Noch ein paar Gedanken zum Autoren-Altenheim

Meine Idee vom netten kleinen Altenteil, auf das sich alle meine Autorenkolleginnen und -kollegen zum (hoffentlich noch weit entfernten) Ende ihres Lebens hin zurückziehen können, ist ja ganz gut angekommen.

Immer wieder wurde gesagt, dass es eine schöne Fiktion oder auch Vision sei. Das hat mich dazu gebracht, noch einmal darüber nachzudenken. Also konkret darüber, ob sich so eine Idee nicht wirklich verwirklichen lassen würde.

Also erst einmal die ernüchternden Fakten: Natürlich sind wir Autoren alle unterschiedlich alt. Wenn ich in den Spiegel (oder noch schlimmer: in den Personalausweis) schaue, dann muss ich mir gestehen, dass auch ich inzwischen in einem Alter bin, in dem ich durchaus als Papa unserer jüngeren Mit-Autorinnen infrage käme, wenn ich mich früh genug um Nachwuchs bemüht hätte. Dementsprechend komme ich auch viel schneller aufs Altenteil.

Der zweite Aspekt ist die räumliche Entfernung. Schon jetzt ist es ja schwierig, sich mal im echten Leben über den Weg zu laufen. Dafür sind wir einfach zu sehr in ganz Deutschland bzw. dem benachbarten Ausland verteilt.

Aber das sind Punkte, die doch eigentlich, streng genommen, nur die konkreten Personen aus meiner kleinen faktischen Fiktion betreffen.

Nehmen wir an, dass sich die Idee vom Autoren-Altenheim auf einer breiteren Front realisieren ließe. Es gibt heute schon Künstlerkolonien, wie unter anderem Wikipedia zu berichten weiß. Einige von denen auch ausdrücklich für Künstler, die sich ihrem Lebensabend nähern. Und auch, wenn diese zumeist von bildenden Künstlern genutzt werden, steht doch letztlich einer auf Autoren ausgerichteten Kolonie nichts im Wege.

So eine Kolonie könnte durchaus vergleichbar zu einem Altenheim geführt werden. Zugegeben, es wäre ein exklusives Altenheim. Aber es könnte Einrichtungen in verschiedenen Preisklassen geben, ganz so, wie es auch heute schon der Fall ist.

Was sich aber nicht unterscheiden dürfte, wären die Betreuungs- und Erbauungsinhalte, die in diesen Einrichtungen angeboten würden. Das ist jetzt auch nichts Besonderes, sondern ein Anspruch, den ich auch heute schon an Alten- und Pflegeheime hätte, nämlich dass dort auch unabhängig von der Größe des jeweiligen Geldbeutels gute Arbeit geleistet wird, die dem Bewohner zugewandt ist.

Auf diese Weise wäre alles möglich: Vom kleinen Heim in der Innenstadtlage bis hin zur ausgewachsenen Künstlerkolonie an der Nordsee oder im Schwarzwald. Ich stelle mir eine Kooperation vor zwischen einem gesundheitlichen Träger und einem Verband, der über die inhaltliche Ausrichtung für ein auf Schriftsteller zugeschnittenes Programm wacht. Bestandteile dieses Programms wären etwa Lesungen, wie ich sie in meiner Fiktion beschrieb, aber es wären auch viele andere Dinge möglich.

Das Gehirn eines Schriftstellers lebt in der Kreativität und von der Kreativität. Ich gehe davon aus, dass die meisten „von uns“ bis ins hohe Alter hinein diese Kreativität behalten und pflegen wollen. Das kann man fördern. Die Wissenschaft ist dabei, die Formeln der Kreativität zu erkunden (da gab es gerade neulich einige interessante Artikel im „Focus“ zu).

Diese Erkenntnisse könnten alle in ein gesamtheitliches Konzept einfließen, das von Autoren für Autoren gemacht wird und uns allen zugute kommt.

Sicher, das Konzept hat seine Haken und Ösen. Weil es eben kein richtiges Konzept ist, sondern nur eine kleine Spinnerei. Ein Gedankenspiel. Allerdings eines, das sich auch ohne zu viel Aufwand an Phantasterei in die Realität umsetzen ließe. Wenn man denn wollte.

Oder in einen netten kleinen Roman, fällt mir an der Stelle ein. Seht ihr: Alleine schon der Gedanke an ein fiktives Paradies für alternde Autoren hat in mir kreative Energien geweckt. Was wohl erst die reale Umsetzung bewirken könnte!?

Vielleicht sollte mal jemand bei den entsprechenden Autorenverbänden vorfühlen. Freiwillige vor! 😉

Fakt und Fiktion (18) Schriftsteller-Altenteil

Auch wenn man es sich bei dem heutigen Wetter eher schlecht vorstellen kann, war es vorgestern richtig schön. Die Sonne schien, der Himmel war blau, die Temperaturen kletterten bereits am Morgen auf Werte, wie wir sie ansonsten nur in den Sommermonaten erreichen.

Ich hatte einen Termin bei meinem Hautarzt, der sich sehr über die Erfolge an den Problemzonen an meinen Händen freute, die eingetreten waren, nachdem wir die Medikamente abgesetzt haben, die mehrere tausend Euro teuer waren. Manchmal, so sagte er im Scherz, ist es besser, einfach mal nicht zu behandeln und auf die Kraft der heilenden Hände zu vertrauen.

Aber gut, was will ich mich beklagen, wenn nur die Probleme in den Griff zu kriegen sind.

Auf dem Rückweg zu meinem Arbeitsplatz kam ich an dem Krankenhaus vorbei, das direkt hinter meiner Dienststelle liegt und in dem es mehrere psychiatrische und geriatrische Stationen gibt. Hier hat unter anderem mein Opa eine ganze Weile gelegen, aber auch ich habe schon die Leistungen des Hauses in Anspruch nehmen dürfen.

Als ich das Gebäude passierte, fiel mir eine Gruppe von Menschen auf, die, zumeist in Rollstühlen sitzend, in einem Kreis beieinander waren. Die meisten von ihnen waren alt, aber es waren auch einige jüngere anwesend. Ein oder zwei von ihnen waren klar als Pfleger oder Krankenschwester zu erkennen.

Ein junger Mann hatte eine Gitarre in der Hand und spielte. Es war eine deutsche Version des wunderschönen Liedes „Auld Lang Syne“. Einige der Rollstuhlfahrer hielten Textbögen in der Hand, vereinzelt wurde mitgesungen oder -gesummt. Andere ließen nur den Blick in die Runde oder die Entfernung schweifen und es war nicht ersichtlich, ob sie sich gerade darüber bewusst waren, wo sie sich befanden und was sie taten. Aber ich denke, dass es ihnen auch gut getan haben wird, die Musik zu hören.

Ich konnte mich nicht lange aufhalten und hätte es auch unhöflich gefunden, wenn ich gaffend bei der Gruppe stehen geblieben wäre. Aber dieses Bild hat mich beschäftigt.

Kaum um die Straßenecke herumgegangen stellte ich mir vor, wie es wohl wäre …

Warm scheint die Haut auf mein Gesicht, das hilflos in die Sonne blinzelt. Dann entdeckt Schwester Frieda meine Situation und schützt meine Augen mit der Sonnenbrille, die ich selber wegen meiner klapprigen Hände nicht mehr auf meine Nase bugsieren kann.

Wir sind heute zu früh, scheint mir, denn es ist noch niemand außer uns da. Vielleicht wussten die Krankenhausmitarbeiter auch nicht, dass wir uns heute draußen treffen. Aber bei diesem schönen Wetter wäre es eine Sünde, in dem stickigen Saal zu sitzen.

Ah ja, da kommen sie ja schon, meine werten Kolleginnen und Kollegen. Ganz vorne weg, wie eigentlich immer, die Michaela. Stets zwei Schritte vor dem Pfleger, der sie eigentlich stützen soll. Aber sie war ja immer schon so stürmisch, wenn ich mich richtig erinnere. Das mit dem Erinnern klappt in letzter Zeit nicht mehr so gut.

So geht es auch dem Simon, der sich nicht mehr an seinen richtigen Namen erinnern kann. Deswegen habe ich es auch aufgegeben, ihm immer und immer wieder die Cover seiner alten Bücher zu zeigen, wo der Name drauf steht. Aber ansonsten ist er geistig beweglich wie eh und je, was sich in mancher Diskussion zeigt. Ja, manchmal diskutieren wir. Fast wie früher.

Weitere wohlbekannte und erwartete Gesichter erscheinen nach und nach, alleine, oder in Gruppen. Da ist Kia, unser Nesthäkchen, die bis ins hohe Alter herumgereist ist und uns auch heute noch mit ausgefallenen Tee-Ideen versorgt. Den ewigen Kamillentee kann doch kein Schwein – mit Verlaub – mehr sehen!

Ach, und Margaux treibt gerade mal wieder ihren Pfleger zur Verzweiflung, weil sie sich von ihm gar nichts sagen lässt. Ich kann mich noch erinnern, wie überrascht der arme Kerl war, als er erstens erfuhr, dass Margaux sich selbst als submissiv bezeichnet, und wie frustriert, als sie ihm einbläute, dass das nichts mit ihm zu tun hat und niemals haben wird. Kann einem fast leid tun, der Mann.

Und da sind Katherina, Nike und Nora, die sich schon jetzt und wahrscheinlich auch schon den ganzen Morgen austauschen über Welten voller fantastischer Wesen, Vampire und Märchengestalten. Ich weiß, dass die Ärzte ganz verzweifelt sind, weil sie nicht herausfinden, was davon jetzt romantische Auseinandersetzung ist und an was davon die drei wirklich glauben.

Aber ich, ich weiß es. Denn ich kenne sie. Ich kenne sie alle, die vielen Männer und Frauen. Auch die, die heute nicht bei uns sind. Einige, weil sie bei ihren Familien zu Besuch sind oder, die etwas fitteren unter uns, sogar berufliche Termine haben.

Ein günstiger Wind des Schicksals hat uns hier zusammengeführt, herbeigeweht aus allen Teilen der Welt, teils sogar Ländergrenzen überschreitend.

Inzwischen haben wir, die wir heute zur Stunde zusammengekommen sind, einen Kreis gebildet. Frau Hofmann hat sich auch eingefunden und strahlt mit einem Lächeln jeden von uns an, dass es mich alten Mann richtig aufblühen lässt. Dann greift sie zu den Unterlagen, die sie mitgebracht hat.

»Heute lesen wir, wie letzte Woche angekündigt, einige Passagen aus dem Roman sechsuhrsieben von Frau Kalcher. Ist die heute gar nicht da?«

»Nein«, antworte ich. »Mea hat heute im Verlag zu tun, wo sie hin und wieder noch aushilft.«

»Nun gut, dann werden wir eben das nächste Mal mit ihr darüber sprechen, wie es war, als sie den Roman geschrieben hat.«

Dann räuspert Frau Hofmann sich und beginnt, mit ihrer glockenhellen Stimme zu lesen. Ich schließe die Augen, spüre die Sonnenwärme auf meinem Gesicht und erinnere mich an die Zeit, als ich selber noch geschrieben habe. Bevor die Hände nicht mehr wollten, wie ich will.

Aber ich bin im Kreise von Menschen, denen es so geht wie mir, die nie aufgehört haben, das Schreiben und alles, was damit zu tun hat, zu lieben.

Ja, ich kann sagen, ich bin glücklich!

Der Gedanke ließ mich lächeln, auch wenn ich wusste, dass es so eine Gruppe, so eine Zusammenkunft in der Realität niemals geben würde. Dafür sind wir zu sehr verstreut, auch das unterschiedliche Alter spielt eine Rolle. Und überhaupt: Wem gönnt man schon, bei aller Romantik, den Lebensabend in einem solchen Heim? Da soll doch lieber jeder in seinem vertrauten Umfeld und – vor allem – mit den geliebten Menschen alt werden. Ganz individuell, wie er und sie es möchte.

Deswegen schob ich die Vorstellung auch schnell mit einem Grinsen beiseite, nicht jedoch ohne mir zu sagen, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, sie hier aufzuschreiben.

In der Hoffnung, dass meine werten Kolleginnen und Kollegen, sofern sie dies denn lesen, ebenfalls ein wenig grinsen oder doch wenigstens schmunzeln müssen.

Fakt und Fiktion (17) Die Sache mit den Autorenfotos

Nun war es also endlich (?) soweit: Ich hatte meinen Mut zusammengenommen und einen Termin mit dem Fotostudio vereinbart, von dem ich schon seit einiger Zeit einen Wertgutschein hatte, um dort ein oder mehrere brauchbare Autorenbilder schießen zu lassen.

Gut, einige Zeit ist leicht untertrieben. Ich hatte den Gutschein vor beinahe genau einem Jahr gekauft, was sich darin äußerte, dass er am 28.02.2017 seine Gültigkeit verloren hätte. Gegen Ende wurde es fast noch einmal knapp, einen Termin zu finden, an dem sich die Fotos machen ließen, aber mit ein wenig Geduld im Durchsuchen der jeweiligen Kalender wurden wir dann fündig.

Und so konnte ich mich auf den Weg machen um nun vor dem besagten Studio in einem großen Duisburger Einkaufszentrum zu stehen.

Dazu muss ich sagen, dass meine Beziehung zu Fotos von mir nicht unbedingt von Harmonie und Wertschätzung geprägt ist. Ich mag es nicht, fotografiert zu werden. Ich finde mich auch nicht fotogen. Und wenn es nicht Usus wäre, dass ein Autor auch Fotos von sich hat, die er auf seiner Homepage einbinden oder in seinen Romanen verwenden kann, dann hätte ich die Sache auch nicht auf mich genommen.

Aber gut, nun war ich schon einmal hier, da konnte ich den Impuls, einfach wieder nach Hause zu fahren, genauso gut auch wieder unterdrücken.

Als ich das Studio betrat wurde ich begrüßt von – Federn! Überall auf dem Boden flogen Daunenfedern herum, als habe sich gerade eine Horde ausgelassener Menschen eine Kissenschlacht geliefert. Der Verursacher war wahrscheinlich das verliebt dreinglotzende Pärchen, das auf zwei Sesseln saß. Einen Stuhl weiter wurde gerade eine junge Dame auf Business geschminkt und ehe ich es mich noch versah, stand ich auch schon einer ebenfalls jungen Fotografin gegenüber, die mich begrüßte und schnell in ein Gespräch verwickelte.

Was ich denn für Fotos wolle? Ach, das Business-Paket. Wofür ich mich bewerben wolle? Ach, gar nicht, sondern Autorenbilder. Ist das dein erster Roman? Was für eine Art Roman denn? Ist das okay, wenn ich du zu dir sage? Soll das dann ganz seriös werden, oder sollen wir auch lockerere Aufnahmen machen? Nur hier im Studio oder auch draußen?

Was sich hier liest wie ein Feuerüberfall war in der Realität wahrscheinlich das Beste, was mir passieren konnte. Die Fotografin, Celia, ließ mir nämlich keine Zeit, groß darüber nachzudenken, was ich da eigentlich gerade tat: Ich outete mich als Schriftsteller, der gerade dabei ist, seinen ersten Roman zu veröffentlichen und sie überredete mich dazu, den schützenden Rahmen des Studios zu verlassen und im Einkaufszentrum Bilder zu machen.

Also stand ich, kaum drinnen, schon wieder draußen – und vor einem Mörderobjektiv. Schnell hatte Celia sich Gedanken gemacht, was sie sich an Bildern vorstellen konnte. Dabei berücksichtigte sie sowohl meine Größe als auch die Tatsache, dass ich nun einmal so schwarz gekleidet erschienen war, wie ich es für gewöhnlich (lies: immer) trage. Das machte es ihr am Anfang etwas schwer, aber dann lief die Sache.

Ich stellte mich an das Geländer im ersten Stock und die ersten Fotos wurden abgespult. Dabei gab sie mir immer wieder Anregungen und Kommandos, wie ich doch jetzt mal schauen oder mich halten sollte.

Die ganze Zeit über war ich mir bewusst, dass da eine Kamera war, die ich eigentlich ja gar nicht leiden konnte, und es war mir auch bewusst, dass da Menschen um mich herum waren, die wohl oder übel das Shooting sahen und die vor allem auch mich sahen! Einige Male mussten wir kurz Pause machen, um Leute durch zu lassen, aber das Erstaunliche war, dass mir das überhaupt nichts ausmachte!

Ich war von dem ganzen Vorgang, der Professionalität und den klaren Vorstellungen so abgelenkt, dass ich diese Überschreitung aller Grenzen meiner persönlichen Komfortzone zunächst gar nicht wahrnahm.

Nach einiger Zeit wechselten wir wieder nach Innen, wo die meisten Federn inzwischen beseitigt worden waren. Es folgten noch einige Fotos in sitzender Position, die mir aber irgendwie viel zu viel Zeit ließen, mir nun langsam doch meiner Situation wieder bewusst zu werden. Dazu trug auch bei, dass es im Studio allmählich wuselig wurde. Wie ich später erfuhr, war eine der Fotografinnen kurzfristig erkrankt und nun brach der eng gestrickte Terminkalender links und rechts um die Verbliebenen zusammen.

Aber gut, schließlich hatte Celia genug von mir gesehen und machte sich dann daran, an einem der bereitstehenden Macs die Fotos zu sichten. Zu dem Zeitpunkt hatte ich längst wieder das Gefühl, dass ich froh sein konnte, wenn am Ende auch nur ein oder zwei Bilder in der engeren Auswahl blieben – auch wenn die Gute zwischendurch mehrmals wohlwollende Worte wie „genau so“, „super“ oder „klasse!“ gemurmelt hatte.

Irgendwann rief sie mich dann dazu und wir gingen die 80 (in Worten: achtzig!) Fotos durch, die ihrer Meinung nach infrage kamen.

Wisst ihr, wie schwer es ist, sich aus 80 Fotos welche auszusuchen, mit denen man sich wohl fühlt, weil man nicht das Gefühl hat, darauf ein wenig, nun ja, doof auszusehen? Mein Selbstwertgefühl lag vor Erschöpfung irgendwo in der Ecke, zusammengefegt mit den Federn. Aber Celia, offenbar neben ihrem Hauptberuf als Fotografin auch noch nebenberufliche Psychologin, schaffte es, mich soweit aufzubauen, dass ich mich nicht nur auf fünf Bilder festlegte, sondern mir auch das Gefühl zu geben, dass diese Bilder wirklich gut sind. Und dass ich auf ihnen gut aussehe. Ganz autorenmäßig.

Okay, im Nachhinein betrachtet hätte ich nicht alle Bilder mit dieser typischen „Der Autor stützt sein Kinn in die Hand“-Pose nehmen sollen. Aber wenigstens konnte ich das Klischee vermeiden, die doppelte „Pistolenhand“ anzuwenden. Ihr wisst schon: Hand ans Kinn und Finger steil nach oben. Auch wenn Celia die gerne gehabt hätte 😉 .

Und so stand ich, etwas über eine Stunde später, wieder vor der Tür, in meinem Besitz eine CD, auf der die fünf ausgesuchten Bilder hochaufgelöst enthalten sind und vier Fotos in ausgedruckter Form, mit denen ich nun noch schauen kann, was ich damit anfange.

War es eine gute Erfahrung? Auf jeden Fall! Auch wenn es Kraft gekostet und mich ziemlich ermüdet hat (zumal mir diese dumme Erkältung ja immer noch in den Knochen steckt). Aber ich habe jetzt ein paar schöne Bilder, die ich auf meiner Website verwenden kann. Oder auch hier im Blog, zum Beispiel auf meiner „Über mich“-Seite, die ich mal wieder updaten müsste.

Oder ich zeige euch eines davon einfach hier, an dieser Stelle. Als abschreckendes Beispiel, falls ihr es so nennen wollt:

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Falls Interesse besteht, schreibe ich euch gerne die Tage noch einmal etwas ausführlicher über das Studio, in dem ich die Bilder habe machen lassen. Es gehört zur Firmengruppe „Picture People“, die in vielen Städten Filialen unterhält.

Fakt und Fiktion (16) Die Szene verändert sich

Gestern Abend war ich zum ersten Mal seit rund anderthalb Jahren wieder auf einem Konzert. Und jedes Mal stelle ich wieder fest, dass die Szene sich verändert. Was ist das überhaupt, „die Szene“? Nun, früher einmal nannte man sie die Gothic-Szene, aber dieses Korsett ist längst zu eng geworden. Spätestens mit dem Aufkommen des Electro, der zahlreichen Crossover mit dem Heavy Metal, aber auch in sich. Klar, es gibt sie noch, die klassischen Gothic-Bands. Aber es sind nicht mehr viele. Und ja, die Sisters of Mercy touren immer noch auf der Grundlage ihrer paar Alben aus den 80er-Jahren.

Gestern also war ich bei Project Pitchfork in Krefeld. Kaum zu fassen, dass die auch schon ihr 25. Jubiläum feiern. Als Vorbands waren Extize und Reaper geladen. Nun ja, Vorbands im klassischen Sinne sind sie ja nicht, jedenfalls würde jeder, der nicht ein wenig in der Szene bewandert ist, sich darüber wundern, dass hier das Meiste aus der Konserve kommt. Aber so ist Electro eben, in jeder seiner klassischen Stilrichtungen. Und ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, in denen manche Bands, unter anderem die „Pitchies“ dafür verdammt wurden, auf einmal ein echtes Schlagzeug auf der Bühne stehen zu haben …

Die Szene verändert sich und das fällt mir, der ich nur noch hin und wieder Anteil an ihr nehme, vermutlich deutlicher auf als denen, die nach wie vor jede Woche in die Disco, alle drei Wochen auf ein Konzert und alle paar Monate auf ein Festival rennen.

Zunächst einmal werden die Menschen immer älter. Gut, das werde ich auch. Aber einigen sieht man ihr Alter nun deutlich an. Das kann bei einigen zum Fremdschämen sein, aber bei anderen ist es bewundernswert, wie sie sich in ihre neue Rolle gefunden haben. So sollte mir gestern eine Frau auffallen, die ich locker auf Mitte 50 schätzen würde, ganz distinguiert mit einem Glas Weißwein in der linken Hand – und zu den Klängen der Musik auf und ab hüpfend. Einfach toll!

Man kann aber sogar schon vor der Halle sehen, dass die Szene sich verändert hat: Die Autos werden teurer! Wo früher der alte Golf stand oder der Japaner, häufen sich heute geradezu die mitteldicken Audis, die mitteldicken Daimler, die Cabrios. Ich behaupte, dass der Fuhrpark bei Helene Fischer oder Pur nicht viel anders aussehen dürfte.

Und die Fahrer passen sich diesem Bild an. Einige wenige, die Oldtimer der Szene, zeigen noch deutlich, wo sie eigentlich herkommen. Wobei es auch nach wie vor die (meist weiblichen) Experimentierfreudigen gibt. Vor mir war gestern eine junge Frau, die sich halbseitig einen Pferdeschwanz hatte stehen lassen. Die andere Seite war zur Glatze geschoren. Das sah ziemlich gut aus, wenn ich mir auch die Alltagstauglichkeit in unserer Gesellschaft schwer vorstelle.

Die meisten aber sahen so aus, als ob sie sich Dienstag wieder ganz normal an ihren Schreibtisch setzen. So, wie ich es auch täte, wenn ich denn nicht Urlaub hätte. Und ebenfalls wie ich hat mehr als einer einen Wohlstandsbauch.

Lose Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich in der Halle auf den Anfang des Programms warte. Ich bin alleine und habe eine Menge Zeit, zu beobachten und zu denken. Ich halte einige dieser Gedanken in meinem Smartphone fest, um sie nicht zu vergessen:

Während des Konzerts werden sie wieder alle ihre Smartphones zücken. Konserve statt erleben. Selbst ich ertappe mich bei dem Gedanken. Um mich herum das Dröhnen der Gespräche. Seit wann traut man sich, so einer Horde Kaffeebecher aus Porzellan in die Hand zu geben? Kunstnebel flutet die Bühne. Ich mag seinen Anblick gegen die Scheinwerfer. Die Szene lebte immer vom Sehen und gesehen werden. Doch sieht man sich kaum an. Selfies werden geschossen. Seht her, ich war auch hier. Morgen werde ich nicht mehr wissen, welche Songs gespielt wurden, aber darauf kommt es ja auch nicht so an. Ich stolpere über den Gedanken, dass ich einige Personen lieber in einem besseren Licht sehen würde. Wenigstens darf in den Hallen nicht mehr geraucht werden. Nicht alle Veränderungen sind schlecht.

Nun, am Ende des Tages waren es weniger Smartphones als gedacht. Aber richtig erlebt haben viele das Konzert scheinbar auch nicht. Die Stimmung war zwar nicht schlecht, aber doch irgendwie zurückhaltend. Wobei Pitchfork auch nicht viel getan haben, um das Eis zu brechen. Sänger Peter Spilles taute erst zum zweiten Zugabenblock ein wenig auf und hatte vorher einen gefühlten Aktionsradius von einem Quadratmeter. Aber der Sound war gut, sehr druckvoll, wofür alleine schon die zwei (!) Schlagzeuge auf der Bühne sorgten.

Einige unterhielten sich ungeniert während des Konzertes weiter. Getanzt wurde wenig. Mitgeklatscht auch nicht viel mehr. Ich sage es ja: Die Szene verändert sich. Oder ist es nur die im Westen Deutschlands? Eine Frage, die passend ist für den Tag der Deutschen Einheit. Viele Bands bereisen lieber den Osten, weil dort, selbst nach jetzt 26 Jahren Wiedervereinigung, viele Menschen immer noch so feiern, als sei es ihnen bis gestern verboten gewesen.

Einige Beobachtungen kommen noch hinzu. Zum Beispiel die, dass einige sich nicht an das Rauchverbot halten. Es sind immer die gleichen: Schränke im Format 2×2 Meter, die ungefähr vier Meter vor der Bühne wie ein Wellenbrecher stehen, sich nicht bewegen, es sei denn, dass sie das Bier leeren, das sie sich im Akkord von der Theke besorgen. Dass sie dafür einmal quer durch die Menge müssen, die sich vor ihnen wie das Rote Meer teilt, stört sie natürlich wenig.

Und dann war da noch die junge Frau, die lauthals von sich gab, dass (bei einem Lied aus dem Jahr 1995) jetzt endlich gute Musik gespielt würde. Bei Erscheinen der Platte dürfte sie schätzungsweise sieben, höchstens zehn Jahre alt gewesen sein.

Die Szene wird älter. Ich werde älter. Früher einmal galt sie als besonders tolerant. Dass sie das nicht ist, habe ich schon vor vielen Jahren geahnt. Heute muss ich mich nur umschauen um zu bemerken, dass sich daran nicht viel geändert hat.

Verändert sich die Szene also wirklich?


Eine neutrale Nachbemerkung: Auch wenn es im Artikel anders klingt, habe ich dem Prinzip nach nichts gegen Raucher. Aber einige Hundert davon in einer sowieso schon beengten und ohne nennenswerte Luftzufuhr befindlichen Halle, da hört meine Toleranz leider auf. Ich bitte, das zu entschuldigen.


Eine musikalische Nachbemerkung:

Hier habt ihr ein Klangbeispiel von Extize, der ersten Vorgruppe. Der Auftritt war … gewöhnungsbedürftig. Man beachte den Sänger mit den Bullenhörnern auf dem Kopf:

Zweite „Vorband“ war Reaper, das DJ-Projekt von Vasi Vallis, der in dieser Form auch auf der Mayday auftreten könnte. Trotzdem werde ich mir das aktuelle Album, von dem ihr hier eine Vorschau hört, wohl zulegen:

Und dann noch der Hauptact, von dem es zwar gestern schon ein Video gab, von dem ich euch aber mein Lieblingslied nicht vorenthalten möchte. Ignoriert einfach die polnischen Lyrics:

Habt noch einen schönen Feiertag!

 

Fakt und Fiktion (15) Der Sturz

Disclaimer: Unter dem Label ‘Fakt und Fiktion’ veröffentliche ich kleine Episoden aus meinem Leben (Fakten), die in eine etwas ausgeschmückte (Fiktion) Form gepresst sind. Der Kern der Geschichten ist allerdings ein wahrer!


Irgendjemand hätte mich warnen sollen. Davon bin ich inzwischen überzeugt. Ob es einer der Kursleiter hätte tun sollen oder doch – das glaube ich eher – ich selbst, das spielt im Nachhinein betrachtet keine Rolle mehr. Die Sache ist passiert, ich bin noch bei Gesundheit und außer einem leichten Sachschaden sind auch keine Auswirkungen entstanden. Okay, ein wenig angeknackster Stolz, aber das gehört dazu.

Und trotzdem: Als die Kursleiter fragten, wer es sich schon zutraut, den runden Kilometer zwischen dem Schulhof, auf dem wir geübt hatten, und dem Treffpunkt auf dem Rad zurückzulegen, da hätte ich vielleicht besser geschwiegen. Es wäre keine Schande gewesen, andere „Schüler“ sind auch gelaufen.

Ich aber sagte: »Ich probiere es, absteigen kann ich ja immer noch.«

Bin ich dann ja auch – wenn auch nicht so, wie ich es mir gedacht hatte.

Vor meinem geistigen Auge kann ich mich selber sehen, wie ich am Straßenrand stehe, den Hintern auf ein eigentlich für mich ein wenig zu niedrig eingestelltes Fahrrad gebettet. Die Lenkerstange und die Sattelstange sind nicht lang genug, meint der Kursleiter. Und dass ich mich schon mal darauf einstellen kann, dass ein Fahrrad, mit dem ich gut zurecht komme, einen Preis kosten wird, mit dem ich erst einmal zurecht kommen muss.

Fahrrad – wieso eigentlich ein Fahrrad? Und das jetzt, mit 41 Jahren? Weil ich es als Kind nie gelernt habe, wie man mit so einem Ding fährt. Damals hieß es seitens diverser Quacksalber Ärzte, dass Asthmatiker nicht radfahren sollten. Danke nochmal dafür. Und jetzt, wo ich Familie habe, finden meine Kinder schon, dass ich es sollte. Und was tut man nicht alles für seine Kinder!?

Nein, halt, ich tue es auch für mich. Schließlich habe ich es vor fünf Jahren schon einmal versucht, es zu lernen, und bin daran gescheitert. Scheitern ist eine Sache, die ich zwar immer gut antizipieren, aber nur schlecht aushalten kann. Deswegen wage ich diesen einen, den letzten Versuch.

Ich stehe also am Straßenrand, atme noch einmal tief durch und warte darauf, dass der Verkehr ruhig genug ist, dass ich unfallfrei auf die andere Straßenseite und den mit einer Linie abgetrennten Radstreifen fahren kann. Noch vor vierundzwanzig Stunden habe ich keinerlei Erfahrung mit Pedalen gehabt. Und jetzt stehe ich davor, in den Straßenverkehr zu gehen.

Alles mache ich so, wie man es mir beigebracht hat: Gerade Körperhaltung, Bremsen angezogen, rechtes Pedal auf „zehn nach zwölf“-Stellung. Umsehen, Bremse lösen, ein kräftiger Tritt auf das rechte Pedal, linken Fuß nachziehen – ich fahre!

Ein wenig Schwierigkeiten bereitet mir das Thema Gleichgewicht. Damit habe ich manchmal schon im Laufen Probleme. Eine Folge der Medikamente, die ich nehmen muss. Auch das ist nicht wirklich eine gute Voraussetzung für das Fahrradfahren, hat mich aber auf dem Schulhof nicht so sehr behindert. Jetzt, auf dem schmalen Streifen, der für „uns“ Radfahrer vorgesehen ist, sieht das schon ein bisschen anders aus.

Ich merke, wie ich ein wenig schlingere. Das ist nicht weiter schlimm, sage ich mir, solange ich innerhalb des begrenzten Bereichs bleibe. Aber was ich mir sage und was mein Körper daraus macht, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Mein Körper ist der Ansicht, dass dies der perfekte Moment ist, den Adrenalinausstoß noch einmal so richtig hochzufahren.

Wenig förderlich ist, dass ich zum ersten Mal die Erfahrung mache, dass ein Auto hinter mir ist. Und der Fahrer überholt und überholt mich nicht, fährt aber, wie ich bei einem schnellen Blick nach hinten feststelle, fast an meinem Hinterrad. Gerne würde ich meine Hand vom Lenker nehmen und ihn vorbeiwinken, aber das traue ich mich noch nicht. Irgendwann wird es ihm von alleine zu dumm und er zieht an mir vorbei. Ich merke, wie ich ins Schwitzen gerate.

Zu diesem Zeitpunkt kann ich die anderen Radfahrer aus meiner Gruppe schon nicht mehr sehen. Ich bin zu langsam für sie, aber zu schnell für die andere Gruppe, die sich zum Laufen entschlossen hatte. Ich bin alleine auf weiter Flur. Ein komisches, ein irritierendes Gefühl, das Angst macht.

Und Angst ist ein denkbar schlechter Begleiter auf den ersten Kilometern, die man mit einem Fahrrad zurücklegt.

Spätestens hier hätte ich absteigen sollen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst gewesen wäre, dann hätte ich es gewusst. Aber ich wollte nicht ehrlich sein, ich wollte etwas erzwingen. Wann ist das letzte Mal etwas gut gegangen, das erzwungen werden musste? Gestern war jedenfalls kein solcher Tag.

Das Drama nimmt seinen Anfang mit einem sanften Gefälle. Ich werde schneller und merke, dass ich die Kontrolle über die Pedale verliere. Das heißt, dass meine Füße zwar fest darauf bleiben, aber ich quasi „Luft“ trete. Das verstärkt meine Unsicherheit und ich merke, wie ich zu wackeln anfange. Rechts ist ein weißer Kastenwagen geparkt, den ich auf keinen Fall anrempeln will. Also leichte Gewichtsverlagerung nach links.

Das Fahrrad und/oder mein Körper haben das Wort „leicht“ überhört und ich mache einen Schlenker nach links, der mich gefährlich nah an den Rand des Fahrradstreifens führt. Gleichzeitig höre ich, wie sich von hinten ein Wagen nähert.

In diesem Moment ist alles weg, was ich über das kontrollierte Bremsen und Anhalten gelernt habe. Ich reiße den Lenker nach rechts, was überhaupt nichts bringt, außer, dass das Fahrrad noch unkontrollierter einfach nach links, auf die Fahrbahn, ausbricht.

Mit einem lauten Aufschrei versuche ich erst jetzt, viel zu spät, zu bremsen, betätige, glaube ich, sowohl die Vorder- als auch die Hinterradbremse. Das Rad strauchelt und zusammen stürzen wir auf den harten Asphalt. Rad und ich liegen jeweils zur Hälfte auf dem Radstreifen und auf der Fahrbahn. Meine Brille hat es beim Aufprall mittig auf die Straße geschleudert.

In heller Panik versuche ich danach zu greifen, sehe schon das näherkommende Auto – es ist anthrazit, das kann ich aus meiner Perspektive als einziges erkennen – und erwische gerade noch die Brille.

Der Fahrer des Wagens ist allerdings schon lange in den Gegenverkehr ausgewichen, der in diesem Moment zum Glück nicht stattfindet. Anhalten tut er nicht. Auch die gerade vorbeigehende Frau fragt mich nicht, wie es mir geht.

Mir geht es bescheiden. Zwar scheint nichts verletzt zu sein und später stelle ich auch fest, dass ich außer ein paar Schrammen, blauen Flecken und aufgescheuerten Hautpartien keine körperlichen Schäden davongetragen habe, aber in meinem Kopf gähnt ein Abgrund. Und in diesen scheine ich zu fallen und zu fallen. Der Abgrund sagt: »Das kommt davon« und »Das hätte es gewesen sein können«.

Den Rest des Weges rolle ich das Rad. Es bleibt mir auch nichts übrig, denn das Vorderrad hat etwas abbekommen. Egal, sagt mir der Kursleiter hinterher, der ziemlich besorgt ist. Vielleicht stellt er sich die gleiche Frage wie ich auch, nämlich die, ob er mich hätte vor mir selbst schützen müssen. Auf jeden Fall fände er es gut, wenn ich nächstes Wochenende, zum zweiten Teil des Kurses, wiederkommen würde.

Als ich nach Hause fahre, kommt der Schock. Ich sitze im Wagen und merke, wie die ersten Tränen kommen. Später, zu Hause, kommen noch einige mehr dazu. Aber ich nehme auch die Freude und den Stolz meiner Frau entgegen, die sich ganz begeistert zeigt, dass ich nicht nur auf dem Rad gefahren, sondern auch so mutig gewesen bin, in den Straßenverkehr zu gehen.

So kann man es allerdings auch sehen. Vielleicht sollte man es so sehen.

Ich werde jedenfalls nächstes Wochenende wieder hingehen, das habe ich mir geschworen. Selbst wenn ich niemals ein guter Radler im Stadtverkehr werden sollte, so kann doch immer noch ein passabler Ausflugs-, Feld-, Wald- und Wiesenfahrer aus mir werden.

In meinen Träumen der Nacht sitze ich wieder auf dem Fahrrad. Und lasse mir den Wind um die Nase wehen. Bis zum Aufstehen, wo mir alle meine Knochen weh tun werden, ist der Sturz weit weg. Und ich hoffe, dass er es in fünf Tagen auch wieder sein wird, wenn es heißt: »Aufsitzen und losradeln!«

Fakt und Fiktion (14) Kürzlich gekürzt auf kurz

Disclaimer: Unter dem Label ‘Fakt und Fiktion’ veröffentliche ich kleine Episoden aus meinem Leben (Fakten), die in eine etwas ausgeschmückte (Fiktion) Form gepresst sind. Der Kern der Geschichten ist allerdings ein wahrer!


In dieser Woche habe ich eine Kurzgeschichte geschrieben und auch direkt hier veröffentlicht. Wie es in letzter Zeit bei dieser Sorte Projekt meistens der Fall ist, musste ich auch hier eine gewisse Beschränkung einhalten, was die Wort- oder Zeichenzahl anbelangte. Im Fall von „Der Kinobesuch der alten Dame“ waren es maximal 1.700 Wörter, die ich schreiben durfte. Keine Frage, dass ich diese Hürde im ersten Anlauf mal wieder um über 600 Wörter gerissen habe.

Hier lest ihr, was daraufhin in meinem Kopf passiert ist.

*

Tippgeräusche, abwechselnd im Stakkato und im langsamen Fluss.

Der Autor (murmelnd): …betraten wir den Kinosaal, der, obwohl der größte, sicherlich mehrfach in das kleinste Multiplexkino hineingepasst hätte.

Papyrus (spricht im Kopf des Autors): Achtung! Sie haben soeben mehr als 1.700 Worte geschrieben. Bitte beenden Sie Ihre Arbeit, speichern Sie ab und senden sie das Projekt ein.

Autor: … hineingepasst hätte …

Papyrus: Warnung! Sie sind dabei, deutlich mehr als 1.700 Wörter zu schreiben! Dies ist ein Verstoß gegen die Teilnahmebedingungen, der sicherlich mit dem Ausschluss Ihrer Geschichte gestraft werden wird.

Autor: Jetzt stell‘ dich nicht so an! Es sind doch erst knappe vierzig Wörter mehr!

Papyrus: Verzeihen Sie bitte, aber Ihre „knappen vierzig Wörter“ kenne ich! Am Ende werden da dann doch wieder vierhundert draus!

Autor: Ich pass schon auf. Kannst du mir glauben! Ich habe gar keine Zeit, mich wieder lang und breit mit der Überarbeitung aufzuhalten.

Papyrus: Was Sie ja noch nie von irgendwas abgehalten hätte.

Die Inspiration: Entschuldigung!? Könnten wir dann bitte an der Stelle weitermachen, wo …

Papyrus: Du sei still! Schließlich bist du Schuld an der ganzen Misere!

Autor: Also, als Misere würde ich das jetzt ja noch nicht bezeichnen.

Inspiration: Das muss ich mir nicht bieten lassen! Ohne mich wärt ihr beide gar nicht hier!

Papyrus: Oho, da muckt jemand auf!

Inspiration: Schreibknecht!

Papyrus: Phantast!

Inspiration: Ich achte einfach nicht mehr auf dich. Also, Autor, die beiden betraten das Kino, und …

Autor: Weißt du, so ganz Unrecht hat Papyrus vielleicht nicht. Alles, was wir jetzt schreiben, müssen wir sowieso irgendwie wieder wegkürzen.

Papyrus: Ein Wunder! Einsicht!

Autor & Inspiration: Schnauze!

Inspiration: Einigen wir uns darauf, dass ganz am Ende 1.700 Wörter da stehen müssen. Aber jetzt gerade ist die Geschichte doch noch nicht am Ende! Und wenn wir sie jetzt nur wegen der Wortzahl abbrechen, dann taugt sie hinten und vorne nichts.

Papyrus: Vielleicht sollte man sich das nächste Mal doch vorher fünf Minuten lang hinsetzen und darüber nachdenken, was man jetzt eigentlich genau schreiben will, hm?

Autor: Wenn du jetzt nicht gleich still bist, dann schreibe ich ab sofort doch wieder in Word weiter! Dann kannst du sehen, wo du bleibst!

Papyrus: …

Inspiration: Also, was meinst du zu meinem Vorschlag?

Autor: Du musst das wissen. Ist das nicht irgendwie belastend, sich erst einiges an Inhalt auszudenken und bei einigen Sätzen schon vorher zu wissen, dass sie es nicht in die endgültige Fassung schaffen werden?

Schlechtes Gewissen: Ist das nicht irgendwie belastend, sich erst die ganzen Süßigkeiten reinzuschaufeln und dabei schon vorher zu wissen, dass die Waage alles andere als freundlich darauf reagieren wird?

Autor: Wo kam das denn jetzt auf einmal her?

Papyrus: Ich hab nichts gemacht!

Autor: Papyrus!?

Papyrus: Dumm, di dumm …

Inspiration: Ich glaube, ich gehe dann mal Pause machen. Wenn ihr fertig damit seid, herumzublödeln, dann könnt ihr mir ja Bescheid sagen.

*

Ja, manche Tage sind so. Zum Glück nicht alle Tage, denn ansonsten würdet ihr wahrscheinlich niemals etwas zu lesen bekommen auf diesen Seiten. Wie ihr wisst, hat sich am Ende die Inspiration durchgesetzt und dafür gesorgt, dass meine Geschichte geschrieben, danach gekürzt und schließlich veröffentlicht wurde.

Nur die Sache mit dem schlechten Gewissen, die muss ich noch unter genauerer Beobachtung halten …

Fakt und Fiktion (13) Ja, ich schreibe – guck nicht so!

Disclaimer: Unter dem Label ‘Fakt und Fiktion’ veröffentliche ich kleine Episoden aus meinem Leben (Fakten), die in eine etwas ausgeschmückte (Fiktion) Form gepresst sind. Der Kern der Geschichten ist allerdings ein wahrer!


Kennt ihr das ungute Gefühl, wenn ihr beobachtet werdet? Wenn ihr irgendwo sitzt und ein Schauer über eure Haut läuft, ausgehend von den Unterarmen und durchgehend bis auf den Oberkörper – wenn sich Haare aufstellen, die ihr ansonsten kaum jemals bemerkt und wenn ihr spürt, wie fremde Augen sich auf euch richten und euch beurteilen?

Nein?

Dann seid ihr entweder um ein vielfaches ruhiger und gelassener als ich, oder ihr habt nie zuvor versucht, einen Autoren- oder Schreibratgeber im öffentlichen Nahverkehr zu lesen.

Meine Erfahrungen auf diesem Gebiet reichen jetzt schon ungefähr sechzehn Jahre in die Vergangenheit. Damals hatte ich meinen ersten Schreibratgeber, „Über das Schreiben“ von Sol Stein, aus dem Katalog von Zweitausendeins bestellt. Generell war dieser Katalog, das sogenannte Merkheft, damals beinahe die einzige Bezugsquelle, um an Sekundärliteratur zum Schreiben zu kommen. Wir hatten ja nichts!

Aber als ich dann endlich was hatte, wollte ich das gute Stück natürlich auch schnell lesen. Ich erhoffte mir davon, neue Erkenntnisse zu gewinnen, wie ich mein Schreiben verbessern könnte – und muss gestehen, dass Stein mich nicht mitnehmen konnte. Vielleicht ist es seine amerikanische Sicht der Dinge (bei mir haben auch die „Wie du einen verdammt guten Roman schreibst“-Bände nicht sonderlich gut funktioniert).

Jedenfalls nahm ich meinerseits Sol Stein mit, nämlich in den Bus, mit dem ich damals fuhr. Da auf der Teilstrecke, die ich zu fahren hatte, ganze drei Linien konkurrierten, konnte ich mir meistens einen Bus aussuchen, in dem nicht so viel Betrieb und noch ein Sitzplatz zu ergattern war. Das war fürs Lesen natürlich angenehm.

Weniger angenehm war, dass irgendwann die oben beschriebenen Gefühle und Sinneswahrnehmungen aufkamen.

Ich leide nicht unter Verfolgungswahn, aber nur, weil man paranoid heißt, bedeutet das ja nicht, dass man nicht beobachtet wird. Und ich wurde beobachtet, das merkte ich deutlich! Die erste Zeit versuchte ich, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen. Sollte man mich doch ansehen, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wieso eigentlich. Für so schön hielt ich mich damals schon nicht, dass ich das als verstecktes Kompliment aufgefasst hätte. Zumal ich einerseits glücklich liiert war und darüber hinaus andererseits kein weibliches Wesen sah, dem ich auch nur die geringste Möglichkeit eingeräumt hätte, daran etwas zu ändern.

Und dann fing ich einen Blick auf und wusste, was passierte. Da schaute man gar nicht mich an, sondern der ältere Herr (der vielleicht so alt war, wie ich es heute bin *seufz*) starrte vielmehr auf den hellblauen Einband des Buches, auf dem in dunkelblau der Titel stand.

solstein

Das war meine erste Begegnung damit, dass jemand mich anschaute und sich wahrscheinlich fragte, was ich mir eigentlich einbilde, so ein Buch zu lesen, das durch seine ganze Erscheinung auch noch eine Gravitas ausstrahlte, als wäre es eher für die Mitglieder eines Geheimzirkels für gutes Schreiben gedacht, als für einen gerade einmal fünfundzwanzig Jahre alten Typen, der es noch dazu im Bus – im Bus! – las.

Damals hat mich das ganz schön beeindruckt, wie ich zugeben muss. Jedenfalls so sehr, dass ich danach einige Jahre keinen Schreibratgeber mehr mit in den Nahverkehr nahm.

Um die Geschichte abzukürzen: ich machte ähnliche Erfahrungen in den Jahren danach. Egal, ob es sich um das „Handbuch für Autoren“ handelte, oder um „Vier Seiten für ein Halleluja“. Gut, als ich mich durch „Erotik schreiben“ kämpfte, konnte ich die Blicke irgendwie nachvollziehen ;-).

Inzwischen sind wir viele Jahre weiter und ich habe das Gefühl, dass sich nicht nur bei mir, sondern dass sich in der Gesellschaft etwas verändert hat. Man wird nicht mehr so taxiert, wenn man zu erkennen gibt, dass man ein Autor ist. Man wird nicht mehr angestarrt – jedenfalls wurde ich das schon lange nicht mehr, wenn ich einmal mit „Drei Seiten für ein Exposé“ oder anderen Büchern unterwegs war.

Einen weiteren Hinweis darauf gibt die Tatsache, dass man inzwischen Zeitschriften wie die Federwelt, mit ihrem Claim „Zeitschrift für Autorinnen und Autoren“ im Bahnhofsbuchhandel erwerben kann. Der Autor ist in der Gesellschaft angekommen und nicht mehr Teil eines elitären Zirkels.

Ich habe daheim noch die aktuelle Auflage des „Handbuch für Autoren“ stehen – größtenteils ungelesen. Noch vor einem Jahr konnte ich mir anhand meiner früheren Erfahrungen nicht vorstellen, es wirklich von vorne bis hinten durchzulesen. Nun, das hat sich jetzt geändert.

Und wenn tatsächlich noch mal jemand starren sollte, würde ich ihm antworten:

„Ja, ich schreibe – guck nicht so!“

Mich würde interessieren, ob ihr ähnliche Erfahrungen gemacht habt – sei es, dass ihr beobachtet und abgeschätzt wurdet, oder dass die Umwelt inzwischen gelassener mit uns, euch, den Autorinnen und Autoren umgeht.

Oder war das am Ende doch nur meine ganz persönliche Paranoia!?