und Abale aus Island ein Bote des Schicksals.

Es gibt vier Boten, wenn die Zeit gekommen ist, dass sie gebraucht werden. Sie stehen den vier Reitern der Apokalypse gegenüber, deren Erweckung dazu führen würde, dass das Buch mit den Sieben Siegeln, von denen schon in der Offenbarung der Bibel die Rede ist, gefunden und geöffnet wird. Die Folge wäre die Entfesselung der Apokalypse und das Ende der Welt.

Doch nicht die Reiter sind das vordringliche Problem der Boten, sondern die Engel und Dämonen, die in der Welt existieren und alles daran setzen, die Reiter zu finden und zu erwecken. Dabei ist es nicht etwa so, dass die alten Vorstellungen von „gut“ oder „böse“ eine Gültigkeit besäßen. Denn sowohl die Engel als auch die Dämonen wollen ihre eigene Form der Apokalypse auslösen. Egal, wer von beiden das Ziel erreicht, das Ergebnis für die Menschheit ist dasselbe.

Um ihre Ziele aus dem Verborgenen heraus zu erreichen, greifen die Dämonen und Engel in das Schicksal der Menschen ein und machen sie so zu ihren Handlangern. Den Boten des Schicksals ist die Macht gegeben, die Kraft der vier Elemente, für die sie stehen, zu benutzen und damit die Schicksalsbäume der Menschen zu bereinigen – oder um im gemeinsamen Kampf ihre Widersacher zu töten.

Doch nebenbei handelt es sich trotz allem bei ihnen um ganz normale Menschen, mit ganz normalen Bedürfnissen nach Liebe und Freundschaft. Beides wird auf eine harte Probe gestellt, als die Zeichen sich verdichten, dass bald einer der vier Reiter erweckt werden könnte …

Es ist schwer, nicht viel zu viel von der Handlung dieses Romans zu verraten, denn am liebsten möchte man die vielen kleinen Details aufzählen und sich daran erfreuen. Die Mythologie, die Andrea Schrader in diesem ersten Teil ihrer Erzählung aufbaut, verquickt verschiedene Elemente miteinander, die so perfekt ineinander greifen, dass es einfach Spaß macht, sich mit ihnen zu befassen.

Die Art, in der hier Engel, Dämonen, die Reiter der Apokalypse und die Schicksalsboten in die Handlung, die trotz aller fantastischen Einschläge klar erkennbar in unserer realen Welt spielt, eingewoben werden, ist hervorragend gelungen. Es wird darauf verzichtet, jeden Moment der Geschichte mit Symbolik oder Mystik zu überladen, was sicherlich möglich gewesen wäre – und worauf man nach dem Beginn im Tempel auch irrtümlich schließen könnte.

Selbst Fähigkeiten wie das Fliegen, die Teleportation oder die dem jeweiligen Element (Feuer, Wasser, Erde, Luft) zugeordneten Attribute verkommen auf diese Weise nicht zu Superkräften, sondern zu Gaben, die weise eingesetzt werden wollen und müssen.

Denn trotz ihrer Macht arbeiten die Boten in einer Art Undercover-Einsatz. Das ist spannend herausgearbeitet und funktioniert auf ganzer Linie. So vermischen sich neben den Fantasy-Einflüssen hier noch weitere Genreversatzstücke miteinander. Das sorgt dafür, dass auch Leser wie ich, die nicht wirklich viel Fantasy lesen, gerne bei der Stange bleiben und erfahren wollen, wie es weiter geht.

An der einen oder anderen Stelle muss man allerdings ein wenig die Augen zudrücken und einfach hinnehmen, dass das, was gerade geschieht, kein größeres Aufsehen erregt. Das fängt schon bei den Namen der vier Boten an, die eine Bedeutung besitzen, aber eigentlich für die Ohren ihrer Mitbürger sehr exotisch klingen sollten. Aber auch die Bereinigung der Schicksalsbäume beeinflusster Menschen müsste an mancher Stelle eigentlich größere Beachtung auslösen. Hierüber kann man aber, nicht zuletzt auch wegen des tollen und lockeren Stils der Autorin, sehr gut hinweg lesen. Spannend ist es allemal.

Aber wo ich von Dingen spreche, die mir nicht ganz so gut gefallen haben, muss ich auch auf den Fakt kommen, welcher diesen Roman seinen eigentlich verdienten fünften Stern gekostet hat. In Hinsicht auf einen bestimmten Umstand, den ich hier nicht spoilern möchte, verhalten sich die Boten über einen längeren Zeitraum hinweg erschreckend naiv. Das passt meines Erachtens nicht zu ihrem sonstigen Handeln und wirkt ein wenig konstruiert. Auch wenn sich die Sache am Ende gut auflöst und in ein spannendes Finale mündet, hatte ich hier einen leicht bitteren Beigeschmack beim Lesen.

Das soll aber keineswegs die Gesamtleistung dieses Auftaktromans schmälern. Der Leser bekommt tolle Charaktere, eine spannende und interessante Mythologie und einen Ausblick darauf, dass wir von den Fortsetzungen der Geschichte noch einiges erwarten können. Andrea Schrader ist mit „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ ein Roman gelungen, der schon während des Lesens Vorfreude auf den nächsten Teil macht.

Wenn ich davon ausgehe, dass die Boten aus ihrer angesprochenen Naivität lernen und in den kommenden Teilen der Serie entsprechend agieren, dann stehen uns noch tolle Romane ins Haus. Ich freue mich darauf!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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Das Schreiben der Anderen: „Das Flüstern der Pappeln“ von Julia von Rein-Hrubesch

„Das Flüstern der Pappeln“ – ein Titel, der neugierig macht, zumal die Beschreibung im Klappentext des Kurzromans verspricht, dass die Hauptfigur der Geschichte, die junge Henriette, allgemein nur Hennie genannt, einem Familiengeheimnis auf der Spur ist.

Die Familie ist dann auch das zentrale Thema dieses Buches. Hennie, die Mediendesign studiert und einige Jahre im Ausland gelebt hat, kehrt auf den heimatlichen Pappelhof zurück, wo sich in der ganzen langen Zeit so gut wie nichts verändert hat. Ihre Mutter ist geradezu manisch von ihrer Arbeit in der hofeigenen Glasbläserei besessen, fabriziert dort jedoch tagein, tagaus die selben Windfänger, was Hennie todlangweilig vorkommt.

Der Vater, ein eher stiller Mensch, arbeitet abwechselnd auf dem Hof oder in seinem eigentlichen Beruf als Informatiker, den er aus dem Home-Office heraus betreibt.

Die lebendigste Beziehung, wenn man es denn so nennen kann, hat Hennie mit ihrer Großmutter Hedi, die seit einiger Zeit in einem der Zimmer des Hauses nach mehreren Schlaganfällen auf den Tod wartet. Diese Beziehung ist deswegen lebendig, weil Hennie bei ihren täglichen Besuchen mit der alten Frau über Dinge spricht, die sie anderen gegenüber nicht einmal erwähnt. Und obwohl Hedi nicht mehr antworten kann, scheint sich ein Dialog zu entspinnen.

Und dann sind da die Briefe. Briefe, die im Abstand von jeweils genau einer Woche an ein Münchner Postfach geschickt werden. Briefe, die ihre Großmutter einst an einen gewissen Gregor schrieb und die nun unbeantwortet zurückkommen. Hennie nimmt die Briefe in Empfang und liest sie ihrer Großmutter vor – immer in der Hoffnung auf Erklärungen für das Geheimnis, das sich hinter ihnen verbirgt.

Denn ansonsten ist das Leben auf dem elterlichen Hof für sie alles andere als angenehm, denn ihr wird immerzu deutlich gemacht, dass sie die Erwartungen, welche ihre Eltern in sie gesetzt haben, nicht erfüllt. Und Hennie weiß selber nicht, wie sie daran etwas ändern soll.

Bis ihr eines Tages eine fahle Erscheinung den richtigen Weg weist …

Es ist nicht ganz leicht, der Geschichte „Das Flüstern der Pappeln“ im Rahmen einer normalen Rezension gerecht zu werden. Vielmehr handelt es sich bei dem Buch um eines von der Sorte, die ich nach dem ersten Lesen am liebsten wieder von Vorne begonnen hätte, um mir darüber klar zu werden, was ich da eigentlich gerade gelesen und dass ich auch wirklich alle möglichen Ebenen begriffen habe, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt.

Denn hier verbirgt sich unter der vordergründig sehr direkt und schnörkellos erzählten Geschichte eine ganze Menge an Subtext, der erfühlt und erfahren werden möchte. Und das meine ich im allerbesten Sinne.

Es gibt Geschichten, die von ihren Autoren so sehr mit unterschwelligen Botschaften überfrachtet werden, dass sie nicht mehr als das funktionieren, was sie eigentlich sein sollten: als Unterhaltung. Ich bin der Ansicht, dass ein Roman unterhalten sollte und wenn er es dann noch schafft, die nachgelagerte Ebene zu bedienen, ohne dass er in zwei Teile, den Subtext und die vordergründige Handlung, zerfällt, dann ist etwas Großes gelungen.

Julia von Rein-Hrubesch schafft genau dies in diesem Roman. Allerdings muss man sich darauf einlassen, dass die Ebenen hier eng miteinander verzahnt sind und sich teilweise auf derselben Seite miteinander ergänzen. Allzu leicht hätte man hier zu sehr abdriften und die Geschichte aus den Augen verlieren können. Dies geschieht allerdings zu keiner Zeit, sondern ebendiese wird konsequent weitergesponnen.

Die einzelnen Briefe, die Hennie für ihre Großmutter aus München holt, bilden dabei so etwas wie Fahnenstangen, an denen sich die Handlung orientiert. Allerdings ist von Rein-Hrubesch nicht der Versuchung erlegen, sie wirklich als eine Art Kapitelüberschriften zu verwenden. Sie begleiten Hennie auf der Suche nach dem, was sie eigentlich tun und sein will und dienen damit als neue Denkanstöße für diese Figur.

Generell die Figuren. Klar im Vordergrund stehen die Frauen der Familie, Hennie und ihre Mutter Gardi. Da prallen praktisch zwei Lebensentwürfe aufeinander, von denen der eine zwar künstlerisch, aber konservativ ist, der andere ambitioniert aber gerade stagnierend. Der Vater versucht verschiedentlich, vermittelnd einzugreifen, ist hierzu aber nicht in der Lage. Dazu kommt im Laufe der Handlung noch ein weiterer Konflikt, den ich an dieser Stelle jedoch nicht verraten möchte.

Der Roman ist mit etwa 160 Seiten nicht allzu lang geraten. Allerdings hat man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass Dinge weggelassen worden seien, die man zum Verständnis benötigt hätte. Das Umfeld, in dem Hennie sich bewegt, inklusive der am Rande auftretenden Personen, die nicht zur Familie gehören, wird sehr gut beschrieben und unterstreicht das dem Buch innewohnende Gefühl von Authentizität.

Die verwendete Sprache ist, mit Ausnahme einiger Passagen, die beinahe poetisch daherkommen, klar und ohne zu viele Schnörkel, die den Lesefluss hemmen könnten. Tatsächlich gehört „Das Flüstern der Pappeln“ zu der Sorte Bücher, die man in einem Rutsch weglesen kann, wozu auch die Länge natürlich ihren Teil beiträgt.

Mir hat das Lesen dieses Romans viel Freude bereitet und ich spreche hiermit eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Leser aus, denen eine gut erzählte Familiengeschichte mit allen kleinen und großen Dramen, die diese mit sich bringen können, wichtiger ist als Actionszene, die sich an Actionszene reiht. Doch auch Leser, denen eine rasante Handlung im Normalfall wichtiger ist als gut ausgestaltete Figuren, sollten einmal einen Blick riskieren. „Das Flüstern der Pappeln“ ist Futter für den Geist und ist Futter für die Seele.

Ein wirklich schönes Buch, dem ich sehr gerne die volle Punktzahl zukommen lasse.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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Das Schreiben der Anderen: „Hot and Spicy“ von Margaux Navara

Es ist längere Zeit her, dass ich mich auf die „dunkle Seite“ der Erotik begeben habe. Aber ein neuer Roman von Margaux Navara ist hierfür ein ebenso willkommener wie vielversprechender Anlass, bin ich doch mit den beiden Romanen, die ich bislang von der Autorin gelesen habe, mehr als gut unterhalten worden. Wie also schlägt sich (unbeabsichtigtes Wortspiel) „Hot and Spicy“ im Vergleich?

In diesem Roman machen wir die Bekanntschaft der jungen Darleen. Und wir treffen sie genau dort, wo der Schuh sie drückt: Auf der Suche nach einem Mann, der in der Lage ist, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese erschöpfen sich nicht in dem, was bei Normalos so auf dem Speiseplan steht, sondern sie hat ein Faible für alle möglichen Spielarten des BDSM. Dessen ist sie sich sehr bewusst und sie sucht auch sehr gezielt danach. Doch mit ihrer Suche über Kontaktbörsen hat sie alles andere als Glück, wie auch die gerade ablaufende Session mit einem völlig untalentierten Dom wieder beweist.

Eigentlich hat sie sich ohnehin etwas unglücklich in den attraktiven Mann verguckt, der Touristen auf Segwaytouren durch das schöne Heidelberg führt und dabei auch regelmäßig an Darleens Arbeitsplatz, einem zur Burgerbraterei augebauten Foodtruck, vorbei fährt. Was sie nicht ahnt ist, dass dieser Mann, Tom, nicht nur im Gegensatz zu ihr ein fabelhafter Koch ist, sondern auch noch auf der Suche nach einer Frau, die sich seinem Willen unterwirft und mit der er, nach einer gescheiterten Beziehung, möglichst unverbindlichen Spaß haben kann.

Mehr durch Zufall kommt es dazu, dass Darleen Tom überredet, ihr ein wenig unter die Arme zu greifen – eigentlich nur, was das Kochen betrifft. Doch schon bei ihrer ersten privaten Begegnung spielen sich ganz andere Dinge zwischen den beiden ab. Eine heftige Spielbeziehung beginnt, die jedoch unter ungünstigen Vorzeichen steht: Darleen möchte einen Mann, der ihr Geschäftsleben und mehr mit ihr teilt. Tom hingegen will alles, nur nicht, sich an jemanden binden.

Dazu kommen noch Nebenschauplätze wie die hinterhältige Lucy, ehemalige Sub und pikanter Weise gleichzeitig ehemalige Chefin von Tom, oder die nicht minder gerissene Tina, die nur darauf wartet, Darleen den Foodtruck wegzunehmen, zu dessen Erwerb sie diese erst überredet hat. Wird das alles auf ein Happy End hinauslaufen?

Ich möchte meine Besprechung zu diesem Roman gerne in zwei Teile splitten. Dabei möchte ich zunächst etwas zur schriftstellerischen Qualität der Geschichte und anschließend etwas zur Geschichte selber schreiben.

Bezüglich der Qualität der Geschichte könnte ich eigentlich auf meine bisher erschienenen Besprechungen zu Romanen von Margaux Navara verweisen. Die Autorin hat einfach ein Händchen dafür, ihr Thema, Liebe und Sex im Zeichen des BDSM, auf eine Art und Weise zu schildern, dass es sowohl für Anhänger dieses Lebens- und Liebesstils als auch für in dieser Hinsicht eher Unbedarfte ein erotisches Erlebnis ist.

Zu keinem Zeitpunkt kommt der Roman auch nur in die sprachliche Nähe von minderwertigen Pornogeschichten, die nichts anderes im Sinn haben, als dem Leser ihren Inhalt möglichst schnell und ohne Anspruch vor die Füße zu werfen. Das bedeutet aber nicht, dass die Szenen, in denen es zwischen Tom und Darleen zur Sache geht, weniger explizit oder gar langweilig wären.

Ganz im Sinne des Titels des Romans geht es hier heiß und mitunter sehr pikant zu. Auch dann, wenn einem einzelne Praktiken doch eher skurril oder fremdartig vorkommen mögen, Stichwort Maiskolben, sind diese jederzeit so treffend auf den Punkt geschildert, dass man sich in die handelnden Figuren einfühlen kann.

Dem kommt entgegen, dass Margaux Navara beiden Perspektiven, der von Darleen und der von Tom, in etwa gleich viel Platz einräumt, so dass man als Leser jederzeit auf der Höhe des Geschehens ist. Dass man damit auf der anderen Seite auch jederzeit einen leichten Vorsprung gegenüber den Akteuren hat, ist bei dieser Erzählform nicht zu verhindern. Man kennt die potentiellen und später auch zu Tage tretenden Spannungsfelder zwischen den beiden.

Was mich zur Geschichte als solche bringt. Diese verläuft ziemlich geradlinig und immer eng bei ihren Protagonisten. Es gibt zwar in Gestalt von Darleens Geschäftspartnerin und Toms ehemaliger Chefin zwei Figuren, die aktiv versuchen, den beiden Knüppel zwischen die Beine zu werfen, aber dies wird, nach meinem Gefühl, an manchen Stellen zu wenig ausformuliert. So hätte vor allem das Dreieck Tom – Lucy – Darleen noch wesentlich mehr Potenzial geboten.

Der Fokus der Geschichte liegt hier eindeutig auf der sich entwickelnden Beziehung zwischen Tom und Darleen – und damit naturgemäß auch auf dem Sex zwischen den beiden. Diesem wird ein wesentlich größerer Raum zugestanden, als es noch bei „Love Me The Hard Way“ der Fall gewesen ist, dem letzten Roman, den ich von Margaux Navara gelesen habe. Jener bot durch seine Nebenplots eine etwas größere Fallhöhe.

Jetzt kann ich nur mutmaßen, woran dies liegt. Möglicherweise ist es einfach für typische Käufer dieser Art Roman – zu denen ich mich ausdrücklich nicht zählen kann, so dass mir die Vergleiche schwer fallen – befriedigender (wiederum ein unbeabsichtigtes Wortspiel), wenn die Handlung prozentual ein Mehr an Sexszenen enthält. Dann wäre es nur natürlich und legitim, auf dieses Publikum zugeschnittene Romane zu schreiben.

Für mich war die Handlung dadurch allerdings ein wenig schematisch: Sexszene, Innenleben Darleen, Innenleben Tom, Sexszene. Ich möchte das gar nicht negativ klingen lassen. Im Rahmen dessen, was der Roman erreichen möchte, funktioniert dies sehr, sehr gut. Bei einigen Aspekten und möglichen Anknüpfungspunkten, wie etwa bei Lucy, hätte ich mir halt gewünscht, dass hier mehr auf den dahinter liegenden Konflikt geschaut wird, als es dann tatsächlich der Fall ist.

Entschädigt wird der Leser dafür mit ein paar Rezepten im Anhang, die direkt aus Darleens Food-Truck stammen könnten.

Was bleibt, um damit zum Fazit zu kommen, ist aber auf jeden Fall ein BDSM-Roman, der sowohl aufgrund seiner sprachlichen Qualitäten, als auch aufgrund seiner expliziten Szenen überzeugt. Was den Rest angeht, nehme ich an, gehöre ich einfach nicht zur primären Zielgruppe der Geschichte. Da dies aber etwas ist, was ich weder der Autorin, noch dem Roman vorwerfen kann, möchte oder werde, gelange ich am Ende zu sehr guten vier von fünf möglichen Punkten.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Rezensionen und ich

Vor beinahe genau eineinhalb Jahren habe ich einen Beitrag geschrieben, in dem ich erklärte, wieso ich eigentlich kaum noch Rezensionen verfasse. Ihr findet ihn hier.

In Kurzform gesagt ging es mir damals darum, dass ich mich in einer Art moralischen Dilemma sah, wenn ich die Werke von anderen Autoren, mit denen ich zu tun habe, schlecht bewerte oder im Zweifel davor zurückschreckte, sie überhaupt zu bewerten, wenn es keine gute Rezension werden würde.

In gewisser Weise treiben mich solche Gefühle heute noch um und am liebsten würde ich jeder Rezension, die ich über „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche, fünf Sterne mit auf den Weg geben. Weil ich genau weiß, wie viel Herzblut jeder von ihnen in das veröffentlichte Werk gesteckt hat und wie seltsam es aussehen mag, dass ich, ebenfalls Autor, ebenfalls Bestandteil der gleichen Blase, mir ein Urteil darüber anmaße.

Aber ich habe früh erkannt, dass ich damit niemandem einen Gefallen tue. Mir nicht, den besprochenen Autoren nicht und vor allem auch meinen Lesern nicht – denen gegenüber ich ja am Ende die meiste Verantwortung trage.

Also gibt es unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ nur solche Rezensionen, die wirklich ehrlich sind und die Dinge ansprechen, die ich für ansprechenswert halte.

Dabei richte ich den größtmöglichen Fokus auf die inhaltlichen Aspekte. Das bedeutet nicht, dass ich eine Myriade von Druckfehlern oder Grammatikschnitzern einfach durchwinken würde, aber im Vordergrund steht die Geschichte, die tatsächliche kreative Leistung.

Manchmal überlege ich, ob ich auch andere Dinge mit einbringen soll, wie zum Beispiel das Coverartwork oder dergleichen. Teilweise gibt es zu den hier besprochenen Romanen wirklich tolle Cover – gerade das zum zuletzt besprochenen „Zarin Saltan“ könnte ich da nennen. Aber für mich gehört es eben nur zu den sekundär wichtigen Begleiterscheinungen der Veröffentlichung und ein Lob wäre für mich eher ein Verdienst des Designers als des Autors bzw. der Autorin.

Nun gibt es ja genug Leser, die immer noch darauf warten, dass ich mal den ersten richtigen Verriss schreibe. Und es ist ja auch nicht so, dass ich immer nur gute Romane lesen würde. Das „Problem“ ist nur, dass diese im Allgemeinen nicht in die Rubrik „Das Schreiben der Anderen“ hinein passen. Denn das Konzept – Besprechungen zu Werken von Autoren, über die ich irgendwie direkt über Social Media, meinen Autorenverein oder sonstiges verbunden bin – ist da nun einmal relativ streng.

Und es kommt noch dazu, dass ich längst nicht alle diese Romane lese. Zum Beispiel bin ich kein besonders großer Freund von reinrassigen Fantasyromanen, wie ihr vielleicht schon gemerkt habt. Dem gegenüber stehen aber sehr viele Autoren, die genau diese schreiben. Es wäre nun aber höchst unfair, wenn ich einen Roman lesen und rezensieren würde, von dem ich schon vorher weiß, dass er es schwer haben wird, mich abzuholen und mitzureißen. Das wäre sozusagen ein Verriss mit Ansage.

Dabei hätte ich durchaus Lust darauf, mal wieder einen knackigen Verriss zu schreiben. Wenn man einmal Gefallen an der Kunstform (ja, das meine ich ernst) Rezension gefunden hat, wird man schnell feststellen, dass es manchmal Spaß macht, so richtig vom Leder zu ziehen. Zündet eine Kerze an, fasst euch an den Händen und fragt nach bei Herrn Reich-Ranicki, der wird euch das gerne bestätigen.

Damit kämpfen zwei Seelen in meiner Brust, denn ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich jetzt wahllos irgendwelche Romane hier besprechen würde, zu denen ich eben die oben geschilderte Verbindung nicht habe. Es würde das ganze Konzept über den Haufen werfen, das ich hier verfolge.

Deswegen habe ich angefangen, gedanklich ein wenig herumzuspinnen.

Wie ich in dem oben verlinkten Beitrag erzählt habe, besaß ich einmal eine eigene Rezensionsseite im Internet. Zunächst ganz althergebracht und später dann auf einem eigenen WordPressblog geführt. Zum Schluss schrieb ich dort zwar weitgehend abseits der öffentlichen Wahrnehmung, aber das war mir egal, weil es eben Spaß gemacht hat, meine Meinung zu Dingen zu schreiben, die ich las, die ich sah und die ich hörte.

Nun weiß ich aber auch, dass ich eigentlich jetzt schon zu wenig Zeit habe, um mich um die Dinge zu kümmern, um die sich gekümmert werden muss. Das sagt der Kopf.

Das Herz hat dafür gesorgt, dass ich mir in der letzten Woche die Domain http://www.hoerviews.de wieder gesichert habe, nachdem ich sie vor rund zehn Jahren freigegeben hatte. Ich war sehr überrascht, dass sie tatsächlich noch verfügbar war.

Ob und was ich nun damit mache, das weiß ich noch nicht. Vielleicht verläuft das ja alles im Sande. Aber vielleicht nutze ich diese andere Plattform, wenn ich sie mir erst einmal leidlich schick gemacht habe (alle meine Dateien/Grafiken sind ja noch da), um doch wieder meine hin und wieder schmerzlich vermissten Verrisse schreiben zu können – oder zu loben, wo es angebracht ist, auch wenn ich mit dem betreffenden Autor nicht näher verbunden bin.

Schauen wir mal, ob ich die Zeit dazu finden und sie mir auch nehmen werde. Ich weiß es, ganz ehrlich, noch nicht.

Das Schreiben der Anderen: „Zarin Saltan“ von Katherina Ushachov

Märchen, bzw. die Adaption von Märchenstoffen, boomen in den letzten Wochen und Monaten. Immer öfter trifft man auf alte Bekannte aus der Kindheit, etwa auf das Rotkäppchen, Schneewittchen war auch schon vertreten und eigentlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis uns der Froschkönig als genetische Mutation vor die lesefreudigen Augen hüpft. Aber Spaß beiseite: Eine ganze Reihe Autoren haben festgestellt, dass die alten Märchenstoffe sich, mit ein wenig Aufwand, in fantastische Geschichten umdeuten lassen, in denen, dem Genre entsprechend, mal mehr und mal weniger deutliche Fantasy-Elemente verwoben sind.

Mit dem Kurzroman „Zarin Saltan“ von Katherina Ushachov liegt nunmehr bereits der achte Teil aus der sogenannten „Märchenspinnerei“-Reihe vor, die sich genau das soeben geschilderte Prinzip zu eigen gemacht hat. Und da Katherina zu den treuesten unter meinen Leserinnen und Kommentatorinnen zählt, war eine Rezension für mich Ehrensache.

Wenn auch eine, die mich doch vor Probleme gestellt hat …


Mit „Zarin Saltan“ aus der Feder von Katherina Ushachov erscheint der achte und (vorerst?) letzte Band aus der Reihe der „Märchenspinnerei“. In dieser Reihe werden mehr oder weniger bekannte Märchen umgedeutet, oder -interpretiert, und dadurch für unsere modernen Lesegewohnheiten erschlossen.

Nachdem in anderen Romanen ähnlicher Natur gerne auf die Volksmärchen der Brüder Grimm zurückgegriffen wurde und wird, mit denen mehr oder weniger jeder deutschsprachige Mensch aufgewachsen sein dürfte, macht es „Zarin Saltan“ dem Leser nicht ganz so leicht, handelt es sich doch um die Umsetzung des klassischen russischen Märchens „Zar Saltan“ – von dem ich, zu meiner Schande, vorher noch nie etwas gehört hatte.

Das stellt mich für diese Rezension vor das Problem, dass ich einige der Kritikpunkte, die ich anbringen möchte, vielleicht an die falsche Adresse richte, weil die Autorin hier einfach den Plot des Ursprungswerks übernommen hat. Dennoch halte ich die Kritik für gerechtfertigt, denn im Zweifel muss dieses Werk, wie bei mir, eben auch für sich ganz alleine stehen können.

Zu Beginn dachte ich, ich wäre in einem falschen Roman gelandet, denn anhand der bisherigen und vor allem der in Vorbereitung befindlichen Vita von Katherina Ushachov hatte ich nicht damit gerechnet, mich plötzlich in einer russischen Dating-Show wieder zu finden.

Dort treffen die beiden Hauptpersonen der Geschichte, Großfabrikant Viktor und Studentin Anna, aufeinander, nachdem sie beide sich schon zuvor bei einer flüchtigen Begegnung in der Lokalität, in der Anna kellnert, sofort und unsterblich ineinander verliebt haben.

Das Schicksal scheint den beiden auch treu und gewogen zu bleiben. Auf das erste Beschnuppern folgt eine tiefe und starke Beziehung, die in einem Heiratsantrag nach wenigen Wochen gipfelt. Das junge Glück scheint perfekt zu sein, wenn es da nicht leise Misstöne von Seiten der Freundinnen Annas gäbe.

Denn diese beiden, die Anna überhaupt erst zur Teilnahme in der Kuppel-Show überredet haben, hatten ebenfalls ein oder zwei Augen auf den stattlichen Viktor geworfen, der noch dazu mit seinem Reichtum eine extrem gute Partie abgibt.

Und so kommt es dazu, dass während einer berufsbedingten Abwesenheit Viktors die Dinge einen Lauf nehmen, der geradewegs in eine Katastrophe zu münden scheinen.

Der folgende Absatz enthält SPOILER und sollte daher im Zweifel übersprungen werden!

Tanja und Sabrina, die beiden Freundinnen, erschleichen sich über ein Hilfsangebot Zugang in den Haushalt Annas und schieben ihr einen Drogencocktail unter, der sie auf massive Weise halluzinieren lässt und schließlich dazu führt, dass sie im Drogenwahn in eine Klinik eingeliefert und dort mit einer Zwangsjacke fixiert wird. In diesem Zustand wird sie jedoch von Irina, einer guten Fee in Gestalt eines Eichhörnchens, aufgesucht, die in Anna die letzte Chance sieht, noch einmal in ihre alte, menschliche Gestalt zurückverwandelt werden zu können. Deswegen versetzt sie Anna in die Gestalt einer Hummel und fliegt mit ihr gen Russland, wo es zu einer Zusammenführung mit Viktor und zur Aufklärung aller Geschehnisse kommt.

SPOILER ENDE

Es ist wahnsinnig schwer, die Geschichte eines Märchens zu erzählen, ohne sofort alles Mögliche über die Handlung zu verraten. Bei einem der oben erwähnten klassischen „deutschen“ Märchen hätte ich hier deutlich weniger Skrupel gehabt. Wir alle wissen, was mit Hänsel und Gretel passiert. Ich muss niemandem verheimlichen, dass Dornröschen nach vielen, vielen Jahren von ihrem Prinzen gerettet wird und auch die Tatsache, dass beim Wolf und den sieben Geißlein am Ende alle, nur nicht der Wolf, aus der Geschichte gut herauskommen, ist allgemein bekannt.

Hier aber stehe ich vor dem Problem der Deutung, was wohl klassisches Märchengut und was neue Dichtung ist.

Auf mich wirkte die Handlung an einigen Stellen etwas zerrissen, was vielleicht genau diesem Problem in der Deutung geschuldet ist. Ich hatte das Gefühl, mich mehr in einzelnen Episoden oder „Akten“ zu befinden, von denen man den ersten vielleicht „Das glückliche Paar“, den zweiten „Dunkle Schatten und wilde Tiere“ und den dritten „Eichhörnchen und Hummel“ überschreiben könnte.

Grundsätzlich gefällt mir der hiermit einher gehende Genremix. Nach dem sehr prosaischen, um nicht zu sagen an der Grenze zum Kitsch vorbei schrammenden, Start kommen durchaus Elemente des Spannungs- und schließlich des Fantasy-Romans in die Geschichte, was ihr sehr gut tut und keine Langeweile aufkommen lässt.

Aber die Übergänge zwischen den Akten holpern ein wenig, sie brauchen jeder für sich eine gewisse Anlaufzeit. Stellenweise fühlen sie sich auch an, als ob sie gar nichts mit dem bisher Gelesenen zu tun hätten. Das betrifft vor allem den dritten Akt.

Dazu passt auch, dass Anna mir über die gesamte Geschichte hinweg als sehr passiv erscheint. Zuerst wird sie von ihren Freundinnen zur Teilnahme an der Dating-Show gezwungen. Dann überlässt sie scheinbar Viktor das alleinige Vorantreiben der Beziehung. Und zum Schluss begibt sie sich voll und ganz in die Hände von Irina. Das macht es leider schwer, mit Anna wirklich mitzufiebern.

Die Perspektive von Viktor ist dagegen schon deutlich griffiger und packender geschildert. Viktor ist für mich eine wirklich dreidimensionale Figur, die zwar auch ihre schwachen Momente hat (Liebe auf den ersten Blick), aber andererseits selbst im Vollrausch noch versucht, die Dinge entweder selbst zu kontrollieren, oder sich zumindest der Hilfe seines Assistenten zu versichern. Im übrigen eine Dynamik, die mir sehr gut gefallen hat.

Dagegen bleibt die Beziehung zwischen Anna und ihren angeblich besten Freundinnen Tanja und Sabrina eher blass. Ja, wir erfahren, dass natürlich auch diese beiden sich sehr gut eine Beziehung mit dem russischen Magnaten hätten vorstellen können, aber die Art und Weise und die Mittel, zu denen sie schließlich greifen, um das Glück von Anna und Viktor zu (zer-)stören hätten aus meiner Sicht eine bessere Unterfütterung benötigt. Immerhin haben wir es hier mit erwachsenen Frauen zu tun, die wissen müssten, dass Liebe sich nicht erzwingen lässt.

Ähnliches gilt für die Märchenleidenschaft von Anna, die Grundvoraussetzung dafür ist, dass sie die Ereignisse im dritten Akt hinnimmt, wie sie es tut, aber über den Text hinweg mehr behauptet denn richtig aufgebaut wird.

Vielleicht wäre es für die Geschichte besser gewesen, wenn die Autorin sich an der einen oder anderen Stelle ein wenig mehr Erzählzeit gegönnt hätte, um die beschriebenen Kritikpunkte auszumerzen. Ich bin mir sicher, dass sich das Endergebnis dadurch runder angefühlt hätte. Zumal man an vielen Stellen ganz genau merkt, dass Katherina Ushachov durch ihre eigenen ukrainischen Wurzeln dem Stoff eine ausgewogene Authentizität verleihen kann.

Mein Fazit fällt daher insgesamt etwas zwiespältig aus, denn auf der einen Seite steht mit Viktor eine Erzählperspektive, die mir gut gefallen hat, dafür auf der anderen Seite mit Anna eine, die mir stellenweise einfach zu blass bleibt. Die Einbettung klassischer Märchen-/Fantasymotive ist ein belebendes Element, kommt im Rahmen der Geschichte aber einfach ein wenig spät und plötzlich.

Wo man Katherina Ushachov keinerlei Vorwürfe machen kann, ist die formale Präsentation des Romans. Die verwendete Sprache passt sehr gut zu den Figuren und ist auch in den drei Akten in sich stimmig. Der Roman lässt sich sehr gut lesen.

Wie bereits Eingangs gesagt, vielleicht tue ich der Autorin in gewisser Hinsicht Unrecht, weil ich die Vorlage nicht kenne und die Schwächen, die ich benenne, auf diese zurückzuführen sind. Dann täte es mir leid. Aber in der vorliegenden und für sich stehenden Form wiegen mir die Brüche und die Passivität einer der wichtigen Erzählperspektiven zu schwer, so dass ich hier leider nur drei (sehr starke) Sterne vergeben kann.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Das Schreiben der Anderen: „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi

Man könnte glauben, dass im Moment Depressions-Festspiele auf „Mein Traum vom eigenen Buch“ ausgebrochen sind. Aber ich schwöre, dass ich von ganz, ganz anderen Dingen ausgegangen war, als ich mich an den Roman „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi begeben habe. Mehr dazu könnt ihr in der folgenden Rezension lesen.


Im Normalfall gehöre ich zu den Menschen, die sich nicht gerne von Klappentexten dazu animieren lassen, einen Roman zu kaufen. Viel zu oft habe ich schon erlebt, dass das Blaue vom Himmel herunter versprochen wurde und am Ende dann doch in der Hauptsache ein Ballon mit heißer Luft daraus wurde.

„Ballons“ sind ein gutes Stichwort für diesen Roman, denn ausnahmsweise war es eben doch der Klappentext, der die Kaufentscheidung zu 100% angeregt hat.

Da ist also eine Frau, eine trauernde Witwe, die sich in sich selbst vergräbt. Bis eines Tages ein Clown bei ihr erscheint, eine Hüpfburg aufbläst und auch sonst allen möglichen und unmöglichen Schabernack anstellt. Ich gebe zu, als ich das gelesen hatte, war ich auf einen möglicherweise witzigen Fantasyroman eingestellt. Ich meine: Ein Clown? Hüpfburg im Wohnzimmer? Regenbogen?

Aber nein, ich sah mich getäuscht. Zwar merkt man dem Roman von Sarah Ricchizzi an, dass sie eine große Fantasie besitzt, aber er ist zu jedem Zeitpunkt in der Realität verankert. In einer nicht ganz alltäglichen Realität.

Wir lernen Amelie Red kennen, kurz bevor der Clown in ihr Leben tritt. Ihr Mann Mathiew hat sich vor einiger Zeit das Leben genommen und dies hat sie vollkommen aus der Bahn geworfen. Sie geht nirgendwo mehr hin, sie lässt niemanden mehr zu sich ein, sie spricht mit niemandem. Und dann steht eines Tages auf einmal der Clown in ihrem Badezimmer – als sie gerade nackt ist.

Der Clown ist ein älterer Mann, der sich allerdings alle kindliche Infantilität bewahrt hat, die man sich so vorstellen kann. Er bringt Farbe in Amelies leben, indem er die Wände mit Farbeimern bespritzt. Er bläst besagte Hüpfburg auf und schläft darin. Er nutzt den Swimmingpool hinter dem Haus dafür, um die überall herumliegende dreckige Wäsche zu waschen.

Kurz: Er treibt Amelie an allen möglichen und unmöglichen Fronten an ihre Grenzen und ein gutes Stück darüber hinaus. Und im Laufe der Zeit, als sich Clown und Amelie immer besser kennen lernen, stellt sich heraus, dass eine Absicht dahinter steckt.

„Einmal im Jahr für immer“ ist kein Buch, das es seinem Leser einfach macht. Eigentlich ist es sogar ein stellenweise tieftrauriges Buch und wenn die Geschichte nicht immer wieder humoristisch gebrochen würde, wäre es keine leichte Lektüre.

Das war allerdings auch nicht das, was Sarah Ricchizzi vorgeschwebt hat, als sie es schrieb. Schon die Art, in der hier Sprache verwendet wird, deutet darauf hin. Das macht es an manchen Stellen andererseits auch etwas mühselig, der Geschichte zu folgen.

Zumal die Geschichte insgesamt keine ist, der man allzu leicht folgen kann, weil sie zwar überwiegend linear erzählt wird, allerdings etwas hoch Fragmentarisches hat. Es werden einzelne – wichtige – Streiflichter aus dem veränderten Leben Amelies und des Clowns gezeigt. Den übergeordneten Bogen über all das spielt eine gewisse Zeitspanne, die für den Roman Wichtigkeit hat.

Besonders deutlich wird dieses in sich Zerrissene, wenn ab einem gewissen Punkt in der Handlung umfangreiche Briefe Amelies an ihren verstorbenen Mann Teil der Handlung werden. Hier verschwimmen dann teilweise auch die Zeitformen und es ist nicht ganz klar, ob wir uns in einer soeben erlebten Gegenwart aufhalten, oder ob eine schon etwas länger zurückliegende Vergangenheit thematisiert wird.

Aber umso seltsamer war es für mich zu erleben, dass ich eine stringente Geschichte, die ohne Umschweife von A nach B erzählt wird, überhaupt nicht vermisst habe. Denn in „Einmal im Jahr für immer“ geht es um Gefühle, die einfach hervorragend geschildert werden. Es geht um Trauer, es geht um Liebe, es geht um Verlust. Immer wieder nimmt Ricchizzi die verschiedenen Sichtweisen auf ein Kernproblem ein, beziehungsweise lässt ihre Charaktere dies tun.

Dieses Kernproblem lautet Depression und es ist ein Thema, dem man gerade in einem Roman, der ja seiner Natur nach erst einmal unterhalten soll, sehr schwer gerecht werden kann, ohne sich in Allgemeinplätzen zu verlieren. Ganz gelingt dies der Autorin nicht, aber es sind sehr wenige Stellen an denen man gedanklich ins Stolpern gerät und sich fragt, ob das nun „richtig“ ist, was man gerade liest.

Auch dies ist eine Lehre, die man aus dem Roman ziehen kann: Es gibt kein ultimatives Richtig und es gibt kein ultimatives Falsch. Amelie Red stellt sich diesen Dämonen und macht damit im Laufe des Romans eine Entwicklung durch, die absolut nachvollziehbar und glaubhaft ist.

Und irgendwann geht es einem als Leser wie Amelies Eltern im Buch: Der Clown ist einfach anwesend und wird als solches akzeptiert. Ja, es ist geradezu schockierend, wenn an mehreren Stellen zu Tage tritt, dass der Clown eben keine Fantasygestalt sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut ist.

Alles in allem war ich lange der festen Überzeugung, dass ich diesem Roman die Höchstwertung geben würde, aber die wurde leider ganz zum Schluss noch um einen Punkt gedrückt. Denn leider konnte Sarah Ricchizzi der Versuchung nicht wiederstehen, den Beteiligten so eine Art „wrap-up“ zu geben, in dem bis weit in die Zukunft hinein ihr weiterer Lebensweg gezeichnet wird.

Dies tut sie zwar sehr kurz und knapp, aber für mich hat es einiges von der Magie des Augenblicks zerstört, den das eigentliche Ende auf mich ausgeübt hat. Die Geschichte beginnt mit dem Erscheinen und dem Einzug des Clowns und sie sollte daher auch mit seinem Auszug enden. Was danach passiert fügt der Handlung nichts mehr hinzu, es ist ein abarbeiten von Daten auf einem Kalender.

In einem anderen Roman hätte mich dies vielleicht nicht derart gestört, dass ich gleich einen ganzen Punkt abziehe, aber hier ist der emotionale Impact der Szenen, die ich als das eigentliche Ende ansehe, so groß, dass für mich ein bitterer Beigeschmack bleibt. Andere Leser wird dies vermutlich weniger stören als mich, diese können also unbedenklich auf die volle Punktzahl aufrunden.

So oder so ist „Einmal im Jahr für immer“ ein Roman, dessen Lektüre ich empfehlen möchte. Man sollte nur keine Angst vor großen Gefühlen haben!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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Das Schreiben der Anderen: „Entfesselter Tod“ von Marcus Johanus

Nachdem Marcus Johanus mit „Tödliche Gedanken“ und „Tödliche Wahrheit“ zwei Jugendromane mit fantastischem Einschlag geschrieben hat, die allerdings auch schon an der Grenze zum Thriller balancierten, legt er nunmehr mit „Entfesselter Tod“ seinen ersten eindeutig auf ein erwachsenes Publikum zugeschnittenen Thriller vor. Gleichzeitig ist dies auch sein Romandebüt im Selfpublishing.

Ich war gespannt, wie er diese beiden Schritte hinbekommen würde.


Die Ausgangslage dieses Buches ist so einfach wie erschreckend: Eine junge Prostituierte wird in der Nachstellung eines alten Tricks eines ehedem bekannten Entfesselungskünstlers vor laufender Kamera ermordet.

Wenige Stunden zuvor werden wir als Leser Zeuge, wie eben dieser Entfesselungskünstler, Christopher Vanick, eine Auseinandersetzung mit seiner langjährigen Assistentin Mara Winter hat. Sie möchte endlich wieder zurück auf die Bühne, die er nach einem Unfall während einer Aufführung vor einigen Jahren, scheinbar endgültig verlassen hat, um sich ganz dem Alkohol und seinen Depressionen hinzugeben.

Ohne es Christopher zu sagen hat Mara für den heutigen Abend ein Engagement angenommen und verlässt, nach einem letzten Versuch, ihn zu einem Entgegenkommen zu bewegen, die gemeinsame Villa.

Wenig später steht die sehr junge, sehr blonde und sehr offenherzige Vicky vor Christophers Tür, die sich als Reporterin ausgibt, die über den bekannten Magier und Entfesselungskünstler schreiben will – oder zumindest eine heiße Nacht mit ihm verbringen. Die beiden nehmen gemeinsam einen Drink und bei Christopher reißt der Film. Als er wieder erwacht, kann er sich an nichts erinnern.

Nun muss er erfahren, dass er praktisch über Nacht zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall geworden ist, denn die junge Prostituierte ist niemand anderes als Vicky und alles deutet auf ihn als Täter hin. Die Art, in der sie starb, ist eine exakte Nachbildung seines beinahe tödlichen Unfalls.

Das Polizistenduo Eike Becker und Ria Stern nimmt die Ermittlungen auf. Dabei ist vor allem Becker felsenfest von der Schuld Christophers überzeugt, während Ria, die ganz nebenbei auch noch in einem persönlichen Dilemma steckt, glaubt, dass ihr Kollege sich zu sehr auf den Illusionisten einschießt und außerdem die Regeln des sauberen Ermittelns hinter sich lässt.

Christopher, der sich keine Illusionen darüber macht, dass er als Sündenbock für jemand anderen herhalten soll, nutzt eine günstige Gelegenheit, um aus der Untersuchungshaft zu fliehen. Denn das Video, das man ihm gezeigt hat, betitelte den Mord als den „Ersten Akt“. Und er weiß nur zu gut, dass jede gelungene Zaubernummer aus drei Akten besteht …

Marcus Johanus legt mit „Entfesselter Tod“ einen Roman vor, der stark im Umfeld von Zauberern, Illusionisten, Entfesselungskünstlern angesiedelt ist, auch wenn er uns weniger den Blick auf die Bühne, sondern mehr den Blick hinter die Kulissen werfen lässt. In seinem Nachwort zum Roman beschreibt er, dass er bereits seit frühester Kindheit zu diesem Milien hingezogen war und das wird beim Lesen des Romans vollkommen deutlich.

Dabei verschließt Johanus nicht die Augen davor, dass es auch Schattenseiten des Gewerbes gibt. Es gehört dazu, dass man anderen etwas vormacht. Das ist das Geheimnis einer guten Illusion. Aber es gibt, wie immer auch hier, Menschen die dies auf verantwortungsvolle Weise tun und Menschen, die die Leichtgläubgikeit anderer ausnutzen, um sich dadurch zu bereichern.

Dieses Thema wird sehr offen angeschnitten, als es für Christopher Vanick darum geht, herauszufinden, wer derjenige ist, der alles daran setzt, seine Existenz zu vernichten.

Aber auch abseits dieses Themas kann man einiges über die kleinen und großen Tricks des Entfesselns lernen. Die Recherche hierzu hat sich auf jeden Fall gelohnt, denn Johanus bringt die Fakten darüber, wie und wo die Entfessler ihre Hintertürchen eingebaut haben, sehr flüssig und alles andere als ausbremsend in der Handlung unter.

Was mir sehr gut gefallen hat, war die Charakterisierung der Hauptfigur. Christopher Vanick ist ein Mensch, der einmal ganz weit oben war, es sich dort beinahe schon zu gut gehen ließ und dann umso heftiger nach seinem Unfall gefallen ist. Als der Leser ihn kennenlernt ist er ein körperliches, psychisches und seelisches Wrack, ein Alkoholiker, der seine Tage an sich vorbei ziehen lässt.

Erst im Handlungsverlauf, als er immer mehr und immer tiefer in die Machenschaften des Killers gerät, muss er aus seinem Phlegma erwachen. Und spätestens als er erkennt, dass Mara, die Frau, die er uneingestanden liebt, in großer Gefahr ist, platzt bei ihm der Knoten. Was nicht bedeutet, dass Christopher ab diesem Zeitpunkt eine Art Superman wäre. Ganz im Gegenteil fallen ihm die Versäumnisse der letzten Jahre erst jetzt so richtig behindernd vor die Füße.

Ein wenig problematisch fand ich die Rollenverteilung zwischen Eike Becker und Ria Stern, die gerade in ihren ersten Auftritten schon beinahe wie das Klischee aus „Good Cop“ und „Bad Cop“ wirkten. Das alles hat seine Begründung in der Handlung, wirkt aber schon recht plakativ.

Schade war, dass Mara Winter über recht große Strecken des Romans weitgehend unpräsent gewesen ist. Dies liegt aber eindeutig an ihrer Bedeutung für die Geschichte und ihren Verlauf.

Dieser zeigt sich im Weiteren übrigens von seiner besten Seite. Gerade auf den ersten rund 150 bis 200 Seiten ist „Entfesselter Tod“ ein echter Pageturner. Es macht einfach Spaß zu verfolgen, wie der perfide Plan des richtigen Mörders sich entfaltet und wie die Personen immer mehr und mehr in dieses Netz geraten.

Insofern macht Marcus Johanus mit seinem Thriller alles richtig. Wenn ich einen Kritikpunkt anbringen soll, dann wäre es der, dass ich persönlich die Frage nach dem Täter relativ schnell hätte beantworten können. Allerdings wäre ich nie auf die Motivation zu den Taten gekommen – ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes ist, weiß ich selbst noch nicht so ganz. Andererseits ist es in anderen Thrillern ja durchaus üblich, dem Leser einen Wissensvorsprung vor den Protagonisten zu geben, so dass ich diesen Punkt nicht negativ auslegen möchte.

Obwohl es sich um einen Thriller handelt, watet der Roman nicht durch Gewalttaten und Blutströme. Es gibt zwar durchaus Szenen, in denen es ordentlich zur Sache geht und für zarter Besaitete ist auch eine Stelle enthalten, die ihnen sicherlich einen leichten körperlichen Schmerz verursachen wird, aber es hält sich alles im genreüblichen Rahmen.

In Sachen Sprache und Stil merkt man Marcus Johanus an, dass er weiß und liebt, worüber er schreibt und dass er inzwischen über die Erfahrung verfügt, auch kompliziertere Sachverhalte auf den Punkt bringend zu beschreiben. Es macht Spaß, diesen Roman zu lesen.

Um zu einem Fazit zu kommen: „Entfesselter Tod“ ist ein wirklich guter Thriller mit einem Einblick in eine Welt der Magie und der Illusion. Die Handlung und die Figuren sind glaubwürdig, das Tempo durchweg hoch und die Schauwerte enorm. Ich vergebe gerne die Höchstwertung und freue mich darauf, bald wieder von Marcus Johanus zu lesen.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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